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»Nun ja, ja, ja«, bestätigte Rasumichin rasch, und ohne zu wissen, was er da bejahte; »das ist also der Grund, warum die Sache dich damals ... so betroffen gemacht hat ... Und weißt du, daß du auch im Fieber während der ganzen Zeit von Ringen und Ketten gesprochen hast? ... Nun ja, ja ... das ist klar; jetzt ist alles klar.«

Da haben wir es! Dieser Gedanke läßt sie nicht los! Dieser Mensch ließe sich für mich kreuzigen, und trotzdem freut er sich, daß sich aufgeklärt hat, weshalb ich im Fieber von Rin-gen gesprochen habe. Sie alle sind zutiefst davon überzeugt! ...

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»Und werden wir ihn antreffen?« fragte er laut.

»Gewiß, gewiß«, versicherte Rasumichin eifrig. »Er ist ein prächtiger Bursche, mein Lieber, du wirst schon sehen! Ein wenig ungeschickt – das heißt, er ist zwar ein Mann von Welt; aber ich meine, ungeschickt in bestimmter Hinsicht. Ein kluger Kerl, klug, sogar sehr klug, aber seine Gedanken gehen bisweilen eigenartige Wege ... Er ist mißtrauisch, skep-tisch, zynisch ... Er führt einen gerne hinters Licht, das heißt, nicht eigentlich das, sondern er spielt den Dummkopf ... Natürlich hängt er der alten materiellen Methode an ... Aber er versteht sein Geschäft, versteht es von Grund auf ... Im vorigen Jahr hat er einen Mordfall aufgeklärt, bei dem fast alle Spuren verwischt waren! Er wünscht sehr, sehr, sehr, mit dir bekannt zu werden!«

»Warum wünscht er das denn so sehr?«

»Natürlich nicht weil ... Weißt du, in letzter Zeit, wäh-rend du krank warst, hatte ich oft Gelegenheit, auf dich zu sprechen zu kommen ... Nun, er hörte mir zu ... und als er erfuhr, daß du Jura studiert hast und dein Studium aus verschiedenen Gründen nicht fortsetzen konntest, meinte er: ,Wie schade!' Daraus schloß ich ... das heißt, aus allem, nicht nur aus dem allein; und gestern hat Sametow ... Weißt du, Rodja, ich habe dir gestern in meinem Rausch etwas vor-geschwatzt, als wir nach Hause gingen ... und darum fürchte ich, mein Lieber, weißt du, du könntest es vielleicht zu schwer nehmen ...«

»Was meinst du? Daß man mich für verrückt hält? Aber vielleicht stimmt das.«

Er lachte gezwungen.

»Ja, ja ... aber natürlich nein! ... Nun, all das, was ich gesagt habe ... war ja Unsinn – auch was ich sonst noch ge-redet habe –, und nur mein Rausch war daran schuld.«

»Warum entschuldigst du dich denn?! Wie lästig mir das alles ist!« rief Raskolnikow unverhältnismäßig gereizt.

Übrigens spielte er ein bißchen Komödie.

»Ich weiß, ich weiß, ich verstehe. Sei überzeugt, daß ich dich verstehe. Ich schäme mich geradezu, darüber zu sprechen ...«

»Wenn du dich schämst, dann schweig doch lieber!«

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Sie verstummten. Rasumichin war mehr als entzückt. Ras-kolnikow spürte das, und es erfüllte ihn mit Abscheu. Auch was Rasumichin soeben von Porfirij gesagt hatte, beunruhigte ihn.

Auch dem muß ich etwas vorjammern, dachte er. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht, und sein Herz klopfte. Und noch dazu muß es möglichst natürlich klingen. Am natürlichsten wirkte es freilich, wenn ich überhaupt nicht jammerte, wenn ich mich gewaltsam dazu zwänge! Nein, gewaltsam wäre wie-derum nicht natürlich ... Nun, mögen die Dinge sich ent-wickeln ... wir werden ja sehen ... jetzt gleich ... ob es gut ist oder nicht, daß ich hingehe. Der Schmetterling fliegt von selber ins Licht. Ich habe Herzklopfen, und das ist nicht gut! . . .

»Hier, in dem grauen Haus wohnt er«, sagte Rasumichin.

Das Wichtigste ist, ob Porfirij weiß, daß ich gestern in der Wohnung der alten Hexe war ... und nach dem Blut gefragt habe. Das muß ich sofort herausbekommen; beim ersten Schritt, sowie ich sein Zimmer betrete, muß ich es ihm am Gesicht ablesen; sonst ... Und wenn ich zugrunde gehe, her-ausbekommen muß ich es!

»Weißt du was?« wandte er sich plötzlich mit einem ver-schlagenen Lächeln an Rasumichin. »Mir ist aufgefallen, mein Lieber, daß du seit heute vormittag ungewöhnlich aufgeregt bist. Habe ich recht?«

»Wieso aufgeregt? Von Aufregung kann überhaupt keine Rede sein«, erwiderte Rasumichin heftig.

