»Halt!« gebot er ihnen von neuem. »Ihr unterbrecht mich ständig, und meine Gedanken geraten durcheinander ... Habt ihr Luschin gesehen?«
»Nein, Rodja, aber er weiß schon von unserer Ankunft. – Wir haben gehört, Rodja, daß Pjotr Petrowitsch so gütig war, dich heute zu besuchen«, fügte Pulcheria Alexandrowna einigermaßen zaghaft hinzu.
»Ja ... er war so gütig ... Dunja, ich erklärte Luschin, ich würde ihn die Treppe hinunterwerfen, und schickte ihn zum Teufel ...«
»Rodja, was redest du da! Du willst doch gewiß ... nicht sagen ...« unterbrach ihn Pulcheria Alexandrowna erschrok-ken, hielt jedoch inne, als sie Dunja anschaute.
Awdotja Romanowna wandte keinen Blick von ihrem Bru-der und wartete, was er weiter sagen würde. Nastasja hatte sie von dem Streit schon unterrichtet, soweit sie imstande ge-wesen war, dem Gespräch zu folgen und es wiederzugeben, und der Zweifel und die Ungewißheit hatten Dunja gequält.
»Dunja«, fuhr Raskolnikow mühsam fort, »ich wünsche diese Ehe nicht, und darum mußt du morgen schon, beim ersten Wort, Luschin abweisen, daß er auf Nimmerwieder-sehen verschwindet.«
»O Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna.
»Bruder, bedenke, was du sagst!« fuhr Awdotja Roma-nowna auf, beherrschte sich jedoch gleich wieder. »Du bist jetzt vielleicht zu aufgeregt; du bist müde«, sagte sie sanft.
»Ich rede vielleicht gar im Fieber? Nein ... Du heiratest Luschin meinetwegen. Ich aber nehme dein Opfer nicht an. Und deshalb schreibe ihm morgen einen Brief ... mit der Absage ... Am Vormittag laß mich den Brief lesen, und fertig!«
»Das kann ich nicht!« rief das Mädchen beleidigt. »Mit welchem Recht ...«
»Dunjetschka, auch du bist aufgebracht, schweig jetzt da-von, morgen ... Siehst du denn nicht ...« entsetzte sich die Mutter und stürzte auf Dunja zu. »Ach, gehen wir doch lieber!«
»Er redet im Fieber!« schrie der betrunkene Rasumichin. »Wie könnte er es sonst wagen! ... Morgen sind ihm alle diese Flausen schon vergangen ... Aber heute hat er ihn wirklich hinausgeworfen. Das ist richtig. Nun, der andere wurde ganz böse . .. Er hielt hier große Reden, protzte mit seinen Kenntnissen, und dann ging er weg wie ein geprügelter Hund ...«
»Es ist also wahr?« rief Pulcheria Alexandrowna.
»Auf morgen, Bruder«, sagte Dunja teilnahmsvoll. »Kom-men Sie, liebe Mama ... Leb wohl, Rodja!«
»Hörst du, Schwester«, rief Raskolnikow ihr nach, indem er seine letzten Kräfte zusammennahm, »ich rede nicht im Fieber; diese Ehe ist eine Schurkerei. Mag ich ein Schurke sein, du darfst es nicht ... einer ist schon genug. Mag ich auch ein Schurke sein, ich könnte eine solche Schwester nicht mehr als Schwester betrachten. Entweder ich oder Luschin! Geht jetzt ...«
»Du bist ja verrückt geworden! Du Despot!« brüllte Ra-sumichin, doch Raskolnikow antwortete nichts und besaß viel-leicht auch nicht mehr die Kraft, zu antworten. Er lag auf dem Diwan und hatte sich in völliger Erschöpfung zur Wand gedreht. Awdotja Romanowna sah Rasumichin neu-gierig an; ihre schwarzen Augen funkelten; Rasumichin fuhr geradezu zusammen unter diesem Blick. Pulcheria Alexan-drowna stand betroffen dabei.
