»Was?« Raskolnikow schien wieder zu sich zu kommen. »Nun ... der war ganz blutüberströmt, als ich ihn in seine Wohnung tragen half ... Übrigens habe ich da etwas Unver-zeihliches getan, Mama; ich war wohl wirklich nicht recht bei Verstand. Ich habe gestern alles Geld, das Sie mir geschickt hatten ... seiner Frau gegeben ... für das Begräbnis. Sie ist jetzt Witwe, ein schwindsüchtiges, erbarmungswürdiges Ge-schöpf ... drei hungrige kleine Waisen ... sie haben nichts im Haus ... und es ist noch eine Tochter da ... Vielleicht hätten Sie selber das Geld hergegeben, hätten Sie das ge-sehen ... Ich hatte übrigens keinerlei Recht, das zu tun, das gestehe ich, zumal da ich wußte, wie schwer Sie dieses Geld aufgebracht haben. Um zu helfen, muß man zuerst das Recht
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dazu haben, andernfalls: ,Crevez, chiens, si vous n'êtes pas contents!'« Er lachte auf. »Ist's nicht so, Dunja?«
»Nein, es ist nicht so«, antwortete Dunja fest.
»Bah! Auch du ... verfolgst eine Absicht! ...« murmelte er und blickte sie mit einem höhnischen Lächeln, ja, fast mit Haß an. »Ich hätte daran denken sollen ... nun ja, das ist löblich; du hast es leichter ... Aber du wirst an eine Grenze kommen, die du nicht überschreiten kannst, und dann wirst du unglücklich sein; und wenn du sie überschreitest, wirst du vielleicht noch unglücklicher sein!« setzte er gereizt hinzu, voll Ärger darüber, daß er sich unwillkürlich hatte fortreißen las-sen. »Ich wollte nur sagen, daß ich Ihre Verzeihung erbitte, Mama«, sprach er schließlich abgerissen und schroff.
»Laß es genug sein, Rodja! Ich bin überzeugt, daß alles sehr gut ist, was du tust!« erwiderte seine Mutter freudig.
»Seien Sie davon nicht so überzeugt«, entgegnete er mit einem schiefen Lächeln.
Ein Schweigen trat ein. Sowohl ihr Gespräch wie dieses Schweigen war mit Spannung geladen, ihre Versöhnung so gut wie die Bitte um Verzeihung, und alle fühlten das.
Es ist ja, als hätten sie Angst vor mir, dachte Raskolnikow insgeheim, während er Mutter und Schwester finster an-starrte. Pulcheria Alexandrowna wurde wirklich immer schüchterner, je länger sie schwieg.
Und aus der Ferne habe ich die beiden doch so sehr geliebt, dachte er flüchtig.
»Weißt du, Rodja, daß Marfa Petrowna gestorben ist?« platzte Pulcheria Alexandrowna plötzlich heraus.
»Welche Marfa Petrowna?«
»Ach, du lieber Gott, Marfa Petrowna Swidrigailowa! Ich habe dir doch soviel über sie geschrieben.«
»Ja, ja, ich entsinne mich ... sie ist also gestorben? Ach, wirklich?« rief er mit plötzlichem Erschrecken, als wäre er eben erwacht. »Sie ist also gestorben? Woran denn?«
»Stell dir nur vor, ganz plötzlich«, fuhr Pulcheria Alexan-drowna hastig fort, denn seine Neugier ermutigte sie; »gerade, als ich damals den Brief an dich absandte, am selben Tag! Denk dir nur, dieser entsetzliche Mensch scheint auch die Ur-
sache ihres Todes gewesen zu sein. Er soll sie furchtbar ver-prügelt haben!«
»Haben sie denn so schlecht miteinander gelebt?« fragte er, indem er sich an seine Schwester wandte.
»Nein, ganz im Gegenteil. Ihr gegenüber war er immer sehr geduldig, ja höflich. In mancher Beziehung hatte er sogar zu große Nachsicht mit ihrem Charakter, volle sieben Jahre lang ... Plötzlich scheint er die Geduld verloren zu haben.«
»Also war er gar nicht so entsetzlich, wenn er sieben Jahre durchgehalten hat? Du scheinst ihn zu entschuldigen, Du-njetschka!«
»Nein, nein, er ist ein entsetzlicher Mensch! Etwas Ent-setzlicheres kann ich mir gar nicht vorstellen«, erwiderte Dunja beinahe zitternd und mit nachdenklich gerunzelter Stirn.
