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oder das Talent besitzen, in ihrem Kreis ein neues Wort zu sagen. Selbstverständlich gibt es hier zahllose Differenzierun-gen, aber die Trennungslinie zwischen beiden Kategorien ist ziemlich scharf gezogen; die erste Kategorie, das heißt, allge-mein gesprochen, das Material, besteht aus Leuten, die ihrer Natur nach konservativ und ordentlich sind, in Gehorsam leben und es lieben, gehorsam zu sein. Nach meiner Ansicht haben sie auch die Pflicht, gehorsam zu sein, das ist ihre Be-stimmung, und es liegt für sie ganz entschieden nichts Ernie-drigendes darin. Alle Angehörigen der zweiten Kategorie übertreten das Gesetz; sie sind Zerstörer oder neigen we-nigstens dazu, je nach ihren Fähigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind natürlich relativ und von sehr unter-schiedlicher Art; zumeist fordern sie – auf die mannigfal-tigste Weise –, daß das Gegenwärtige im Namen eines Bes-seren zerstört werde. Wenn nun ein solcher Mensch für seine Idee über Leichen gehen und Blut vergießen muß, so spricht ihm sein Gewissen hierfür doch das Recht zu, wie ich glaube – allerdings nur im Ausmaß und nach dem Wert seiner Idee, wohlgemerkt! Einzig in diesem Sinne spreche ich in meinem Artikel von dem Recht solcher Menschen auf das Verbrechen – Sie erinnern sich, diese ganze Diskussion hat ja mit der juristischen Frage begonnen. Übrigens liegt kein Grund zu großer Besorgnis vor: die Masse wird ihnen niemals, fast niemals dieses Recht zubilligen; sie wird sie, mehr oder minder, bestrafen und aufhängen und erfüllt dadurch, völlig zu Recht, ihre konservative Bestimmung – freilich stellen spätere Generationen dieser gleichen Masse die Hingerichteten, mehr oder minder, auf ein Piedestal und nei-gen sich vor ihnen. Die erste Kategorie ist immer Herr der Gegenwart, die zweite Herr der Zukunft. Die ersten er-halten die Welt und vermehren die Menschheit; die zwei-ten bewegen die Welt und führen sie zum Ziel. Die einen so gut wie die anderen haben das gleiche Recht zu existieren. Mit einem Wort, ich spreche in meinem Artikel beiden das-selbe Daseinsrecht zu und ... vive la guerre éternelle – na-türlich nur bis zum Neuen Jerusalem.« »Immerhin glauben Sie also an das Neue Jerusalem?«

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»Ich glaube daran«, antwortete Raskolnikow fest; bei die-sen Worten blickte er, ebenso wie während seiner ganzen lan-gen Rede, zu Boden, wo er sich eine Stelle auf dem Teppich ausgesucht hatte.

»U-u-und ... glauben Sie an Gott? Verzeihen Sie, daß ich so neugierig bin!«

»Ich glaube an ihn«, wiederholte Raskolnikow und blickte Porfirij an.

»Und glauben Sie an die Erweckung des Lazarus?«

»Ja ... ja. Wozu wollen Sie das alles wissen?«

»Glauben Sie buchstäblich daran?«

»Buchstäblich.«

»So ist das also ... Ich war nur neugierig; entschuldigen Sie. Gestatten Sie mir aber, daß ich noch einmal auf das, was Sie eben gesagt haben, zurückkomme. Man bestraft sie doch nicht immer; im Gegenteil, manche ...«

»Triumphieren zu Lebzeiten? O ja, manche erreichen noch zu Lebzeiten ihr Ziel, und dann ...«

»Dann lassen sie selbst hinrichten?«

»Wenn nötig, ja; und wissen Sie, das ist sogar meistens der Fall. Ihre Bemerkung ist sehr treffend.«

»Besten Dank, mein Herr. Aber sagen Sie mir nur das eine noch: wie soll man die ungewöhnlichen und die gewöhn-lichen Menschen unterscheiden? Gibt es da gewisse Anzeichen bei der Geburt? Ich frage das, weil hier doch eine größtmög-liche Genauigkeit nötig wäre, sozusagen eine möglichst deut-liche äußere Kennzeichnung; verzeihen Sie mir diese natür-liche Sorge eines praktischen und wohlgesinnten Menschen! Aber könnte man nicht zum Beispiel eine besondere Kleidung einführen, irgendein Mal, was meinen Sie? Denn Sie müssen zugeben, wenn da ein Durcheinander entstünde und einer von der einen Kategorie sich einbildete, er gehöre zur anderen, und anfinge, ,alle Hindernisse zu beseitigen', wie Sie sich höchst glücklich ausgedrückt haben, so wäre ja ...«

