Выбрать главу

Der Kranke verstummte; aber im selben Moment fiel sein irrender Blick auf die Tür, und er bemerkte Sonja.

Bisher hatte er sie noch nicht gesehen: sie stand in der Ecke, im Schatten.

»Wer ist das? Wer ist das?« stieß er plötzlich keuchend und mit heiserer Stimme hervor, während er in tiefer Unruhe und voll Entsetzen mit dem Blick auf die Tür wies, wo seine Tochter stand; mühsam versuchte er sich aufzurichten.

»Bleib liegen! Bleib liegen!« schrie Katerina Iwanowna.

Aber er vermochte sich mit gewaltsamer Anstrengung, auf den Arm gestützt, aufzurichten. Wie von Sinnen starrte er eine Zeitlang seine Tochter an, als ob er sie nicht erkennte. Er hatte sie noch nie in dieser Kleidung gesehen. Plötzlich er-kannte er sie, wie sie, gedemütigt, geschlagen, herausgeputzt und voll Scham, still darauf wartete, daß an sie die Reihe komme, von dem sterbenden Vater Abschied zu nehmen. Unendliches Leid malte sich in seinen Zügen.

»Sonja! Tochter! Verzeih!« rief er und wollte ihr die Hand entgegenstrecken, doch er verlor das Gleichgewicht und fiel vom Diwan, das Gesicht zur Erde; man stürzte zu ihm hin, hob ihn auf und legte ihn wieder zurecht, doch der Tod umfing ihn bereits. Sonja schrie leise auf, lief zu ihm, schlang ihre Arme um ihn und erstarrte in dieser Haltung. Er starb in ihren Armen.

- 237 -

»Jetzt hat er es geschafft!« rief Katerina Iwanowna, als sie sah, daß ihr Mann tot war. »Was soll ich nun anfangen?! Wovon ihn begraben lassen? Und was soll ich ihnen, was soll ich ihnen morgen zu essen geben?«

Raskolnikow trat auf Katerina Iwanowna zu.

»Katerina Iwanowna!« sagte er, »vorige Woche hat mir Ihr dahingegangener Mann sein ganzes Leben berichtet, mit allen näheren Einzelheiten ... Seien Sie überzeugt, daß er von Ihnen mit Begeisterung und Ehrfurcht gesprochen hat. An diesem Abend, als ich erfuhr, wie ergeben er Ihnen allen war und wie er besonders Sie, Katerina Iwanowna, un-geachtet seiner unglücklichen Schwäche, achtete und liebte – an diesem Abend wurden wir Freunde. Erlauben Sie mir also jetzt ... Ihnen behilflich zu sein ... meinem verewigten Freund die letzten Ehren zu erweisen. Hier haben Sie .. . es dürften zwanzig Rubel sein ... Und wenn es Ihnen eine Hilfe bedeutet, bin ich ... mit einem Wort, ich werde wiederkommen – ich werde gewiß wiederkom-men ... Vielleicht komme ich schon morgen ... Leben Sie wohl!«

Er eilte aus dem Zimmer und drängte sich rasch durch die Menschen, die auf der Treppe standen. Da stieß er plötzlich mit Nikodim Fomitsch zusammen, der von dem Unfall er-fahren hatte und nun persönlich nach dem Rechten sehen wollte. Seit jener Szene in der Kanzlei waren sie einander nicht mehr begegnet, doch Nikodim Fomitsch erkannte ihn sofort.

»Ah, Sie sind das?« fragte er.

»Er ist tot«, erwiderte Raskolnikow. »Ein Arzt war hier, ein Priester ... alles, wie es sich gehört. Beunruhigen Sie die arme Frau nicht; sie ist außerdem noch schwindsüchtig. Er-mutigen Sie sie, wenn Sie das irgendwie können ... Sie sind ja ein guter Mensch, das weiß ich ...« fügte er lächelnd hinzu und sah ihm gerade in die Augen.

»Sie haben sich ganz blutig gemacht«, bemerkte Nikodim Fomitsch, der beim Licht der Laterne einige frische Flecke auf Raskolnikows Weste entdeckte.

»Ja, ich habe mich blutig gemacht ... ich bin ganz voll

- 238 -

Blut!« antwortete Raskolnikow mit einer sonderbaren Miene; dann lächelte er, nickte und stieg die Treppe hinab.

