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schmetterte die hohe Stimme des Sängers. Raskolnikow hatte schreckliche Lust zuzuhören, was man da sang, als ob das jetzt von höchster Wichtigkeit wäre.

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Soll ich nicht hinuntergehen? überlegte er. Wie sie lachen! Sie sind alle betrunken. Wie wäre es, wenn ich mich auch be-tränke?

»Gehen Sie nicht hinunter, lieber Herr?« fragte eine der Frauen mit recht wohlklingender, noch nicht ganz heiserer Stimme. Sie war hübsch und nicht einmal abstoßend – als einzige in der ganzen Gruppe.

»Sieh nur, was für ein hübsches Kind!« antwortete er, in-dem er sich aufrichtete und sie ansah.

Sie lächelte; das Kompliment hatte ihr gut gefallen.

»Sie selber sind auch sehr hübsch«, meinte sie.

»Aber mager!« bemerkte eine andere mit Baßstimme. »Man hat Sie wohl eben erst aus dem Krankenhaus ent-lassen?«

»Aussehen tun sie wie Generalstöchter, nur ihre Nasen sind platt!« unterbrach sie plötzlich ein angeheiterter Mann, der mit offener Jacke und verschlagenem Lächeln herzugetreten war.

»Da geht's lustig zu!«

»Geh hinein, wenn du schon hier bist.«

»Das will ich auch! Mit Vergnügen!«

Und er torkelte hinunter.

Raskolnikow schlenderte weiter.

»Hören Sie, gnädiger Herr!« rief ihm das Mädchen nach.

»Was gibt's?«

Sie wurde verlegen.

»Ich bin immer gern bereit, lieber Herr, Ihnen meine Zeit zu widmen, aber jetzt bringe ich gar nicht den Mut auf, Sie darum zu bitten. Schenken Sie mir doch sechs Kopeken, damit ich etwas trinken kann, schöner Kavalier!«

Raskolnikow zog Geld hervor, soviel er auf einmal zu fassen bekam; es waren drei Fünfkopekenstücke.

»Ach, was für ein nobler Herr!«

»Wie heißt du?«

»Fragen Sie nur nach Duklida!«

»Nein, das geht denn doch zu weit!« rief plötzlich eine Frau aus der Gruppe und blickte Duklida kopfschüttelnd an. »Ich verstehe wirklich nicht, wie du so betteln kannst! Ich würde vor Scham im Erdboden versinken ...«

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Raskolnikow blickte die Sprecherin neugierig an. Sie war ein pockennarbiges Mädchen von ungefähr dreißig Jahren, ganz voll blauer Flecke, und ihre Oberlippe war geschwol-len. Sie sprach ruhig und ernst.

Wo habe ich das nur gelesen, dachte Raskolnikow, als er weiterging, wo habe ich nur gelesen, wie ein zum Tode Ver-urteilter eine Stunde vor seiner Hinrichtung sagt oder denkt: wenn er irgendwo auf einem hohen Berg leben müßte, auf einem Felsen und auf so engem Raum, daß er nur mit den Füßen darauf stehen könnte, und ringsum gähnten Abgründe, der Ozean, ewiges Dunkel, ewige Einsamkeit und ewiger Sturm, und er müßte so bleiben, auf einem Raum von einem Klafter, das ganze Leben lang, tausend Jahre, eine Ewigkeit – daß es dann trotzdem besser wäre, so zu leben, als jetzt sterben zu müssen! Nur leben, leben, leben! Wenn man nur leben kann – einzig leben! ... Wie wahr das ist! O Gott, wie wahr! Der Mensch ist gemein! ... Und gemein ist auch, wer ihn deswegen gemein nennt, setzte er nach einer Weile hinzu.

Er gelangte in eine andere Straße.

Ach! Der Kristallpalast! Vorhin hat Rasumichin vom Kri-stallpalast gesprochen. Aber was wollte ich nur? Ja, Zeitungen lesen! ... Sosimow sagte, daß er in den Zeitungen davon ge-lesen habe ...

»Haben Sie Zeitungen?« fragte er, als er das sehr geräumige und sogar saubere Lokal betrat, das aus mehreren, übri-gens ziemlich leeren Räumen bestand. Zwei, drei Gäste tranken Tee, und in einem der Hinterzimmer saß eine Gruppe von ungefähr vier Personen. Sie tranken Champagner. Es schien Raskolnikow, als wäre Sametow unter ihnen. Aller-dings konnte er das aus der Ferne nicht richtig erkennen.

Meinetwegen! dachte er.

»Wünschen Sie Wodka?« fragte der Kellner.