»Nein, lieber Freund, man merkt es deutlich. Vorhin hast du auf deinem Stuhl gesessen, wie du es sonst nie tust, irgend-wie auf dem Rande und ganz zappelig, und alle Augenblicke bist du ohne ersichtlichen Grund aufgesprungen. Bald warst du zornig, und bald zogst du die süßeste Fratze von der Welt. Du bist sogar rot geworden; besonders als sie dich zum Essen einluden; da wurdest du ganz entsetzlich rot.«

»Ach was! Das ist glatt gelogen! ... Warum erzählst du das?«

»Weil du dich wie ein Schuljunge aufführst! Ach, zum Teu-fel, da ist er schon wieder rot geworden!«

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»Was für ein Schwein du doch bist!«

»Warum wirst du denn so verlegen? Du Romeo! Warte nur, ich werde es heute schon an der richtigen Adresse an-bringen, hahaha! Das wird Mama Spaß machen ... Und sonst noch jemandem ...«

»Hör doch, hör doch, im Ernst, das ist ja ... Was soll denn das, zum Teufel!« rief Rasumichin, endgültig aus der Fassung gebracht und eiskalt vor Entsetzen. »Was willst du ihnen erzählen? Lieber Freund, ich ... Pfui, was für ein Schwein du bist!«

»Wahrhaftig, du glühst wie eine Pfingstrose! Und wenn du nur wüßtest, wie gut dich das kleidet: ein Romeo, der zehn Werschok groß ist! Und wie du heute gewaschen bist; du hast dir ja die Nägel sauber gemacht, wie? Wann wäre das schon einmal vorgekommen? Wahrhaftiger Gott, du hast dir sogar Pomade ins Haar geschmiert! Bück dich doch mal!«

»Du Schwein!!!«

Raskolnikow lachte, als könnte er sich überhaupt nicht wie-der beruhigen, und so betraten sie lachend Porfirij Petro-witschs Wohnung. Das hatte Raskolnikow gewollt: von drin-nen konnte man hören, wie sie laut lachend hereinkamen und in der Diele noch immer weiterlachten.

»Kein Wort hier, oder ich ... schlage dich tot!« flüsterte Rasumichin wütend und packte Raskolnikow an der Schulter.

5

Der aber trat schon ins Zimmer. Er tat das mit einer Miene, als müßte er sich mit aller Gewalt zusammennehmen, um nicht laut herauszuplatzen. Ihm folgte mit völlig niederge-schlagener, zorniger Miene, rot wie eine Pfingstrose, lang auf-geschossen und ungeschickt, der beschämte Rasumichin. Sein Antlitz und seine ganze Gestalt waren in diesem Augenblick wirklich komisch und rechtfertigten Raskolnikows Lachen. Da Rodion noch nicht vorgestellt war, verbeugte er sich vor dem Hausherrn, der inmitten des Zimmers stand und die bei-den fragend anblickte, reichte ihm die Hand und drückte die

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seine, immer noch offenkundig bemüht, seine Heiterkeit zu bezähmen und wenigstens zwei, drei Worte hervorzubringen, um sich vorzustellen. Doch kaum war es ihm gelungen, eine ernste Miene aufzusetzen und etwas zu murmeln, blickte er plötzlich, gleichsam unwillkürlich, wieder zu Rasumichin hin und vermochte jetzt nicht mehr an sich zu halten: sein unter-drücktes Lachen brach um so unaufhaltsamer hervor, je angestrengter er es bis jetzt bezwungen hatte. Die ungewöhn-liche Wut, mit der Rasumichin dieses »von Herzen kom-mende« Lachen aufnahm, verlieh der ganzen Szene den An-schein der aufrichtigsten Fröhlichkeit und gab ihr, was die Hauptsache war, ein höchst natürliches Aussehen. Rasumichin trug, als hätte er es darauf abgesehen, nicht wenig dazu bei.

»Pfui Teufel!« brüllte er, holte mit der Hand aus und traf ein rundes Tischchen, auf dem ein leeres Teeglas stand.

Alles stürzte klirrend zu Boden.

»Aber meine Herren, weshalb denn die Möbel zerschlagen! Sie schädigen ja den Staat damit!« rief Porfirij Petrowitsch aufgeräumt.

Die Szene bot sich jetzt folgendermaßen dar: Raskolnikow lachte noch immer und hatte seine Hand in der des Haus-herrn gleichsam vergessen; doch da er darauf bedacht war, Maß zu halten, wartete er nur einen günstigen Augenblick ab, um möglichst rasch und unauffällig ein Ende zu machen. Rasumichin, endgültig verwirrt durch den Sturz des Tisch-chens und durch das zerbrochene Glas, starrte finster auf die Scherben, machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich schroff dem Fenster zu, wo er mit dem Rücken zum Publikum stehenblieb, mit furchtbar bösem Gesicht hin-ausschaute und nichts sah. Porfirij Petrowitsch lachte, und lachte aufrichtigen Herzens, doch war es offenkundig, daß man ihm eine Erklärung schuldete. In einer Ecke saß auf einem Stuhl Sametow, der sich, als die Besucher hereinkamen, erhoben hatte und wartend dastand; er hatte den Mund zu einem Lächeln verzogen und betrachtete die ganze Szene stau-nend, ja gleichsam ungläubig; Raskolnikow sah er sogar mit einer Art Verlegenheit an. Die unerwartete Anwesenheit Sametows berührte Raskolnikow unangenehm.