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»Es hat viele wirtschaftliche Umwälzungen gegeben ...« entgegnete Sosimow.

»Womit man das erklären soll?« griff Rasumichin Pjotr Petrowitschs Worte auf. »Man könnte es vielleicht mit allzu stark eingewurzelter Untüchtigkeit erklären.«

»Wie meinen Sie das, bitte?«

»Was hat dieser Professor in Moskau auf die Frage, war-um er Wertpapiere gefälscht habe, geantwortet? ,Alle be-reichern sich auf die verschiedenste Art und Weise, und so wollte auch ich möglichst rasch reich werden!' Ich entsinne mich nicht genau des Wortlautes, aber der Sinn war der, daß er sich möglichst rasch und mühelos auf fremde Kosten be-reichern wollte! Die Leute sind gewohnt, aus dem vollen zu leben, alles fertig vorgesetzt zu bekommen, Vorgekautes zu essen. Nun, und wenn dann die große Stunde geschlagen hat, trachtet jeder, an sich zu reißen, was ihm vor Augen kommt ...«

»Aber die Moral? Die Grundsätze sozusagen? ...«

»Warum zerbrechen Sie sich darüber den Kopf?« mischte sich Raskolnikow unerwartet ein. »Das entspricht doch Ihrer eigenen Theorie!«

»Wieso meiner Theorie?«

»Denken Sie das, was Sie vorhin gepredigt haben, bis in die letzten Konsequenzen durch, und das Ergebnis ist, daß man Menschen abschlachten darf ...«

»Aber ich bitte Sie!« rief Luschin.

»Nein, so ist es nicht!« widersprach auch Sosimow.

Raskolnikow lag blaß da; seine Oberlippe zitterte, und er atmete mühsam.

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»Alles hat seine Grenzen!« fuhr Luschin hochmütig fort. »Die ökonomische Idee ist noch lange keine Aufforderung zum Mord, und wenn man nur annimmt ...«

»Ist es aber wahr«, unterbrach ihn Raskolnikow von neuem, und seine Stimme, in der eine seltsame Freude, den anderen zu beleidigen, mitschwang, zitterte vor Wut, »ist es wahr, daß Sie Ihrer Braut ... in derselben Stunde, in der Sie ihr Jawort erhielten, sagten, Sie freuten sich vor allem darüber ... daß sie bettelarm sei ... weil Sie es für vorteilhafter hielten, eine arme Frau zu nehmen, damit Sie dann die Macht über sie hätten ... und ihr vorwerfen könnten, sie empfange Wohl-taten von Ihnen? ...«

»Geehrter Herr!« schrie Luschin zornig und gereizt; er er-eiferte sich und wurde verwirrt, »geehrter Herr ... wie kann man einen Gedanken so entstellen! Entschuldigen Sie, aber ich muß Ihnen offen sagen, daß die Gerüchte, die zu Ihnen gedrungen sind, oder besser gesagt: die man Ihnen zugetragen hat, auch jedes Schattens einer realen Grundlage entbehren; und ich ... ich ahne schon, wer das war ... Mit einem Wort ... dieser Stich ... mit einem Wort, Ihre Frau Mama ... Sie schien mir ohnedies, ungeachtet all ihrer im übrigen vortreff-lichen Eigenschaften, von ein wenig exaltierter und roman-tischer Gemütsart zu sein ... Trotzdem jedoch war ich Tau-sende von Meilen von der Vermutung entfernt, sie könnte imstande sein, die Sache in so phantastisch verzerrter Form aufzufassen und wiederzugeben ... Und schließlich ... schließlich ...«

»Wissen Sie was?« schrie Raskolnikow, indem er sich von seinem Kissen aufrichtete und Luschin mit einem durchdrin-genden, funkelnden Blick anstarrte, »wissen Sie was?«

»Nun?« Luschin blieb stehen und wartete mit beleidigter, herausfordernder Miene. Einige Sekunden herrschte eisiges Schweigen.

»Folgendes: wenn Sie sich noch einmal ... unterstehen, auch nur ein einziges Wort ... über meine Mutter zu sagen ... werfe ich Sie die Treppe hinunter.«

»Was ist mit dir?« rief Rasumichin.

»Aha, so steht es also?« Luschin wurde blaß und biß sich

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auf die Lippe. »Hören Sie, mein Herr«, begann er, indem er jedes Wort betonte; dabei hielt er sich mit allen Kräften zu-rück, keuchte aber dennoch; »ich habe schon vorhin, beim ersten Schritt in Ihr Zimmer, Ihre Feindseligkeit gespürt, bin aber doch absichtlich geblieben, um noch mehr zu er-fahren. Einem Kranken und noch dazu jemandem aus der Verwandtschaft könnte ich viel verzeihen, jetzt aber ... Ihnen ... niemals ...«

»Ich bin nicht krank!« schrie Raskolnikow.

