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»Ach ... Sie sind das? ...« sagte Raskolnikow in unge-wöhnlichem Staunen und wurde plötzlich selber verlegen. Ihm fiel ein, daß seine Mutter und seine Schwester aus Luschins Brief bereits flüchtig von einem Mädchen »mit üblem Ruf« wußten. Gerade erst hatte er gegen Luschins Verleumdung protestiert und erwähnt, daß er dieses Mädchen gestern zum erstenmal gesehen habe, und jetzt erschien sie plötzlich selbst. Er entsann sich auch, daß er gegen den Ausdruck »übler Ruf« keineswegs Einwendungen erhoben hatte. All das fuhr ihm blitzartig durch den Kopf. Doch als er näher hinsah, erkannte er plötzlich, daß dieses erniedrigte Geschöpf sich in einem solchen Maße bedrückt fühlte, daß er mit einemmal Mitleid mit ihr bekam. Als sie jene Bewegung machte, als wollte sie vor Schreck davonlaufen, schien sich in ihm gleichsam etwas umzudrehen.

»Sie hätte ich am allerwenigsten erwartet«, sagte er hastig und hielt sie mit dem Blick zurück. »Tun Sie mir den Gefallen und setzen Sie sich. Sie kommen gewiß von Katerina Iwanow-na! Erlauben Sie, nicht hierher, sondern dorthin, setzen Sie sich dorthin ...«

Gleich als Sonja hereinkam, war Rasumichin, der gleich neben der Tür auf einem der drei Stühle Raskolnikows ge-sessen hatte, aufgestanden, um sie durchzulassen. Zuerst hatte ihr Raskolnikow den Platz auf der Diwanecke anbieten wol-len, wo Sosimow gesessen hatte, aber dann entsann er sich, daß dieser Diwan ein allzu familiärer Platz war und ihm als Nachtlager diente, und so beeilte er sich, auf Rasumichins Stuhl zu deuten.

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»Und du setz dich hierher«, wandte er sich an Rasumichin und ließ ihn auf Sosimows Diwanecke Platz nehmen.

Sonja setzte sich, zitternd vor Furcht, und sah schüchtern die beiden Damen an. Man merkte, daß sie selber nicht be-griff, wie sie sich neben sie hatte setzen können. Bei diesem Gedanken durchfuhr sie ein solcher Schrecken, daß sie sofort wieder aufstand und sich in völliger Verwirrung an Raskol-nikow wandte.

»Ich ... ich ... bin nur für eine Minute gekommen, ver-zeihen Sie, daß ich störe«, sagte sie stockend. »Ich komme von Katerina Iwanowna, und sie konnte niemanden anders schicken ... und Katerina Iwanowna läßt Sie sehr herzlich bitten, morgen vormittag ... nach der Messe ... zur Beerdi-gung zu kommen ... auf den Mitrofan-Friedhof, und dann zu uns .. . zu ihr ... zu einem Imbiß .. . Sie möchten ihr die Ehre erweisen ... sie läßt Sie bitten.«

Sonja unterbrach sich und verstummte.

»Ich werde mich gewiß bemühen ... ganz gewiß ...« ant-wortete Raskolnikow, der sich ebenfalls halb erhoben hatte und ebenfalls abbrach und nicht zu Ende sprach. »Tun Sie mir den Gefallen, setzen Sie sich wieder«, fuhr er plötzlich fort. »Ich muß mit Ihnen sprechen. Ich bitte Sie . .. Vielleicht sind Sie in Eile; aber haben Sie doch die Güte und schenken Sie mir zwei Minuten ...«

Er schob ihr den Stuhl zu. Sonja setzte sich wieder, sah aber-mals zaghaft, verwirrt und rasch die beiden Damen an und senkte plötzlich den Blick.

Das bleiche Gesicht Raskolnikows wurde dunkelrot; es war gleichsam ganz verzerrt; seine Augen funkelten.

»Mama«, sagte er fest und bestimmt, »das ist Sofja Se-mjonowna Marmeladowa, die Tochter jenes unseligen Herrn Marmeladow, der gestern vor meinen Augen überfahren wurde und von dem ich Ihnen schon erzählt habe ...«

Pulcheria Alexandrowna sah Sonja an und kniff die Augen zusammen. Obwohl der hartnäckige, herausfordernde Blick Rodjas sie verlegen machte, konnte sie sich dieses Vergnügen nicht versagen. Dunjetschka blickte dem armen Mädchen ernst und aufmerksam ins Gesicht und betrachtete sie staunend.

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Als Sonja hörte, wie man sie vorstellte, schaute sie wieder auf, geriet aber in noch größere Verwirrung als zuvor.

