Выбрать главу

»Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll. Mich hat dieses Dokument fast nicht gestört. Ich hatte keine Lust, irgendwohin zu fahren, und ins Ausland zu reisen schlug mir Marfa Petrowna selber zweimal vor, als sie sah, daß ich mich langweilte. Aber wozu? Im Ausland war ich schon früher ge-wesen, und ich hatte mich dort nie recht wohl gefühlt. Nicht daß es mir gerade schlecht gegangen wäre – aber wenn ich so sah, wie sich der Himmel über dem Golf von Neapel rötete, und wenn ich das Meer sah, wurde mir immer traurig zumute. Das gräßlichste daran ist, daß man da wirklich über irgend etwas tief traurig ist! Nein, zu Hause ist es besser: da gibt man wenigstens den andern die Schuld an allem und ist selbst gerechtfertigt. Vielleicht würde ich jetzt eine Nordpol-expedition begleiten; denn j'ai le vin mauvais, und das Trin-ken ist mir widerlich, und außer dem Wein bleibt mir ja nichts; ich habe es ausprobiert. Aber es heißt, daß Berg am Sonntag im Jusupow-Garten mit einem riesigen Luftballon aufsteigen will und für einen bestimmten Preis Passagiere mitnimmt, nicht wahr?«

»Nun, und würden Sie aufsteigen?«

»Ich? Nein ... Ich sage das nur so ...« murmelte Swidri-gailow, der wirklich über etwas nachzudenken schien.

- 365 -

Was will er denn eigentlich? Was hat er nur? überlegte Raskolnikow.

»Nein, der Schuldtitel hat mich nicht weiter gestört«, fuhr Swidrigailow nachdenklich fort. »Ich blieb aus freien Stücken auf dem Lande, und außerdem ist es jetzt ungefähr ein Jahr her, daß Marfa Petrowna mir an meinem Namenstag dieses Papier zurückgab und mir obendrein noch eine beachtliche Summe schenkte. Sie hatte ja Vermögen. ,Sehen Sie, Arkadij Iwanowitsch, wie ich Ihnen vertraue', waren ihre Worte. Sie glauben mir wohl nicht, daß sie sich so ausgedrückt hat? Aber Sie müssen wissen, daß ich auf dem Lande ein guter Hauswirt geworden war; man kannte mich in der ganzen Gegend. Ich exzerpierte auch Bücher. Marfa Petrowna war anfangs damit einverstanden, später aber hatte sie immerzu Angst, ich könnte vom Studieren dumm werden.«

»Es scheint, daß Sie sich sehr nach Marfa Petrowna sehnen?«

»Ich? Vielleicht, wahrhaftig, es kann sein. A propos, glau-ben Sie an Gespenster?«

»An was für Gespenster?«

»An ganz gewöhnliche Gespenster, an irgendwelche!«

»Glauben Sie denn daran?«

»Nein, das wohl nicht, pour vous plaire ... das heißt, eigentlich ...«

»Erscheinen Ihnen welche?«

Swidrigailow sah ihn seltsam an.

»Marfa Petrowna hat die Güte, mich zuweilen zu be-suchen«, stieß er dann hervor, wobei er den Mund zu einem merkwürdigen Lächeln verzog.

»Wieso hat sie die Güte?«

»Sie ist schon dreimal dagewesen. Zuerst sah ich sie am Tag ihres Begräbnisses, eine Stunde, nachdem ich vom Friedhof zurückgekehrt war. Das war kurz vor meiner Abreise. Das zweitemal erschien sie mir vorgestern auf der Reise. Es war im Morgengrauen, und wir hielten an der Station Malaja Wischera. Das drittemal sah ich sie vor zwei Stunden, in dem Zimmer, das ich hier bewohne; ich war allein.«

»Und bei wachen Sinnen?«

»Völlig. Jedesmal war ich vollkommen wach. Sie kommt,

- 366 -

spricht ungefähr eine Minute mit mir und geht dann durch die Tür weg ... immer durch die Tür. Und mir scheint sogar, man hört es.«

»Weshalb dachte ich bloß, daß Ihnen unbedingt derartige Dinge widerfahren müßten?« sagte Raskolnikow mit einem-mal. Und im selben Augenblick wunderte er sich, daß er das gesagt hatte. Er war aufs höchste erregt.

»So-o? Das haben Sie gedacht?« fragte Swidrigailow ver-blüfft. »Wirklich? Nun, habe ich nicht gesagt, daß es zwischen uns etwas Gemeinsames gibt, wie?«

»Niemals haben Sie das gesagt!« entgegnete Raskolnikow in plötzlichem Zorn.

»Habe ich das nicht gesagt?«

»Nein!«

»Es schien mir so. Als ich vorhin hier hereinkam und sah, wie Sie mit geschlossenen Augen dalagen und sich schlafend stellten, da sagte ich mir gleich: Das ist der Richtige!«

»Was soll das heißen: das ist der Richtige? Was meinen Sie damit?« schrie Raskolnikow.

