sogar so weit gehen zu sagen, daß das ihr einziges Ver-gnügen sei.«
Für einen Augenblick hatte Raskolnikow aufstehen, das Zimmer verlassen und damit dem Gespräch ein Ende machen wollen. Aber eine gewisse Neugier und sogar eine Art Be-rechnung hielten ihn zurück.
»Prügeln Sie gerne?« fragte er zerstreut.
»Nein, nicht sehr!« antwortete Swidrigailow ruhig. »Und Marfa Petrowna habe ich fast nie geprügelt. Wir kamen sehr gut miteinander aus, und sie war immer mit mir zu-frieden. Zur Peitsche habe ich in all den sieben Jahren unserer Ehe nur zweimal gegriffen – wenn ich ein drittes Mal nicht einrechne, über welchen Fall man sehr geteilter Meinung sein kann. Das erstemal habe ich sie zwei Monate nach unserer Heirat verprügelt, gleich nach der Ankunft auf unserem Gut, und jetzt war es das zweitemal. Und Sie dachten schon, ich sei ein Unmensch, ein Reaktionär, der es mit der Leib-eigenschaft hält? Hehe ... Erinnern Sie sich übrigens, Rodion Romanowitsch, wie bei uns vor einigen Jahren, zur Zeit einer heilsamen Aktivität der Presse, ein Adliger in aller Öffent-lichkeit und in sämtlichen Zeitungen an den Pranger gestellt wurde? Seinen Namen habe ich leider vergessen. Er hatte eine Deutsche im Eisenbahnabteil durchgeprügelt, entsinnen Sie sich? Im selben Jahr, wie mir scheint, ereignete sich auch die abscheulichste Tat des Jahrhunderts – nun, die Ägypti-schen Nächte von Puschkin, erinnern Sie sich? Es war eine öffentliche Lesung. Schwarze Augen! ... Oh, wohin bist du entschwunden, goldene Zeit unserer Jugend! – Nun also, meine Meinung ist: mit jenem Herrn, der die Deutsche ver-prügelte, habe ich kein besonders tiefes Mitgefühl, weil das wirklich und wahrhaftig ... Was soll man mit ihm fühlen? Aber trotzdem kann ich es mir nicht versagen zu erklären, daß einem manchmal so aufreizende deutsche Weiber über den Weg laufen, daß es, scheint's, keinen einzigen Fortschritt-ler gibt, der völlig für sich einstehen könnte. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtete damals niemand den Fall, und dabei ist dieser Gesichtspunkt der einzig richtige und humane. Wahrhaftig!«
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Swidrigailow lachte plötzlich abermals auf, und Raskolni-kow erkannte, daß dieser Mensch ein bestimmtes Ziel fest ins Auge gefaßt hatte und unbeirrt darauf zusteuerte.
»Sie haben wohl ein paar Tage lang mit niemandem ge-sprochen?« fragte er.
»Beinahe ist es so. Sie wundern sich wohl, daß ich so um-gänglich bin?«
»Nein, ich wundere mich nur, daß Sie viel zu umgänglich sind.«
»Weil ich mich durch die Grobheit Ihrer Fragen nicht be-leidigen lasse, nicht wahr? Aber ... warum sollte ich beleidigt sein? So, wie ich gefragt wurde, habe ich auch geantwortet«, fügte er in erstaunlicher Gutmütigkeit hinzu. »Ich inter-essiere mich ja fast für nichts, weiß Gott«, fuhr er gleichsam nachdenklich fort. »Zumal jetzt beschäftige ich mich mit nichts ... Übrigens dürfen Sie ruhig überzeugt sein, daß ich mich bei Ihnen nur anbiedern will. Tatsächlich habe ich ja auch ein Anliegen an Ihre Schwester, wie ich Ihnen bereits erklärt habe. Aber ich muß Ihnen ganz aufrichtig gestehen: ich langweile mich schrecklich, besonders seit den letzten drei Tagen, so daß ich mich auf Ihre Bekanntschaft geradezu freute ... Werden Sie nicht böse, Rodion Romanowitsch, aber Sie selber machen aus irgendwelchen Gründen einen höchst seltsamen Eindruck auf mich. Denken Sie von mir, was Sie wollen, doch irgend etwas ist da, und zwar gerade jetzt; das heißt, nicht eigentlich in diesem Augenblick, aber jetzt überhaupt ... nun, nun, ich sage nichts weiter, ich sage nichts weiter, runzeln Sie nicht die Stirn! Ich bin ja kein sol-cher Bär, wie Sie glauben.«
Raskolnikow starrte ihn finster an.
