»Aber davon kann ja gar keine Rede sein! Ich habe doch so etwas nie gesagt. Ganz im Gegenteil!« rief Rasumichin erbittert.
War das gut? Klang es natürlich? Wirkte es nicht über-trieben? fragte sich Raskolnikow beunruhigt. Wozu mußte ich sagen: »die Frauen«?
»Ihre Frau Mutter ist zu Besuch gekommen?« erkundigte sich Porfirij Petrowitsch aus unerfindlichen Gründen.
»Ja.«
»Wann denn?«
»Gestern abend.«
Porfirij schwieg, als ob er nachdächte.
»Ihre Sachen hätten auf keinen Fall verlorengehen können«, fuhr er schließlich ungerührt fort. »Ich warte hier ja schon lange auf Sie.«
Und als ob nichts gewesen wäre, schob er Rasumichin, der ungeniert seine Zigarettenasche auf den Boden fallen ließ,
sorgsam einen Aschenbecher hin. Raskolnikow zuckte zusam-men, aber Porfirij schien ihn nicht einmal anzusehen und noch immer von Rasumichins Zigarette beunruhigt zu sein.
»Was? Wie? Du hast auf ihn gewartet? Ja, wußtest du denn, daß auch er dort etwas versetzt hatte?« rief Rasu-michin.
Porfirij Petrowitsch wandte sich direkt an Raskolnikow.
»Ihre beiden Sachen, den Ring und die Uhr, hatte sie in ein Papier gewickelt, und auf dem Papier stand deutlich mit Blei-stift Ihr Name geschrieben sowie das Datum, an dem sie das Pfand von Ihnen erhalten hatte ...«
»Sie passen aber genau auf«, erwiderte Raskolnikow und lächelte ungeschickt. Er wollte dem anderen gerade in die Augen sehen, brachte es aber nicht über sich und setzte un-vermittelt hinzu: »Ich meine, weil die Zahl der Pfandschuld-ner wahrscheinlich sehr groß ist, so daß es Ihnen schwerfallen dürfte, sich jeden einzelnen zu merken ... Doch siehe da, ganz im Gegenteil, Sie erinnern sich so genau an alle und ... und ...«
Das war dumm! Das war schwach! Warum habe ich das hinzugefügt?
»Fast alle Pfandschuldner haben wir inzwischen kennen-gelernt, nur Sie hatten bisher nicht die Güte, uns die Ehre zu erweisen ...« antwortete Porfirij mit einem kaum merklichen Anflug von Spott.
»Ich war nicht ganz gesund.«
»Auch davon habe ich gehört, mein Herr; ich habe sogar gehört, daß Sie aus irgendwelchen Gründen sehr mit den Nerven herunter waren. Sie scheinen mir auch jetzt noch blaß zu sein ...«
»Ich bin gar nicht blaß ... im Gegenteil, ich bin kernge-sund!« schnitt ihm Raskolnikow grob und böse das Wort ab. Seine Stimme klang völlig verändert; der Zorn kochte in ihm, und er konnte ihn nicht unterdrücken.
Und im Zorn werde ich aus der Schule plaudern! fuhr es ihm durch den Kopf. Aber weshalb quälen sie mich auch so! ...
»Kerngesund!« fiel Rasumichin ein. »Wie er aufschneidet!
Bis zum gestrigen Tag phantasierte er und war fast nicht bei Bewußtsein ... Ob du mir glaubst oder nicht, Porfirij, er konnte sich gestern kaum auf den Beinen halten, doch sobald Sosimow und ich ihm den Rücken gekehrt hatten, zog er sich an, nahm insgeheim Reißaus und trieb sich bis beinahe Mitter-nacht irgendwo herum, und das, obwohl er kaum seiner Sinne mächtig war, sage ich dir! Kannst du dir das vorstellen? Wirklich eine tolle Geschichte!«
»Tatsächlich nicht seiner Sinne mächtig? Ich bitte Sie!« Por-firij schüttelte mit einer seltsam weibischen Gebärde den Kopf.
»Ach, Unsinn! Glauben Sie das nicht! Sie glauben es übri-gens auch so nicht!« entfuhr es Raskolnikow in seiner rasen-den Wut. Doch Porfirij Petrowitsch schien diese merkwür-digen Worte überhört zu haben.
»Wie hättest du denn weggehen können, wenn du bei Ver-stand gewesen wärst?« ereiferte sich Rasumichin. »Wozu bist du weggegangen? Weshalb? ... Und warum heimlich? Du kannst doch überhaupt nicht bei klarem Verstand gewesen sein! Jetzt, da alle Gefahr vorüber ist, sage ich dir das ganz offen!«
»Die beiden gingen mir gestern ausgesprochen auf die Ner-ven«, wandte sich Raskolnikow plötzlich mit dreist-heraus-forderndem Lächeln an Porfirij. »Und da lief ich ihnen davon, um mir eine Wohnung zu suchen, damit sie mich nicht fän-den, und nahm einen Haufen Geld mit. Herr Sametow hier hat das Geld gesehen. Sagen Sie nur, Herr Sametow, war ich gestern bei Verstand, oder phantasierte ich? Entscheiden Sie den Streit!«
Er hätte in diesem Augenblick Sametow erwürgen mögen. Dessen Blick und Schweigen mißfielen ihm aufs höchste.
»Nach meiner Meinung war das, was Sie sagten, recht ver-nünftig und sogar gerissen, nur waren Sie ziemlich reizbar«, erklärte Sametow trocken.
