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sagen Sie nun?' Glänzend! Jetzt ist er zerschmettert, ver-nichtet! Du bist ein Meister, weiß Gott; so muß man mit die-sen Leuten umgehen! Ach, daß ich nicht dabei war! Er hat heute abend sehr auf dich gewartet. Porfirij möchte dich ebenfalls kennenlernen ...«

»Ah ... auch der noch ... Und warum hält man mich für verrückt?«

»Nicht gerade für verrückt. Mir scheint, mein Lieber, ich habe dir etwas zuviel vorgeschwatzt ... Weißt du, Sosimow wurde heute stutzig, weil dich nur dieser eine Punkt inter-essiert ... Jetzt ist es klar warum; wenn man alle Umstände kennt ... und in Betracht zieht, wie dich das damals gereizt hat und wie die ganze Geschichte mit deiner Krankheit zu-sammenfiel ... Ich bin ein wenig betrunken, mein Lieber, nur, zum Teufel, er hat da so seine eigenen Ideen ... Ich sage dir ja: er befaßt sich jetzt mit Geisteskrankheiten. Aber pfeif darauf ...«

Eine Weile schwiegen beide.

»Höre, Rasumichin«, nahm Raskolnikow das Gespräch wieder auf, »ich will es dir geradeheraus sagen: ich war eben bei einem Toten; ein ehemaliger Beamter ist gestorben ... ich habe all mein Geld hergegeben ... und außerdem hat mich soeben ein Wesen geküßt, das, selbst wenn ich jemanden er-schlagen hätte ... mit einem Wort, ich habe dort noch ein anderes Wesen gesehen ... mit einer feuerfarbenen Feder ... Ach, übrigens ist das alles nur ungereimtes Zeug; ich bin sehr schwach, stütze mich ... gleich kommt die Treppe.«

»Was hast du? Was hast du?« fragte Rasumichin besorgt.

»Ein wenig Schwindel; aber das spielt keine Rolle. Mir ist so traurig ums Herz, so traurig! ... wie einer Frau ... wahr-haftig! Aber sieh dort, was ist das? Sieh doch! Sieh!«

»Was soll sein?«

»Siehst du es denn nicht? In meinem Zimmer ist Licht, siehst du es nicht? Im Türspalt ...«

Sie befanden sich schon auf dem letzten Treppenabsatz, vor der Tür der Hauswirtin, und wirklich konnte man von unten bemerken, daß in Raskolnikows Zimmerchen Licht brannte.

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»Sonderbar! Vielleicht ist es Nastasja?« meinte Rasumichin.

»Um diese Zeit ist sie nie bei mir, bestimmt schläft sie schon lange; aber ... nun, mir gilt alles gleich! Leb wohl!«

»Was willst du? Ich bringe dich doch bis in dein Zimmer; wir gehen zusammen hinein!«

»Ich weiß, daß wir zusammen hineingehen, aber ich möchte dir schon hier die Hand drücken und hier von dir Abschied nehmen. Nun, gib mir die Hand; leb wohl!«

»Was hast du, Rodja?«

»Nichts ... gehen wir ... Du wirst Zeuge sein ...«

Sie stiegen die letzten Stufen hinauf, und Rasumichin dachte flüchtig, daß Sosimow vielleicht doch recht haben könnte. Ach! ich habe ihn mit meinem Geschwätz ganz durcheinan-dergebracht, überlegte er. Plötzlich hörten sie, als sie näher zu der Tür kamen, Stimmen in der Stube.

»Ja, was ist denn nur los?« rief Rasumichin.

Raskolnikow griff als erster nach der Klinke und riß die Tür weit auf; er riß sie auf und blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen.

Seine Mutter und seine Schwester saßen auf dem Diwan; sie warteten schon seit anderthalb Stunden. Warum hatte er nur gerade sie am allerwenigsten erwartet, gerade an sie am wenig-sten gedacht, trotz der heute nochmals wiederholten Nach-richt, daß sie abzureisen gedächten, unterwegs seien, gleich ankommen würden? Während dieser ganzen anderthalb Stunden hatten sie, wobei sie einander immer wieder ins Wort fielen, Nastasja ins Kreuzverhör genommen, die auch jetzt noch vor ihnen stand und ihnen schon alles bis zur klein-sten Kleinigkeit erzählt hatte. Sie wußten vor Schreck nicht aus noch ein, als sie hörten, daß er »heute davongelaufen« sei, krank und, wie aus dem Bericht hervorging, ganz gewiß im Delirium! »O Gott, was ist nur mit ihm!« Beide weinten, beide hatten in diesen anderthalb Stunden des Wartens wahre Folterqualen erduldet.