»Oh, das kommt sehr oft vor! Diese Bemerkung beweist sogar noch mehr Scharfsinn als die von vorhin ...«

»Besten Dank, mein Herr ...«

»Keine Ursache; aber bedenken Sie, daß ein Irrtum nur den

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Angehörigen der ersten Kategorie, das heißt den gewöhn-lichen Menschen', wie ich sie vielleicht recht ungeschickt ge-nannt habe, unterlaufen kann. Trotz ihrer angeborenen Nei-gung zum Gehorsam lieben es sehr viele von ihnen dank irgendeiner Verspieltheit ihres Wesens, wie sie nicht einmal einer Kuh versagt ist, sich für fortschrittliche Leute zu halten, für ,Zerstörer', und ein ,neues Wort' zu versuchen, und zwar in aller Aufrichtigkeit. Die wirklich Neuen dagegen werden von den ,gewöhnlichen' Menschen sehr oft gar nicht be-merkt, ja, sogar als rückständige und niedrigdenkende Men-schen verachtet. Ich glaube aber, daß hier keine nennens-werte Gefahr besteht und daß Sie wirklich keinen Grund zur Besorgnis haben; denn diese Leute kommen niemals weit. Dafür, daß sie sich hinreißen lassen, kann man sie natürlich manchmal verprügeln, um ihnen ihren Platz in Erinnerung zu rufen, mehr aber nicht; hier braucht es gar keinen gericht-lichen Vollzug; sie werden sich gegenseitig verprügeln, weil sie sehr gesittet sind; manche werden einander diesen Dienst erweisen, andere wieder sich selber und eigenhändig ... Dabei werden sie verschiedene öffentliche Reuebekenntnisse able-gen; das wirkt schön und erbaulich ... Kurz, Sie haben keinen Anlaß zur Besorgnis ... das ist geradezu ein Naturgesetz.«

»Nun, wenigstens haben Sie mich von dieser Seite her eini-germaßen beruhigt; aber da ist ja schon wieder ein Haken: sagen Sie mir bitte, gibt es viele Menschen, die das Recht haben, andere abzuschlachten – ich meine, viele ,Ungewöhn-liche'? Ich bin natürlich bereit, mich vor ihnen zu beugen, aber Sie müssen selbst zugeben, daß es ein wenig unheimlich ist, wenn ihrer sehr viele sind, nicht wahr?«

»Oh, machen Sie sich auch darüber keine Sorge«, sprach Raskolnikow im gleichen Ton weiter. »Menschen mit neuen Gedanken, die auch nur irgendwie fähig sind, wenigstens et-was Neues zu sagen, werden höchst selten geboren, ja ge-radezu erstaunlich selten. Klar ist nur eines: die Ordnung, nach der die Menschen in alle diese Kategorien und Unter-abteilungen hineingeboren werden, ist offenbar durch irgend-ein Naturgesetz sehr sicher und genau geregelt. Dieses Gesetz ist jetzt natürlich noch unbekannt, aber ich glaube, daß es

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existiert und später auch einmal entdeckt werden kann. Die überwiegende gewaltige Masse der Menschen, das Material, ist nur dazu auf der Welt, um sich zu bemühen, auf Grund irgendeines bis jetzt noch unentdeckten Vorganges, durch irgendeine Kreuzung von Sippen und Rassen, schließlich, sagen wir aus Tausenden, einen einzigen wenigstens einigermaßen selbständigen Menschen hervorzubringen. Mit größerer Selb-ständigkeit wird vielleicht einer unter Zehntausenden gebo-ren – ich spreche anschaulich und nur des Beispiels halber. Mit noch größerer Selbständigkeit einer aus Hunderttausen-den, geniale Menschen aus Millionen, und große Geister, die die Welt wirklich ihrem Ziel zuführen, vielleicht erst nach dem Hinscheiden vieler tausend Millionen Menschen. Kurz und gut, ich habe in die Retorte, in der das alles geschieht, nicht hineingeschaut. Aber es gibt ganz gewiß ein bestimmtes Ge-setz; es muß eines geben; hier kann kein Zufall walten.«