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»Das ist sehr natürlich, gnädige Frau«, antwortete Rasu-michin. »Ich habe keine Mutter mehr, nun, aber mein Onkel kommt Jahr für Jahr hierher und erkennt mich fast jedes-mal nicht wieder, sogar rein äußerlich, und dabei ist er ein kluger Mann; nun, und die drei Jahre, die Sie ihn nicht ge-sehen haben, sind eine lange Zeit. Aber was soll ich Ihnen sagen? Seit anderthalb Jahren kenne ich ihn jetzt: er ist mürrisch, finster, anmaßend und stolz; seit langer Zeit – aber vielleicht schon länger – ist er nachtragend und hypo-chondrisch. Er ist großmütig und gut. Seine Gefühle stellt er nicht gern zur Schau; lieber beginge er eine Grausamkeit, als daß er sein Herz in Worten offenbarte. Übrigens ist er manchmal gar nicht hypochondrisch, sondern nur kalt und gefühllos bis zur Unmenschlichkeit, wahrhaftig so, als ob zwei entgegengesetzte Charaktere ständig in ihm abwechselten. Manchmal ist er furchtbar wortkarg! Nie hat er Zeit; immer stört man ihn, und dabei liegt er da und tut nichts. Nie ist er spöttisch; aber nicht weil es ihm an Witz fehlte, sondern es sieht so aus, als ob er für solche Bagatellen keine Zeit hätte. Er hört nicht zu, wenn man ihm etwas erzählt. Nie-mals interessiert er sich für das, wofür sich im Augenblick

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alle interessieren. Er hat eine furchtbar hohe Meinung von sich selbst; und wie mir scheinen will, nicht ohne ein ge-wisses Recht. Nun, und was noch? ... Ich glaube, Ihre Ankunft wird auf ihn einen höchst heilsamen Einfluß aus-üben.«

»Ach, gebe es Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna, die Rasumichins Worte über ihren Rodja zutiefst getroffen hatten.

Rasumichin blickte schließlich Awdotja Romanowna mit etwas mehr Mut an. Er hatte sie, während er sprach, oft ange-sehen, aber stets nur flüchtig, nur für eine Sekunde, und dann gleich den Blick wieder abgewandt. Awdotja Romanowna saß bald am Tisch und hörte aufmerksam zu, bald stand sie wie-der auf und ging, wie es ihre Gewohnheit war, mit verschränk-ten Armen und zusammengepreßten Lippen von einer Ecke in die andere, wobei sie gelegentlich, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, nachdenklich eine Frage stellte. Auch sie pflegte nicht richtig anzuhören, was man sprach. Sie trug ein dunkles Kleid aus leichtem Stoff und einen durchsichtigen weißen Schal um den Hals. An vielen Dingen hatte Rasumichin so-gleich gemerkt, daß die Ausstattung der beiden Frauen äußerst armselig war. Wäre Awdotja Romanowna wie eine Königin gekleidet gewesen, er hätte wahrscheinlich gar keine Furcht vor ihr empfunden; jetzt aber, vielleicht gerade weil sie so ärmliche Sachen trug und weil er merkte, wie dürftig ihre Verhältnisse waren, hatte sich Furcht in sein Herz geschlichen, und er bangte bei jedem Wort, das er sprach, und bei jeder Bewegung – was natürlich für einen Menschen, der sich ohne-dies selbst nicht vertraut, sehr bedrückend war.

»Sie haben viel Interessantes über den Charakter meines Bruders geäußert und ... Sie haben es gesagt, ohne vorein-genommen zu sein. Das ist gut; ich hatte gemeint, Sie schwärm-ten für ihn«, erklärte Awdotja Romanowna lächelnd. »Mir will scheinen, es trifft zu, daß er eine Frau um sich haben sollte«, fügte sie nachdenklich hinzu.

»Das habe ich nicht gesagt; übrigens haben Sie vielleicht auch hierin recht, nur ...«

»Was?«

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»Er liebt ja niemanden, und vielleicht wird er nie jeman-den lieben«, erwiderte Rasumichin rasch.

»Heißt das, er sei unfähig zu lieben?«

»Ach, wissen Sie, Awdotja Romanowna, Sie selbst sind Ihrem Bruder furchtbar ähnlich, in allem!« platzte er plötz-lich, sogar für ihn selbst unerwartet, heraus; doch sofort fiel ihm ein, was er gerade über Raskolnikow gesagt hatte, und er wurde rot wie ein Krebs und entsetzlich verlegen. Awdotja Romanowna sah ihn an und konnte ein Lächeln nicht unter-drücken.

