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Er wurde rot und verstummte. Awdotja Romanowna fuhr auf, brach aber das Schweigen nicht. Von dem Augenblick an, da die Rede auf Luschin gekommen war, hatte sie kein einziges Wort mehr gesprochen.

Indes schien Pulcheria Alexandrowna ohne die Unterstüt-zung ihrer Tochter ratlos zu sein. Schließlich erklärte sie stockend, und indem sie abermals ständig zu Awdotja Roma-nowna hinüberschaute, daß ein Umstand ihr jetzt außeror-dentliche Sorge bereite.

»Sehen Sie, Dmitrij Prokofjitsch ...« begann sie, »– ich werde zu Dmitrij Prokofjitsch ganz aufrichtig sein, nicht wahr, Dunjetschka?«

»Aber natürlich, liebe Mama«, erwiderte Awdotja Roma-nowna mit Nachdruck.

»Die Sache ist also die«, fuhr sie hastig fort, als wäre ihr mit der Erlaubnis, ihren Kummer mitteilen zu dürfen, ein Stein vom Herzen genommen, »heute, sehr früh am Morgen, erhielten wir von Pjotr Petrowitsch ein Schreiben, mit dem er uns auf unsere gestrige Nachricht, daß wir angekommen seien, Antwort gab. – Wissen Sie, gestern hätte er uns – jeden-falls hatte er es versprochen – an der Bahn abholen sollen.

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Statt dessen schickte er einen Diener, der die Adresse dieser Unterkunft hier hatte und uns den Weg zeigte, und er selbst ließ uns ausrichten, daß er uns heute morgen aufsuchen werde. Doch heute morgen traf an seiner Stelle dieses Schreiben hier ein ... am besten, Sie lesen es selbst; es ist ein Punkt darin, der mich sehr beunruhigt ... Sie werden gleich sehen, wel-cher Punkt das ist, und ... Sie müssen mir aufrichtig Ihre Meinung sagen, Dmitrij Prokofjitsch. Sie kennen den Charak-ter Rodjas besser als alle anderen und können mir am ehesten raten. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Dunjetschka gleich im ersten Augenblick ihre Entscheidung getroffen hat; aber ich ... ich weiß noch nicht, wie ich mich verhalten soll, und ... und ich habe die ganze Zeit nur auf Sie gewartet.«

Rasumichin öffnete den Brief, der das Datum des Vortages trug, und las folgendes:

»Sehr verehrte Pulcheria Alexandrowna, ich habe die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß ich infolge unvorher-gesehener Hindernisse außerstande war, Sie auf dem Bahn-hof zu erwarten, und daß ich Ihnen deshalb einen sehr tüch-tigen Mann schicke. Ebenso muß ich mir morgen vormittag die Ehre eines Wiedersehens mit Ihnen versagen, da mich un-aufschiebbare Geschäfte im Senat festhalten und da ich Ihre Zusammenkunft mit Ihrem Sohn und das Wiedersehen Awdotja Romanownas mit ihrem Bruder nicht stören möchte. Ich werde jedoch die Ehre haben, Sie am morgigen Tage Punkt acht Uhr abends in Ihrem Quartier aufzusuchen und Ihnen meine Aufwartung zu machen, wobei ich die entschiedene und, wie ich betonen muß, dringende Bitte hinzufüge, daß bei unserem gemeinsamen Zusammenkommen Rodion Roma-nowitsch nicht zugegen sei; er hat mich bei meinem gestrigen Krankenbesuch beispiellos und voll Mißachtung beleidigt, und außerdem muß ich mich unter vier Augen mit Ihnen über einen gewissen Punkt aussprechen, über den ich Ihre eigene Ansicht zu hören wünsche. Gleichzeitig habe ich die Ehre, Sie im voraus darauf aufmerksam zu machen, daß ich, sollte ich entgegen meiner Bitte Rodion Romanowitsch bei Ihnen vorfinden, genötigt wäre, mich unverzüglich zu

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entfernen; die Folgen hätten Sie sich dann selbst zuzu-schreiben.

Ich erwähne das in der Annahme, daß Rodion Romano-witsch, der bei meinem Besuch so krank zu sein schien, aber zwei Stunden später plötzlich wieder gesund wurde, wohl auch das Haus verlassen und zu Ihnen kommen könnte. Ich habe mich davon mit eigenen Augen überzeugen können, und zwar in der Wohnung eines von Pferden niedergestoßenen Trunkenboldes, der später seinen Verletzungen erlag und dessen Tochter, einem Mädchen von üblem Ruf, Rodion Romanowitsch gestern an die fünfundzwanzig Rubel, an-geblich für das Begräbnis, aushändigte, was mich sehr in Er-staunen setzte; denn ich weiß, unter welchen Sorgen Sie diese Summe aufgebracht haben. Indem ich der geehrten Awdotja Romanowna meine besondere Hochachtung bezeige, bitte ich Sie, das Gefühl meiner respektvollen Verehrung entgegen-zunehmen.

