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»Ich kenne ihn, ich kenne ihn!« rief er, während er sich ganz nach vorn durchquetschte. »Er ist ein ehemaliger Beam-ter, der Titularrat Marmeladow! Er wohnt hier in der Nähe, im Hause Kosel ... Rasch einen Arzt! Ich zahle es, hier!« Er zog Geld aus der Tasche und zeigte es einem Polizisten. Er war außerordentlich erregt.

Die Polizisten waren froh, daß sie nunmehr wußten, wer der Verletzte war. Raskolnikow nannte auch seinen Namen und gab seine Adresse an und sprach leidenschaftlich, als handelte es sich um seinen leiblichen Vater, auf die Leute ein, den bewußtlosen Marmeladow so rasch wie möglich in des-sen Wohnung zu bringen.

»Es ist gleich hier, drei Häuser weiter«, sagte er geschäftig, »im Hause Kosel; es gehört einem reichen Deutschen ... Wahr-scheinlich ging er gerade betrunken heim. Ich kenne ihn ... er ist ein Trinker ... dort wohnt seine Familie, seine Frau, die Kinder, und dann ist noch eine Tochter da .. . Wozu ihn ins Krankenhaus schleppen; in seinem Hause gibt es gewiß einen Arzt! Ich zahle alles, alles! ... Dort kann ihn seine Familie pflegen, und man kann ihm gleich hel-fen; sonst stirbt er womöglich noch auf dem Weg zum Kran-kenhaus ...«

Er brachte es sogar fertig, dem Polizisten unbemerkt Geld zuzustecken; die Sache war übrigens klar und gesetzmäßig, und jedenfalls konnte auf diese Art rascher Hilfe zur Stelle sein. Man hob den Verletzten auf und trug ihn weg; es hatten sich freiwillige Helfer gefunden. Bis zum Hause Kosel war es etwa dreißig Schritt weit. Raskolnikow ging hinterdrein, wo-bei er behutsam den Kopf Marmeladows stützte und den Trägern den Weg wies.

»Dorthin, dorthin! Über die Treppe müssen Sie ihn mit dem Kopf voran tragen; drehen Sie sich um ... so ist's recht! Ich werde alles bezahlen, ich werde mich erkenntlich zeigen«, murmelte er.

Katerina Iwanowna hatte, wie stets, sobald sich nur eine freie Minute fand, begonnen, in ihrem kleinen Zimmer auf und ab zu gehen, vom Fenster zum Ofen und zurück, die Arme fest über der Brust verschränkt, während sie mit sich

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selber sprach und hustete. In letzter Zeit hatte sie immer mehr die Gewohnheit angenommen, mit ihrem ältesten Töch-terchen zu reden, mit der zehnjährigen Polenka, die zwar vieles noch nicht verstand, aber dafür sehr gut begriff, was die Mutter brauchte; sie beobachtete sie daher unaufhörlich mit ihren großen klugen Augen und bemühte sich krampf-haft, so zu tun, als verstünde sie alles. Jetzt hatte Polenka ihren kleinen Bruder ausgezogen, dem den ganzen Tag nicht recht wohl gewesen war, und wollte ihn ins Bett bringen. Während der Knabe darauf wartete, daß man ihm das Hemd wechsle, das noch in der Nacht gewaschen werden sollte, saß er schweigend auf seinem Stuhl, mit ernster Miene, aufrecht und regungslos, und hielt die eng aneinandergepreßten Bein-chen ausgestreckt, die Fersen nach vorn und die Fußspitzen nach außen gekehrt. Er hörte, was seine Mama zu dem Schwesterchen sprach, schob die Lippen vor, riß die Augen auf und rührte sich nicht, genauso wie alle braven Kinder sitzen sollen, wenn man sie auszieht, um sie zu Bett zu brin-gen. Ein Mädchen, noch jünger als er, stand in völlig zerris-senen Kleidern bei dem Wandschirm und wartete darauf, daß sie an die Reihe käme. Die Tür zur Treppe war offen, damit der Tabakqualm, der aus den anderen Räumen her-eindrang und die arme Schwindsüchtige jeden Augenblick zwang, lange und qualvoll zu husten, wenigstens zum Teil abzog. Katerina Iwanowna schien in dieser einen Woche noch magerer geworden zu sein, und die roten Flecke auf ihren Wangen brannten noch hektischer als sonst.

