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»O Gott! Jetzt hat sie es so weit gebracht, daß er ohn-mächtig wird!« rief Pulcheria Alexandrowna.

»Nein, nein ... Unsinn ... Es ist nichts ... ein kleiner Schwindelanfall. Keine Rede von einer Ohnmacht ... Was wollt ihr bloß ewig mit eurer Ohnmacht! ... Hm! Ja .. . was wollte ich nur sagen? Richtig! Wie willst du dich heute davon überzeugen, daß du ihn zu achten vermagst und daß er dich ... schätzt – nicht wahr, so hast du gesagt? Mir scheint, du hast auch gesagt: heute? Oder habe ich mich verhört?«

»Mama, zeigen Sie ihm den Brief Pjotr Petrowitschs«, er-widerte Dunjetschka.

Mit zitternden Händen reichte ihm Pulcheria Alexan-drowna den Brief. Er nahm ihn mit sichtlicher Neugier. Doch ehe er ihn öffnete, sah er unvermittelt, gleichsam erstaunt, Dunjetschka an.

»Seltsam«, sprach er langsam, als hätte ihn ein neuer Ge-danke überrascht. »Warum rege ich mich nur so auf? Warum das ganze Geschrei? Heirate, wen du willst!«

Er sagte das gleichsam in »einem lauten Selbstgespräch und starrte die Schwester eine Zeitlang an, als wäre er in Sorgen versunken.

Endlich öffnete er den Brief, noch immer mit der Miene eines betroffenen Staunens; dann begann er ihn langsam und aufmerksam zu lesen und las ihn zweimal vom Anfang bis zum Ende. Pulcheria Alexandrowna war höchst beunruhigt, aber auch die anderen warteten gespannt.

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»Eines wundert mich«, sagte er schließlich nach einigem Nachdenken und gab der Mutter den Brief zurück, doch ohne seine Worte direkt an einen der Anwesenden zu richten, »er betreibt doch Geschäfte, er ist Anwalt, und selbst im Re-den ... hat er ... einen gewissen Schwung; und dabei schreibt er so ungebildet.«

Alle fuhren auf; das hatten sie am wenigsten erwartet.

»Aber diese Leute schreiben doch immer so«, entgegnete Rasumichin kurz angebunden.

»Hast du den Brief denn gelesen?«

»Ja.«

»Wir haben den Brief hergezeigt, Rodja ... Wir haben uns vorhin beraten«, wandte Pulcheria Alexandrowna verle-gen ein.

»Es ist eigentlich ein unverfälschter Gerichtsstil«, fiel ihr Rasumichin ins Wort. »Gerichtliche Bescheide werden heute noch so abgefaßt.«

»Gerichtliche Bescheide? Ja, es ist ein gerichtlicher, sach-licher Stil ... Nicht gerade sehr ungebildet, aber auch nicht sehr literarisch; eben sachlich!«

»Pjotr Petrowitsch macht ja gar kein Hehl daraus, daß er fast kein Geld hatte, um zu studieren, und rühmt sich dessen sogar, daß er sich seinen Weg aus eigenen Kräften gebahnt hat«, bemerkte Awdotja Romanowna, ein wenig beleidigt durch den neuen Ton ihres Bruders.

»Nun ja, wenn er sich dessen rühmt, hat er wohl auch Grund dazu – ich will das nicht abstreiten. Du scheinst beleidigt zu sein, Schwester, weil ich dem ganzen Brief nichts weiter entnommen habe als den Anlaß zu einer so frivolen Bemerkung, und du glaubst, daß ich absichtlich von solchen Kleinigkeiten rede, um dir, weil ich mich ärgere, zu wider-sprechen. Im Gegenteil; anläßlich des Stils ist mir eine im vorliegenden Fall keineswegs überflüssige Bemerkung einge-fallen. In dem Brief kommt die Wendung vor: ,Die Folgen hätten Sie sich selber zuzuschreiben.' Das ist sehr deutlich und unmißverständlich gesagt und enthält außerdem die Drohung, daß er sofort gehen würde, wenn ich käme. Diese Drohung ist gleichbedeutend mit der Drohung, euch beide

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im Stich zu lassen, wenn ihr euch ihm widersetzt, und zwar jetzt im Stich zu lassen, da er euch nach Petersburg gerufen hat. Nun, was glaubst du: kann man durch eine solche Wen-dung ebenso beleidigt werden, wenn Luschin sie gebraucht, wie dann, wenn der hier « – er zeigte auf Rasumichin – »das geschrieben hätte oder Sosimow oder sonst einer von uns?«

»N-ein«, antwortete Dunjetschka lebhaft; »ich habe sehr gut verstanden, daß das allzu naiv formuliert ist und daß er sich vielleicht nicht gerade glänzend auszudrücken weiß ... Das siehst du vollkommen richtig, Bruder. Ich hätte das gar nicht erwartet ...«