»Um so schlimmer, mein Herr ...«

»Scheren Sie sich zum Teufel!«

Aber Luschin ging schon von selbst, ohne zu Ende zu sprechen, und zwängte sich zwischen Tisch und Stuhl durch; diesmal stand Rasumichin auf, um ihn vorbeizulassen. Ohne jemanden anzublicken und auch ohne Sosimow zuzunicken, der ihm schon längst durch Zeichen bedeutet hatte, er möge den Kranken in Ruhe lassen, verließ Luschin das Zimmer, wo-bei er aus Vorsicht seinen Hut in Höhe der Schultern hielt, während er gebückt durch die Tür schritt. Und sogar sein gebeugter Rücken schien bei dieser Gelegenheit auszudrücken, daß er eine tödliche Beleidigung mit sich nahm.

»Wie kann man nur ... Wie kann man nur! ...« sprach Rasumichin bekümmert und schüttelte den Kopf.

»Laßt mich, laßt mich alle!« schrie Raskolnikow wütend. »Werdet ihr mich nicht endlich in Ruhe lassen, ihr Folter-knechte? Ich fürchte euch nicht! Ich fürchte jetzt niemanden, niemanden! Fort mit euch! Ich will allein sein, allein, allein, allein!«

»Gehen wir!« sagte Sosimow und nickte Rasumichin zu.

»Aber ich bitte dich, man kann ihn doch so nicht allein lassen!«

»Gehen wir!« wiederholte Sosimow hartnäckig und ver-ließ den Raum. Nach kurzem Nachdenken eilte Rasumichin ihm nach.

»Es wäre vielleicht nicht gut für ihn, wenn wir ihm nicht gehorchten«, sagte Sosimow, schon auf der Treppe. »Man darf ihn nicht reizen ...«

»Was ist denn mit ihm?«

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»Wenn er nur irgendwie etwas aufgemuntert würde! Das wäre das Richtige. Früher war er bei Kräften ... Weißt du, etwas bedrückt sein Gemüt. Etwas Starres lastet auf ihm ... Davor habe ich große Angst, ganz bestimmt!«

»Vielleicht ist es dieser Herr, dieser Pjotr Petrowitsch! Ihrem Gespräch ließ sich entnehmen, daß er Rodjas Schwester heiraten will und daß dieser knapp vor seiner Erkrankung durch einen Brief davon erfuhr ...«

»Ja, der Teufel hat ihn gerade jetzt hergebracht; mag sein, daß nun alles verdorben ist. Und hast du bemerkt, daß dein Freund sich gegen alles gleichgültig verhält, daß er auf alles schweigt bis auf einen einzigen Punkt, bei dem er außer sich gerät: das ist dieser Mord ...«

»Ja, ja!« stimmte Rasumichin zu, »das habe ich sehr genau bemerkt. Er interessiert sich dafür. Der Fall schreckt ihn. Da-mit hat man ihn am Tag seiner Erkrankung geängstigt, im Revier, bei dem Inspektor; er fiel in Ohnmacht.«

»Erzähl mir das heute abend ausführlicher; ich werde dir dann auch etwas sagen können. Er interessiert mich, inter-essiert mich sehr! In einer halben Stunde will ich nochmals nach ihm sehen ... übrigens ist eine Entzündung kaum zu befürchten ...«

»Sei bedankt! Ich warte einstweilen bei Paschenka und lasse ihn durch Nastasja beobachten ...«

Als Raskolnikow allein geblieben war, sah er ungeduldig und gramvoll Nastasja an, doch die zögerte noch mit dem Weggehen.

»Willst du jetzt Tee trinken?« fragte sie.

»Später! Ich möchte jetzt schlafen! Laß mich allein ...«

Krampfhaft drehte er sich zur Wand; Nastasja ging hinaus.

6

Sobald sie hinausgegangen war, stand er auf, legte den Rie-gel vor die Tür, öffnete das Bündel mit den Kleidern, das Rasumichin vorhin gebracht und dann wieder zugeschnürt hatte, und begann sich anzuziehen. Sonderbar: er schien

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plötzlich ganz ruhig geworden zu sein; das halbirre Phan-tasieren von vorhin war verschwunden, ebenso die panische Angst, die er in der ganzen letzten Zeit gehabt hatte. Es war der erste Augenblick einer sehr merkwürdigen plötzlichen Ruhe. Seine Bewegungen waren exakt und klar; in ihnen äußerte sich eine feste Absicht. Heute noch, heute noch! ... murmelte er vor sich hin. Er erkannte, daß er noch schwach war, aber seine überaus starke seelische Anspannung, die sich bis zur Ruhe steigerte, bis zu einer fixen Idee, verlieh ihm Kräfte und Selbstvertrauen; er hoffte, daß er auf der Straße nicht hinfallen werde. Nachdem er seine neuen Kleidungsstücke angelegt und sich völlig angekleidet hatte, blickte er auf das Geld, das auf dem Tisch lag, dachte eine Weile nach und steckte es in die Tasche. Es waren fünfund-zwanzig Rubel. Er nahm auch alle die kupfernen Fünf-kopekenstücke – das Wechselgeld von den zehn Rubel, die Rasumichin für die Kleidung ausgegeben hatte. Dann schob er leise den Riegel zurück, verließ das Zimmer, stieg die Treppe hinab und blickte in die weitgeöffnete Küche: Nastasja stand mit dem Rücken zu ihm und fachte gebückt den Samowar der Hauswirtin an; sie hörte nichts. Und wer hätte auch an-nehmen können, daß er weggehen werde? Eine Minute später stand er schon auf der Straße.