»Das möchte ich nicht im geringsten wissen; ich habe bloß so gefragt. Darf man denn nicht fragen? Was Sie nur immer ...«
»Hören Sie, Sie sind doch ein gebildeter, belesener Mensch, wie?«
»Ich habe sechs Klassen Gymnasium absolviert«, antwor-tete Sametow mit einiger Würde.
»Sechs Klassen! Ach, du liebes Spätzchen! Mit einem Schei-tel und mit Ringen an den Fingern – ein reicher Mann! Mein Gott, was für ein lieber Junge!«
Raskolnikow brach in ein nervöses Lachen aus; er lachte Sametow gerade ins Gesicht. Der wich zurück und war zwar nicht gerade beleidigt, aber doch höchst erstaunt.
»Zum Teufel, wie sonderbar Sie sind!« wiederholte Sa-metow sehr ernst. »Mir kommt es so vor, als fieberten Sie noch immer.«
»Fiebern? Keine Rede, mein Spätzchen! . .. Ich bin also sonderbar? Ich interessiere Sie wohl, wie? Interessiere ich Sie?«
»Ja.«
»Sie möchten also wissen, was ich in den Zeitungen ge-lesen, was ich darin gesucht habe? Schauen Sie nur her, wie viele Nummern ich mir bringen ließ! Das ist doch verdächtig, wie?«
»Na, erzählen Sie es doch!«
»Sie müssen aber die Ohren spitzen!«
»Was denn noch?«
»Später will ich Ihnen sagen, mein Lieber, warum Sie die Ohren spitzen sollen, jetzt aber erkläre ich Ihnen ... Nein, besser gesagt: ,Ich gestehe' ... Nein das ist auch nicht das Richtige: ,Ich gebe eine Aussage zu Protokoll, und Sie nehmen sie auf – jetzt habe ich's! Ich gebe also zu Protokoll, was ich gelesen, wofür ich mich interessiert, was ich gesucht ... und gefunden habe. «Raskolnikow kniff die Augen zusammen und wartete. »Ich habe – und zu diesem Zweck bin ich hierhergekommen – die Nachrichten über den Mord an der alten Beamtenwitwe gesucht«, sprach er schließlich fast flüsternd, während er sein Gesicht ganz nahe an das Sametows heranbrachte. Sametow starrte ihn an, rührte sich nicht und zog auch sein Gesicht nicht zurück. Am sonderbarsten fand Sametow später, daß dieses beiderseitige Schweigen eine volle Minute dauerte und daß sie eine volle Minute einander in die Augen sahen.
»Na und? Was ist denn dabei, wenn Sie das gelesen haben?« schrie er plötzlich in ungeduldiger Entrüstung. »Was küm-mert mich das! Was ist denn dabei?«
»Das ist doch jene Alte«, fuhr Raskolnikow in dem gleichen Flüstern fort, ohne sich bei dem Ausruf Sametows auch nur zu rühren, »von der Sie damals im Revier, wie Sie sich er-innern werden, erzählten; ich fiel dabei in Ohnmacht. Nun, verstehen Sie jetzt?«
»Was soll das? Was meinen Sie ... mit ,verstehen'?« fragte Sametow, der allmählich unruhig wurde.
Das unbewegliche, ernste Gesicht Raskolnikows verwan-delte sich mit einem Schlag, und er brach plötzlich wieder in das gleiche nervöse Lachen aus wie vorhin, als wäre er völlig außerstande, sich zusammenzunehmen. Und schlagartig er-innerte er sich mit außerordentlicher Klarheit daran, was er in jener Minute vor wenigen Tagen empfunden hatte, als er mit dem Beil in der Hand hinter der Tür stand, während der Riegel hüpfte, die Leute draußen fluchten und an der Türe rüttelten, und als er plötzlich Lust bekam, sie anzuschreien, sie zu beschimpfen, ihnen die Zunge herauszustrecken, sie zu verhöhnen und zu lachen, laut, laut, laut zu lachen!
»Sie sind entweder verrückt oder ...« nahm Sametow das Gespräch wieder auf und hielt dann inne, als hätte ihn ein plötzlicher, unversehens aufgetauchter Gedanke betroffen gemacht.
»Oder? Was – ,oder'? Nun? Na, sagen Sie es doch!«
»Nichts!« antwortete Sametow zornig. »Das ist alles Un-sinn!«
Beide verstummten. Nach dem jähen Lachanfall war Ras-kolnikow auf einmal nachdenklich und traurig geworden. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und hielt sich den Kopf. Es schien, als hätte er Sametow ganz vergessen. Das Schweigen dauerte ziemlich lange.
»Warum trinken Sie Ihren Tee nicht? Er wird kalt«, sagte Sametow.
»Was? Wie? Der Tee? ... Bitte sehr ...« Raskolnikow nahm einen Schluck aus dem Glas, steckte ein Stück Brot in den Mund, sah Sametow an und schien sich plötzlich an alles zu erinnern und sich gleichsam aufzuraffen; doch im selben Augenblick nahm sein Gesicht wieder den alten spöttischen Ausdruck an. Er trank noch einen Schluck Tee.
