- 266 -
»Aber nein, rein gar nichts, keine Rede! Und sie ist auch gar nicht so; Tschebarow hat ihr ...«
»Na, dann laß sie stehen!«
»Das geht nicht!«
»Warum nicht?«
»Nun ja, irgendwie geht es eben nicht, und damit Punk turn! Irgend etwas an ihr zieht einen einfach an, mein Lieber.«
»Und weshalb hast du sie angezogen?«
»Das habe ich doch gar nicht getan. Vielleicht bin ich sel-ber angezogen worden, durch meine eigene Dummheit, und ihr ist es ganz gleichgültig, ob du es bist oder ich, wenn nur einer bei ihr sitzt und seufzt. Mein Lieber, das ist .. . ich kann es nicht so richtig ausdrücken; das ist ... Nun, du kennst dich doch gut in der Mathematik aus und beschäftigst dich auch jetzt noch damit; das ist mir bekannt ... so nimm mit ihr die Integralrechnung durch; bei Gott, ich spaße nicht, ich sage das in vollem Ernst; ihr gilt entschieden alles gleich: sie wird dich anblicken und seufzen, ein ganzes Jahr lang. Ich habe ihr unter anderem vor zwei Tagen ausführlich vom preußi-schen Herrenhaus erzählt – denn worüber soll ich mit ihr sprechen? –, und sie seufzte nur und schwitzte! Bloß von Liebe fang nicht zu sprechen an ... sie ist krankhaft scheu ... aber zeig ihr, daß du dich nicht von ihr losreißen kannst, mehr braucht es nicht. Es ist riesig bequem, ganz wie zu Hau-se – du kannst lesen, sitzen, daliegen, schreiben ... Du darfst sie sogar küssen, allerdings mit Vorsicht ...«
»Aber was soll ich denn mit ihr?«
»Ach, das kann ich dir nicht erklären. Weißt du: ihr beide paßt wunderbar zueinander! Ich habe schon früher an dich gedacht ... so muß es ja doch mit dir enden! Kann es dir da nicht ganz gleich sein, ob früher oder später? Dort herrscht gleichsam ein Federbetten-Prinzip – ach, und es geht nicht nur um Federbetten! Dort wirst du eingesogen; dort ist das Ende der Welt, der Anker, der stille Zufluchtsort, der Nabel der Erde, das Fundament des Alls, die Essenz der Pfannkuchen, der fetten Fischpiroggen, des abendlichem Samowars, der lei-sen Seufzer und der warmen Jacken, der wohlgewärmten Ofenbänke – es ist dir, als wärst du gestorben und zugleich
- 267 -
lebendig: du genießt mit einemmal die Vorteile von dem einen so gut wie von dem anderen. Nun, mein Lieber, ich habe wieder einmal teuflischen Unsinn geschwatzt; es ist Zeit, schlafen zu gehen. Höre, ich wache nachts manchmal auf, und dann will ich zu ihm gehen und nach ihm sehen. Es ist Unsinn, das Ganze, alles ist gut. Mach auch du dir keine Sorgen; wenn du aber willst, geh auch einmal zu ihm. So-bald du aber irgend etwas bemerkst, zum Beispiel daß er phantasiert oder Fieber hat oder sonst etwas, weck mich sofort! Aber es ist ja bestimmt nichts ...«
Ernst und voll Sorgen erwachte Rasumichin am nächsten Tag um acht Uhr. Viele neue, unvorhergesehene Zweifel hatten ihn an diesem Morgen befallen. Nicht im Traum hätte er sich früher vorstellen können, daß er jedesmal so erwachen würde. Er entsann sich all dessen, was gestern geschehen war, bis in die kleinsten Einzelheiten und erkannte, daß ihm etwas völlig Unerwartetes widerfahren war, daß er einen einzig-artigen Eindruck empfangen hatte, der ihm bislang unbe-kannt war und sich von Grund auf von allem unterschied, was ihm bis jetzt begegnet war. Gleichzeitig stand ihm klar vor Augen, daß der in ihm entbrannte Traum unerfüllbar war – so unerfüllbar, daß er sich dieses Traums zu schämen begann und rasch zu anderen, wichtigeren Sorgen und Zwei-feln überging, die ihm der »gottverfluchte gestrige Tag« als Erbe hinterlassen hatte.
