»Oh, was für schreckliche Dinge Sie da reden!« sagte Sa-metow lachend. »Nur: das ist bloße Rederei; in Wirklichkeit verlören Sie gewiß den Kopf! Ich sage Ihnen, nach meiner Ansicht könnte in einem solchen Fall nicht einmal ein gerie-
bener, verzweifelter Bursche für sich bürgen, geschweige denn Sie oder ich. Aber wozu so weit ausholen – nehmen Sie nur zum Beispiel den Mord an der Alten in unserem Viertel. Da sollte man glauben, daß das ein abgefeimter Verbrecher war, der bei hellichtem Tag jedes Risiko auf sich nahm; aber die Hände zitterten ihm doch, er verstand nicht zu stehlen, er hielt nicht durch; das sieht man an dem ganzen Tatbestand ...«
Raskolnikow fühlte sich gleichsam beleidigt.
»Das sieht man, sagen Sie! Aber so fangen Sie ihn doch, los, jetzt gleich!« rief er voll spöttischer Schadenfreude.
»Nun ja, man wird ihn schon fangen.«
»Wer? Sie? Sie wollen ihn fangen? Da können Sie sich lange bemühen! Ich weiß ja, was bei euch die Hauptsache ist: ob jemand Geld ausgibt oder nicht. Früher hat er nichts gehabt, und jetzt wirft er plötzlich das Geld zum Fenster hinaus – na, da muß er es ja sein! Ein kleines Kind könnte euch, wenn es wollte, damit ein Schnippchen schlagen!«
»Das ist es ja eben, daß sie das alle tun«, entgegnete Sa-metow. »Da begeht einer einen raffinierten Mord und setzt sein Leben aufs Spiel; dann rennt er gleich in die Kneipe und gerät in die Falle. Mit dem Geldausgeben verraten sie sich. Nicht alle sind so schlau wie Sie. Sie gingen natürlich nicht in eine Kneipe.«
Raskolnikow runzelte die Stirn und blickte Sametow un-verwandt an.
»Mir scheint, Sie sind auf den Geschmack gekommen und möchten gerne herausbringen, wie ich in einem solchen Fall vorginge?« fragte er mürrisch.
»Das möchte ich wohl«, erwiderte der andere fest und ernst. Er hatte fast allzu ernst gesprochen und geblickt.
»Sehr gern?«
»Ja.«
»Schön. Ich ginge also folgendermaßen vor«, sagte Raskol-nikow, während er sein Gesicht wieder ganz nahe an das Ge-sicht Sametows heranbrachte, ihn wieder starr anblickte und wieder im Flüsterton sprach, so daß der andere diesmal ge-radezu erschauerte, »ich ginge also folgendermaßen vor: ich nähme das Geld und die Sachen, und sobald ich aus dem
Hause wäre, ginge ich, ohne mich aufzuhalten, irgendwohin, wo ein öder Platz ist, nur Zäune und fast kein Mensch – in irgendeinen Gemüsegarten oder dergleichen. Natürlich hätte ich mich schon vorher dort umgesehen. In diesem Hof liegt ein Stein, etwa ein oder anderthalb Pud schwer, in einer Ecke beim Zaun; er liegt vielleicht schon dort, seit das Haus gebaut worden ist; ich hebe den Stein auf – darunter muß eine Vertiefung sein; und in diese Vertiefung lege ich dann alles: die Sachen und das Geld. Ich lege sie hinein, dann wälze ich den Stein wieder darauf, genauso wie er früher gelegen hat, stampfe die Erde ein wenig fest und gehe wieder fort. Und ein Jahr, zwei Jahre hole ich es nicht, drei Jahre nicht — na, und nun suchen Sie! Ich steige trocken aus dem Wasser!«
»Sie sind verrückt«, sagte Sametow ebenfalls flüsternd und rückte aus irgendwelchen Gründen plötzlich von Raskolni-kow ab.
Dessen Augen begannen mit einemmal zu funkeln; er war totenblaß geworden; seine Oberlippe bebte und zuckte. Er neigte sich möglichst nahe zu Sametow und bewegte den Mund, sprach jedoch nichts; das dauerte eine halbe Minute; er war sich bewußt, was er tat, konnte sich jedoch nicht zu-rückhalten. Das furchtbare Wort hüpfte nur so auf seinen Lippen wie damals der Riegel an der Tür – jetzt, jetzt mußte es sich losreißen; jetzt, jetzt es nur sagen, jetzt nur sprechen!