Ihr ergebener Diener P. Luschin«

»Was soll ich jetzt tun, Dmitrij Prokofjitsch?« fragte Pul-cheria Alexandrowna, den Tränen nahe. »Wie soll ich denn Rodja den Vorschlag machen, er möge nicht herkommen? Er forderte gestern immer wieder, wir sollten Pjotr Petro-witsch den Laufpaß geben, und jetzt verlangt Pjotr Petro-witsch, wir sollen Rodja nicht empfangen. Wenn Rodja das erfährt, kommt er absichtlich, aus Trotz, und ... und was wird dann?«

»Richten Sie sich ganz danach, was Awdotja Romanowna entschieden hat«, antwortete Rasumichin ruhig und ohne Zögern.

»Ach! Du lieber Gott! Sie sagt ... Gott weiß was; und sie erklärt mir nicht ihre Gründe! Sie sagt, es sei besser, das heißt nicht besser, sondern zu irgendeinem Zweck angeblich unbe-dingt nötig, daß auch Rodja heute um acht Uhr herkäme und daß die beiden einander auf jeden Fall begegneten ... Und ich wollte ihm eigentlich den Brief gar nicht zeigen, sondern es irgendwie mit List und durch Ihre Vermittlung

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dahin bringen, daß er nicht käme ... weil er so reizbar ist ... Ich verstehe überhaupt nichts von all dem; was für ein Trun-kenbold ist denn da gestorben und was ist das für eine Toch-ter und wie konnte er dieser Tochter das letzte Geld geben ... das ich ...«

»Das Sie mit solcher Mühe aufgebracht haben, Mama«, er-gänzte Awdotja Romanowna.

»Er war nicht ganz bei Verstand«, meinte Rasumichin nachdenklich. »Wenn Sie wüßten, was er gestern in einem Gasthaus gemacht hat, obgleich es klug war ... hm! Aber über einen Verstorbenen und über irgendein Mädchen hat er tatsächlich gesprochen, als ich ihn nach Hause brachte, doch habe ich kein Wort davon verstanden ... Übrigens war ich gestern selber ...«

»Am besten, wir gehen zu ihm, Mama; ich versichere Ihnen, daß wir dort gleich sehen werden, was wir tun können. Und außerdem ist es schon Zeit – o Gott! Elf Uhr!« rief Dunja, nachdem sie auf die prächtige emaillierte Uhr geschaut hatte, die an einer zarten venezianischen Kette an ihrem Hals hing und in schreiendem Gegensatz zu der sonstigen dürftigen Kleidung des Mädchens stand.

Ein Geschenk ihres Verlobten, dachte Rasumichin.

»Ach, es ist Zeit! ... Es ist Zeit, Dunjetschka, es ist Zeit!« pflichtete ihr Pulcheria Alexandrowna in unruhiger Geschäf-tigkeit bei. »Er glaubt sonst noch, wir wären ihm wegen ge-stern böse, weil wir so lange nicht kommen. Ach, du lieber Gott!«

Bei diesen Worten warf sie hastig ihre Mantille über die Schultern und setzte sich den Hut auf. Auch Dunjetschka zog sich an. Ihre Handschuhe waren nicht nur abgetragen, sondern hatten auch Löcher, was Rasumichin bemerkte; in-des verlieh die offenkundige Armut, mit der die beiden Da-men gekleidet waren, ihnen eine Art besondere Würde, was immer bei jenen Menschen der Fall ist, die armselige Klei-dung mit Anstand zu tragen wissen. Voll andächtiger Ver-ehrung blickte er Dunjetschka an und war stolz, daß er sie begleiten durfte. Jene Königin, dachte er, die im Kerker ihre Strümpfe stopfte, sah in dem Augenblick bestimmt wie eine

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echte Königin aus, und königlicher noch als bei den üppigsten Festen und Feiern.

»O Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna, »hätte ich je gedacht, daß ich Angst haben könnte vor einem Wiedersehen mit meinem Sohn, mit meinem lieben, lieben Rodja, solche Angst wie jetzt? ... Ich habe Angst, Dmitrij Prokofjitsch!« fügte sie hinzu, während sie ihn zaghaft ansah.