Genau zwanzig Minuten, nachdem Rasumichin weggegan-gen war, wurde zweimal leise, aber hastig an die Tür ge-klopft; er war zurückgekommen.
»Ich gehe gar nicht hinein, ich habe keine Zeit!« sagte er rasch, als ihm geöffnet wurde. »Er schläft wie ein Bär; er schläft vortrefflich und ruhig; gebe Gott, daß er zehn Stun-den so weiterschläft. Nastasja sitzt bei ihm; ich habe ihr be-fohlen, nicht wegzugehen, bis ich zurückkomme. Jetzt hole ich Sosimow; er wird Ihnen berichten, und dann können auch Sie sich aufs Ohr legen; ich sehe ja, Sie sind völlig er-schöpft ...«
Und er lief schon wieder den Korridor hinunter. »Was für ein gewandter und ... ergebener junger Mann!« rief Pulcheria Alexandrowna ganz begeistert.
»Wie es scheint, ein prächtiger Mensch!« erwiderte Awdotja Romanowna eifrig und begann dann wieder im Zimmer auf und ab zu wandern.
Nach fast einer Stunde erklangen wiederum Schritte im Kor-ridor, und es wurde abermals geklopft. Beide Frauen hatten diesmal in der festen Überzeugung gewartet, daß Rasumichin sein Versprechen halten werde; und wirklich, es war ihm ge-lungen, Sosimow mitzubringen. Sosimow hatte sich sogleich bereit erklärt, das Gelage zu verlassen und nach Raskolnikow zu sehen, doch zu den Damen war er nur ungern und voll Mißtrauen gegangen, da er dem betrunkenen Rasumichin nicht glaubte. Seine Eitelkeit war sofort beruhigt, und es wurde
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ihr sogar geschmeichelt: er erkannte, daß man auf seinen Bericht wirklich gewartet hatte wie auf einen Orakelspruch. Er blieb genau zehn Minuten sitzen und konnte Pulcheria Alexandrowna völlig überzeugen und beruhigen. Er sprach mit ungewöhnlicher Anteilnahme, aber gemessen und gleich-sam mit bemühtem Ernst, haargenauso wie ein siebenund-zwanzigjähriger junger Arzt bei einer wichtigen Konsultation, schweifte mit keinem einzigen Wort vom Thema ab und zeigte nicht den geringsten Wunsch, persönlichere und privatere Beziehungen zu den beiden Damen anzuknüpfen. Nachdem er gleich beim Eintreten bemerkt hatte, wie blendend schön Awdotja Romanowna war, bemühte er sich sofort, sie wäh-rend der ganzen Zeit seines Besuches überhaupt nicht mehr zu beachten, und sprach einzig zu Pulcheria Alexandrowna. All das bereitete ihm eine außerordentliche innere Befriedi-gung. Über den Kranken selbst äußerte er sich dahingehend, daß er dessen Zustand im gegenwärtigen Augenblick für höchst zufriedenstellend halte. Nach seinen Beobachtungen rühre das Leiden des Patienten, abgesehen von der schlechten materiellen Lage während der letzten Monate, noch von eini-gen moralischen Ursachen her: »Es liegt hier sozusagen ein Produkt vieler komplizierter moralischer und materieller Einflüsse, von Sorgen, Befürchtungen, Beunruhigungen, eini-gen Ideen ... und so weiter vor.« Als Sosimow zufällig bemerkte, daß Awdotja Romanowna ihm hierbei besonders aufmerksam zuhörte, verbreitete er sich noch etwas über dieses Thema. Auf die ängstliche, zaghafte Frage Pulcheria Ale-xandrownas, es lägen doch wohl Verdachtsmomente vor, die auf eine Geisteskrankheit schließen ließen, antwortete er mit einem ruhigen, aufrichtigen Lächeln, seine Worte seien allzu übertrieben wiedergegeben worden; natürlich lasse der Patient eine fixe Idee erkennen, etwas, das auf Monomanie hinweise – denn er, Sosimow, verfolge jetzt diesen außeror-dentlich interessanten Zweig der Heilkunde mit besonderem Eifer –, aber man müsse auch bedenken, daß der Patient fast bis zum heutigen Tag im Delirium gelegen habe und ... und daß die Ankunft der Seinen ihn selbstverständlich stär-ken, ablenken und einen höchst wohltätigen Einfluß auf ihn
ausüben werde; »wenn es nur möglich ist, neue, außergewöhn-liche Erschütterungen zu vermeiden«, fügte er bedeutsam hinzu. Dann stand er auf, verneigte sich würdevoll und höf-lich und verließ, geleitet von Segenssprüchen, von leiden-schaftlichen Dankesworten und flehenden Bitten, wobei ihm Awdotja Romanowna ohne sein Zutun sogar die Hand reichte, das Zimmer, außerordentlich zufrieden mit seinem Besuch und noch mehr mit sich selber.
