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»Fürchten Sie nichts, liebe Mama«, erwiderte Dunja und küßte sie; »glauben Sie lieber an ihn. Ich tue es.«

»Ach Gott! Auch ich glaube an ihn, doch habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen!« rief die arme Frau.

Sie traten auf die Straße.

»Weißt du, Dunjetschka, als ich – es war bereits gegen Morgen – ein wenig einschlummerte, träumte ich plötzlich von der gottseligen Marfa Petrowna ... Sie war ganz in Weiß gekleidet ... und kam auf mich zu und nahm mich bei der Hand, während sie den Kopf schüttelte, so streng, so streng, als ob sie mich verurteilte ... Hat das etwas Gutes zu be-deuten? Ach, du lieber Himmel, Sie wissen es ja noch gar nicht, Dmitrij Prokofjitsch: Marfa Petrowna ist gestorben!«

»Nein, ich weiß wirklich nichts; was für eine Marfa Petrowna?«

»Ganz plötzlich. Und stellen Sie sich nur vor ...«

»Später, Mama!« mischte sich Dunja ein. »Er weiß ja noch gar nicht, wer Marfa Petrowna war.«

»Ach, Sie wissen das nicht? Und ich dachte, Ihnen wäre das alles bekannt. Sie müssen verzeihen, Dmitrij Prokofjitsch, zur Zeit bin ich einfach ganz durcheinander. Ich sehe Sie gewisser-maßen als unsere Vorsehung an, und darum war ich ganz überzeugt davon, daß Sie alles bereits wüßten. Ich habe das Gefühl, als gehörten Sie zur Familie ... Seien Sie nicht böse, daß ich das sage. Ach du lieber Himmel, was haben Sie denn da an der rechten Hand? Haben Sie sich verletzt?«

»Ja, ich habe mich verletzt«, murmelte Rasumichin be-glückt.

»Manchmal trage ich das Herz wirklich auf der Zunge, so daß Dunja mich zurückhalten muß ... aber mein Gott, in was für einer Kammer er wohnt! Ob er wohl schon aufge-

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wacht ist? Und diese Frau, seine Hauswirtin, bezeichnet so etwas als Zimmer? Hören Sie, Sie sagen, er liebe es nicht, sein Herz auszuschütten; da werde ich ihm vielleicht durch meine Schwächen ... lästig fallen? ... Wollen Sie mir nicht raten, Dmitrij Prokofjitsch, wie ich mich ihm gegenüber ver-halten soll? Wissen Sie, ich bin schon ganz verwirrt.«

»Fragen Sie ihn nicht zu sehr aus, wenn Sie sehen, daß er ein finsteres Gesicht zieht; insbesondere erkundigen Sie sich nicht zu eingehend nach seiner Gesundheit – das mag er nicht.«

»Ach, Dmitrij Prokofjitsch, wie schwer ist es, Mutter zu sein! Aber da sind wir ja schon bei dieser Treppe ... Eine schreckliche Treppe!«

»Liebe Mama, Sie sind ja geradezu blaß; beruhigen Sie sich doch, meine Teuerste!« sagte Dunja und liebkoste sie. »Er sollte glücklich sein, Sie zu sehen, und Sie quälen sich so«, fügte sie hinzu, und ihre Augen funkelten.

Langsam stiegen die Damen hinter Rasumichin hinauf, der vorausgeeilt war. Als sie im vierten Stock an der Tür der Hauswirtin vorbeigingen, bemerkten sie, daß diese Tür einen kleinen Spalt weit geöffnet war und daß zwei flinke schwarze Augen aus dem Dunkel herausspähten. Als dieser Blick dem der beiden Frauen begegnete, wurde die Tür zugeschlagen, und zwar mit einem solchen Krach, daß Pulcheria Alexan-drowna vor Schreck beinahe aufgeschrien hätte.

3

»Er ist gesund, gesund!« rief Sosimow den Eintretenden fröhlich entgegen. Er war vor etwa zehn Minuten gekommen und saß wie gestern in der Ecke auf dem Diwan. Raskolnikow saß ihm gegenüber in der anderen Ecke, völlig angezogen und sogar sorgfältig gewaschen und gekämmt, was schon lange nicht mehr der Fall gewesen war. Das Zimmer war im Nu voll, doch Nastasja hatte es trotzdem verstanden, hinter den Besuchern hineinzuschlüpfen, und lauschte jetzt.