Seine entsetzlichste Erinnerung war die, wie »niedrig und abscheulich« er sich gestern benommen hatte, nicht nur weil er betrunken gewesen war, sondern weil er vor dem Mäd-chen, indem er ihre Lage ausnutzte, aus dumm-übereilter Eifersucht ihren Verlobten beschimpft hatte, obwohl er weder die wechselseitigen Beziehungen und Verpflichtungen der bei-den noch auch den Mann selbst richtig kannte. Welches Recht hatte er denn, so blindlings und überstürzt über ihn zu urtei-len? Und wer hatte ihn zum Richter bestellt? Und konnte
- 268 -
denn ein Wesen wie Awdotja Romanowna sich des Geldes wegen einem Unwürdigen hingeben? Folglich mußte auch die-ser Mensch Vorzüge besitzen. Die Sache mit dem Quartier? Ja, woher hätte er denn wirklich wissen sollen, was das für eine Herberge war? Jetzt wollte er doch eine Wohnung ein-richten lassen ... Pfui, wie gemein das alles war! Eine schöne Rechtfertigung: Ich habe im Rausch gesprochen! Nur eine dumme Ausflucht, die ihn noch mehr erniedrigte! Im Wein liegt Wahrheit, und diese Wahrheit war auch rückhaltlos ausgesprochen worden – das heißt, ausgesprochen wurde der ganze Schmutz meines neidischen, brutalen Herzens! Und war denn ein solcher Traum ihm, Rasumichin, auch nur von ferne erlaubt? Wer war er denn im Vergleich mit einem sol-chen Mädchen – er, der betrunkene Krakeeler und Prahlhans von gestern? Ist denn eine so zynische, lächerliche Neben-einanderstellung überhaupt möglich? Rasumichin errötete verzweifelt bei diesem Gedanken, und im selben Augenblick erinnerte er sich plötzlich, als wäre es damit noch nicht genug, wie er gestern den beiden Frauen, als sie auf der Treppe stan-den, gesagt hatte, die Hauswirtin werde seinetwegen auf Awdotja Romanowna eifersüchtig sein ... Das war zuviel. Mit aller Kraft schmetterte er die Faust auf den Küchen-herd, schlug eine Kachel heraus und verletzte sich die Hand.
Natürlich, murmelte er nach einer Minute mit einem sonder-baren Gefühl der Selbsterniedrigung vor sich hin, natürlich kann ich jetzt all diese ekelhaften Dinge niemals mehr ver-tuschen und wiedergutmachen ... es gibt also gar keinen Grund, darüber auch nur nachzudenken. Ich muß den Frauen, ohne ein Wort zu verlieren, gegenübertreten und ... meine Verpflichtungen erfüllen ... ebenfalls wortlos, und ... und ich darf nicht um Entschuldigung bitten und nicht sprechen, und ... und jetzt ist natürlich alles zu Ende!
Trotzdem nahm er, während er sich ankleidete, seinen Anzug kritischer in Augenschein als sonst. Einen anderen Anzug besaß er nicht, und selbst wenn er einen besessen hätte, hätte er ihn vielleicht doch nicht angezogen – gewiß, absicht-lich hätte ich ihn nicht angezogen. Doch auf keinen Fall durfte er ein solcher Zyniker und Schmutzfink bleiben; er
hatte nicht das Recht, die Gefühle anderer zu beleidigen, um so weniger, als diese anderen ihn brauchten und ihn zu sich riefen. Sorgfältig bürstete er seinen Anzug aus; seine Wäsche war sauber; in dieser Hinsicht, und was körperliche Rein-lichkeit betraf, war er stets peinlich genau.
Eifrig wusch er sich an diesem Morgen – er hatte bei Na-stasja Seife gefunden –; er wusch sich das Haar, den Hals und besonders gründlich die Hände. Als sich nun die Frage erhob, ob er seinen stoppligen Bart abrasieren sollte oder nicht – Praskowja Pawlowna besaß vortreffliche Rasiermes-ser, die ihr nach dem Tode des gottseligen Herrn Sarnizyn verblieben waren –, wurde diese Frage geradezu erbittert verneint. Das bleibt so! Am Ende denken sie, ich hätte mich rasiert, um ... Ja, ganz gewiß würden sie das denken! Um keinen Preis der Welt!
Aber ... aber die Hauptsache: ich bin so derb, so schmut-zig, benehme mich wie in der Kneipe; und angenommen, ich weiß, daß ich genausogut ein anständiger Mensch bin, sei es auch nur ein ganz kleines bißchen ... nun, welchen Grund hätte ich, darauf stolz zu sein, daß ich anständig bin? Jeder Mensch hat anständig zu sein und noch mehr als das, und ... und trotzdem, entsann er sich, gab es auch bei mir man-ches ... nicht gerade unehrenhafte Dinge, aber immerhin! ... Und was für Gedanken mir oft durch den Kopf gingen! Hm! ... Und das alles soll mit Awdotja Romanowna auf einer Stufe stehen?! Ach, hol's der Teufel! Meinetwegen! Mit Absicht will ich so schmutzig und speckig aufkreuzen, als käme ich aus der Kneipe . . . Ich pfeife drauf! Es ist mir ganz gleich! ...