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Es war etwa acht Uhr, und die Sonne ging unter. Es war noch immer schwül, doch voll Gier atmete er diese stinkende, staubige, von der Stadt verpestete Luft ein. Es wurde ihm ein wenig schwindlig; eine seltsam wilde Energie funkelte plötzlich in seinen entzündeten Augen und in seinem einge-fallenen gelblichfahlen Gesicht auf. Er wußte nicht, wohin er gehen sollte, und er dachte auch nicht darüber nach; er wußte nur das eine: das alles muß beendet werden, heute noch, mit einem Schlag, gleich; denn sonst gehe ich nicht mehr nach Hause zurück, weil ich so nicht leben will. Wie es be-enden? Womit es beenden? Davon hatte er keine Ahnung, und er wollte auch nicht darüber nachdenken. Er ver-scheuchte diesen Gedanken, der ihn quälte. Er fühlte und wußte nur, daß alles, so oder so, anders werden mußte – auf welche Weise es auch sein mag, sagte er sich wiederholt

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mit verzweifelter, starrer Selbstsicherheit und Entschlossen-heit.

Aus alter Gewohnheit begab er sich auf dem gleichen Weg, wo er früher spazierenzugehen pflegte, geradeaus auf den Heumarkt. Noch vor dem Heumarkt stand auf dem Gehsteig vor einem Kleinkramladen ein junger schwarzhaariger Leier-kastenmann und spielte eine höchst empfindsame Romanze. Er begleitete ein Mädchen von etwa fünfzehn Jahren, das vor ihm auf dem Bürgersteig stand. Sie war gekleidet wie eine Dame, mit Krinoline, Mantille, Handschuhen und einem Strohhut, der eine feuerfarbene Feder trug; all das war be-kannt und abgedroschen. Mit der brüchigen, aber ziemlich angenehmen und kräftigen Stimme einer Straßensängerin sang sie ihre Romanze herunter und wartete auf ein Zweikopeken-stück aus dem Laden. Raskolnikow blieb neben zwei, drei Zuhörern stehen, lauschte, zog ein Fünfkopekenstück hervor und legte es in die Hand des Mädchens. Sie unterbrach ihren Gesang bei der allergefühlvollsten, höchsten Note, als schnitte man ihr die Stimme ab, rief dem Leierkastenmann schroff zu: »Genug!« und beide zogen weiter zum nächsten Laden.

»Lieben Sie Straßenmusik?« fragte Raskolnikow plötzlich einen nicht mehr jungen Herrn, der neben ihm vor dem Leier-kasten gestanden hatte und aussah wie ein Müßiggänger. Der sah ihn starr an und war erstaunt. »Ich liebe es«, sprach Raskolnikow weiter, aber mit einer Miene, als redete er von etwas ganz anderem als von Straßenmusik, »ich liebe es, wenn an einem kalten, finsteren, feuchten Herbstabend zum Leier-kasten gesungen wird. Es muß unbedingt an einem feuchten Abend sein, an dem alle Vorübergehenden grünlichbleiche, kranke Gesichter haben; oder noch besser, wenn nasser Schnee fällt, ganz senkrecht, bei Windstille, wissen Sie? ... und wenn durch den Schnee die Gaslaternen schimmern ...«

»Ich weiß nicht, mein Herr ... entschuldigen Sie mich ...« murmelte der Fremde, erschreckt durch die Frage und durch das seltsame Aussehen Raskolnikows, und ging auf die andere Straßenseite.

Raskolnikow setzte seinen Weg fort und kam an jene Ecke des Heumarktes, wo der Kleinbürger und seine Frau,

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die damals mit Lisaweta gesprochen hatten, ihren Handel be-trieben; aber sie waren nicht da. Er erkannte ihren Verkaufs-platz, blieb stehen, hielt Umschau und wandte sich dann an einen jungen Burschen in roter Hemdbluse, der gähnend vor dem Eingang zu einem Mehlladen stand.

