Und das Kästchen verlor er aus der Tasche, als er hinter der Tür stand, und er bemerkte nicht, daß er es verlor, weil er an etwas anderes dachte. Das Kästchen beweist schlüssig, daß er dort stand. Das wäre alles!«
»Schlau; sehr schlau! Nein, mein Lieber, das ist zu schlau ausgedacht!«
»Aber warum denn? warum nur?«
»Weil da alles viel zu gut ineinanderpaßt und ... kon-struiert ist ... Genau wie im Theater.«
»Ach du!« rief Rasumichin; doch in diesem Augenblick öff-nete sich die Tür, und ein neuer Besucher trat ein, den keiner der Anwesenden kannte.
Es war ein Herr gesetzten Alters, würdevoll und pedan-tisch aussehend, stattlich und mit einem argwöhnischen, miß-mutigen Gesicht, und er führte sich damit ein, daß er in der Tür stehenblieb und mit beleidigend unverhohlenem Staunen um sich blickte, als wollte er fragen: Wohin bin ich denn da geraten!? Mißtrauisch, wobei er sogar einen gewissen Schrecken zum Ausdruck brachte, ja, sogar aussah, als hätte man ihn beleidigt, musterte er die enge, niedere »Kajüte« Raskolni-kows. Mit dem gleichen Erstaunen wandte er dann den Blick auf Raskolnikow selbst und starrte ihn an, wie der Kranke da entkleidet, zerzaust und ungewaschen auf seinem elenden schmutzigen Diwan lag und ihn ebenfalls unbeweglich mu-sterte. Schließlich betrachtete er mit dem gleichen Zögern die Gestalt des zerlumpten, unrasierten, ungekämmten Rasumi-chin, der ihm seinerseits dreist fragend gerade in die Augen sah, ohne sich von der Stelle zu rühren. Das spannungsgela-dene Schweigen hielt etwa eine Minute an, und endlich vollzog sich, wie das ja auch zu erwarten war, ein kleiner Dekorations-wechsel. Der Herr, der eben hereingekommen war, hatte offenbar an einigen, übrigens recht auffälligen Anzeichen er-kannt, daß er hier, in dieser »Kajüte«, mit übertrieben stren-ger Haltung nichts ausrichten könne, und so wurde er etwas
umgänglicher und wandte sich höflich, obgleich noch immer nicht ohne Strenge, an Sosimow, indem er jede Silbe seiner Frage deutlich akzentuierte: »Rodion Romanytsch Raskolni-kow, Student oder ehemaliger Student?«
Sosimow rührte sich langsam und hätte vielleicht auch ge-antwortet, wenn ihm nicht Rasumichin, an den die Frage gar nicht gerichtet war, sofort zuvorgekommen wäre.
»Dort liegt er auf dem Diwan! Was wollen Sie denn?«
Dieses familiäre: »Was wollen Sie denn?« traf den pedan-tischen Herrn wie ein Schlag; er drehte sich sogar schon ein wenig zu Rasumichin um, konnte sich aber doch noch recht-zeitig beherrschen und richtete gleich darauf den Blick aber-mals auf Sosimow.
»Das da ist Raskolnikow!« murmelte Sosimow, indem er zu dem Kranken hinnickte; darauf gähnte er, wobei er den Mund ungewöhnlich weit aufriß und ungewöhnlich lange offenhielt, und zuletzt griff er langsam in die Westentasche, zog eine riesige, gewölbte, unförmige goldene Uhr, öffnete sie, sah darauf und steckte sie ebenso langsam und träge wie-der ein.
Raskolnikow selbst lag indes schweigend auf dem Rücken und starrte den Eingetretenen hartnäckig, doch ohne irgend-einen Gedanken an. Sein Gesicht, das er von der interessan-ten Blume auf der Tapete abgewandt hatte, war außer-ordentlich blaß und drückte tiefes Leid aus, als hätte er eben eine schmerzhafte Operation überstanden oder als wäre er ge-rade gefoltert worden. Doch der Neuankömmling erweckte in ihm allmählich immer größere Aufmerksamkeit, dann Zweifel, schließlich Mißtrauen und zuletzt sogar eine Art Angst. Als Sosimow sagte: »Das da ist Raskolnikow!« und dabei auf ihn zeigte, erhob er sich rasch ein wenig, als wollte er aufspringen, setzte sich auf dem Diwan zurecht und sprach in fast herausforderndem Ton, aber mit stockender, matter Stimme: »Ja! Ich bin Raskolnikow! Was wünschen Sie?«
Der Besucher sah ihn aufmerksam an und sagte gewichtig: »Pjotr Petrowitsch Luschin. Ich hege die volle Zuversicht, daß Ihnen mein Name nicht mehr ganz unbekannt ist.«
Raskolnikow, der etwas ganz anderes erwartet hatte, sah
ihn stumpf und grübelnd an und antwortete nichts, als hörte er den Namen Pjotr Petrowitschs das erstemal.
