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fest an. Rasumichin runzelte finster die Stirn. Schon vorher war ihm anscheinend irgend etwas aufgefallen. Zornig blickte er sich um. Eine Minute düsteren Schweigens verstrich. Ras-kolnikow wandte sich zum Gehen.

»Sie gehen schon?« sprach Porfirij freundlich und reichte ihm überaus liebenswürdig die Hand. »Ich habe mich sehr, sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Und was Ihr Anliegen betrifft, so seien Sie ganz ohne Sorge. Fassen Sie das Gesuch genauso ab, wie ich es Ihnen gesagt habe. Am besten, Sie kommen damit selbst zu mir ... an einem der nächsten Tage ... meinethalben schon morgen. Ich bin so gegen elf Uhr bestimmt im Büro. Wir werden alles in Ord-nung bringen ... und darüber sprechen ... Als einer der letzten, die dort gewesen sind, könnten Sie uns vielleicht noch irgend etwas mitteilen ...« setzte er mit der gutmütigsten Miene von der Welt hinzu.

»Wollen Sie mich offiziell verhören, mit allem, was dazu-gehört?« fragte Raskolnikow scharf.

»Aber warum denn? Vorläufig ist das keineswegs erfor-derlich. Sie haben mich mißverstanden. Wissen Sie, ich lasse keine Gelegenheit vorübergehen und ... und habe bereits mit allen Eigentümern der Pfänder gesprochen ... Von einigen habe ich die Aussagen zu Protokoll genommen ... und Sie als der letzte ... ach ja, da fällt mir etwas ein!« rief er unver-mutet und schien sich über irgend etwas zu freuen. »Dabei fällt mir ein, was ich Sie fragen wollte!« fuhr er fort und wandte sich an Rasumichin. »Du hast mir doch damals mit diesem Nikolaschka die Ohren vollgejammert ... Nun ja, ich weiß ja selber, ich weiß selbst«, wandte er sich wieder an Raskolnikow, »daß der Bursche schuldlos ist, aber was soll ich machen? Auch Mitka mußte ich behelligen ... Also hören Sie, worum es sich handelt. Das ganze Problem ist: als Sie damals die Treppe hinaufgingen ... erlauben Sie ... Sie waren doch um acht Uhr dort?«

»Ja«, antwortete Raskolnikow und hatte im selben Augen-blick das unangenehme Gefühl, daß er das lieber nicht hätte sagen sollen.

»Als Sie also um acht Uhr die Treppe hinaufgingen, haben

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Sie da nicht im zweiten Stock, in der offenen Wohnung – Sie erinnern sich doch? –, zwei Arbeiter oder wenigstens einen von ihnen gesehen? Die Leute strichen dort die Wände. Ha-ben Sie sie nicht bemerkt? Es wäre für die beiden sehr, sehr wichtig! ...«

»Anstreicher? Nein, die habe ich nicht gesehen ...« ant-wortete Raskolnikow langsam, als ob er mühsam überlegte. Zugleich spannte sich sein ganzes Wesen und erstarrte in der qualvollen Bemühung, möglichst rasch herauszubekommen, worin eigentlich die Falle lag; er durfte nichts außer acht las-sen. »Nein, die habe ich nicht gesehen, und auch eine offene Wohnung habe ich nicht bemerkt ... Wohl aber erinnere ich mich, daß im vierten Stock« – er hatte die Falle jetzt durch-schaut und triumphierte – »ein Beamter aus seiner Wohnung auszog ... gegenüber von Aljona Iwanownas Tür ... ich entsinne mich ... ich entsinne mich deutlich ... Soldaten tru-gen einen Diwan heraus und drängten mich gegen die Wand ... aber Maler ... nein, ich erinnere mich nicht, daß Maler dort gewesen wären ... und es scheint mir auch, als hätte ich nirgends eine offene Wohnung gesehen ... nein, es stand ge-wiß keine offen ...»

»Aber was redest du denn da!« rief Rasumichin plötzlich, als wäre ihm beim Nachdenken etwas eingefallen. »Die An-streicher arbeiteten doch am Mordtag dort, und er war drei Tage vorher da! Was fragst du denn so?«

»Ach! Ich habe es verwechselt!« rief Porfirij und tippte sich gegen die Stirn. »Hol's der Teufel, dieser Fall hat mich schon ganz um den Verstand gebracht!« wandte er sich an Raskol-nikow, als wollte er sich geradezu bei ihm entschuldigen. »Es wäre für uns ja so wichtig gewesen zu erfahren, ob nie-mand die beiden um acht Uhr in dieser Wohnung gesehen hat, und darum bildete ich mir jetzt plötzlich ein, daß auch Sie uns etwas sagen könnten ... ich habe das völlig durch-einandergebracht!«

»Da muß man eben besser aufpassen!« bemerkte Rasumi-chin verdrießlich.

