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»Sie haben ... den Hausknecht ... nach mir gefragt ...?« sprach ihn Raskolnikow endlich leise an.

Der Kleinbürger gab keine Antwort und sah ihn nicht einmal an.

Wieder schwiegen beide.

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»Was wollen Sie denn? ... Sie fragen nach mir ... und dann schweigen Sie ... was soll denn das?«

Raskolnikow versagte die Stimme, und die Worte wollten sich gleichsam nicht in seinem Munde formen.

Diesmal hob der Kleinbürger den Blick und sah Raskol-nikow drohend und finster an.

»Mörder!« stieß er plötzlich leise und deutlich hervor ...

Raskolnikow ging neben ihm weiter. Seine Beine waren plötzlich ganz schwach geworden; Kälteschauer liefen ihm über den Rücken, und sein Herz schien auszusetzen, als wäre es ihm aus der Brust gerissen worden. So liefen sie etwa hundert Schritt nebeneinander her, wiederum in völligem Schweigen.

Der Kleinbürger würdigte ihn keines Blickes.

»Aber ... was ... was reden Sie da ... Wer ist ein Mör-der? ...« murmelte Raskolnikow kaum vernehmlich.

»Du bist der Mörder«, antwortete der andere, noch nach-drücklicher und gleichsam mit einem Lächeln haßerfüllten Triumphes, und abermals starrte er herausfordernd Raskol-nikow in das blasse Gesicht und in dessen leblose Augen.

Beide waren jetzt zu einer Straßenkreuzung gelangt. Der Kleinbürger bog nach links ein und ging weiter, ohne sich umzublicken, Raskolnikow dagegen blieb stehen und schaute ihm lange nach. Er sah, wie sich der andere, nachdem er etwa fünfzig Schritt gegangen war, umwandte und ihn betrachtete, während er selber noch immer regungslos an derselben Stelle stand. Es war unmöglich, mehr zu erkennen, aber Raskolni-kow hatte den Eindruck, daß der Mann auch diesmal sein kalt-gehässiges, triumphierendes Lächeln aufgesetzt hatte.

Mit leisen, matten Schritten und zitternden Knien, fast als wäre er furchtbar durchgefroren, ging Raskolnikow zurück und stieg in seine Kammer hinauf. Er nahm die Mütze ab, legte sie auf den Tisch und stand zehn Minuten unbeweglich da. Dann legte er sich erschöpft auf den Diwan und streckte sich müde und mit schwachem Stöhnen aus; seine Augen waren geschlossen. So lag er ungefähr eine halbe Stunde.

Er dachte an nichts. Gewiß gingen ihm irgendwelche Ge-danken oder Bruchstücke von Gedanken durch den Kopf,

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sinnlose Vorstellungen ohne Zusammenhang: Gesichter von Menschen, die er einst in der Kindheit gekannt hatte oder denen er irgendwo nur ein einziges Mal begegnet war und an die er sonst niemals gedacht hätte; der Glockenturm der W.-Kirche; das Billard in einem Gasthaus und ein Offizier vor diesem Billard; Zigarrengeruch in einem Tabakladen, der im Kellergeschoß lag; eine Schenke; eine pechfinstere Hinter-treppe, ganz naß von Spülwasser und mit Eierschalen be-streut; und von irgendwo vernahm er das sonntägliche Glok-kenläuten ... Die Bilder lösten einander ab und kreisten unaufhörlich in ihm. Manche gefielen ihm sogar, und er hätte sie gern festgehalten, aber sie verloschen. Irgend etwas be-drückte ihn, es bedrückte ihn aber nicht allzusehr. Manchmal fühlte er sich geradezu wohl ... Die leichten Kälteschauer hielten immer noch an, und auch das empfand er beinahe als angenehm.

Er hörte die hastigen Schritte Rasumichins und dessen Stimme, schloß die Augen und stellte sich schlafend. Rasu-michin öffnete die Tür, stand einige Zeit auf der Schwelle und schien nachzudenken. Dann trat er leise ins Zimmer und ging behutsam auf den Diwan zu. Raskolnikow hörte Nastasja flüstern: »Rühr ihn nicht an; er soll nur schlafen; essen kann er später.«

»Du hast recht«, antwortete Rasumichin.

Beide gingen vorsichtig aus dem Zimmer und schlössen die Tür. Eine weitere halbe Stunde verstrich. Raskolnikow öffnete die Augen, drehte sich wieder auf den Rücken und legte die Arme unter den Kopf ...

Wer ist er? Wer ist dieser Mensch, der aus der Erde auf-gestiegen ist? Wo war er und was hat er gesehen? Er hat alles gesehen, das läßt sich nicht bezweifeln. Wo stand er damals und von wo aus sah er zu? Warum steigt er jetzt erst aus der Erde auf? Und wie konnte er es sehen, wie war das mög-lich? ... Hm! ... dachte Raskolnikow, während er vor Kälte zusammenfuhr, und das Etui, das Nikolaj hinter der Tür gefunden hat, war das etwa auch nicht möglich? Beweise? Wenn man auch nur den hunderttausendsten Teil eines Punk-tes übersieht – schon hat man einen Beweis von der Höhe

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einer ägyptischen Pyramide! Eine Fliege war dort; die hat es gesehen! Ist denn das möglich?