»Wie? Haben Sie wirklich bis jetzt noch nichts über mich gehört, mein Herr?« fragte Pjotr Petrowitsch einigermaßen gekränkt.
Statt einer Antwort ließ sich Raskolnikow langsam wieder auf das Kissen sinken, verschränkte die Hände unter dem Kopf und starrte die Zimmerdecke an. Luschins Antlitz ver-riet Unruhe. Sosimow und Rasumichin begannen ihn nun mit noch größerer Neugier zu betrachten, bis er zum Schluß offenbar verwirrt war.
»Ich nahm an ... rechnete fest damit«, stammelte er, »daß ein Brief, der schon vor mehr als zehn Tagen, ja, beinahe vor zwei Wochen an Sie abging ...«
»Hören Sie, was stehen Sie denn die ganze Zeit bei der Tür?« unterbrach ihn Rasumichin plötzlich. »Wenn Sie etwas zu sagen haben, so setzen Sie sich; denn für euch beide – für Sie und Nastasja – ist dort zuwenig Platz. Nastasjuschka, tritt zur Seite und laß ihn durch! Kommen Sie nur, hierher, da haben Sie einen Stuhl! Quetschen Sie sich durch!«
Er schob seinen Stuhl vom Tisch zurück, wodurch er zwi-schen seinen Knien und dem Tisch ein bißchen Platz frei-machte, und wartete eine Weile in dieser unbequemen Hal-tung, damit sich der Besucher durch diesen schmalen Zugang »quetsche«. Der Augenblick war so gewählt, daß es unmög-lich gewesen wäre, nein zu sagen, und der Fremde zwängte sich also eilig und überall anstoßend durch den schmalen Zwischenraum. Als er bei dem Stuhl angelangt war, setzte er sich und sah Rasumichin böse an.
»Sie brauchen nicht verlegen zu sein«, schwatzte dieser wei-ter. »Rodja ist schon den vierten Tag krank; drei Tage lang hat er phantasiert, doch jetzt ist er wieder zu sich gekommen und hat sogar mit Appetit gegessen. Dort sitzt sein Arzt; der hat ihn eben untersucht, und ich bin Rodkas Kamerad, eben-falls ehemaliger Student; ich pflege ihn jetzt; Sie brauchen also auf uns gar nicht zu achten und brauchen keine Scheu vor uns zu haben, sondern können ruhig sagen, was Sie wünschen.«
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»Ich danke Ihnen. Werde ich aber den Kranken durch meine Anwesenheit und mein Reden auch nicht stören?« wandte sich Pjotr Petrowitsch an Sosimow.
»N-nein«, murmelte Sosimow, »Sie könnten ihn sogar da-durch ablenken.« Und er gähnte wieder.
»Oh, er ist schon lange bei Bewußtsein, seit heute morgen«, sprach Rasumichin sofort weiter, dessen Vertraulichkeit so ungekünstelt und schlicht wirkte, daß Pjotr Petrowitsch all-mählich wieder Mut faßte, vielleicht zum Teil auch deshalb, weil dieser zerlumpte, dreiste Kerl sich als Student vorge-stellt hatte.
»Ihre Frau Mama ...« begann Luschin.
»Hm!« machte Rasumichin laut.
Luschin sah ihn fragend an.
»Es ist nichts; das fuhr mir nur so heraus; sprechen Sie weiter ...«
Luschin zuckte die Achseln.
»Ihre Frau Mama hat, als ich noch dort war, einen Brief an Sie zu schreiben begonnen. Nach meiner Ankunft in Petersburg ließ ich absichtlich einige Tage verstreichen, ehe ich Sie aufsuchte, weil ich völlig davon überzeugt sein wollte, daß Sie über alles bereits unterrichtet wären; jetzt aber sehe ich zu meinem Staunen ...«
»Ich weiß, ich weiß!« stieß Raskolnikow plötzlich mit dem Ausdruck höchst ungeduldigen Ärgers hervor. »Sie sind das also? der Bräutigam? Nun, ich weiß! ... Schluß damit ...«
Pjotr Petrowitsch war entschieden beleidigt, sagte aber nichts. Krampfhaft dachte er darüber nach, was das alles zu bedeuten habe. Ungefähr eine Minute schwiegen alle.