»Bring mir Tee. Und dann besorge doch noch Zeitungen, alte, etwa von den letzten fünf Tagen. Du sollst auch ein Trinkgeld bekommen.«

»Zu Befehl. Hier sind die von heute. Wünschen Sie Wodka?«

Die alten Zeitungen und der Tee wurden gebracht. Ras-

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kolnikow setzte sich und begann zu suchen: »Isler – Islers Vergnügungspark – Die letzten Azteken in Petersburg – Die letzten Azteken zu besichtigen – Die Liliputaner Bartola und Massimo – Die letzten Azteken – Isler ... Pfui Teufel! Aber hier kommen die Lokalnachrichten: eine Frau die Treppe hinabgestürzt – ein Kleinbürger an Alkoholvergiftung ge-storben – Feuersbrunst in Peskij-Viertel – Brand auf der Petersburger Seite – noch ein Brand auf der Petersburger Seite – wieder ein Brand auf der Petersburger Seite – An-kündigungen – Ankündigungen ... Ah, hier ...«

Er hatte endlich gefunden, was er suchte, und begann zu lesen. Die Zeilen hüpften vor seinen Augen; dennoch las er den ganzen Bericht und suchte dann eifrig in den nächsten Nummern nach weiteren Einzelheiten. Seine Hände zitterten beim Umblättern vor krampfhafter Ungeduld. Plötzlich setzte sich jemand neben ihn an seinen Tisch. Er blickte auf – es war Sametow, ebenjener Sametow, unverändert, mit seinen Ringen an den Fingern, mit den Uhrketten, mit dem Scheitel in dem schwarzen, gekräuselten, pomadisierten Haar. Er trug eine elegante Weste, einen einigermaßen abgetragenen Rock und nicht ganz saubere Wäsche. Er war gut gelaunt; jedenfalls lächelte er sehr fröhlich und gutmütig. Sein dunkles Gesicht schien vom Champagner, den er getrunken hatte, ein wenig erhitzt.

»Wie! Sie sind hier?« begann Sametow staunend und in einem Ton, als wären sie schon seit einer Ewigkeit miteinan-der bekannt. »Und dabei hat mir Rasumichin erst gestern ge-sagt, daß Sie noch immer nicht bei Bewußtsein seien! Das ist sonderbar. Ich war übrigens bei Ihnen ...«

Raskolnikow hatte gewußt, daß Sametow kommen werde. Er legte die Zeitungen beiseite und wandte sich dem anderen zu. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln, und eine seltsam neue, gereizte Ungeduld drückte sich in diesem Lächeln aus.

»Ich weiß, daß Sie bei mir waren«, antwortete er. »Ich habe es gehört. Sie haben den Socken gesucht ... Wissen Sie, Rasu-michin ist ganz entzückt von Ihnen; er erzählte, daß Sie beide bei Lawisa Iwanowna gewesen seien, bei jener Frau, für die Sie sich damals so einsetzten, indem Sie dem Leutnant

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Schießpulver zuzwinkerten; aber der begriff überhaupt nicht, erinnern Sie sich? Wie man so etwas nicht begreifen kann! Der Fall war doch ganz klar ... nicht wahr?«

»Er ist ein furchtbarer Krakeeler!«

»Leutnant Schießpulver?«

»Nein, Ihr Freund Rasumichin ...«

»Sie haben ein gutes Leben, Herr Sametow; zu den net-testen Lokalen haben Sie freien Zutritt! Wer hat Ihnen denn jetzt den Champagner spendiert?«

»Wir haben da ... ein bißchen ... getrunken ... Spendiert, sagen Sie? ...«

»Ein Honorar! Sie schlagen aus allem Nutzen!« Raskolni-kow lachte auf. »Macht nichts, Sie braver Knabe, macht nichts!« fügte er hinzu und klopfte Sametow auf die Schul-ter. »Ich sage es ja nicht im Bösen, ,sondern in aller Liebe und nur aus Spaß', wie sich der Anstreicher ausdrückte, als er Mitka verdrosch – Sie entsinnen sich: in der Mordsache der Alten.«

»Woher wissen Sie das?«

»Vielleicht weiß ich mehr als Sie!«

»Sie sind ein sonderbarer Mensch ... Gewiß sind Sie noch sehr krank. Sie hätten nicht ausgehen sollen.«

»Ich komme Ihnen also sonderbar vor?«

»Ja. Was machen Sie hier? Lesen Sie Zeitungen?«

»Ja.«

»Jetzt wird viel über Brände berichtet.«

»Nein, das lese ich nicht.« Dabei sah er Sametow rätselhaft an; ein spöttisches Lächeln verzerrte von neuem seine Lippen. »Nein, das lese ich nicht«, wiederholte er und zwinkerte Sa-metow zu. »Aber gestehen Sie nur, lieber junger Mann, daß Sie furchtbar gerne wissen möchten, was ich gelesen habe!«