Die letzten Worte wurden schon in der Diele gesprochen. Porfirij Petrowitsch begleitete die beiden außerordentlich lie-

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benswürdig bis zur Tür. Sie traten finster und mißmutig auf die Straße und gingen einige Schritte, ohne ein Wort zu sagen. Raskolnikow holte tief Atem.

6

»Ich glaube es nicht! Ich kann es nicht glauben!« wieder-holte Rasumichin besorgt ein ums andere Mal, während er mit allen Kräften trachtete, die Argumente Raskolnikows zu widerlegen. Sie befanden sich jetzt bereits vor Bakalejews Pension, wo Pulcheria Alexandrowna und Dunja schon lange auf sie warteten. Rasumichin war unterwegs im Eifer des Gesprächs jeden Augenblick stehengeblieben, allein schon durch die Tatsache verwirrt und erregt, daß man jetzt zum erstenmal deutlich davon gesprochen hatte.

»Glaub es eben nicht!« antwortete Raskolnikow mit kal-tem, geringschätzigem Lächeln. »Du hast nach deiner Ge-wohnheit wieder einmal nichts bemerkt, aber ich habe jedes Wort genau erwogen.«

»Du bist mißtrauisch, und darum hast du jedes Wort auf die Goldwaage gelegt ... hm ... Ich gebe wirklich zu, daß der Ton Porfirijs ziemlich seltsam war, und insbesondere die-ser Schurke Sametow ... Du hast recht, er hatte irgend etwas; aber warum, warum?«

»Er hat sich über Nacht anders besonnen ...«

»Aber im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Hätten die Leute diese hirnverbrannte Idee, sie würden sich mit allen Kräften bemühen, sie geheimzuhalten und ihre Karten nicht aufzu-decken, um später loszuschlagen. Jetzt wäre es doch nur frech und unvorsichtig!«

»Besäßen sie Beweise, das heißt wirkliche Beweise, oder hätten sie einen wenigstens irgendwie begründeten Verdacht, sie würden sich wirklich Mühe geben, ihr Spiel geheimzuhal-ten, weil sie dann hoffen könnten, noch mehr zu gewinnen ... und außerdem hätten sie schon längst eine Haussuchung vor-genommen! Aber sie haben keine Beweise, keinen einzigen – sie bilden sich das alles nur ein, alles hat zwei Seiten und ist

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nur eine flüchtige Idee –, und darum wollen sie mich durch Frechheit hineinlegen. Und vielleicht war er wütend, weil er keine Beweise hat, und ist aus Ärger damit herausgeplatzt. Aber vielleicht verfolgt er auch eine bestimmte Absicht ... er scheint klug zu sein ... Mag sein, daß er mich dadurch, daß er alles weiß, schrecken wollte ... Das ist eine ganz eigene Psychologie, mein Lieber ... Übrigens widerstrebt es mir, das alles zu erörtern. Lassen wir es!«

»Und wie beleidigend es ist, wie beleidigend! Ich verstehe dich! Aber ... da wir jetzt schon so offen darüber gesprochen haben – und es ist sehr gut, daß wir endlich offen darüber sprechen; ich freue mich darüber! –, muß ich dir auch geste-hen, daß mir schon lange so etwas an ihnen aufgefallen ist, irgendein derartiger Gedanke, während der ganzen Zeit. Natürlich haben sie das kaum andeutungsweise und nur so nebenbei verlauten lassen, aber weshalb bloß? Wie können sie das wagen? Wo liegen die Ursachen für eine solche Ver-mutung? Wenn du wüßtest, wie wütend ich war! Da steht ein armer Student, ganz heruntergekommen vor bitterer Ar-mut und Hypochondrie, vom Ausbruch einer schweren Krank-heit mit Fieber bedroht, das – wohlgemerkt – vielleicht schon in ihm wütet, ein argwöhnischer, stolzer Mensch, der seinen Wert kennt, sechs Monate in seiner Ecke saß und keine Seele sah — da steht dieser Mensch in Lumpen und in Stiefeln ohne Sohle vor irgendwelchen Lümmeln aus dem Revier und muß ihre Schmähungen erdulden; da ist die Rede von einer un-vermuteten Schuld, von einem verfallenen Wechsel in den Händen des Hofrats Tschebarow; die Ölfarbe stinkt, es herr-schen dreißig Grad Reaumur, die Luft ist stickig, eine Menge Leute sind anwesend, es wird über die Ermordung einer Person berichtet, bei der er kurz vorher gewesen ist, und bei all dem ist sein Magen leer! Wie soll man da nicht in Ohn-macht fallen! Und darauf alles aufbauen, nur darauf? Hol's der Teufel! Ich verstehe ja, daß das ärgerlich ist, aber an deiner Stelle, Rodka, würde ich ihnen allen ins Gesicht lachen oder, noch besser, möglichst saftig in die Fresse spucken und nach allen Seiten gute zwei Dutzend Ohrfeigen verteilen, mit Verstand natürlich, wie man eben Ohrfeigen austeilen