»Was ich damit meine? Ich weiß es wahrhaftig nicht so recht ...« murmelte Swidrigailow treuherzig. Er schien ver-wirrt.

Etwa eine Minute schwiegen sie. Beide starrten einander mit weit aufgerissenen Augen an.

»Das ist ja alles Unsinn!« rief Raskolnikow endlich ver-ärgert. »Was sagt sie Ihnen denn, wenn sie kommt?«

»Was sie sagt? Das ist es ja eben: sie redet über die belang-losesten Kleinigkeiten, und wunderlich, wie der Mensch nun einmal ist, bringt mich gerade das in Zorn. Als sie das erste-mal kam ... Sie müssen wissen, ich war müde: die Begräbnis-zeremonie mit den Gebeten für ihr Seelenheil, dann die Messe, das Essen; und endlich war ich allein in meinem Arbeitszim-mer, zündete mir eine Zigarre an und dachte nach ... da trat sie durch die Tür und sagte: ,Arkadij Iwanowitsch, Sie haben über all dem Trubel vergessen, die Uhr im Speisezimmer aufzuziehen.' Und wirklich hatte ich die Uhr alle diese sie-ben Jahre lang jede Woche selber aufgezogen, und sooft ich es vergessen hatte, erinnerte sie mich daran. Am nächsten

- 367 -

Tag hatte ich schon meine Reise angetreten. Im Morgengrauen stieg ich auf einer Station aus – ich hatte in der Nacht nur gedöst, fühlte mich wie zerschlagen und brachte vor Müdig-keit kaum die Augen auf – und bestellte mir Kaffee; und da sehe ich, wie Marfa Petrowna sich plötzlich neben mich setzt, ein Spiel Karten in der Hand. ,Soll ich Ihnen nicht für die Reise die Karten legen, Arkadij Iwanowitsch?' Sie war übri-gens eine Meisterin im Kartenlegen. Ich kann es mir nicht ver-zeihen, daß ich sie nicht die Karten legen ließ. Ich lief er-schrocken davon, und da wurde auch schon das Zeichen zur Abfahrt gegeben. – Heute sitze ich nach einer miserablen Mahlzeit, die ich in einer Speisewirtschaft eingenommen hatte, mit schwerem Magen in meinem Zimmer, sitze da und rauche, und plötzlich kommt wiederum Marfa Petrowna herein, ganz festlich angezogen, in einem neuen grünen Seidenkleid mit endlos langer Schleppe. ,Seien Sie gegrüßt, Arkadij Iwanowitsch! Wie gefällt Ihnen mein Kleid? Nicht einmal Aniska könnte so etwas fertigbringen.' Aniska ist unsere Dorfschneiderin, eine frühere Leibeigene; sie war in Moskau in der Lehre – ein hübsches Mädchen. Da steht nun Marfa Petrowna vor mir und dreht sich nach allen Seiten. Ich be-trachte ihr Kleid; dann sehe ich ihr aufmerksam ins Gesicht und sage: ,Es macht Ihnen einen merkwürdigen Spaß, Marfa Petrowna, sich wegen solcher Bagatellen die Mühe zu nehmen und zu mir zu kommen!' – ,Ach, mein Gott, Liebster, nicht einmal stören darf man dich mehr!' Ich sage, um sie zu ärgern, zu ihr: ,Ich will wieder heiraten, Marfa Petrowna.' - ,Das sieht Ihnen ähnlich, Arkadij Iwanowitsch; es macht Ihnen keine große Ehre, daß Sie sofort auf Brautschau fah-ren, kaum daß Sie mich begraben haben. Und wenn Sie wenigstens eine gute Wahl getroffen hätten, aber so ... Ich bin sicher, Sie nützen damit weder ihr noch sich und machen sich nur bei allen guten Menschen lächerlich.' Und damit ging sie, und es war, als ob sie mit der Schleppe raschelte. Ist das nicht ein greulicher Unsinn?«

»Vielleicht ist das alles nur gelogen?« erwiderte Ras-kolnikow.

»Ich lüge selten«, meinte Swidrigailow nachdenklich, als

- 368 -

hätte er gar nicht gemerkt, wie unhöflich diese Frage war.

»Und haben Sie früher niemals Gespenster gesehen?«

»O doch, ein einziges Mal in meinem Leben; es ist jetzt sechs Jahre her. Ich hatte da einen Leibeigenen namens Filka; kaum hatten wir ihn zu Grabe getragen, als ich plötzlich ge-dankenlos rief: ,Filka, meine Pfeife!' Da trat er ein und ging ohne Zögern zu dem Regal, auf dem meine Pfeifen standen. Ich saß da und dachte: Das tut er aus Rache, denn knapp vor seinem Tod hatten wir uns heftig gestritten. ,Wie kannst du dich unterstehen', rief ich, ,mit einem zerrissenen Ärmel in mein Zimmer zu kommen – hinaus, du Lümmel!' Da machte er kehrt, ging und kam nicht mehr wieder. Ich habe Marfa Petrowna damals nichts davon erzählt. Ich wollte schon eine Seelenmesse für ihn lesen lassen, aber es war mir dann zu peinlich.«