»Ich kann um keinen Preis weggehen!« flüsterte sie beinahe verzweifelt Rasumichin zu. »Ich bleibe hier, irgendwo ... Begleiten Sie Dunja.«
»Aber Sie verderben damit alles!« widersprach ebenfalls flüsternd Rasumichin, der außer sich geriet. »Gehen wir we-nigstens auf die Treppe. Nastasja, leuchte uns! Ich schwöre Ihnen«, fuhr er flüsternd fort, als sie schon auf der Treppe waren, »daß er mich und den Arzt vorhin beinahe verprügelt hätte! Können Sie das verstehen? Sogar den Arzt! Und der
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gab nach, um ihn nicht weiter zu reizen, und ging weg, und ich blieb unten, um auf ihn aufzupassen, er aber zog sich an und nahm Reißaus. Auch jetzt wird er heimlich verschwin-den, wenn Sie ihn reizen, mitten in der Nacht, und es kann ihm etwas zustoßen ...«
»Ach, was sagen Sie da!«
»Und auch Awdotja Romanowna kann nicht ohne Sie, al-lein, in dem Hotelzimmer bleiben! Bedenken Sie nur, wo Sie wohnen! Dieser elende Kerl Pjotr Petrowitsch konnte Ihnen kein besseres Quartier ... Übrigens müssen Sie wissen, daß ich ein wenig betrunken bin und ihn deshalb beschimpfe; kümmern Sie sich nicht ...«
»Ich werde zu der Hauswirtin gehen«, beharrte Pulcheria Alexandrowna, »und sie beschwören, daß sie mir und Dunja für diese Nacht ein Winkelchen einräumt. Ich kann ihn nicht so allein lassen, ich kann es nicht!«
Während sie sich so unterhielten, standen sie auf dem Trep-penabsatz, direkt vor der Tür der Hauswirtin. Nastasja, die über ihnen auf der Treppe stand, leuchtete ihnen. Rasumichin war in ungewöhnlicher Aufregung. Noch vor einer halben Stunde, als er Raskolnikow nach Hause brachte, war er zwar übermäßig geschwätzig gewesen – und er hatte das auch sehr wohl selbst gewußt –, aber dabei völlig munter und fast frisch, ungeachtet der entsetzlichen Menge Wein, die er an diesem Abend getrunken hatte. Jetzt jedoch war er geradezu verzückt, und gleichzeitig schien ihm all der Wein, den er getrunken hatte, auf einmal und mit verdoppelter Kraft wie-der zu Kopf zu steigen. Er stand bei den Damen, hatte beide bei der Hand gefaßt, redete auf sie ein und brachte mit erstaunlicher Offenherzigkeit seine Argumente vor, wobei er, wahrscheinlich der größeren Überzeugungskraft wegen, nahezu bei jedem Wort den beiden fest, sehr fest und fast schmerzhaft die Hände drückte wie mit einer Zange; gleich-zeitig verschlang er Awdotja Romanowna mit den Blicken, ohne sich den geringsten Zwang aufzuerlegen. Vor Schmerz wollten sie manchmal ihre Hände aus seinen riesigen, kno-chigen Pranken losmachen, doch er bemerkte nicht nur nicht, was los war, sondern zog sie noch fester zu sich heran. Hätten
sie ihm befohlen, sich ihnen zuliebe die Treppe hinunterzu-stürzen, er hätte das sogleich getan, ohne nur einen Augen-blick zu überlegen oder zu zögern. Pulcheria Alexandrowna, ganz beunruhigt durch den Gedanken an ihren Rodja, fühlte zwar, daß dieser junge Mann sich höchst merkwürdig auf-führte und ihr so heftig die Hand drückte, daß sie es vor Schmerz kaum aushielt; aber da sie gleichzeitig in ihm die Vorsehung sah, wollte sie alle diese exzentrischen Einzelheiten nicht bemerken. Und obwohl die gleiche Sorge sie quälte, be-gegnete Awdotja Romanowna, zwar keineswegs schreckhaf-ten Charakters, mit Staunen, ja, fast mit Angst den in wildem Feuer funkelnden Blicken dieses jungen Mannes, der der Freund ihres Bruders war; und nur das grenzenlose Ver-trauen, das ihr die Berichte Nastasjas über diesen furcht-baren Menschen eingeflößt hatten, hielt sie vor dem Versuch zurück, davonzulaufen und die Mutter mit sich fortzuziehen. Sie erkannte auch, daß es jetzt wohl nicht mehr möglich war, ihm zu entfliehen. Übrigens fühlte sie sich nach zehn Minuten beträchtlich beruhigt: Rasumichin hatte die Eigenschaft, im Augenblick alle seine Gefühle und Gedanken auszusprechen, in welcher Stimmung er auch sein mochte, so daß die beiden sehr bald erkannten, mit wem sie es zu tun hatten.
»Zur Hauswirtin können Sie nicht; das ist ein fürchter-licher Unsinn«, rief er, um Pulcheria Alexandrowna zu über-zeugen. »Sie sind zwar seine Mutter, aber wenn Sie hier-bleiben, bringen Sie ihn zur Raserei, und dann weiß der Teufel, was geschehen wird! Hören Sie, wir wollen es so machen: jetzt soll Nastasja bei ihm sitzen, und ich begleite Sie beide nach Hause, weil Sie nicht allein auf die Straße gehen kön-nen ... In dieser Hinsicht ist es bei uns in Petersburg ... na ja, da kann man nichts machen! ... Dann laufe ich von Ihnen gleich wieder hierher zurück und berichte Ihnen eine Viertel-stunde später, mein großes Ehrenwort darauf, wie es ihm geht, ob er schläft oder nicht, und so weiter. Dann, hören Sie nur, dann laufe ich von Ihnen zu mir in die Wohnung; dort habe ich Gäste, sie sind alle betrunken, und hole Sosimow – das ist der Arzt, der ihn behandelt; er sitzt jetzt gleichfalls bei mir und ist nicht betrunken; er ist nicht betrunken, er ist