»Und wenn ich die Alte und Lisaweta erschlagen hätte?« stieß er plötzlich hervor und – kam zur Besinnung.
Sametow sah ihn verstört an und wurde weiß wie das Tischtuch. Ein Lächeln verzerrte sein Gesicht.
»Ja, wäre denn das möglich?« stieß er kaum hörbar hervor.
Raskolnikow sah ihn böse an.
»Gestehen Sie, daß Sie es geglaubt haben!« sagte er schließ-lich kalt und höhnisch. »Ja? Nicht wahr?«
»Aber keine Spur! Jetzt glaube ich es weniger denn je!« erwiderte Sametow hastig.
»Endlich sind Sie mir in die Falle gegangen! Nun habe ich das Spätzchen gehascht. Sie haben es also früher geglaubt, wenn Sie es jetzt ,weniger denn je' glauben?«
»Aber nein!« rief Sametow in offenkundiger Verwirrung. »Sie haben mich wohl nur deshalb so erschreckt, um mich da-hin zu bringen?«
»Sie glauben es also nicht? Und worüber haben Sie damals gesprochen, nachdem ich Ihre Kanzlei verlassen hatte? Und weshalb hat mich Leutnant Schießpulver nach meiner Ohn-macht verhört? He du«, rief er dem Kellner zu, während er aufstand und seine Mütze nahm, »wieviel macht es?«
»Alles in allem dreißig Kopeken, mein Herr«, antwortete der Kellner, der herbeigeeilt war.
»Da hast du noch zwanzig Kopeken Trinkgeld. Sehen Sie nur, wieviel ich da habe!« Und er hielt Sametow die zitternde Hand mit den Banknoten hin. »Rote Scheine, blaue Scheine, fünfundzwanzig Rubel. Woher ich die wohl habe? Und wo-her kommt der neue Anzug? Sie wissen ja, daß ich keine ein-zige Kopeke besaß! Sie haben doch sicher auch die Hauswirtin befragt ... Na, Schluß! Assez causé! Auf Wiedersehen ... Auf fröhliches Wiedersehen!«
Er ging weg. Eine wilde, hysterische Empfindung, die zur Hälfte indes auch unerträglicher Genuß war, ließ ihn am gan-zen Körper erzittern; sonst aber war er düster gestimmt und furchtbar müde. Sein Gesicht war verzerrt wie nach irgendeinem Anfall. Seine Müdigkeit wurde rasch stärker. Seine Kräfte konnten wohl plötzlich erwachen und beim ersten Anstoß, bei der ersten aufreizenden Empfindung auf-leben, aber sie ermatteten ebenso rasch wieder, je schwächer der Reiz wurde.
Sametow, der allein geblieben war, saß noch lange nach-denklich an seinem Platz. Raskolnikow hatte ihm unversehens alle Zweifel über einen gewissen Punkt genommen und seine Ansicht endgültig bestätigt.
Ilja Petrowitsch ist ein Schwätzer! fand er schließlich.
Kaum hatte Raskolnikow die Tür zur Straße geöffnet, als er auf der Treppe mit dem gerade eintretenden Rasu-michin zusammenstieß. Beide hatten einander nicht einmal auf einen Schritt Entfernung bemerkt, und so rannten sie fast mit den Köpfen zusammen. Einige Zeit maßen sie ein-ander mit dem Blick. Rasumichin war aufs höchste erstaunt,
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doch plötzlich funkelte in seinen Augen drohender Zorn auf, echter Zorn.
»Hier bist du also!« schrie er aus vollem Halse. »Vom Krankenbett davongelaufen! Und ich habe ihn sogar unter dem Diwan gesucht! Auf den Dachboden sind wir gestiegen! Deinetwegen hätte ich Nastasja beinahe verprügelt! ... Und jetzt ist er hier! Aber Rodja! Was hat das zu bedeuten? Sag die Wahrheit! Gestehe! Hörst du?!«
»Das hat zu bedeuten, daß ihr mir alle auf den Tod lästig seid und daß ich allein sein will«, antwortete Raskolnikow ruhig.
»Allein? Wenn du noch nicht einmal gehen kannst, wenn dein Gesicht noch kreidebleich ist, wenn du kaum Luft kriegst? Du Dummkopf ... Was hast du im Kristallpalast gemacht? Gesteh mir's unverzüglich!«
»Laß mich durch!« sagte Raskolnikow und wollte an ihm vorbeigehen. Das brachte Rasumichin in Wut; er packte Ras-kolnikow fest an der Schulter.