»Wie, war er heute nacht bei euch?« fragte Raskolnikow, der unruhig zu sein schien. »Also habt ihr trotz eurer Reise nicht geschlafen?«
»Ach, Rodja, das war doch nur bis zwei Uhr. Dunja und ich gehen auch zu Hause nie vor zwei Uhr zu Bett.«
»Auch ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll«, fuhr Ras-kolnikow fort, der plötzlich mit finsterem Gesicht zu Boden blickte. »Da ich die Geldfrage ausschalte – entschuldigen Sie, daß ich das erwähne«, wandte er sich an Sosimow –, »weiß ich wirklich nicht, wordurch ich diese so besondere Aufmerk-samkeit verdient habe. Ich verstehe es einfach nicht ... und ... es bedrückt mich geradezu, weil es mir unverständlich ist. Ich sage Ihnen das ganz offen.«
»Ärgern Sie sich nicht«, entgegnete Sosimow mit gezwun-genem Lachen. »Nehmen Sie einfach an, Sie wären mein erster Patient! Unsereiner, der soeben zu praktizieren ange-fangen hat, liebt seine ersten Patienten, als wären sie seine leiblichen Kinder, und manche verlieben sich sogar in sie. Ich bin nämlich an Patienten noch gar nicht so reich.«
»Von ihm rede ich gar nicht erst«, sprach Raskolnikow wei-ter und deutete auf Rasumichin; »auch er hat außer Beleidi-gungen und Sorgen nichts von mir gehabt.«
»Das lügt er! Du bist heute wohl in einer etwas pathe-tischen Stimmung, wie?« rief Rasumichin.
Hätte er einen schärferen Blick besessen, er hätte gesehen, daß hier von pathetischer Stimmung keine Rede sein konnte, sondern daß gerade das Gegenteil zutraf. Aber Awdotja Romanowna hatte es gemerkt. Angespannt und unruhig be-obachtete sie den Bruder.
»Und von Ihnen, Mama, schweige ich überhaupt«, fuhr er fort, als wäre das eine Lektion, die er den ganzen Morgen über auswendig gelernt hätte. »Erst heute wurde mir halb-wegs klar, wie ihr gestern hier gelitten haben müßt, als ihr auf meine Rückkehr gewartet habt.« Bei diesen Worten streckte er plötzlich, lächelnd und schweigend, seiner Schwester die Hand hin. Doch in seinem Lächeln war diesmal ein echtes, unverfälschtes Gefühl zu erkennen. Dunja ergriff froh und dankbar die dargereichte Hand und drückte sie innig. Zum
erstenmal hatte er sich nach dem gestrigen Zwist an sie ge-wandt. Angesichts dieser endgültigen, wortlosen Versöhnung der beiden Geschwister erhellten Entzücken und Glück das Antlitz der Mutter.
»Eben deshalb liebe ich ihn!« flüsterte Rasumichin, der ja alles übertrieb, während er sich auf seinem Stuhl energisch umwandte. »Er hat solche Gesten! ...«
Wie treffend er das gesagt hat, dachte die Mutter im stil-len. Welch edle Regungen er hat und wie schlicht und zart-fühlend er diese ganze gestrige Meinungsverschiedenheit mit seiner Schwester aus der Welt geschafft hat – nur dadurch, daß er ihr in dieser Minute die Hand reichte und sie liebevoll ansah ... Wie wunderschön seine Augen sind und wie wun-derschön das ganze Gesicht! ... Er ist sogar schöner als Du-njetschka ... aber, du lieber Gott, was für einen Anzug er an-hat, wie schrecklich er angezogen ist! Selbst der Laufjunge Wasja in Afanasij Iwanowitschs Laden ist besser ange-zogen ... So gerne würde ich jetzt auf ihn zueilen und ihn umarmen ... und weinen, aber ich habe Angst, Angst ... was ist er bloß für ein Mensch, du mein Herr und Gott! Er spricht ganz freundlich, aber ich habe Angst! Wovor nur? ...