»Heute hat mir Nikodim Fomitsch erzählt«, warf Porfirij Petrowitsch ein, »daß er Sie gestern sehr spät abends in der Wohnung eines Beamten gesehen habe, der unter die Pferde geraten sei ...«
»Nehmen wir nur zum Beispiel die Geschichte mit diesem Beamten!« fiel Rasumichin ein. »Nun, warst du gestern in seiner Wohnung nicht verrückt? Sein letztes Geld gab er der Witwe für das Begräbnis! Nun, wenn du helfen wolltest, hät-test du fünfzehn Rubel, ja zwanzig hergeben können, so daß dir wenigstens noch drei Silberrubel geblieben wären; aber du hast ihr alle fünfundzwanzig geschenkt!«
»Vielleicht habe ich irgendeinen Schatz gefunden, und du weißt es bloß nicht, und ich war deshalb gestern so freigebig ... Herr Sametow weiß, daß ich einen Schatz gefunden habe! ... Verzeihen Sie bitte«, wandte er sich mit zitternden Lippen an Porfirij, »daß wir Sie mit so läppischem Gezeter schon eine halbe Stunde behelligen. Wir sind Ihnen sicher schon lästig, nicht wahr?«
»Aber bitte, bitte, im Gegenteil. Ganz im Gegenteil! Wenn Sie wüßten, wie sehr Sie mich interessieren! Es ist fesselnd für mich, Sie anzusehen und Ihnen zuzuhören ... Ich muß ge-stehen, ich freue mich sehr, daß Sie sich endlich herbemüht haben ...«
»So setze uns doch wenigstens Tee vor; die Kehle ist mir schon ganz trocken!« rief Rasumichin.
»Ein vortrefflicher Einfall! Vielleicht wollen alle mit-halten? Aber möchtest du nicht vor dem Tee ...etwas Kräftigeres?«
»Mach schon, daß du wegkommst!«
Porfirij Petrowitsch verließ das Zimmer und bestellte Tee.
Die Gedanken jagten sich in Raskolnikows Kopf wie ein Wirbelsturm. Er war aufs äußerste gereizt.
Das Schönste ist, daß sie mit ihrem Wissen nicht im ge-ringsten hinter dem Berge halten und gar keine Umstände mehr machen! Weshalb hast du denn, wenn du mich über-haupt nicht kennst, mit Nikodim Fomitsch über mich ge-sprochen? Offenbar wollen sie gar nicht mehr verhehlen, daß sie hinter mir her sind wie eine Meute Hunde! Und so spuk-ken sie mir ganz offen ins Gesicht! Er zitterte vor Wut. Schlagt mich doch gleich nieder, aber spielt nicht mit mir Katze und Maus! Das ist nicht eben höflich, mein lieber Porfirij Petrowitsch, und vielleicht bin ich noch immer imstande, es
nicht zuzulassen! ... Ich will aufstehen und euch allen die Wahrheit ins Gesicht schreien, und dann könnt ihr sehen, wie ich euch verachte! ... Er atmete mühsam. Wie aber, wenn mir das alles nur so schiene? Wie, wenn alles Einbildung wäre und ich in allem irrte und aus Unerfahrenheit zornig würde und meine gemeine Rolle nicht durchhielte? Steckt vielleicht hinter all dem doch keine Absicht? Was sie sprechen, klingt ganz gewöhnlich, aber trotzdem liegt irgend etwas darin ... Alle diese Reden könnten jederzeit und überall geführt wer-den, aber etwas steckt dahinter. Warum sagte er nur: »Sie hat in ein Papier gewickelt«? Warum hat Sametow hinzugefügt, ich hätte gerissen gesprochen? Warum reden sie in einem sol-chen Ton? Ja ... der Ton ... Rasumichin saß doch ebenfalls hier; warum hat er nichts gemerkt? Dieser arglose Schwätzer merkt nie etwas! Ich habe schon wieder Fieber! ... Hat Por-firij mir vorhin zugezwinkert? Es sind sicher die Nerven, die mir versagen, oder will man mich wirklich verhöhnen? Ent-weder ist alles Einbildung, oder sie wissen es! Sogar Same-tow ist frech... Ist Sametow frech? Sametow hat sich die Sache gestern nacht überlegt. Ich habe ja geahnt, daß er dar-über nachdenken würde! Er sitzt da, als ob er zum Haus ge-hörte, dabei ist er das erstemal hier. Porfirij behandelt ihn keineswegs wie einen Gast; er dreht ihm den Rücken zu. Sie haben sich zusammengefunden! Und ganz gewiß meinet-wegen! Ganz gewiß haben sie vorhin über mich gesprochen! ... Wissen sie über die Sache mit der Wohnung Bescheid? Das muß ich möglichst rasch herausbekommen! ... Als ich sagte, ich sei gestern fortgelaufen, um eine neue Wohnung zu mieten, ging er darüber hinweg, als hätte er es nicht ge-hört ... Diese Bemerkung mit der Wohnung war aber ganz geschickt von mir; sie wird mir später noch nützlich sein. Natürlich im Fieber ... Hahaha! Er weiß alles, was gestern abend vorgefallen ist! Aber von der Ankunft meiner Mutter wußte er nichts! ... Und jene Hexe hat sogar das Datum mit Bleistift notiert! ... Faselt nur weiter, ich kapituliere nicht! Das sind noch keine Beweise, das sind nur Hirngespinste! Nein, liefert mir Beweise! Die Sache mit der Wohnung ist kein Beweis, sondern geschah im Fieber; ich weiß schon, was