geflüstert. Wut packte ihn; mit aller Kraft schlug er auf die Alte ein, schlug sie auf den Kopf; aber bei jedem Schlag wur-den das Lachen und Flüstern im Schlafzimmer lauter, und das alte Weib schüttelte sich nur so vor Lachen. Er wollte fliehen, doch die ganze Diele war voller Menschen; die Tür zur Treppe stand weit offen, und auf dem Treppenabsatz und auf den Stufen standen bis ganz hinunter Leute; Leute, Kopf an Kopf, und alle schauten, aber alle trachteten sich zu ver-bergen und warteten und schwiegen ... Das Herz krampfte sich ihm zusammen; er konnte seine Beine nicht mehr bewe-gen, sie waren wie gelähmt ... Er wollte aufschreien und erwachte.
Mühsam holte er Atem, aber merkwürdig: sein Traum schien sich fortzusetzen; die Tür stand weit offen, und auf der Schwelle stand ein ihm völlig unbekannter Mann und musterte ihn unverwandt.
Raskolnikow hatte die Augen noch gar nicht richtig ge-öffnet und schloß sie sofort wieder. Er lag auf dem Rücken und rührte sich nicht.
Träume ich noch immer? dachte er und hob abermals kaum merklich die Lider, um zu sehen: der Unbekannte stand an derselben Stelle und starrte ihn noch immer an.
Plötzlich trat er vorsichtig über die Schwelle, schloß behut-sam die Tür hinter sich, ging an den Tisch, wartete ungefähr eine Minute, ohne während der ganzen Zeit den Blick von Raskolnikow zu wenden, und setzte sich leise, geräuschlos auf den Stuhl vor dem Diwan; seinen Hut legte er neben sich auf den Boden, stützte beide Hände auf seinen Spazierstock und legte das Kinn auf die Hände.
Man sah, daß er bereit war, lange Zeit zu warten. Soweit Raskolnikow, der unter den Augenlidern hervorblinzelte, feststellen konnte, war er ein nicht mehr junger stämmiger Mann und trug einen dichten, hellblonden, fast weißen Bart . . .
Etwa zehn Minuten verstrichen. Es war zwar noch hell, aber der Abend brach herein. Im Zimmer herrschte völlige Stille; sogar von der Treppe drang kein einziger Laut herauf. Nur eine große Fliege summte und stieß manchmal gegen
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die Fensterscheibe. Schließlich wurde es unerträglich: Raskol-nikow erhob sich jäh und setzte sich auf dem Diwan auf. »Nun, so sagen Sie doch, was Sie wünschen!« »Ich wußte ja, daß Sie nicht schliefen, sondern nur so taten«, antwortete der Unbekannte in sonderbarem Ton und mit ruhigem Lachen. »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle: Ar-kadij Iwanowitsch Swidrigailow ...«
VIERTER TEIL
1
Träume ich denn noch immer? dachte Raskolnikow noch einmal. Vorsichtig und ungläubig musterte er den unerwar-teten Besucher.
»Swidrigailow? Was für ein Unsinn! Das kann nicht sein!« erwiderte er schließlich staunend.
Der Gast schien sich über diesen Ausruf keineswegs zu verwundern.
»Ich bin aus zwei Gründen zu Ihnen gekommen. Erstens möchte ich gern persönlich mit Ihnen bekannt werden, da ich schon längst höchst interessante und für Sie vorteilhafte Dinge von Ihnen gehört habe; und zweitens hoffe ich, daß Sie mir nicht Ihre Hilfe bei einem Unternehmen versagen, das un-mittelbar die Interessen Ihrer lieben Schwester Awdotja Ro-manowna betrifft. Mich allein wird sie ohne Empfehlung wahrscheinlich nicht einmal in ihr Haus einlassen, infolge ihrer Vorurteile; aber wenn Sie mir Ihre Hilfe leihen, rechne ich im Gegenteil damit, daß ...«
»Da rechnen Sie falsch«, fiel ihm Raskolnikow ins Wort.
»Die Damen sind doch erst gestern angekommen, wenn Sie die Frage gestatten?«
Raskolnikow antwortete nicht.
»Gestern, das weiß ich. Ich selber bin ja erst seit vorge-stern hier. Nun, was soll ich Ihnen, Rodion Romanowitsch, zu der ganzen Geschichte sagen? Ich halte es für überflüssig, mich zu rechtfertigen; aber eine Bemerkung müssen Sie mir gestatten: was ist an all dem nun eigentlich so besonders verbrecherisch von meiner Seite, das heißt, wenn man die Sache unbefangen und mit ruhiger Vernunft ansieht?«
Raskolnikow maß ihn weiterhin schweigend mit seinen Blicken.
