Über solchen Selbstgesprächen wurde er von Sosimow überrascht, der im Salon Praskowja Pawlownas genächtigt hatte.
Er wollte eben nach Hause gehen und vor dem Weggehen noch rasch einen Blick auf den Patienten werfen. Rasumichin berichtete ihm, daß der Kranke schlafe wie ein Murmeltier. Sosimow verbot, Raskolnikow zu wecken, bis dieser von sel-ber aufwache, und versprach, gegen elf Uhr wiederzukommen.
»Wenn er nur zu Hause bleibt«, fügte er hinzu. »Ach, zum
Teufel! Nicht einmal über den eigenen Patienten ist man Herr, und dann soll man ihn kurieren. Weißt du vielleicht, ob er zu ihnen geht oder ob sie herkommen?«
»Sie kommen her, glaube ich«, antwortete Rasumichin, der Sosimows Frage richtig verstanden hatte, »und sie werden natürlich über ihre Familienangelegenheiten sprechen. Ich ziehe mich dann zurück. Du als Arzt hast selbstverständlich größere Rechte als ich.«
»Auch ich bin kein Beichtvater; ich will gleich wieder weg-gehen; ich habe ohnedies viel zu tun.«
»Etwas beunruhigt mich«, unterbrach ihn Rasumichin und runzelte die Stirn. »Gestern habe ich mich im Rausch ver-plappert und ihm auf dem Heimweg allerlei Dummheiten vor-geschwatzt ... verschiedene Dinge ... unter anderem, daß du befürchtest, er könnte ... geisteskrank werden ...«
»Das hast du gestern auch den Damen erzählt.«
»Ich weiß, daß das dumm war! Prügel verdiente ich! Sag aber, vermutest du wirklich etwas Bestimmtes in dieser Rich-tung?«
»Ach, Unsinn! Von bestimmten Vermutungen kann gar keine Rede sein. Du selbst hast ihn mir als Monomanen be-schrieben, als du mich zu ihm führtest ... Und wir haben dann gestern noch öl ins Feuer gegossen, das heißt, du hast es getan mit deinen Erzählungen ... über jenen Anstreicher; ein nettes Gespräch, da doch das vielleicht mit seiner Verrückt-heit in Zusammenhang steht! Hätte ich genau gewußt, was damals im Revier passiert ist, und daß ihn dort irgendeine Kanaille durch diesen Verdacht gekränkt hat ... hm ... ich hätte gestern ein solches Gespräch nicht erlaubt. Monomanen wie er machen doch aus einer Mücke einen Elefanten, sehen im wachen Zustand Gespenster ... Soweit ich die Geschichte überblicke, wurde mir gestern aus dem Bericht Sametows die Sache halbwegs klar. Und was in solchen Fällen alles ge-schehen kann! Ich kenne einen Fall ... da hat ein Hypochon-der, ein Mann von vierzig Jahren, der außerstande war, bei Tisch die täglichen Spötteleien eines achtjährigen Jungen zu ertragen, den Bengel erstochen! Und hier: ein Mensch ganz in Lumpen; ein Lümmel von der Polizei; die Krankheit, die
schon in ihm steckt – und dann noch ein solcher Verdacht! Und das alles muß einem reizbaren Hypochonder passieren! Bei seiner wahnsinnigen, abnormen Eitelkeit! Vielleicht hat hier die Krankheit ihren Ursprung! Na, hol's der Teu-fel . . . Nebenbei bemerkt ist dieser Sametow wirklich ein netter Junge, nur ... hm ... war es nicht gerade notwendig, daß er das gestern erzählt hat. Ein schrecklicher Schwätzer!«
»Aber wem hat er es denn erzählt? Doch nur dir und mir!«
»Und Porfirij!«
»Nun, und was ist dabei, wenn er es auch Porfirij erzählt hat?«
»Hast du übrigens irgendwelchen Einfluß auf die beiden, auf seine Mutter und seine Schwester? Sie sollen heute recht vorsichtig mit ihm umgehen ...«
»Dazu werden sie wohl bereit sein!« antwortete Rasumi-chin unwillig.