Er ging ruhig, ohne Hast, ganz im Fieber und – ohne sich dessen bewußt zu werden – erfüllt von dem neuen, unfaß-baren Gefühl, daß plötzlich das Leben in hohen, mächtigen Wogen auf ihn zubrandete. Dieses Gefühl mochte dem Gefühl eines zum Tode Verurteilten ähneln, dem plötzlich und uner-wartet die Begnadigung verkündet wird. Auf halber Treppe überholte ihn der Priester, der auf dem Heimweg war; Ras-kolnikow machte ihm schweigend den Weg frei, nachdem er mit ihm einen wortlosen Gruß getauscht hatte. Doch als er schon die letzten Stufen hinabstieg, hörte er auf einmal hin-ter sich hastige Schritte. Jemand eilte ihm nach. Es war Polenka; sie lief hinter ihm her und rief: »Hören Sie! Hören Sie!«

Er wandte sich zu ihr um. Sie lief den letzten Treppenab-satz herunter und blieb eine Stufe über ihm stehen. Vom Hof drang trübes Licht herein. Raskolnikow sah, wie mager, aber trotzdem hübsch das Gesichtchen des Mädchens war, das ihm zulächelte und ihn kindlich-strahlend ansah. Sie war mit einem Auftrag gekommen, der ihr offenbar selber große Freude machte.

»Hören Sie; wie heißen Sie nur? Und noch etwas: wo woh-nen Sie?« fragte sie atemlos.

Er legte ihr beide Hände auf die Schultern und blickte sie glücklich an. Es tat ihm so wohl, sie anzuschauen – er wußte selbst nicht warum.

»Wer hat Sie geschickt?«

»Meine Schwester Sonja«, antwortete das Mädchen und lächelte noch freudiger.

»Ich wußte ja, daß Ihre Schwester Sonja Sie geschickt hat.«

»Mich schickt auch Mama. Als meine Schwester Sonja mir den Auftrag gab, kam Mama dazu und sagte: ,Lauf rasch, Polenka!'«

»Lieben Sie Ihre Schwester Sonja?«

»Ich liebe sie mehr als alles auf der Welt!« erwiderte Po-lenka mit einer besonderen Festigkeit, und ihr Lächeln war plötzlich ernster geworden.

- 239 -

»Und werden Sie auch mich liebhaben?«

Er sah, wie statt einer Antwort das Gesichtchen der Kleinen sich ihm näherte und wie die vollen Lippen sich naiv vor-wölbten, um ihn zu küssen. Plötzlich umfingen ihn ihre streichholzdünnen Arme fest, sehr fest; ihr Kopf neigte sich an seine Schulter, und das Mädchen begann leise zu weinen, während sie das Gesicht immer enger an ihn schmiegte.

»Es tut mir leid um Papa!« sagte sie nach einer Minute, während sie ihr verweintes Gesicht hob und sich mit den Händen die Tränen wegwischte. »Bei uns kommt jetzt ein Unglück nach dem andern«, fügte sie dann unerwartet hinzu, mit jener gemacht würdevollen Miene, wie Kinder sie auf-setzen, wenn sie reden wollen wie »die Großen«.

»Und hat Ihr Papa Sie liebgehabt?«

»Er liebte Lidotschka mehr als uns alle«, sprach sie sehr ernst, und ohne zu lächeln, weiter, jetzt schon ganz so, wie Erwachsene reden. »Er liebte sie, weil sie klein war, und dann auch noch ihrer Krankheit wegen; er brachte ihr immer Geschenke mit, und uns lehrte er lesen, und mich unterrichtete er in Grammatik und Religion«, fügte sie würdevoll hinzu. »Mama sagte zwar nichts, aber wir wußten, daß sie das gern sah, und Papa wußte es auch, und Mama will mich im Fran-zösischen unterrichten; es ist doch schon Zeit, daß ich mir Bildung aneigne.«

»Und können Sie auch beten?«

»Ei freilich können wir das! Schon lange. Seit ich groß bin, bete ich für mich allein, aber Kolja und Lidotschka beten gemeinsam laut mit Mama; zuerst sprechen sie die ,Gottes-mutter' und dann noch ein Gebet: ,Lieber Gott, vergib un-serer Schwester Sonja und segne sie', und dann noch: ,Lie-ber Gott, vergib unserem zweiten Papa und segne ihn'; denn unser früherer Papa ist schon gestorben, und dieser hier war der zweite, aber wir beten auch für den ersten.«

»Polenka, ich heiße Rodion; beten Sie manchmal auch für mich: ,Und vergib deinem Knecht Rodion' und sonst nichts.«

»Mein ganzes Leben lang will ich künftig für Sie beten«, antwortete das Mädchen leidenschaftlich, lachte plötzlich wie-

- 240 -

der auf, stürzte auf ihn zu und umarmte ihn innig ein zweitesmal.