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»Einen Kahn! Einen Kahn!« rief es aus der Menge.

Aber ein Kahn war nicht mehr nötig; ein Schutzmann war eine der Treppen zum Kanal hinuntergelaufen, hatte den Mantel abgeworfen, die Schuhe ausgezogen und war ins Was-ser gesprungen. Er brauchte sich nicht allzusehr anzustren-gen: die Frau, die in den Kanal gesprungen war, wurde von der Strömung zwei Schritte entfernt an der Treppe vorbei-getrieben; der Schutzmann packte sie mit der Rechten am Kleid und konnte sich mit der Linken an einer Stange fest-halten, die ein Kamerad ihm hinhielt, und gleich darauf hatte man die Frau herausgezogen. Man legte sie auf die granitenen Fliesen vor der Treppe. Sie kam bald wieder zu Bewußt-sein, richtete sich auf, setzte sich und begann zu niesen und zu schnauben, wobei sie sinnlos ihr nasses Kleid mit den Händen abwischte. Sie sprach kein Wort.

»Sie hat sich höllisch besoffen, ihr Lieben, höllisch«, heulte dieselbe Frauenstimme von vorhin, jetzt neben Afrosi-njuschka. »Sie wollte sich neulich schon erhängen, und wir mußten sie vom Strick herunternehmen. Jetzt ging ich in den Laden und ließ das kleine Mädchen zum Aufpassen bei ihr – und so ist das Unglück geschehen. Sie ist eine Kleinbürgerin, lieber Herr, unsere Kleinbürgerin, sie wohnt neben uns, im zweiten Haus von der Ecke, sehen Sie, da ...«

Die Leute gingen auseinander; die Polizisten machten sich noch mit der Frau zu schaffen; jemand rief etwas vom Revier ... Raskolnikow betrachtete das alles mit einem ab-sonderlichen Gefühl des Gleichmuts und der Teilnahmslosig-keit. Es begann ihn zu ekeln. Nein, das ist widerlich ... das Wasser ... das nicht, murmelte er vor sich hin. Es wird nichts weiter sein, fügte er hinzu, es lohnt sich nicht, zu warten. Was ist mit dem Revier? ... Und warum ist Sametow nicht

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dort? Das Büro ist doch bis um zehn geöffnet ... Er lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer und blickte sich um.

Nun, was! Meinetwegen! sprach er energisch, verließ die Brücke und schlug die Richtung nach dem Revier ein. Sein Herz war traurig und leer. Denken wollte er nicht. Sogar der Kummer war ihm vergangen; er spürte nichts mehr von der früheren Energie, mit der er von zu Hause weggegangen war, damit »das alles ein Ende habe«. An ihre Stelle war völlige Apathie getreten.

Schließlich ist auch das ein Ausweg! dachte er, während er leise und matt den Kai des Kanals entlangging. Trotz allem mache ich ein Ende, weil ich's so will ... Ist das aber ein Aus-weg? Ganz gleich! Einen Klafter Platz werde ich haben – ha! Aber was für ein Ende ist das! Ist es wirklich das Ende? Werde ich es ihnen sagen oder nicht? Ach ... zum Teufel! Ich bin müde; wenn ich mich nur rasch irgendwohin legen oder setzen könnte! Am meisten schäme ich mich, weil das alles gar zu dumm ist. Pfeifen wir drauf! Pfui, was für Dumm-heiten mir in den Sinn kommen ...

Zum Polizeirevier mußte er geradeaus gehen und bei der zweiten Straßenkreuzung nach links einbiegen; dann waren es nur noch zwei Schritt. Doch als er zu der ersten Ecke ge-kommen war, blieb er stehen, dachte nach und machte einen Umweg durch zwei Straßen – vielleicht ohne jede Absicht, aber vielleicht auch, um wenigstens noch eine Minute zu zö-gern und Zeit zu gewinnen. Er ging mit gesenktem Blick. Plötzlich war ihm, als hätte ihm jemand etwas ins Ohr ge-flüstert. Er hob den Kopf und sah, daß er vor jenem Haus stand, dicht vor dem Tor. Seit jenem Abend war er nicht hier gewesen und nicht daran vorbeigegangen.

Ein unabweisbarer, unerklärlicher Wunsch lockte ihn. Er trat in das Haus, schritt durch die ganze Toreinfahrt, ging dann durch die erste Tür rechts und begann die bekannte Treppe zum vierten Stock hinaufzusteigen. Auf der schmalen, steilen Treppe war es sehr finster. Auf jedem Absatz blieb er stehen und blickte sich neugierig um. Im ersten Stock war der Fensterrahmen herausgenommen. Das war damals noch nicht, dachte Raskolnikow. Jetzt kam die Wohnung im zweiten

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Stock, in der Nikolaschka und Mitka gearbeitet hatten. Sie ist zugesperrt, und die Tür ist frisch gestrichen; sie wird also jetzt vermietet, dachte er. Und nun der dritte Stock ... der vierte ... Hier! Zweifel packten ihn: die Tür zu dieser Woh-nung stand weit offen; Leute arbeiteten darin; er hörte ihre Stimmen; das hatte er nicht erwartet. Nachdem er ein wenig gezögert hatte, stieg er die letzten Stufen hinauf und trat in die Wohnung.