»Und warum ist er über diesen Luschin so hergefallen? Der Mann hat vermutlich Geld und ist ihr anscheinend nicht zu-wider ... Sie besitzen doch keinen Knopf, nicht wahr?«
»Was du nicht alles wissen willst!« rief Rasumichin verär-gert. »Woher soll ich denn wissen, ob sie einen Knopf haben oder nicht? Frag sie selber, dann wirst du's vielleicht erfah-ren ...«
»Oh, wie dumm du manchmal bist! In dir steckt noch der ganze Suff von gestern ... Auf Wiedersehen; richte Praskowja Pawlowna meinen Dank für das Nachtlager aus. Sie hat sich eingeschlossen; auf mein bon jour, das ich ihr durch die Tür zurief, gab sie keine Antwort; dabei ist sie schon um sieben aufgestanden, und über den Flur wurde ihr aus der Küche Tee gebracht ... Ich wurde nicht für würdig befunden, ihr Antlitz zu schauen ...«
Pünktlich um neun erschien Rasumichin in Bakalejews Gast-hof. Beide Damen hatten schon lange voll krankhafter Unge-duld auf ihn gewartet. Sie waren bereits um sieben Uhr oder vielleicht noch früher aufgestanden. Finster wie die Nacht trat er ein und verbeugte sich ungeschickt, weswegen er so-gleich wütend wurde – natürlich auf sich selber. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Pulcheria Alexandrow-
na stürzte sofort auf ihn zu, nahm seine beiden Hände und hätte sie beinahe geküßt. Schüchtern blickte er zu Awdotja Romanowna hin; doch auch dieses sonst so hochmütige Ge-sicht zeigte jetzt einen solchen Ausdruck dankbarer Freund-schaft, eine so völlige, für ihn unerwartete Hochachtung an Stelle der spöttischen Blicke und der schlecht verhohlenen unwillkürlichen Verachtung, daß es ihm wahrhaftig leichter gefallen wäre, hätten sie ihn mit Schimpfreden begrüßt; denn so war der Empfang allzu verwirrend für ihn. Zum Glück war das Gesprächsthema gegeben, und er klammerte sich geradezu daran.
Als Pulcheria Alexandrowna hörte, daß Raskolnikow noch nicht erwacht, daß aber alles »in bester Ordnung« sei, erklärte sie, das sei gut, weil sie »sehr, sehr, sehr dringend« vorher mit ihm, Rasumichin, sprechen müsse. Dann fragte sie ihn, ob er schon Tee getrunken habe, und lud ihn ein, mit ihnen zu frühstücken; sie hatten in Erwartung Rasumichins noch nichts zu sich genommen. Awdotja Romanowna klingelte, und dar-aufhin erschien ein schmutziger, zerlumpter Kerl, und man bestellte bei ihm den Tee, der endlich auch gebracht wurde; aber er wurde so unsauber und unappetitlich serviert, daß es den Damen peinlich war. Rasumichin begann heftig über diese Unterkunft herzuziehen, doch da fiel ihm Luschin ein; er verstummte, wurde verlegen und freute sich schrecklich, als schließlich die Fragen Pulcheria Alexandrownas wie ein Sturzbach auf ihn niederprasselten.
Er gab ausführlich Antwort auf alles und sprach drei Vier-telstunden lang, unaufhörlich durch Fragen unterbrochen, und es gelang ihm, wenigstens die wichtigsten und nötigsten Tat-sachen, die ihm aus dem letzten Lebensjahr Rodion Romano-witschs bekannt waren, wiederzugeben und schließlich einen eingehenden Bericht über dessen Krankheit zu liefern. Er ließ übrigens vieles weg, was weggelassen werden mußte, unter anderem auch die Szene im Revier mit allen ihren Folgen. Die beiden Frauen lauschten gierig seinen Worten; doch als er glaubte, er wäre schon zu Ende und hätte seine Zuhörerin-nen zufriedengestellt, zeigte sich, daß er für sie gewisser-maßen noch gar nicht angefangen hatte.
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»Sagen Sie, sagen Sie mir, was meinen Sie ... ach, verzei-hen Sie, ich weiß noch immer Ihren Namen und Vatersnamen nicht«, sprach Pulcheria Alexandrowna hastig.
»Dmitrij Prokofjitsch.«
»Nun also, Dmitrij Prokofjitsch, ich wüßte sehr, sehr gern ... wie er jetzt überhaupt ... die Dinge betrachtet, das heißt ... verstehen Sie mich? Wie soll ich Ihnen das erklären? Das heißt, besser ausgedrückt: was liebt er und was liebt er nicht? Ist er immer so reizbar? Welche Wünsche und, sozusagen, Träume hat er? Können Sie mir das erzählen? Was übt gerade jetzt besonderen Einfluß auf ihn aus? Mit einem Wort, ich möchte ...«
»Ach, Mama, wie kann man denn alle diese Fragen auf einmal beantworten!« warf Dunja ein.
»Du lieber Gott, ich habe ja nicht im entferntesten, nicht im entferntesten erwartet, ihn so anzutreffen, Dmitrij Pro-kofjitsch.«