»Sie sind vielleicht überhaupt kein Bär«, erwiderte er. »Mir will sogar scheinen, daß Sie zur guten Gesellschaft zählen oder wenigstens bei Gelegenheit verstehen, sich auch als ordentlicher Mensch aufzuführen.«
»Ich interessiere mich ja nicht sehr für irgend jemandes Meinung«, antwortete Swidrigailow trocken und sogar mit einem Anflug von Hochmut, »aber warum sollte ich nicht auch ab und zu trivial sein, da sich dieses Kostüm in unserem
Klima doch so bequem tragen läßt und ... namentlich, wenn man von Natur dazu neigt«, fügte er hinzu und lachte von neuem.
»Ich habe mir übrigens sagen lassen, daß Sie hier viele Bekannte hätten. Sie sind doch, was man einen ,Mann mit Beziehungen' nennt. Wozu brauchen Sie mich also, wenn nicht zu einem ganz bestimmten Zweck?«
»Es ist richtig, daß ich Bekannte habe«, fiel Swidrigailow ein, ohne auf den wichtigsten Punkt zu antworten. »Ich bin einigen bereits begegnet; schon den dritten Tag treibe ich mich hier herum; ich habe sie wiedererkannt, und mir scheint, daß man auch mich erkennt. Natürlich bin ich anständig an-gezogen und gelte als nicht arm; uns hat ja auch die Bauern-reform verschont: die Wälder und Wiesen werden jedes Jahr überschwemmt, und deshalb hat man sie uns gelassen; die Einkünfte daraus sind uns also fast ungeschmälert geblieben; aber ich mag meine Bekannten nicht aufsuchen. Das war mir schon früher lästig ... Jetzt bin ich den dritten Tag hier und habe mich noch bei niemandem gezeigt ... Und dazu diese Stadt! Daß es so etwas überhaupt bei uns gibt, ich bitte Sie? Eine Stadt der Kanzleibeamten und aller möglichen Semi-naristen! Freilich ist mir früher vieles gar nicht aufgefallen, als ich mich so vor acht Jahren hier herumtrieb ... jetzt hoffe ich nur noch auf die Anatomie, weiß Gott!«
»Wieso auf die Anatomie?«
»Was diese Klubs betrifft, diese vielen verschiedenen fran-zösischen Zirkel oder gar den Fortschritt – nun, ohne mich«, fuhr er fort, ohne auf Raskolnikows Frage einzugehen. »Und beim Spiel zu betrügen macht schließlich auch keinen Spaß.«
»Sie sind also auch Falschspieler gewesen?«
»Wie denn nicht? Wir waren ein ganzer hochanständiger Kreis, etwa vor acht Jahren; wir vertrieben uns die Zeit da-mit. Und wissen Sie, wir waren lauter Leute mit Manieren, Dichter, reiche Leute. Überhaupt findet man bei uns in der russischen Gesellschaft die besten Manieren bei jenen Leuten, die einst geschlagen wurden – ist Ihnen das auch schon auf-gefallen? Ich bin ja jetzt auf dem Lande ein bißchen ver-bauert. Trotzdem wollte man mich damals etlicher Schulden
halber einsperren; da war so ein verweichlichter Kerl, ein Grieche ... Und da sprang Marfa Petrowna für mich ein; sie feilschte mit ihm und löste mich für dreißigtausend Silber-linge aus – insgesamt schuldete ich ihm siebzigtausend. So traten wir in den heiligen Stand der Ehe, und sie entführte mich sogleich auf ihren Landsitz, als ob ich ein Schatz wäre. Sie war fünf Jahre älter als ich und liebte mich sehr. Sieben Jahre kam ich nicht aus dem Dorf. Und stellen Sie sich vor, während der ganzen Zeit hatte sie einen Schuldtitel über diese dreißigtausend Rubel gegen mich in Händen – er war auf einen fremden Namen ausgestellt –, so daß ich gleich einge-steckt worden wäre, hätte ich mich irgendwie gegen sie auf-gelehnt. Und sie hätte es getan! Bei den Frauen haben ja alle diese Dinge Platz nebeneinander.«
»Und wäre dieser Schuldtitel nicht gewesen, Sie hätten sich wohl aus dem Staube gemacht?«