»Ich wollte Sie fragen«, wandte sich Raskolnikow rasch wieder ihr zu, »wie das heute bei Ihnen war. Hat man Sie nicht belästigt? ... War nicht vielleicht die Polizei bei Ihnen?«

»Nein ... alles ging ohne Schwierigkeiten vor sich ... Die Todesursache war ja ganz klar; so hat man uns nicht weiter behelligt; nur die anderen Mieter sind wütend.«

»Weshalb?«

»Weil die Leiche so lange daliegt .. . es ist ja jetzt so heiß ... der Geruch ... Deshalb wird er heute abend zur Messe auf den Friedhof gebracht, in die Kapelle, und dort bleibt er bis morgen. Katerina Iwanowna war zuerst sehr dagegen, aber jetzt sieht sie selbst ein, daß es anders nicht geht ...«

»Also heute?«

»Sie bittet Sie, uns die Ehre zu erweisen und morgen zum Gottesdienst in die Kirche zu kommen und sich dann zu ihr zu bemühen, zu einem Essen zu seinem Andenken.«

»Sie gibt ein Essen?«

»Ja, einen Imbiß; sie läßt Ihnen vielen Dank sagen, weil Sie uns gestern geholfen haben ... Ohne Sie hätten wir überhaupt kein Geld für das Begräbnis gehabt.« Ihre Lip-pen und ihr Kinn begannen plötzlich zu zucken, aber sie be-zwang sich und senkte möglichst rasch den Blick wieder zu Boden.

Während des Gespräches hatte Raskolnikow sie unver-wandt angesehen. Sie hatte ein schmächtiges, mageres, blasses Gesichtchen, ziemlich unregelmäßige, etwas spitze Züge, eine spitze kleine Nase und ein ebensolches Kinn. Man hätte sie nicht eigentlich hübsch nennen können, doch hatte sie klare blaue Augen, und wenn sie lebhaft wurde, nahm ihr Gesicht einen so guten, schlichten Ausdruck an, daß man sich unwill-kürlich angezogen fühlte. Zudem war für ihr Gesicht und ihre ganze Gestalt ein weiterer Zug besonders charakteristisch: ungeachtet ihrer achtzehn Jahre wirkte sie fast noch wie ein kleines Mädchen. Sie sah weit jünger aus, als sie war, bei-nahe wie ein richtiges Kind noch, und das verlieh einigen ihrer Bewegungen manchmal etwas geradezu Komisches.

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»Aber konnte denn Katerina Iwanowna das alles wirklich mit so geringen Mitteln bestreiten, daß sie sogar noch ein Essen geben will?« fragte Raskolnikow, der hartnäckig an dem Gesprächsthema festhielt.

»Der Sarg ist ganz einfach ... alles ist einfach, so daß es nicht viel kostet. Katerina Iwanowna und ich haben es aus-gerechnet, und es bleibt uns noch etwas für das Essen ... Katerina Iwanowna möchte es so gern. Es geht doch nicht anders ... Für sie bedeutet es einen Trost ... sie ist ja so, Sie kennen sie doch ...«

»Ich verstehe, ich verstehe ...natürlich ... Was schauen Sie denn mein Zimmer so an? Auch Mama sagt, es sähe aus wie ein Sarg.«

»Sie haben uns gestern all Ihr Geld gegeben!« flüsterte Sonjetschka plötzlich erregt und rasch und schlug abermals die Augen nieder.

Ihre Lippen und ihr Kinn begannen aufs neue zu zucken. Sie war betroffen von der armseligen Umgebung Raskol-nikows, und diese Worte waren ihr plötzlich ganz von selbst entschlüpft. Alle schwiegen. Dunjetschkas Augen waren ganz hell geworden, und Pulcheria Alexandrowna sah Sonja ge-radezu freundlich an.

»Rodja«, sagte sie und stand auf, »wir werden selbstver-ständlich zusammen essen. Komm, Dunjetschka ... und du, Rodja, solltest ein wenig Spazierengehen und danach ausru-hen und dich niederlegen; und dann kommst du gleich zu uns ... Wir haben dich angestrengt, fürchte ich ...«

»Ja, ja, ich komme«, antwortete er, während er sich hastig erhob. »Ich habe übrigens jetzt noch etwas zu er-ledigen ...«

»Ja, eßt ihr denn wirklich nicht gemeinsam zu Mittag?« rief Rasumichin, der Raskolnikow verblüfft anstarrte. »Was hast du denn vor?«

»Ja, ja, ich komme, natürlich komme ich ... Aber du bleib doch noch eine Minute hier. Sie brauchen ihn doch jetzt nicht, Mama? Oder nehme ich ihn euch vielleicht weg?«

»Ach nein, nein! Aber Sie kommen doch auch zum Essen, Dmitrij Prokofjitsch, nicht wahr?«