Выбрать главу

»Nachts werden Wohnungen nicht vermietet; und außer-dem müßten Sie mit dem Hausknecht kommen.«

»Haben Sie den Boden gewaschen? Wird er neu gestrichen?« fragte Raskolnikow weiter. »Ist kein Blut mehr da?«

- 221 -

»Was für Blut?«

»Hier hat man doch die Alte und ihre Schwester er-schlagen. Da gab es eine ganze Blutlache.«

»Wer bist du eigentlich?« rief der Arbeiter beunruhigt.

»Ic h?«

»Ja!«

»Das möchtest du wohl gerne wissen? ... Komm mit aufs Polizeirevier, dort werde ich es sagen.«

Verblüfft sahen die Arbeiter ihn an.

»Wir müssen jetzt nach Hause gehen; wir haben uns ver-spätet. Komm, Aljoschka. Wir müssen zuschließen«, sagte der Ältere.

»Na, kommt!« erwiderte Raskolnikow gleichmütig, ging voran und stieg langsam die Treppe hinunter. »He, Haus-knecht!« rief er, als er in die Toreinfahrt gekommen war.

Einige Leute standen unmittelbar vor dem Eingang auf der Straße und gafften die Vorübergehenden an; es waren die zwei Hausknechte, eine Frau, ein Kleinbürger im Schlaf-rock und noch jemand. Raskolnikow ging geradeswegs auf sie zu.

»Sie wünschen?« fragte einer der beiden Hausknechte.

»Warst du im Polizeirevier?«

»Gerade jetzt. Was wollen Sie?«

»Sind die Beamten noch dort?«

»Ja.«

»Auch der Stellvertreter des Inspektors?«

»Der war eine Zeitlang da. Was wollen Sie?«

Raskolnikow antwortete nicht und blieb in Gedanken ver-sunken neben ihnen stehen.

»Er wollte sich die Wohnung ansehen«, sagte der ältere Ar-beiter und trat näher.

»Welche Wohnung?«

»In der wir arbeiten. ,Weshalb habt ihr das Blut wegge-waschen?' fragte er. ,Hier ist ein Mord begangen worden, und ich bin gekommen, die Wohnung zu mieten.' Und er hat so wild an der Glocke gezogen, daß er sie fast abgerissen hätte. ,Gehen wir aufs Revier; dort will ich alles sagen.' Er war geradezu aufdringlich!«

- 222 -

Staunend und mit gerunzelter Stirn musterte der Haus-knecht Raskolnikow.

»Wer sind Sie denn?« fragte er grob.

»Ich bin Rodion Romanytsch Raskolnikow, ehemaliger Student, und lebe im Hause Schul, dort in der Gasse, nicht weit von hier, in Wohnung Nr. 14. Du brauchst nur den Haus-knecht zu fragen ... Er kennt mich.« Raskolnikow sagte das alles in eigentümlich trägem Ton, beinahe nachdenklich, ohne sich umzuwenden, und blickte dabei unverwandt auf die dunkel gewordene Straße.

»Und warum sind Sie in die Wohnung gegangen?«

»Sie anzusehen.«

»Was gibt es denn dort zu sehen?«

»Man sollte ihn packen und aufs Revier führen!« mischte sich plötzlich der Kleinbürger ein und verstummte wieder.

Raskolnikow sah ihn über die Schulter an, betrachtete ihn aufmerksam und sagte dann ebenso leise und träge: »Gehen wir!«

»Führt ihn nur hin!« rief der Kleinbürger, der inzwischen Mut gefaßt hatte. »Warum hat er danach gefragt, was hat er im Sinn, he?«

»Besoffen ist er anscheinend nicht. Der liebe Gott mag wissen, was mit ihm los ist«, murmelte der Arbeiter.

»Was wollen Sie?« rief der Hausknecht abermals und be-gann jetzt ernstlich zornig zu werden. »Was gibst du denn keine Ruhe?«

»Du hast wohl Angst, mit aufs Revier zu kommen?« fragte Raskolnikow höhnisch.

»Warum Angst? Was willst du eigentlich?«

»So ein Spitzbube!« rief die Frau.

»Warum lange mit ihm reden!« schrie der zweite Haus-knecht, ein Riese von einem Mann, in weit geöffnetem Wams, den Schlüsselbund am Gürtel. »Scher dich weg! ... du Spitz-bube, du ... Marsch!«

Er packte Raskolnikow an der Schulter und schleuderte ihn auf die Straße. Raskolnikow überschlug sich beinahe, stürzte aber nicht, sondern richtete sich auf, betrachtete schweigend alle die Zuschauer und ging weiter.

- 223 -

»Ein wunderlicher Kerl«, meinte der Arbeiter.

