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»Gehen Sie doch zu einem Arzt!«

»Daß ich nicht ganz gesund bin, weiß ich auch ohne Sie, obwohl ich wirklich keine Ahnung habe, was mir fehlt; mei-ner Ansicht nach bin ich aber gewiß fünfmal gesünder als Sie. Ich habe Sie aber nicht gefragt, ob Sie glauben, daß einem Gespenster erscheinen können oder nicht; ich habe Sie gefragt, ob Sie glauben, daß es Gespenster gibt!«

»Nein, das glaube ich um keinen Preis!« brauste Raskolni-kow auf.

»Wie sagt man denn gewöhnlich?« murmelte Swidrigailow, gleichsam für sich selbst, während er zur Seite blickte und den Kopf sinken ließ. »Die Leute sagen: Du bist krank, folglich ist das, was du siehst, einzig und allein nur ein Fieberwahn und existiert nicht. Aber das ist nicht streng logisch gedacht. Ich will zugeben, daß Gespenster nur Kranken erscheinen; aber das beweist ja einzig, daß Gespenster eben niemandem anders als einem Kranken erscheinen können; es beweist nicht, daß es sie nicht gibt.«

»Natürlich gibt es sie nicht!« warf Raskolnikow gereizt ei n.

»Nein? Glauben Sie?« sprach Swidrigailow weiter und blickte ihn gelassen an. »Wie aber, wenn man so argumen-

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tiert – helfen Sie mir doch –: Gespenster sind Fetzen und Bruchstücke aus anderen Welten; deren Beginn sozusagen. Ein gesunder Mensch hat selbstverständlich keinen Anlaß, sie zu sehen. Ein gesunder Mensch ist vor allem ein irdischer Mensch und hat nur das Leben hier in Fülle und Ordnung zu leben. Doch kaum ist er erkrankt, kaum ist die normale irdische Ordnung in seinem Organismus gestört, zeichnet sich auch gleich die Möglichkeit einer anderen Welt ab, und je krän-ker er ist, desto mehr Berührung hat er mit der anderen Welt, so daß er, wenn er stirbt, unmittelbar in diese andere Welt hinübergehen kann. Ich habe lange darüber nachgedacht. Wenn Sie an ein jenseitiges Leben glauben, so können Sie auch dieser Argumentation Glauben schenken.«

»Ich glaube nicht an ein Leben im Jenseits«, erwiderte Raskolnikow. Swidrigailow saß versonnen da.

»Wie aber, wenn es dort nur Spinnen und ähnliche Dinge gibt?« fragte er plötzlich.

Er ist verrückt, fuhr es Raskolnikow durch den Kopf.

»Wir denken uns die Ewigkeit ja immer als eine Idee, die man nicht verstehen kann, als etwas Gewaltiges, Endloses. Aber warum muß sie denn unbedingt gewaltig groß sein? Stellen Sie sich nur vor, wenn dann statt dessen plötzlich nur ein kleines Zimmer dort wäre, etwa so groß wie eine Bade-stube auf dem Land und ganz verräuchert, und Spinnen säßen in allen Ecken, und das wäre die ganze Ewigkeit ... Wissen Sie, mir will es manchmal so scheinen.«

»Und können Sie sich wirklich, wirklich nichts Tröst-licheres und Gerechteres vorstellen als das?« rief Raskolni-kow krankhaft erregt.

»Etwas Gerechteres? Aber vielleicht ist das gerade gerecht, wer kann es wissen? Und sehen Sie, ich würde es unbedingt und mit voller Absicht so einrichten!« antwortete Swidrigai-low mit einem unbestimmten Lächeln.

Bei dieser merkwürdigen Antwort überlief es Raskolni-kow kalt. Swidrigailow hob den Kopf, sah ihn unverwandt an und begann plötzlich laut zu lachen.