Von Ekel erfüllt, spürte er plötzlich, wie er schwach wurde, körperlich schwach.

Ich hätte das wissen müssen, dachte er mit bitterem Lä-cheln. Und wie konnte ich wagen, obgleich ich mich kenne, obgleich ich vorausahnte, wie ich mich verhalten würde – wie konnte ich wagen, das Beil zu nehmen und mich mit Blut zu besudeln? Ich hätte das vorher wissen müssen ... Ach, und ich habe es ja auch vorher gewußt! ... flüsterte er ver-zweifelt.

Zuweilen ließ ihn irgendein Gedanke gar nicht wieder los.

Nein, so sind jene Menschen nicht ... Der wahre Ge-bieter, dem alles erlaubt ist, zerschmettert Toulon, veranstal-tet das Gemetzel in Paris, vergißt die Armee in Ägypten, vergeudet eine halbe Million Menschen im Moskauer Feld-zug, kommt in Wilna mit einem Witz davon, und nach sei-nem Tod werden ihm Götzenbilder aufgestellt; also ist ihm alles erlaubt. Nein, diese Menschen haben offenbar keinen Körper aus Fleisch und Blut, sondern aus Bronze!

Ein plötzlicher, abseitiger Gedanke machte ihn mit einem-mal fast lachen.

Napoleon, die Pyramiden, Waterloo – und eine widerliche, magere Registratorswitwe, ein altes Weib, eine Wucherin mit einer roten Truhe unter dem Bett – das gibt Porfirij Petro-witsch wenigstens eine Nuß zu knacken ... Das soll er nur verdauen! ... Die Ästhetik hindert ihn daran: würde denn Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen? Ach, abscheulich! ...

Minutenlang fühlte er, daß er zu phantasieren begann; ein fieberhaft begeisterter Zustand hatte ihn ergriffen.

Das alte Weib ist Unsinn! dachte er in seiner abrupten Art. Die Alte mag sogar ein Irrtum sein; es handelt sich nicht um sie! Die Alte war nur eine Krankheit ... ich wollte sie möglichst rasch hinter mich bringen ... Ich habe nicht einen Menschen getötet; ich tötete ein Prinzip! Das Prinzip habe ich getötet, aber hinter mich gebracht habe ich es nicht; es liegt noch immer vor mir ... nichts anderes konnte ich als

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töten! Und auch darauf verstand ich mich nicht, wie sich zeigte ... Das Prinzip? Warum hat vorhin dieser Dumm-kopf Rasumichin die Sozialisten beschimpft? Sie sind doch arbeitsame, geschäftige Leute; sie befassen sich mit »dem all-gemeinen Glück« ... Nein, das Leben ist mir nur einmal geschenkt und wird sich nie wiederholen; ich will nicht das »allgemeine Glück« abwarten. Ich will selber leben oder lie-ber gar nicht leben. Und nun? Ich wollte nur nicht an einer hungernden Mutter vorübergehen und meinen Rubel in Er-wartung des »allgemeinen Glücks« in der Tasche festhalten. Ich trage meinen Baustein zum allgemeinen Glück bei und fühle deshalb die »Ruhe des Herzens«. Haha! Warum habt ihr mich übergangen? Ich lebe ja doch nur einmal; ich will doch auch ... Ach, ich bin eine ästhetische Laus und sonst nichts, fügte er plötzlich, wie ein Irrer lachend, hinzu. Ja, ich bin wirklich eine Laus, fuhr er fort, während er sich voll Schadenfreude an diesen Gedanken klammerte, darin wühlte, mit ihm spielte und an ihm seine Freude fand; und sei es auch nur deswegen, weil ich erstens jetzt darüber grüble, daß ich eine Laus bin; weil ich zweitens einen ganzen Monat lang die allgütige Vorsehung bemüht habe, indem ich sie als Zeu-gen dafür anrief, daß ich nicht zu eigenem Nutz und From-men meine Tat unternähme, sondern mit einem großartigen, erstrebenswerten Ziel im Auge – haha! Und weil ich mir drittens vorgenommen hatte, bei der Durchführung so exakt wie möglich vorzugehen, Gewicht und Maß und Arithmetik zu beachten; von allen Läusen suchte ich mir die nutzloseste aus, und nachdem ich sie getötet hatte, wollte ich ihr nur ge-nausoviel wegnehmen, wie ich für den ersten Schritt brauchte, nicht mehr und nicht weniger – das übrige wäre dann wohl ihrem Testament zufolge einem Kloster zugefallen, haha! ... und deshalb, deshalb bin ich endgültig eine Laus, fügte er zähneknirschend hinzu, weil ich selbst vielleicht noch abscheu-licher und widerwärtiger bin als die Laus, die ich getötet habe, und weil ich im voraus fühlte – daß ich mir das sagen würde, erst nachdem ich sie getötet hätte! Läßt sich denn irgend etwas mit solchem Grauen vergleichen? O Albernheit, o Schurkerei! ... Ah, wie ich den »Propheten« zu Pferde ver-