»Du glaubst nicht, kannst dir nicht vorstellen, Polenka«, sprach sie, während sie im Zimmer auf und ab ging, »wie fröhlich und üppig wir im Hause meines Vaters lebten und wie dieser Trunkenbold mich zugrunde gerichtet hat und euch alle zugrunde richten wird! Papa war Zivilbeamter im Rang eines Obersten, beinahe schon Gouverneur; bis dahin war es nur noch ein Schritt, so daß alle Leute zu ihm kamen und sagten: ,Wir halten Sie ja jetzt schon für unseren Gou-verneur, Iwan Michailytsch.' Als ich . . . ich ... als ich ... kch-kch-kch ... oh, du verfluchtes Leben!« rief sie, hustete Schleim und griff sich an die Brust... »als mich ... als mich

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auf dem letzten Ball ... im Hause des Adelsmarschalls ... die Fürstin Bessemelnaja sah – die mich später segnete, als ich deinen Papa heiratete, Polja –, fragte sie gleich: ,Ist das nicht jenes hübsche Mädchen, das bei der Schlußfeier mit dem Schal getanzt hat?' ... Du mußt diese Naht flicken; nimm eine Nadel und bessere sie gleich aus, wie ich es dich gelehrt habe, sonst wird sie morgen ... kch! ... morgen ... kch-kch-kch! ... noch mehr aufreißen!« schrie sie, nach Atem ringend. »Damals war aus Petersburg gerade der Kammer-junker Fürst Stschegolskij gekommen ... der tanzte mit mir eine Mazurka und machte mir am nächsten Tage einen Hei-ratsantrag; aber ich dankte ihm in schmeichelhaften Aus-drücken und erklärte ihm, daß mein Herz schon lange einem anderen gehöre. Dieser andere war dein Vater, Polja; Papa wurde schrecklich zornig . .. Ist das Wasser fertig? Na, gib das Hemd her; und die Strümpfe? ... Lida«, wandte sie sich an ihre kleinere Tochter, »du mußt heute nacht wohl ohne Hemd schlafen; irgendwie wird es schon gehen ... die Strümpfe leg daneben . . . ich werde sie gleich mitwaschen ... Warum kommt denn dieser Lumpenkerl noch nicht, dieser Säufer! Sein Hemd sieht schon aus wie ein Scheuerlappen; es ist ganz zerrissen. Ich möchte alles auf einmal waschen, um mich nicht zwei Nächte hintereinander abrackern zu müssen! O Gott! Kch-kch-kch-kch! Schon wieder! Was ist das?« rief sie, als sie einen Menschenauflauf im Flur sah und Leute, die sich mit einer Last in ihr Zimmer durchdrängten. »Was ist das? Was tragen sie da? O Gott!«

»Wohin können wir ihn legen?« fragte ein Polizist und hielt Umschau, als man den blutüberströmten, bewußtlosen Marmeladow in das Zimmer geschleppt hatte.

»Auf den Diwan! Legen Sie ihn einfach auf den Diwan, den Kopf hierher«, sagte Raskolnikow und zeigte darauf hin.

»Er ist auf der Straße überfahren worden! Betrunken war er!« rief jemand aus der Menge.

Katerina Iwanowna war ganz bleich geworden und at-mete mühsam. Die Kinder waren fürchterlich erschrocken. Die kleine Lidotschka schrie auf, lief zu Polenka hin und klammerte sich an sie, am ganzen Leibe zitternd.

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Nachdem man Marmeladow hingelegt hatte, eilte Raskol-nikow zu Katerina Iwanowna.

»Um Gottes willen, beruhigen Sie sich, haben Sie keine Angst!« sprach er rasch. »Er ging über die Straße; ein Wagen stieß ihn nieder; beunruhigen Sie sich nicht; er kommt wieder zu sich; ich ließ ihn hierhertragen ... ich war ja schon ein-mal bei Ihnen, wissen Sie noch? ... Er wird zu sich kommen; ich zahle alles!«

»Jetzt hat er es erreicht!« rief Katerina Iwanowna ver-zweifelt und stürzte zu ihrem Mann.

Raskolnikow bemerkte rasch, daß sie nicht zu jenen Frauen zählte, die gleich in Ohnmacht fallen. Im Augenblick hatte der Unglückliche ein Kissen unter dem Kopf, woran bisher niemand gedacht hatte; Katerina Iwanowna entkleidete und untersuchte ihn; bei aller Geschäftigkeit geriet sie nicht in Verwirrung; sie hatte sich selbst vergessen und biß sich auf die zitternden Lippen, um die Schreie zu unterdrücken, die sich ihrer Brust entringen wollten.

Raskolnikow hatte indes jemanden überredet, zu einem Arzt zu eilen. Es stellte sich heraus, daß im übernächsten Haus ein Arzt wohnte.

»Ich habe nach einem Arzt geschickt«, sprach er auf Ka-terina Iwanowna ein, »beunruhigen Sie sich nicht; ich werde es bezahlen. Haben Sie kein Wasser da? ... Und geben Sie mir eine Serviette, ein Handtuch, rasch, irgend etwas; wir wissen noch nicht, wie schwer er verletzt ist ... Er ist ver-letzt, aber nicht tot, seien Sie überzeugt davon ... Warten wir ab, was der Arzt sagt!...«