»Die meisten sind heutzutage wunderlich«, erwiderte die Frau.

»Man hätte ihn doch zur Polizei führen sollen«, fügte der Kleinbürger hinzu.

»Weshalb die Scherereien!« fand der zweite Hausknecht. »Ein richtiger Strolch! Erst fordert er einen selber heraus, natürlich, wie es immer ist; wenn man sich aber darauf ein-läßt, kommt man aus der Geschichte nicht mehr heraus ... Das kennt man schon!«

Soll ich also hingehen oder nicht? dachte Raskolnikow. Er blieb mitten auf einer Kreuzung stehen und blickte sich rings um, als erwartete er von jemandem das entscheidende Wort. Aber von niemandem und von nirgends hörte er eine Ant-wort; alles war öde und tot wie die Steine, auf denen er schritt, tot für ihn, für ihn allein ... Plötzlich unterschied er in etwa zweihundert Schritt Entfernung am Ende der Straße in dem immer dichter werdenden Dunkel einen Men-schenauflauf, hörte lautes Sprechen und Rufen ... Mitten un-ter den Leuten stand eine Equipage ... ein Licht blitzte auf. Was ist das? Raskolnikow wandte sich nach rechts und ging auf die Menge zu. Er klammerte sich gewissermaßen an alles und lachte kalt, als ihm das klar wurde; denn er war schon fest entschlossen, zur Polizei zu gehen, und wußte genau, daß alles gleich zu Ende sein werde.

7

Mitten auf der Straße stand ein eleganter herrschaftlicher Wagen, mit einem Paar feuriger Grauschimmel bespannt; der Wagen war leer, und der Kutscher, der vom Bock gestiegen war, stand daneben; Leute hielten die Pferde am Zaum. Ringsum drängten sich eine Menge Menschen, allen voran Polizisten. Einer von ihnen hatte eine Laterne angezündet, hielt sie in der Hand und beleuchtete damit, indem er sich bückte, etwas, das neben den Rädern auf dem Pflaster lag. Alle redeten, schrien und jammerten durcheinander; der Kutscher

- 224 -

schien verwundert zu sein und wiederholte immer von neuem: »Was für ein Unglück! Du lieber Gott, was für ein Unglück!«

Raskolnikow drängte sich durch, so gut er konnte, und entdeckte schließlich den Gegenstand all dieser neugierigen Geschäftigkeit. Auf der Erde lag ein Mann, den die Pferde eben erst zu Boden getreten hatten. Er war ohne Bewußtsein, seine Kleidung machte einen schäbigen, wenngleich »vor-nehmen« Eindruck und war voll Blut. Gesicht und Kopf waren blutüberströmt; sein Gesicht war ganz zerschlagen, ge-schunden und entstellt. Man sah, daß seine Verletzungen sehr ernst waren.

»Du lieber Himmel!« leierte der Kutscher. »Ist's denn meine Schuld? Ja, wenn ich schnell gefahren wäre oder wenn ich nicht gerufen hätte, aber ich fuhr langsam und gemächlich. Alle haben es gesehen, und Volkes Stimme ist Gottes Stimme. Aber ein Betrunkener ist ja nicht zurechnungsfähig ... das weiß man doch! ... Da sah ich ihn, wie er über die Straße ging; er torkelte und fiel beinahe hin; ich schrie ihn an; ich schrie ein zweites Mal und ein drittes Mal und hielt die Pferde zurück; aber er fiel ihnen gerade vor die Hufe. Als hätte er es mit Absicht getan, oder weil er eben so betrunken war ... Die Pferde sind jung und schreckhaft; sie gingen hoch, er schrie, und da traten sie ihn nieder ... und das Unglück war passiert!«

»Das stimmt haargenau!« rief ein Zeuge aus der Menge.

»Er hat gerufen, das ist richtig; dreimal hat er ihn ange-rufen«, bestätigte eine zweite Stimme.

»Genau dreimal; alle haben es gehört!« schrie ein dritter.

Übrigens war der Kutscher nicht allzu betrübt oder er-schrocken. Man sah, daß die Equipage einem reichen, ange-sehenen Mann gehören mußte, der wohl irgendwo auf sie wartete; und die Polizisten machten sich natürlich keine ge-ringe Sorge, wie sie diesem Umstand Rechnung tragen soll-ten. Es galt nun, den Verletzten auf das Polizeirevier und ins Krankenhaus zu schaffen. Niemand kannte seinen Namen.

Indes hatte sich Raskolnikow durchgedrängt und zu dem Mann hinabgebeugt. Plötzlich beleuchtete die Laterne hell das Gesicht des Unglücklichen, und Raskolnikow erkannte ihn.