»Das war am Vormittag«, erzählte Pulcheria Alexan-drowna überstürzt weiter. »Nach dieser Prügelei ließ sie gleich die Pferde anspannen, um sofort nach Tisch in die Stadt zu fahren; denn in solchen Fällen fuhr sie immer in die Stadt; bei Tisch aß sie, wie man sagt, mit großem Appetit ...«
»Trotz den Prügeln?«
»... sie hatte übrigens seit jeher die ... Angewohnheit und ging jedesmal gleich nach dem Essen, um nicht zu spät wegzu-fahren, in die Badestube ... Weißt du, sie machte eine Bade-kur; dort haben sie eine kalte Quelle, und darin badete sie regelmäßig jeden Tag. Doch als sie jetzt ins Wasser stieg, traf sie plötzlich der Schlag!«
»Das kann ich mir vorstellen!« warf Sosimow ein.
»Und hatte er sie sehr verprügelt?«
»Das spielt doch gar keine Rolle«, entgegnete Dunja.
»Hm! Übrigens, warum macht es Ihnen soviel Spaß, Mama, solchen Unsinn zu erzählen?« stieß Raskolnikow plötzlich mit unerwarteter Gereiztheit hervor.
»Ach, mein Lieber, ich wußte ja nicht mehr, worüber ich sprechen sollte«, entfuhr es Pulcheria Alexandrowna.
»Ja, habt ihr denn alle Angst vor mir?« fragte er mit einem verzerrten Grinsen.
»Es ist wirklich so«, rief Dunja, während sie den Bruder offen und streng anblickte. »Als Mama die Treppe herauf-kam, bekreuzigte sie sich sogar vor Furcht.«
Sein Gesicht verzog sich wie in einem Krampf.
»Ach, was redest du da, Dunja! Rodja, sei bitte nicht böse ... Warum sagst du so etwas, Dunja?!« widersprach Pulche-ria Alexandrowna verwirrt. »Freilich, als ich hierherfuhr, malte ich mir während der ganzen Fahrt in unserem Abteil aus, wie wir einander sehen und über alles miteinander plau-dern würden ... und ich war so glücklich, daß ich die Fahrt nicht einmal spürte! Aber was rede ich da! Ich bin doch auch jetzt glücklich ... Warum sagst du solche Dinge, Dunja? Ich bin allein schon deshalb glücklich, Rodja, weil ich dich sehe ...«
»Lassen Sie es gut sein, Mama«, murmelte er verwirrt und drückte ihr die Hand, ohne zu ihr aufzusehen; »wir werden schon noch Zeit haben, nach Herzenslust miteinander zu reden!«
Bei diesen Worten erbleichte er in plötzlicher Bestürzung: wieder war das schon einmal empfundene entsetzliche Gefühl wie mit Eiseskälte durch seine Seele gezogen; wieder sah er mit einem Schlag ein, daß er jetzt eine furchtbare Lüge gesagt hatte, stand ihm klar vor Augen, daß er nicht nur nie wieder nach Herzenslust werde reden können, sondern daß er jetzt niemals und mit niemandem mehr über irgend etwas auch nur sprechen dürfe. Der Eindruck, den dieser qualvolle Ge-danke auf ihn machte, war so stark, daß Raskolnikow für einen Augenblick fast alles vergaß, aufstand und, ohne je-manden anzusehen, aus dem Zimmer gehen wollte.
»Was hast du?« rief Rasumichin und packte ihn am Arm.
Raskolnikow setzte sich wieder und blickte schweigend um sich; alle betrachteten ihn erstaunt.
»Was seid ihr denn so langweilig!« rief er plötzlich ganz unerwartet. »Sagt doch etwas! Was sitzen wir denn hier so herum! Na, so redet doch! Wir wollen uns unterhalten ... Da sind wir zusammengekommen, und jetzt schweigen wir ... Na, irgend etwas!«
»Gott sei Dank! Ich dachte schon, es finge wieder so etwas
wie gestern an«, sagte Pulcheria Alexandrowna und schlug das Kreuz.
»Was hast du, Rodja?« fragte Awdotja Romanowna miß-trauisch.
»Aber gar nichts; ich habe mich gerade an etwas erinnert«, antwortete er und lachte auf.
»Nun, wenn es etwas Komisches ist, ist es ja gut! Ich dachte schon ...« murmelte Sosimow, während er sich vom Diwan erhob. »Ich muß übrigens gehen; ich komme vielleicht wieder ... Wenn ich Sie hier treffe ...«
Er verneigte sich und ging.
»Ein prächtiger Mensch!« bemerkte Pulcheria Alexan-drowna.
»Ja, prächtig, vortrefflich, gebildet, klug ...« stimmte Ras-kolnikow zu. Er sprach plötzlich unerwartet rasch und mit einer Lebhaftigkeit, die man an ihm bisher nicht gewohnt war. »Ich weiß nicht, wo ich ihm früher, vor meiner Erkrankung, schon begegnet bin ... Mir will scheinen, ich kenne ihn von irgendwo ... Aber auch der hier ist ein guter Mensch!« fuhr er fort und nickte Rasumichin zu. »Gefällt er dir, Dunja?« wandte er sich darauf an seine Schwester und lachte mit einemmal aus unerfindlichen Gründen.