»So drückt man sich eben im Gerichtsstil aus; im Gerichtsstil hätte er gar nicht anders schreiben können, es kam nur bru-taler heraus, als er vielleicht wollte. Übrigens muß ich dich ein bißchen enttäuschen: in diesem Brief findet sich eine zweite Wendung, in der er mich verleumdet, und zwar auf ziemlich gemeine Weise verleumdet. Ich habe das Geld gestern der Witwe, einer schwindsüchtigen, verprügelten Frau, nicht ,an-geblich für das Begräbnis' gegeben, sondern tatsächlich für das Begräbnis; und ich habe es nicht der Tochter ausgehändigt – einem Mädchen, das, wie er schreibt, einen ,üblen Ruf hat' und das ich gestern zum erstenmal im Leben gesehen habe –, sondern der Witwe. In alledem erkenne ich den voreiligen Wunsch, mich zu verunglimpfen und mit euch zu entzweien. Das ist wiederum im Stil eines Gerichtsbeschlusses ausgedrückt, das heißt, indem der Zweck allzu deutlich und mit einer höchst naiven Eilfertigkeit bloßgelegt wird. Er ist ein kluger Mann, aber um klug zu handeln, reicht es nicht. Das alles wirft ein bezeichnendes Licht auf ihn, und ... ich glaube nicht, daß er dich sehr schätzt. Ich teile dir das nur zu deiner mo-ralischen Erbauung mit, weil ich dir von Herzen alles Gute wünsche ...«

Dunjetschka antwortete nicht; ihr Entschluß war schon ge-faßt; sie wartete nur auf den Abend.

»Wie entscheidest du dich also, Rodja?« fragte Pulcheria Alexandrowna, durch seinen neuen, geschäftsmäßigen Tonfall in noch größere Unruhe versetzt.

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»Was meinen Sie mit entscheiden'?«

»Pjotr Petrowitsch schreibt ja doch, daß du am Abend nicht bei uns sein sollst und daß er sofort gehen würde, falls du kämst. Nun also ... wirst du kommen?«

»Das habe natürlich nicht ich zu entscheiden, sondern in erster Linie Sie, wenn diese Forderung Pjotr Petrowitschs Sie nicht beleidigt, und zweitens Dunja, sofern auch sie nicht be-leidigt ist. Ich werde tun, was Sie für gut befinden«, fügte er trocken hinzu.

»Dunjetschka hat ihren Entschluß schon gefaßt, und ich stimme mit ihr völlig überein«, beeilte sich Pulcheria Alexan-drowna zu versichern.

»Ich habe beschlossen, dich, Rodja, zu bitten, dringend zu bitten, unbedingt bei dieser Zusammenkunft zugegen zu sein«, sagte Dunja. »Kommst du?«

»Ja.«

»Ich möchte auch Sie bitten, um acht Uhr bei uns zu sein«, wandte sie sich an Rasumichin. »Mama, ich lade auch Herrn Rasumichin ein.«

»Vortrefflich, Dunjetschka. Nun, wie ihr euch entschieden habt«, erwiderte Pulcheria Alexandrowna, »so soll es auch sein. Und für mich ist es so ebenfalls leichter; ich heuchle und lüge nicht gern; es ist besser, wir sagen die ungeschminkte Wahrheit ... mag Pjotr Petrowitsch darüber in Zorn gera-ten oder nicht!«

4

In diesem Augenblick ging leise die Tür auf, und ein Mäd-chen, das sich schüchtern umblickte, trat ins Zimmer. Alle wandten sich ihr erstaunt und neugierig zu. Raskolnikow konnte sie auf den ersten Blick nicht erkennen. Es war Sofja Semjonowna Marmeladowa. Gestern hatte er sie zum ersten-mal gesehen, aber alle die besonderen Umstände ihrer Begeg-nung, der Zeitpunkt, die Umgebung und ihre Kleidung, hat-ten zur Folge gehabt, daß sich seinem Gedächtnis das Bild eines ganz anderen Gesichtes eingeprägt hatte. Jetzt war sie

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ein einfach, sogar ärmlich gekleidetes Mädchen, noch sehr jung, fast ein Kind noch, mit bescheidenen, anständigen Manieren und klarem, aber gleichsam verschrecktem Ge-sicht. Sie trug ein sehr schlichtes Hauskleidchen; auf ihrem Kopf saß ein alter, altmodischer Hut; nur in den Händen hielt sie wie gestern einen Sonnenschirm. Als sie wider Er-warten das Zimmer voller Menschen sah, wurde sie nicht nur verlegen, sondern gänzlich verwirrt und zaghaft wie ein kleines Kind und machte sogar schon Anstalten, wieder weg-zugehen.