Ein freudiger Entzückensschrei begrüßte das Erscheinen Raskolnikows. Die beiden Frauen stürzten auf ihn zu. Aber er stand wie leblos da; eine plötzliche, unerträgliche Empfin-dung hatte ihn getroffen wie ein Blitz. Und seine Hände

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hoben sich nicht, die beiden Frauen zu umarmen – sie waren nicht fähig dazu. Mutter und Schwester drückten ihn an die Brust, küßten ihn, lachten, weinten ... Er tat einen Schritt, schwankte und fiel ohnmächtig zu Boden.

Unruhe, Schreie des Entsetzens, Stöhnen ... Rasumichin, der auf der Schwelle stehengeblieben war, flog ins Zimmer, packte mit seinen kraftvollen Armen den Kranken, und dieser lag einen Augenblick später auf dem Diwan.

»Es ist nichts, es ist nichts!« rief Rasumichin Mutter und Schwester zu. »Nur eine Ohnmacht; hat gar nichts zu be-deuten! Gerade vorhin erst hat der Arzt bestätigt, daß es ihm weit besser gehe, daß er bereits völlig gesund sei! Wasser! Da, sehen Sie, er kommt schon wieder zu sich, sehen Sie, er ist schon aufgewacht! ...«

Und er packte Dunjetschka so fest, daß er ihr beinahe die Hand ausrenkte, und zog sie zu sich her, damit sie sehe, wie ihr Bruder »schon aufgewacht« sei. Und Mutter und Schwester betrachteten Rasumichin wie die Vorsehung, voll Rührung und Dankbarkeit; sie hatten von Nastasja schon gehört, wie-viel dieser »geschickte junge Mann« – so nannte ihn am selben Abend Pulcheria Alexandrowna Raskolnikowa selber in einem vertraulichen Gespräch mit Dunja – für ihren Rodja während seiner ganzen Krankheit getan hatte.

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DRITTER TEIL

1

Raskolnikow richtete sich auf dem Diwan auf und setzte sich.

Er machte zu Rasumichin eine matte Handbewegung, da-mit dieser den Strom seiner zusammenhangslosen, leiden-schaftlichen Trostreden unterbreche, mit denen er Raskolni-kows Mutter und Schwester zusprach, nahm beide an der Hand und sah etwa zwei Minuten, ohne auch nur ein Wort zu sagen, bald die eine, bald die andere an. Die Mutter erschrak über seinen Blick. Es leuchtete ein bis zur Qual gesteigertes Gefühl aus ihm, doch zugleich lag etwas Starres, fast Irres darin. Pulcheria Alexandrowna brach in Tränen aus.

Awdotja Romanowna war blaß; ihre Hand zitterte in der des Bruders.

»Geht nach Hause mit ihm«, brachte Raskolnikow stockend hervor und zeigte auf Rasumichin. »Auf morgen also; alles weitere morgen ... Seid ihr schon lange da?«

»Seit heute abend, Rodja«, antwortete Pulcheria Alexan-drowna. »Der Zug hatte entsetzliche Verspätung. Aber ich gehe jetzt um keinen Preis von dir weg, Rodja! Ich über-nachte bei dir ...«

»Quälen Sie mich nicht!« erwiderte er und wehrte gereizt ab.

»Ich will bei ihm bleiben!« rief Rasumichin. »Keine Minute lasse ich ihn allein! Zum Teufel mit meinen Gästen; mögen sie die Wände hinaufklettern! Mein Onkel führt dort den Vorsitz.«

»Wie kann ich Ihnen danken, wie nur!« sagte Pulcheria Alexandrowna und drückte Rasumichin abermals die Hand; aber Raskolnikow unterbrach sie.

»Ich kann nicht, ich kann nicht«, wiederholte er gereizt; »quält mich nicht! Genug, geht jetzt . . . Ich kann nicht! ...«

»Kommen Sie, liebe Mama, verlassen wir wenigstens für

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einige Minuten das Zimmer«, flüsterte Dunja erschrocken. »Wir bringen ihn ja um; das sieht man doch!«

»Ach, darf ich ihn denn wirklich nicht einmal anschauen nach diesen drei Jahren!« rief Pulcheria Alexandrowna und brach in Tränen aus.