»Morgen werden wir weitersehen; legen Sie sich schlafen, gleich, unbedingt!« schärfte Rasumichin den beiden ein, als er mit Sosimow wegging. »Morgen komme ich möglichst früh zu Ihnen und berichte.«
»Was für ein entzückendes Mädchen diese Awdotja Roma-nowna ist!« bemerkte Sosimow, als die beiden Männer auf die Straße getreten waren, und leckte sich beinahe die Lippen.
»Entzückend? Du sagst entzückend?!« brüllte Rasumichin, fiel plötzlich über Sosimow her und packte ihn an der Gur-gel. »Wenn du es jemals wagen solltest ... verstehst du? verstehst du?« schrie er, zerrte ihn am Kragen und drückte ihn an eine Hausmauer. »Hast du gehört?«
»So laß mich doch, du besoffener Teufel!« setzte sich Sosi-mow zur Wehr.
Und dann betrachtete er den anderen aufmerksam, nach-dem dieser ihn freigegeben hatte, und barst beinahe vor Lachen. Rasumichin stand mit gesenkten Armen in ernstem, düsterem Brüten vor ihm.
»Selbstverständlich bin ich ein Esel«, stieß Rasumichin, finster wie eine Gewitterwolke, hervor, »aber ... aber du auch.«
»O nein, mein Lieber, ganz und gar nicht. Ich setze mir keine Flausen in den Kopf.«
Schweigend schritten sie weiter, und erst als sie nahe bei Raskolnikows Wohnung waren, brach Rasumichin in großer Besorgnis das Schweigen.
»Höre«, sagte er zu Sosimow, »du bist ein netter Junge, aber abgesehen von all deinen sonstigen schlechten Eigen-schaften bist du auch noch ein liederlicher Kerl, das weiß ich, und hast außerdem eine Vorliebe für den Schmutz. Du bist
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ein nervöser, schwacher Dreckkerl, dumm und störrisch; du bist fett geworden und kannst dir nichts versagen; und das nenne ich schon Schmutz, weil es geradeswegs zum Schmutz führt. Du hast dich so verhätschelt, daß ich weiß Gott nicht verstehe, wie es dir möglich ist, bei all dem ein guter und sogar opferbereiter Arzt zu sein. Schläft auf Federbetten – ein Arzt! –, und nachts steht er eines Patienten wegen auf! ... So in drei Jahren wirst du für keinen Patienten mehr auf-stehen ... Nun ja, hol's der Teufel, jetzt geht es nicht darum, sondern um folgendes: du übernachtest heute in der Woh-nung der Hauswirtin – ich habe sie mit Mühe und Not dazu überredet! –, und ich schlafe in der Küche; da habt ihr Gele-genheit, näher miteinander bekannt zu werden. Nicht etwa so, wie du glaubst! Gar keine Rede, mein Lieber ...«
»Ich denke auch gar nicht daran.«
»Hier findest du nur Schamhaftigkeit, lieber Freund, Schweigsamkeit, Schüchternheit und erbitterte Keuschheit; und trotz alledem braucht es nur einen Seufzer, und sie schmilzt dahin wie Wachs! Schaff sie mir vom Halse, um aller Teufel willen, die es auf der Welt gibt! Sie ist mir schon sehr lästig ... Ich will es dir lohnen, und wenn es mich den Kopf kostet!«
Sosimow lachte noch heftiger als zuvor.
»Dich hat es aber erwischt! Und was fange ich mit ihr an?«
»Ich versichere dir: es kostet wenig Mühe! Du brauchst bloß dummes Zeug zu schwatzen, was dir gerade einfällt, wenn du nur bei ihr sitzt und redest. Zudem bist du Arzt – kuriere sie von irgendeiner Krankheit. Ich schwöre dir, du wirst es nicht bereuen. In ihrer Wohnung steht ein altes Kla-vier; du weißt ja, daß ich ein wenig klimpere; da kenne ich ein Liedchen, ein echt russisches Lied: ,Und bittre Tränen weine ich ...' Sie liebt solche Lieder; nun, und mit so etwas hat es auch begonnen. Aber du bist ja auf dem Klavier ein Virtuose, ein Meister, ein Rubinstein ... Ich versichere dir, daß du es nicht bereuen wirst ...«
»Hast du ihr irgendwelche Zusagen gemacht, he? Schrift-lich, in aller Form? Hast du ihr vielleicht die Ehe verspro-chen?«