Sie wurde renoviert; Arbeiter waren da; das schien ihn zu verblüffen. Er wußte selbst nicht warum, aber er hatte sich vorgestellt, daß er alles genauso wiederfinden würde, wie er es damals verlassen hatte, daß vielleicht sogar die Leichen noch an derselben Stelle auf dem Fußboden lägen. Jetzt aber sah er nur kahle Wände, keine Möbel, und das berührte ihn sonderbar. Er schritt zum Fenster und setzte sich auf das Fensterbrett.

Es waren nur zwei Arbeiter da, beides junge Burschen, der eine etwas älter als der andere. Sie tapezierten die Wände mit einer weißen Tapete mit lila Blumen an Stelle der frühe-ren gelben Tapete, die abgenutzt und zerrissen war. Sonder-barerweise mißfiel das Raskolnikow aufs äußerste; er sah die neuen Tapeten feindselig an, als täte es ihm leid, daß hier alles so verändert wurde.

Die Arbeiter waren offensichtlich spät dran und rollten jetzt ihr Papier rasch zusammen, um heimzugehen. Das Auf-tauchen Raskolnikows störte sie überhaupt nicht. Sie plauder-ten über etwas. Raskolnikow verschränkte die Arme und hörte ihnen zu.

»Da kommt sie am Vormittag zu mir, dieses Frauenzim-mer«, sagte der Ältere zu dem Jüngeren, »schon ganz zeitig, richtig aufgetakelt. ,Was willst du denn von mir, weil du so aussiehst wie ein Zitrönchen? Brauchst du denn vor mir', sage ich, ,so zu tun wie ein Apfelsinchen?' – ,Tit Wasiljitsch, ich will Ihnen von nun an für alle Zeit völlig zu Diensten sein', antwortet sie. Das war es also! Und wie aufgedonnert sie war: das reinste Modejournal, das reinste Modejournal!«

»Was ist denn das, ein Modejournal, Onkel?« fragte der Junge. Offenbar war er der Lehrling des »Onkels«.

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»Ein Modejournal, mein Lieber, ja, weißt du, das sind solche Bilderchen, farbige Bilder, und die hiesigen Schneider bekommen sie jeden Samstag mit der Post aus dem Ausland, damit sie wissen, wie sich die Leute anziehen sollen, Männer so gut wie Frauen. Es sind nämlich Zeichnungen. Die Männer werden meist mit verschnürten Pelzmänteln dargestellt, was aber die Frauen betrifft, so findest du da Dinge, mein Lieber, daß du sie gar nicht bezahlen könntest!«

»Was es nicht alles in diesem Petersburg gibt!« rief der Jüngere hingerissen. »Außer Vater und Mutter gibt es einfach alles hier!«

»Außer Vater und Mutter, mein Lieber, findest du tatsäch-lich alles hier«, bestätigte der Ältere lehrhaft.

Raskolnikow erhob sich und ging in das zweite Zimmer, in dem früher die Truhe, das Bett und die Kommode gestan-den hatten; der Raum kam ihm ohne Möbel furchtbar klein vor. Hier waren noch die alten Tapeten; auf ihnen zeichnete sich in der Ecke scharf der Platz ab, wo die Ikonenwand ge-wesen war. Er betrachtete das alles und ging zu seinem Fenster-brett zurück. Der ältere Arbeiter musterte ihn von der Seite.

»Was wollen Sie?« fragte er plötzlich.

Statt zu antworten, stand Raskolnikow auf, ging in den Vorraum, faßte nach dem Klingelgriff und zog. Dasselbe Glöckchen, der gleiche blecherne Klang! Er zog ein zweites, ein drittes Mal; er lauschte und erinnerte sich. Die damalige qualvolle, furchtbare, entsetzliche Empfindung kehrte ihm immer klarer und lebhafter ins Gedächtnis zurück; er schrak bei jedem Klingeln zusammen, und dabei wurde ihm immer wohler zumute.

»Was wünschen Sie denn? Wer sind Sie?« rief der Arbeiter und kam zu ihm heraus.

Raskolnikow trat durch die Tür zurück in die Wohnung.

»Ich will die Wohnung mieten«, sagte er, »und sehe sie mir an.«