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»Heuzutage gibt es viele Gauner«, sagte Sametow. »Vor kurzem erst habe ich in den Moskowskije Wjedomosti ge-lesen, daß man in Moskau eine ganze Bande von Geldfäl-schern festgenommen hat. Es war eine regelrechte Organisation. Sie stellten Banknoten her.«
»Oh, das war schon vor langer Zeit! Es ist gut einen Monat her, daß ich das gelesen habe«, antwortete Raskolnikow ruhig. »Diese Leute sind also Ihrer Ansicht nach Gauner?« fügte er grinsend hinzu.
»Was denn, wenn nicht Gauner?«
»Was? Kinder waren das, Grünschnäbel, und keine Gau-ner! Rund ein halbes Hundert Menschen hatte sich zu die-sem Zweck zusammengetan! Ist denn so etwas möglich? In einem solchen Fall sind drei schon zuviel, oder es müßte jeder dem anderen noch mehr vertrauen können als sich selber! Es braucht sich ja nur einer im Rausch zu verplappern, und alles fliegt auf! Grünschnäbel! Da stellen sie unzuverlässige Leute an, um das Geld in den Banken zu wechseln ... kann man denn so heikle Geschäfte dem erstbesten anvertrauen? Und sogar angenommen, die Sache gelingt, und jeder dieser Grün-schnäbel wechselt sich eine Million ein – was wird später? Das ganze Leben lang? Jeder wäre doch für Lebenszeit von den anderen abhängig! Da wäre es wahrhaftig besser, gleich den Strick zu nehmen! Nicht einmal darauf verstanden sie sich, das Geld einzuwechseln: da ging einer in die Bank zum Wechseln, bekam fünftausend, und die Hände zitterten ihm. Viertausend zählte er nach, aber das fünfte Tausend zählte er nicht mehr nach und nahm es auf Treu und Glauben ent-gegen, nur um es rasch in der Tasche zu haben und gleich weg-laufen zu können. Na, und so erweckte er Argwohn. Und dieses einen Dummkopfes wegen platzte die ganze Ge-schichte! Ist denn so etwas denkbar?«
»Daß ihm die Hände gezittert haben?« fiel Sametow ein. »Ja, das ist sehr wohl möglich. Ich bin völlig überzeugt, daß das möglich ist. Manchmal hält man eben nicht durch.«
»Meinen Sie?«
»Würden Sie es denn durchhalten? Ich könnte es jeden-falls nicht! Für hundert Rubel Belohnung sich einem solchen
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Entsetzen preisgeben? Hingehen und Falschgeld einwechseln – in einer Bank, wo die Leute sowieso mit allen Wassern ge-waschen sind? Nein, ich würde den Kopf verlieren. Sie etwa nicht?«
Raskolnikow verspürte plötzlich wieder große Lust, »die Zunge herauszustrecken«. Minutenlang jagte ihm ein Schauer nach dem andern über den Rücken.
»Ich würde nicht so vorgehen«, begann er lässig. »Ich würde das Geldwechseln folgendermaßen vornehmen: ich würde die ersten Tausend nachzählen, so etwa viermal von vorn und von hinten, und würde jeden Geldschein eingehend betrach-ten, ehe ich mit dem zweiten Tausend begönne. Ich finge an, die zweiten Tausend zu zählen, käme bis zur Hälfte, und dann nähme ich irgendeinen Fünfzigrubelschein heraus, hielte ihn gegen das Licht, drehte ihn um und hielte ihn wieder gegen das Licht – ob er nicht etwa eine Fälschung sei. ,Ich habe Angst', sagte ich. ,Eine Verwandte von mir hat neu-lich auf diese Art fünfundzwanzig Rubel eingebüßt ...' Und dann erzählte ich die ganze Geschichte. Und wenn ich das dritte Tausend nachzählte – nein, oho, da schiene mir, daß ich vor-hin, beim zweiten Tausend, das siebente Hundert nicht rich-tig nachgezählt hätte, und Zweifel befielen mich, und ich ließe das dritte Tausend liegen und wendete mich wieder dem zwei-ten zu – und so weiter, bis alle fünf Tausend nachgezählt wären. Doch sobald ich fertig wäre, nähme ich aus dem fünf-ten und aus dem zweiten Tausend je einen Schein, hielte sie gegen das Licht, und wieder kämen sie mir zweifelhaft vor: ,Bitte geben Sie mir dafür andere Scheine' – und so ließe ich den Bankbeamten Blut schwitzen, daß er froh wäre, mich loszuwerden und mich nie wiederzusehen! Und wenn dann alles endlich fertig wäre, ginge ich weg, öffnete die Tür – doch nein, verzeihen Sie, ich kehrte nochmals um, fragte nach irgend etwas, zöge Erkundigungen ein ... Sehen Sie, so ginge ich vor!«