»Hier an der Ecke betreibt doch ein Kleinbürger mit einem Weib, seiner Frau, einen Handel, nicht wahr?« »Hier betreiben alle möglichen Leute ihren Handel«, antwortete der Bursche, der Raskolnikow von oben herab mit den Blicken maß. »Wie heißt er?«

»Er wird so heißen, wie man ihn getauft hat.« »Bist du am Ende auch aus Sarajsk? Aus welchem Gou-vernement?«

Der Bursche bildete Raskolnikow abermals an. »Wir haben kein Gouvernement, Euer Durchlaucht, son-dern einen Kreis, und mein Bruder ist weggefahren, und ich bin zu Hause geblieben, so daß ich nicht weiß ... Verzeihen Sie gnädigst, Euer Durchlaucht!« »Ist das dort oben eine Garküche?«

»Das ist ein Gasthaus; es gibt auch ein Billard dort, und da können Sie Prinzessinnen finden ... zuckersüß!«

Raskolnikow überquerte den Platz. An der Ecke standen dichtgedrängt eine Menge Menschen, lauter Bauern. Er mischte sich in das Gewühl und musterte die Gesichter. Irgend etwas trieb ihn, mit allen Leuten ein Gespräch zu beginnen. Aber die Männer kümmerten sich nicht um ihn, sondern re-deten und stritten alle untereinander, zu Haufen zusammen-geschart. Er blieb eine Weile stehen, dachte nach und wandte sich dann auf den Bürgersteig, der nach rechts in Richtung des W.-Prospekts führt. Als er den Platz hinter sich hatte, kam er in die N.-Gasse.

Er war auch früher schon oft durch diese kurze Gasse ge-gangen, die eine Biegung macht und den Platz mit der Sa-dowaja verbindet. In der letzten Zeit drängte es ihn gerade-zu, wenn ihm schwer ums Herz war, über alle diese Orte zu schlendern – damit mir noch schwerer werde! Jetzt betrat er die Gasse jedoch, ohne an etwas zu denken. Dort stand

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ein großes Haus, in dem sich lauter Schenken und sonstige Gaststätten befanden; jeden Augenblick liefen Frauen her-aus, so bekleidet, wie man »über die Straße« geht – barhaupt oder nur mit einem Kopftuch. An zwei, drei Stellen dräng-ten sie sich auf dem Gehsteig zu Gruppen, besonders vor den Eingängen zum Kellergeschoß, in das man über zwei Stufen hinuntergelangen konnte und das verschiedene höchst unterhaltsame Lokalitäten beherbergte. In einer dieser Gast-stätten herrschte im Augenblick Gepolter und Lärm, daß die ganze Straße davon widerhallte; eine Gitarre klimperte; man sang Lieder, und es ging höchst fröhlich zu. Eine große Gruppe Frauen hatte sich vor dem Eingang versammelt; einige sa-ßen auf den Stufen, andere auf dem Gehsteig, andere wieder standen und sprachen miteinander. Nebenan auf der Fahr-bahn torkelte unter lautem Fluchen ein betrunkener Soldat mit einer Zigarette entlang. Er schien in ein Lokal gehen zu wollen, jedoch vergessen zu haben wohin. Ein zerlumpter Kerl stritt schimpfend mit einem anderen zerlumpten Kerl, und ein Stockbetrunkener wälzte sich mitten auf der Straße. Ras-kolnikow blieb vor einer großen Gruppe von Frauen stehen. Sie sprachen mit heiseren Stimmen; alle trugen Kattunkleider und Ziegeniederschuhe und waren barhaupt. Manche hatten die Vierzig schon überschritten, aber es gab auch Siebzehn-jährige darunter; fast allen waren die Augen blau geschlagen. Aus irgendeinem Grund interessierten ihn der Gesang dort unten, der Tumult und Lärm ... Man hörte, wie jemand unter Lachen und Gekreisch zu der hohen Fistelstimme eines verwegenen Sängers, der von einer Gitarre begleitet wurde, verzweifelt tanzte und dabei den Takt mit den Absätzen stampfte. Aufmerksam, düster und nachdenklich lauschte Ras-kolnikow vor dem Eingang und blickte neugierig in den Vorraum hinunter.

»Ach, mein Liebster, laß dir sagen, Wozu willst du mich nur schlagen!«