Wirklich war Raskolnikow fast gesund, vor allem im

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Vergleich mit gestern, nur war er sehr blaß, zerstreut und verdrießlich. Er sah gewissermaßen wie ein Verwundeter aus oder wie ein Mensch, der einen heftigen körperlichen Schmerz erleidet: seine Brauen waren zusammengezogen, die Lippen aufeinandergepreßt; die Augen entzündet. Er sprach wenig und ungern, als kostete es ihn Überwindung oder als erfüllte er eine Verpflichtung, und hin und wieder äußerte sich in sei-nen Bewegungen eine Art Unruhe. Es fehlte nur noch irgend-eine Bandage an der Hand oder ein Fingerling aus Taft, um die Ähnlichkeit mit einem Menschen vollkommen zu machen, der zum Beispiel einen sehr schmerzhaft eiternden Finger hat oder eine verletzte Hand oder sonst eine derartige Wunde.

Übrigens erhellte sich auch dieses blasse, finstere Gesicht für einen Augenblick, als würde es mit Licht übergössen, als Mutter und Schwester eintraten; aber gleich darauf schien nur eine noch konzentriertere Qual an Stelle der früheren gramvollen Zerstreutheit zu treten. Das Licht erlosch, und die Qual blieb. Sosimow beobachtete und studierte seinen Patienten mit all dem jugendlichen Feuereifer eines Arztes, der eben erst mit seiner Praxis begonnen hat, und er sah verwundert, wie Raskolnikows Gesicht bei der Ankunft seiner Verwandten an Stelle von Freude gewissermaßen eine gequälte, heimliche Entschlossenheit verriet, ein oder zwei Stunden lang eine unvermeidliche Folter zu erdulden. Dann sah er, wie fast jedes Wort des folgenden Gespräches irgend-eine Wunde in seinem Patienten zu berühren schien und ihn schmerzte; gleichzeitig aber staunte er nicht wenig, wie gut Raskolnikow sich heute zu beherrschen und seine monomani-schen Gefühle von gestern zu verbergen verstand, als er wegen des kleinsten Wortes fast in Raserei geraten war.

»Ja, ich sehe jetzt selbst, daß ich fast gesund bin«, sagte Raskolnikow freundlich, während er Mutter und Schwester küßte, weswegen Pulcheria Alexandrowna sogleich vor Glück strahlte; »und ich sage das nicht so wie gestern«, fügte er hin-zu, wandte sich an Rasumichin und drückte ihm freundschaft-lich die Hand.

»Ich muß heute geradezu staunen über ihn«, begann So-simow, der sich über die Ankunft der Besucher sehr freute,

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weil ihm schon während dieser zehn Minuten der Gesprächs-stoff mit seinem Patienten ausgegangen war. »Wenn es so weitergeht, ist er in drei, vier Tagen wieder ganz der alte, das heißt so, wie er vor einem Monat war oder vor zwei oder vielleicht sogar vor drei Monaten. Die Krankheit hat ja schon lange in ihm gesteckt und geschwelt ... nicht wahr? Sie geben jetzt sicher zu, daß Sie vielleicht auch selber etwas Schuld hatten?« fügte er mit einem vorsichtigen Lächeln hinzu, als fürchtete er noch immer, ihn durch irgend etwas zu reizen.

»Das ist sehr wohl möglich«, erwiderte Raskolnikow kalt.

»Ich sage das deshalb«, sprach Sosimow, der auf den Ge-schmack gekommen war, weiter, »weil Ihre baldige Genesung jetzt hauptsächlich von Ihnen abhängt. Heute, da man schon mit Ihnen sprechen kann, möchte ich Ihnen einschärfen, daß unbedingt die ursprünglichen, sozusagen die wurzelhaften Ursachen beseitigt werden müssen, die Ihren krankhaften Zu-stand hervorgerufen haben; nur dann werden Sie gesund; sollte das nicht gelingen, wird Ihr Zustand sogar noch schlim-mer werden. Diese primären Ursachen kenne ich nicht, aber Ihnen müssen sie bekannt sein. Sie sind ein kluger Mensch und haben sich natürlich selbst beobachtet. Mir will scheinen, daß der Beginn Ihrer Krankheit mit dem Zeitpunkt zusam-menfällt, da Sie die Universität verlassen haben. Sie können nicht ohne Beschäftigung sein, und deshalb glaube ich, daß Arbeit und ein unverrückbares Ziel Ihnen sehr helfen könnten.«

»Ja, ja, Sie haben völlig recht ... Ich will jetzt bald wieder mein Universitätsstudium aufnehmen, und dann wird alles gehen ... wie geschmiert ...»

Sosimow, der diese klugen Ratschläge zum Teil auch des-halb von sich gegeben hatte, weil er Eindruck auf die Damen machen wollte, war natürlich einigermaßen beunruhigt, als er zum Schluß seiner Ausführungen einen Blick auf Raskolni-kow warf und in dessen Gesicht einen entschiedenen Spott bemerkte. Übrigens dauerte das nur eine Sekunde. Pulcheria Alexandrowna dankte Sosimow sogleich, insbesondere für den nächtlichen Besuch gestern in ihrer Herberge.