»Daß ich in meinem Hause ein schutzloses Mädchen ver-folgt und ,mit abscheulichen Anträgen beleidigt' habe – nicht
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wahr, das ist der springende Punkt? Doch ich greife vor! Aber bedenken Sie, daß auch ich nur ein Mensch bin, et nil humanum ... mit einem Wort, auch ich bin fähig, mich verlocken zu lassen und in Liebe zu entbrennen – was natür-lich nicht von meinem eigenen Willen abhängt –, und dann erklärt sich alles auf die natürlichste Weise. Die Frage ist lediglich: bin ich ein Unmensch, oder bin ich selbst ein Opfer? Und wenn ich tatsächlich das Opfer bin? Ich habe doch dem Gegenstand meiner Liebe den Antrag gemacht, mit mir nach Amerika oder in die Schweiz zu fliehen; dazu be-wogen mich vielleicht die achtbarsten Gefühle, und ich dachte daran, uns beiden ein Glück aufzubauen ... Die Vernunft leistet ja stets der Leidenschaft Helferdienste; mich selbst habe ich wohl in noch größeres Verderben gestürzt. Bedenken Sie das bitte! ...«
»Aber darum handelt es sich ja gar nicht«, unterbrach ihn Raskolnikow angeekelt. »Sie sind ganz schlicht und einfach widerlich, ob Sie recht haben oder nicht, und deshalb will niemand etwas mit Ihnen zu tun haben. Jeder jagt Sie davon, also bitte gehen Sie jetzt! ...«
Swidrigailow lachte hell auf.
»Sie ... Sie kann man wirklich nicht ins Bockshorn jagen!« rief er, noch immer aus vollem Halse lachend. »Ich dachte Sie zu überlisten, aber nein, Sie haben sofort den springenden Punkt herausgefunden!«
»Und Sie wollen auch in diesem Augenblick noch mit Ihrer List zum Ziel kommen!«
»Und? Und?« entgegnete Swidrigailow, der sich gar nicht wieder beruhigen konnte. »Das ist doch, wie man sagt, bonne guerre und die erlaubteste List von der Welt! . . . Aber Sie haben mich unterbrochen: so oder so behaupte ich noch ein-mal, daß es keinerlei Hindernisse gegeben hätte, wäre nicht jene Geschichte im Garten passiert. Marfa Petrowna ...«
»Es heißt, daß Sie Marfa Petrowna umgebracht hätten?« unterbrach ihn Raskolnikow grob.
»Haben Sie davon gehört? ... aber das versteht sich eigentlich von selbst ... Nun, was diese Frage anbelangt, so weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen antworten soll, ob-
wohl mein Gewissen in diesem Punkte ganz rein ist. Das heißt, Sie dürfen nicht glauben, daß ich irgend etwas Der-artiges befürchtet hätte; alles war völlig in Ordnung, und die medizinische Untersuchung ist aufs sorgfältigste durchge-führt worden. Dabei ergab sich, daß sie infolge eines Bades gleich nach einer reichlichen Mahlzeit, bei der sie fast eine ganze Flasche Wein ausgetrunken hatte, einen Schlaganfall erlitt, und etwas anderes hätte man auch gar nicht feststellen können ... Nein, mein Herr, aber eine andere Sache hat mich eine gewisse Zeitlang beschäftigt, besonders jetzt während der Reise, als ich in meinem Abteil saß: ob ich nicht dieses ganze ... Unglück, moralisch gesehen, irgendwie gefördert habe, in-dem ich sie ständig reizte, oder auf ähnliche Weise. Aber ich kam zu dem Schluß, daß davon schlechterdings keine Rede sein könne.«
Raskolnikow lachte.
»Das nenne ich ein Vergnügen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen!«
»Aber worüber lachen Sie denn? Bedenken Sie nur ... ich schlug nur zweimal mit der Reitgerte zu; es war überhaupt nichts zu sehen ... Halten Sie mich bitte nicht für zynisch; ich weiß ja ganz genau, wie abscheulich das von mir war, und so weiter; ich weiß aber auch ebenso sicher, daß sich Marfa Petrowna über meinen Ausbruch, wenn ich so sagen darf, vielleicht sogar freute. Die Geschichte mit Ihrer Schwester war bis zum letzten ausgeschöpft. Marfa Petrowna mußte nun schon den dritten Tag zu Hause sitzen; sie hatte nichts, wo-mit sie sich in der Stadt hätte wichtig machen können, und dort war sie auch allen schon mit diesem Brief auf die Ner-ven gefallen – Sie haben gewiß von der Verlesung des Brie-fes gehört? Da kamen diese beiden Schläge mit der Reitgerte wie ein Geschenk des Himmels! Das erste war, daß sie den Wagen anspannen ließ! ... Ich rede gar nicht davon, daß es Frauen manchmal äußerst angenehm ist, beleidigt zu werden, trotz aller zur Schau getragenen Entrüstung. Das kommt bei allen Menschen vor; jeder Mensch liebt es überhaupt unge-mein, beleidigt zu werden; haben Sie das schon bemerkt? Aber für die Frauen trifft das ganz besonders zu. Man kann