»Ach, Rodja, du wirst nicht glauben«, begann sie plötzlich, indem sie sich beeilte, seine Bemerkung zu beantworten, »wie ... unglücklich Dunjetschka und ich gestern waren! Jetzt, da alles vergeben und vergessen ist und wir hier wieder glück-lich sind, kann ich es ja erzählen. Stell dir nur vor, wir eilen hierher, direkt von der Eisenbahn, um dich in die Arme zu schließen, und diese Frau – ah, da ist sie ja! sei gegrüßt, Nastasja! — sagt uns plötzlich, du lägest mit Nervenfieber zu Bett und seist eben hinter dem Rücken des Arztes im Delirium auf die Straße gelaufen, und man suche dich! Du kannst dir nicht ausmalen, wie uns zumute war! Mir fiel sofort ein, auf was für tragische Weise Leutnant Potantschikow um-kam, ein Bekannter von uns, ein Freund deines Vaters – du erinnerst dich nicht an ihn, Rodja –; der lief ebenfalls im Nervenfieber, genauso wie du, aus dem Haus und fiel im Hof in den Brunnen; erst am nächsten Tag konnte man ihn herausziehen. Und wir haben das Ganze natürlich noch
übertrieben. Wir wollten davoneilen und Pjotr Petrowitsch suchen, damit wir wenigstens mit seiner Hilfe ... denn wir waren ja allein, ganz allein«, rief sie mit kläglicher Stimme und wußte plötzlich nicht mehr weiter, da ihr einfiel, daß es noch recht gefährlich sei, von Pjotr Petrowitsch zu sprechen, obgleich jetzt »alles vergessen und sie wieder glücklich« waren.
»Ja, ja ... natürlich ist all das ... ärgerlich«, antwortete Raskolnikow murmelnd, aber mit einer so zerstreuten, fast unaufmerksamen Miene, daß Dunjetschka ihn verblüfft ansah.
»Was wollte ich denn noch sagen?« fuhr er fort und strengte sein Gedächtnis an. »Ja: Mama und du, Dunjetschka, glaubt bitte nicht, ich hätte heute nicht als erster zu euch kom-men wollen und hätte darauf gewartet, daß ihr kämt.«
»Aber was redest du da, Rodja!« rief Pulcheria Alexan-drowna ebenfalls erstaunt.
Was hat er denn? Antwortet er uns etwa nur aus Pflicht? dachte Dunjetschka. Er schließt Frieden und bittet um Ver-zeihung, als wollte er einen Ritus zelebrieren oder eine Lek-tion aufsagen.
»Ich bin eben erst aufgewacht und wollte zu euch gehen, wurde aber wegen meines Anzuges aufgehalten; ich hatte gestern vergessen, ihr ... Nastasja ... zu sagen, daß sie dieses Blut auswasche ... erst jetzt konnte ich mich anziehen.«
»Blut? Was für Blut?« fragte Pulcheria Alexandrowna beunruhigt.
»Das war so ... Seien Sie unbesorgt, liebe Mama; das Blut kam daher, daß ich gestern, als ich noch ein wenig im Fieber hin und her taumelte, auf einen Mann stieß, der über-fahren worden war ... auf einen Beamten ...«
»Im Fieber? Aber du erinnerst dich doch an alles«, unter-brach ihn Rasumichin.
»Das ist richtig«, erwiderte Raskolnikow mit Bedacht; »ich erinnere mich an alles, an die kleinste Kleinigkeit; aber war-um ich das und jenes getan habe, dahin und dorthin gegangen bin und dies und das gesagt habe, das kann ich mir nicht mehr richtig erklären.«
»Ein höchst bekanntes Phänomen«, warf Sosimow ein.
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»Eine Handlung wird bisweilen meisterhaft und überaus klug ausgeführt; der Zweck dieser Handlung jedoch und ihr Ur-sprung sind unklar, und verschiedene krankhafte Eindrücke sind an ihr schuld. Das ist wie im Traum.«
Es ist vielleicht ganz gut, daß er mich für halb verrückt hält, dachte Raskolnikow.
»So geht es hin und wieder auch Gesunden«, bemerkte Dunjetschka, die Sosimow unruhig ansah.
»Eine zutreffende Bemerkung«, antwortete der Arzt. »In diesem Sinne verhalten wir uns alle, und zwar sehr oft, wie Geistesgestörte, nur mit dem kleinen Unterschied, daß die .Kranken' doch noch ein bißchen mehr gestört sind als wir; die Grenze darf man da nicht übersehen. Allerdings: einen vollkommen harmonischen Menschen gibt es fast überhaupt nicht, das ist wahr; unter Zehntausenden, ja, vielleicht unter vielen Hunderttausenden findet man einen, und auch der ist meist ein ziemlich schwaches Exemplar ...«
Als das Wort »geistesgestört« dem Arzt, der über sein Lieb-lingsthema in Feuer geriet, auf so unvorsichtige Weise ent-schlüpfte, runzelten alle die Stirn. Raskolnikow saß da, als kümmerte er sich nicht darum; er war in Nachdenken ver-sunken, und ein seltsames Lächeln umspielte seine blassen Lippen. Er überlegte etwas.
»Nun also, was war mit diesem überfahrenen Mann? Ich habe dich unterbrochen«, rief Rasumichin schnell.