Выбрать главу

»Gottlob, der Arzt!« rief Raskolnikow erfreut.

Der Arzt trat ein, ein adrettes altes Männchen, ein Deut-scher; er sah sich mißtrauisch um, ging zu dem Kranken, fühlte ihm den Puls, betastete ihm aufmerksam den Kopf und knöpfte mit Katerina Iwanownas Hilfe das von Blut ganz durchtränkte Hemd auf, um die Brust des Patienten freizumachen. Die ganze Brust Marmeladows war eingedrückt, gequetscht und aufgerissen; einige Rippen auf der rechten Seite waren gebrochen. Links, gerade über dem Herzen, sah man einen großen, gelblich-schwarzen, unheimlichen Fleck, den harten Tritt eines Hufes. Der Doktor runzelte die Stirn. Der Polizist erzählte ihm, daß der Verletzte von einem Rad erfaßt und etwa dreißig Schritt weit über das Pflaster ge-schleift worden sei.

»Erstaunlich, daß er noch einmal zu sich gekommen ist«, flüsterte der Arzt Raskolnikow zu.

»Was halten Sie davon?« fragte der.

»Er macht's nicht mehr lange.«

»Besteht wirklich keine Hoffnung mehr?«

»Nicht die geringste! Er liegt im Sterben ... Außerdem ist er auch am Kopf lebensgefährlich verletzt ... Hm! ...

- 233 -

Man könnte ihn vielleicht noch zur Ader lassen ... Aber ... das wird nichts mehr nützen. In fünf oder zehn Minuten stirbt er ohne Zweifel.«

»So lassen Sie ihn doch zur Ader!«

»Bitte ... Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es völlig zwecklos ist.«

In diesem Augenblick waren Schritte zu hören; die Menge im Flur wich auseinander, und in die Tür trat ein Priester mit dem Allerheiligsten, ein grauhaariger alter Mann. Ihm folgte ein Polizist von der Straße. Der Doktor räumte dem Geistlichen sogleich den Platz und tauschte mit ihm einen bedeutsamen Blick. Raskolnikow bat den Arzt, noch ein we-nig zu warten. Der zuckte die Achseln und blieb.

Alle waren zur Seite getreten. Die Beichte dauerte nicht lange. Der Sterbende verstand kaum noch etwas; er ver-mochte auch nur abgerissene, undeutliche Laute hervorzu-bringen. Katerina Iwanowna nahm Lidotschka bei der Hand, hob den Jungen vom Stuhl, ging in die Ecke zum Ofen, kniete nieder und ließ die Kinder vor sich knien. Das Mädchen zitterte nur; der Knabe aber, auf nackten Knien, hob ge-messen die Hand, machte das große Kreuzeszeichen, verneigte sich tief und schlug mit der Stirn auf den Boden, was ihm sichtliches Vergnügen bereitete. Katerina Iwanowna biß sich auf die Lippen und hielt ihre Tränen zurück; auch sie betete, wobei sie von Zeit zu Zeit einem Kind das Hemdchen zurecht-schob und einmal dem Mädchen ein Tuch über die allzu nack-ten Schultern warf, das sie von der Kommode genommen hatte, ohne aufzustehen oder ihr Gebet zu unterbrechen. In-dessen wurde die Tür zu den inneren Zimmern wieder von Neugierigen geöffnet. Im Flur drängten sich die Zuschauer dichter und dichter zusammen, alle Hausbewohner waren zu-sammengelaufen; sie taten jedoch keinen Schritt über die Schwelle des Zimmers. Nur ein Kerzenstummel beleuchtete die ganze Szene.

In diesem Augenblick drängte sich Polenka, die zu der Schwester gelaufen war, rasch durch die Schar, die sich im Hausflur versammelt hatte. Sie trat ein, atemlos vom Laufen, nahm das Kopftuch ab, suchte mit den Blicken die Mutter,