»Was Rodja betrifft, so täuscht ihr euch sicher beide«, fiel Pulcheria Alexandrowna ein wenig gekränkt ein. »Ich spreche nicht von jetzt, Dunjetschka. Was Pjotr Petrowitsch in die-sem Brief schreibt ... und was wir beide vermutet haben, trifft vielleicht nicht zu, aber Sie können sich nicht vorstellen, Dmitrij Prokofjitsch, was für ein Phantast und wie ... wie soll ich das nur sagen ... wie launenhaft er ist. Seinem Cha-rakter konnte ich niemals ganz vertrauen, selbst als er erst fünfzehn Jahre alt war. Ich bin überzeugt, daß er auch jetzt plötzlich mit sich irgend etwas tun könnte, das kein Mensch von ihm erwartet hätte ... Aber man braucht gar nicht so weit zu gehen: ist Ihnen bekannt, wie er mich vor andert-halb Jahren in Erstaunen gesetzt, erschüttert und beinahe ins Grab gebracht hat, als er den Einfall bekam, diese, wie hieß sie nur ... die Tochter dieser Sarnizyna, seiner Hauswirtin, zu heiraten?«

»Wissen Sie etwas Näheres über diese Geschichte?« fragte Awdotja Romanowna.

»Glauben Sie etwa«, fuhr Pulcheria Alexandrowna leidenschaftlich fort, »meine Tränen, meine Bitten, meine Erkrankung, vielleicht mein Tod an gebrochenem Herzen und unsere große Armut hätten ihn damals davon ab-gehalten? Seelenruhig wäre er über alle diese Hindernisse hinweggegangen. Liebt er uns denn wirklich nicht, wirklich nicht?«

»Er selbst hat über diese Geschichte nie ein Wort zu mir verlauten lassen«, erwiderte Rasumichin vorsichtig, »aber ich habe einiges von Frau Sarnizyna gehört, die ebenfalls in

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ihrer Art nicht gern etwas erzählt; und was ich gehört habe, ist tatsächlich etwas sonderbar ...«

»Was haben Sie gehört, was?« fragten beide Frauen gleich-zeitig.

»Ach, es ist gar nichts so Besonderes. Ich erfuhr nur, daß diese Ehe, die schon eine beschlossene Sache war und nur wegen des Todes der Braut nicht zustande kam, der Frau Sarnizyna höchst unwillkommen war ... Außerdem soll das Mädchen gar nicht hübsch gewesen sein, im Gegenteil, so sagt man, geradezu häßlich ... und so krank und ... und merkwürdig ... Aber trotzdem dürfte sie einige Vorzüge gehabt haben. Unbedingt muß sie irgendwelche Vorzüge ge-habt haben, sonst wäre die Geschichte ganz unverständlich ... Eine Mitgift war ebenfalls nicht da, aber mit einer Mit-gift hätte er auch gewiß nicht gerechnet ... Überhaupt ist es schwer, so etwas zu beurteilen ...«

»Ich bin überzeugt, daß sie ein achtenswertes Mädchen war«, bemerkte Awdotja Romanowna kurz.

»Gott möge mir vergeben, aber ich habe mich damals gera-dezu über ihren Tod gefreut, obwohl ich nicht weiß, wer von den beiden den andern zugrunde gerichtet hätte: er sie oder sie ihn«, sagte Pulcheria Alexandrowna abschließend; dann begann sie vorsichtig, indem sie immer wieder eine Pause machte und ständig auf Dunja schaute, was dieser sichtlich un-angenehm war, von neuem nach der gestrigen Szene zwischen Rodja und Luschin zu fragen. Dieses Ereignis beunruhigte sie offensichtlich mehr als alles andere; sie zitterte geradezu vor Angst und Beklommenheit.

Rasumichin erzählte alles noch einmal und ließ auch die kleinsten Einzelheiten nicht unerwähnt, fügte jedoch jetzt seine eigene Schlußfolgerung hinzu: er beschuldigte Raskolni-kow unverblümt, Pjotr Petrowitsch vorsätzlich beleidigt zu haben, und entschuldigte ihn diesmal kaum mit seiner Krank-heit.

»Er hat das schon vor seiner Erkrankung geplant«, schloß er.

»Das ist auch meine Ansicht«, entgegnete Pulcheria Ale-xandrowna mit niedergeschlagener Miene. Es wunderte sie

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jedoch sehr, daß sich Rasumichin diesmal über Pjotr Petro-witsch so vorsichtig und sogar gewissermaßen respektvoll ausgelassen hatte. Auch Awdotja Romanowna war davon betroffen.

»Was also ist ihre Meinung über Pjotr Petrowitsch?« konnte sich Pulcheria Alexandrowna nicht enthalten, ihn zu fragen.

»Über den zukünftigen Mann Ihrer Tochter kann ich keiner anderen Ansicht sein«, antwortete Rasumichin fest und feurig; »und ich sage das nicht nur aus alberner Höflichkeit, sondern weil ... weil ... nun, und sei es auch nur aus dem Grunde, weil Awdotja Romanowna selber diesen Mann frei-willig ihrer Wahl gewürdigt hat. Wenn ich ihn gestern so beschimpft habe, dann geschah das, weil ich da ekelhaft be-trunken und dann noch ... verrückt war; ja, verrückt, kopf-los; ich hatte völlig den Verstand verloren ... und heute schäme ich mich dessen! ...«