- 234 -

ging zu ihr hin und sagte: »Sie kommt! Ich bin ihr auf der Straße begegnet!« Ihre Mutter drückte sie neben sich auf die Knie. Durch die Leute zwängte sich jetzt leise und schüchtern ein Mädchen, und ihr plötzliches Erscheinen in diesem Zim-mer, in dieser Bettelarmut, unter diesen Lumpen, angesichts des Todes und der Verzweiflung, war seltsam. Auch sie trug erbärmliches Zeug; ihre Kleidung war keinen Groschen wert; aber sie war nach der Art der Straßenmädchen aufgeputzt, nach dem Geschmack und den Regeln, die sich in ihrer be-sonderen Welt zu einem klar und schmachvoll zur Schau ge-tragenen Zweck herausgebildet haben. Sonja blieb unmittelbar vor der Schwelle im Flur stehen, überschritt sie aber nicht und blickte wie verloren vor sich hin, ohne sich irgendwelcher Dinge bewußt zu werden. Ebensowenig dachte sie an ihr aus vierter Hand gekauftes, hier ziemlich anstößig wirkendes bun-tes Seidenkleid mit der überlangen, lächerlichen Schleppe, an ihre riesenhafte Krinoline, die die ganze Tür ausfüllte, an ihre hellen Schuhe, an den kleinen Sonnenschirm, den sie nachts nicht brauchte, den sie aber mitgenommen hatte, und an den komischen runden Strohhut mit der grellen, feuerfarbenen Feder. Unter diesem knabenhaft schief aufgesetzten Hut sah ein mageres, blasses, erschrecktes Gesichtchen hervor, mit offenem Mund und entsetzensstarren Augen. Sonja war von zierlichem Wuchs, etwa achtzehn Jahre alt, eine magere, aber recht hübsche Blondine mit auffallenden blauen Augen. Starr blickte sie auf das Bett, auf den Priester; auch sie war atemlos vom raschen Gehen. Endlich schienen das Zischeln und einige Worte aus der Menge zu ihr gedrungen zu sein. Sie blickte zu Boden, tat einen Schritt über die Schwelle und stand nun im Zimmer, aber immer noch dicht bei der Tür.

Die Beichte und die Kommunion waren zu Ende. Katerina Iwanowna trat aufs neue an das Bett ihres Mannes. Der Geistliche tat einen Schritt zur Seite und wollte im Weggehen Katerina Iwanowna zwei Worte sagen, um sie aufzurichten und zu trösten.

»Und was mache ich mit denen hier?« unterbrach sie ihn schroff und gereizt, während sie auf die Kleinen wies.

- 235 -

»Gott ist gnädig; hoffen Sie auf die Hilfe des Allmäch-tigen«, begann der Geistliche.

»Ach! Gnädig ... aber nicht zu uns!«

»Das ist eine Sünde, meine Dame, eine Sünde«, erwiderte der Priester kopfschüttelnd.

»Und das ist keine Sünde?« rief Katerina Iwanowna und zeigte auf den Sterbenden.

»Vielleicht werden sich jene, die ohne ihr Wollen Ursache des Unglücks waren, bereit erklären, Sie zu entschädigen, und sei es auch nur, daß sie Ihnen den Verlust an Einkünften ersetzen ...«

»Sie verstehen mich nicht!« rief Katerina Iwanowna gereizt und winkte ab. »Wofür denn entschädigen? Er ist doch selber, betrunken, wie er war, in die Pferde gelaufen! Und was für Einkünfte? Von ihm hatte ich keine Einkünfte, ich hatte nur Ärger mit ihm. Er hat doch alles vertrunken, dieser Säufer! Uns bestahl er und trug das Geld in die Kneipen. Das Leben der Kinder und das meine hat er in den Schenken zugrunde gerichtet! Gottlob, daß er stirbt! So haben wir weniger Schaden!«

»In der Sterbestunde muß man einem Menschen vergeben; so zu denken ist eine Sünde, gnädige Frau, eine große Sünde!«

Katerina Iwanowna war geschäftig um den Kranken be-müht; sie gab ihm zu trinken, wischte ihm den Schweiß und das Blut vom Kopf, schob seine Kissen zurecht und sprach da-bei mit dem Priester, zu dem sie sich hin und wieder während ihrer Arbeit umwenden konnte. Jetzt fiel sie plötzlich fast wütend über ihn her.

»Ach, Hochwürden! Das sind Worte, nur Worte! Vergeben! Wäre er nicht überfahren worden, er wäre heute betrunken heimgekommen, und er hat nur ein einziges Hemd, ganz abgetragen und in Fetzen, und er hätte sich hingeworfen, um zu schnarchen, und ich hätte bis zum Morgengrauen seine Fetzen und die der Kinder im Wasser spülen können, um sie dann am Fenster zu trocknen und mich gleich zum frühen Morgen hinzusetzen und sie zu stopfen – das wäre meine Nacht gewesen! ... Was für einen Sinn hat es, da von Vergebung zu reden! Auch das habe ich ihm vergeben!«

- 236 -

Ein heftiger, furchtbarer Hustenanfall unterbrach sie. Sie hustete in ihr Taschentuch und hielt es dann dem Priester hin, um es ihm zu zeigen, während sie unter Schmerzen die an-dere Hand gegen die Brust preßte. Das Tuch war ganz voll Blut ...

Der Priester neigte den Kopf und sagte nichts.

Marmeladow lag im letzten Todeskampf; er wandte den Blick nicht vom Antlitz Katerina Iwanownas, die sich wieder über ihn gebeugt hatte. Die ganze Zeit wollte er ihr etwas sagen; er setzte immer wieder an, bewegte angestrengt die Zunge und lallte unverständliche Worte; aber Katerina Iwa-nowna hatte bereits begriffen, daß er sie um Verzeihung bitten wollte, und herrschte ihn an: »Halt den Mund! Das ist nicht nötig! Ich weiß, was du sagen willst! ...«