»Nein, denken Sie nur!« rief er. »Vor einer halben Stunde hatten wir einander noch nie gesehen und hielten uns für

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Feinde; zwischen uns stand eine ungelöste Frage; wir ließen diese Frage beiseite, und jetzt sind wir auf einmal in ein so literarisches Fahrwasser geraten! Nun, habe ich nicht recht, wenn ich sage, daß wir Früchte vom selben Baum sind?«

»Tun Sie mir den Gefallen«, antwortete Raskolnikow wütend, »und erklären Sie sich bitte möglichst bald und tei-len Sie mir mit, was mir eigentlich die Ehre Ihres Besuches verschafft ... und ... ich bin in Eile; ich habe keine Zeit; ich will fortgehen ...«

»Aber bitte, gern. Ihre Schwester Awdotja Romanowna heiratet doch diesen Herrn Luschin, Pjotr Petrowitsch Luschin?«

»Wäre es Ihnen nicht möglich, jede Frage nach meiner Schwester zu vermeiden und ihren Namen nicht in den Mund zu nehmen? Ich begreife wahrhaftig nicht, wie Sie es wagen können, ihren Namen in meiner Gegenwart auszusprechen, sofern Sie wirklich Swidrigailow sind.«

»Aber ich bin doch hergekommen, um mit Ihnen über sie zu sprechen; da muß ich doch ihren Namen nennen!«

»Schön; dann sprechen Sie, aber rasch!«

»Ich bin überzeugt, daß Sie sich über diesen Herrn Luschin, mit dem ich durch meine Frau verschwägert bin, schon ein Urteil gebildet haben, wenn Sie ihn auch nur eine halbe Stunde gesehen oder auch nur irgend etwas über ihn aus siche-rer und zuverlässiger Quelle gehört haben. Er paßt nicht zu Awdotja Romanowna. Meines Erachtens will sich Awdotja Romanowna in diesem Falle höchst großmütig und unbedacht für ... für ihre Familie aufopfern. Nach allem, was ich von Ihnen gehört habe, schien mir nun festzustehen, daß Sie Ihrer-seits sehr zufrieden wären, wenn diese Ehe, ohne daß die Interessen Ihrer Schwester Schaden litten, nicht zustande käme. Jetzt jedoch, da ich Sie persönlich kennengelernt habe, bin ich davon sogar völlig überzeugt.«

»Das ist ziemlich einfältig von Ihnen; entschuldigen Sie, ich meinte: ziemlich unverschämt«, unterbrach ihn Raskolni-kow.

»Sie wollen damit wohl sagen, ich arbeitete in die eigene Tasche? Seien Sie unbesorgt, Rodion Romanowitsch, wenn

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ich meinen persönlichen Vorteil im Auge hätte, würde ich mich kaum so offen äußern; ich bin doch nicht ganz dumm. Was das anbelangt, so will ich Ihnen eine psychologische Merkwürdigkeit verraten. Als ich vorhin meine Liebe zu Awdotja Romanowna rechtfertigen wollte, sagte ich, ich selbst sei das Opfer gewesen. Nun, und jetzt muß ich Ihnen gestehen, daß ich keinen Funken Liebe mehr für sie empfinde, nicht das geringste bißchen. Das berührt mich selber gerade-zu sonderbar, weil ich ja wirklich etwas für sie empfunden habe ...«

»Aus Müßiggang und Laster«, fiel ihm Raskolnikow ins Wort.

»Wahrhaftig, das stimmt. Aber darüber hinaus besitzt Ihre Schwester so viele Vorzüge, daß sie einfach einen gewissen Eindruck auf mich machen mußte. Aber das war alles Unsinn; ich sehe es jetzt selber ein.«

»Haben Sie das schon lange eingesehen?«

»Ich habe es schon früher bemerkt; endgültig überzeugte ich mich davon vorgestern, fast im selben Augenblick, als ich in Petersburg ankam. Übrigens bildete ich mir noch in Mos-kau ein, ich reiste hierher, um um Awdotja Romanownas Hand anzuhalten und um als Herrn Luschins Rivale aufzu-treten.«

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber tun Sie mir einen Gefallen: können Sie sich nicht kürzer fassen und endlich auf den Zweck Ihres Besuches zu sprechen kommen? Ich bin in Eile; ich muß weggehen ...«

»Mit dem größten Vergnügen. Da ich nun hier einge-troffen bin und mich entschlossen habe, jetzt eine ... eine län-gere Reise zu unternehmen, wollte ich vorher noch einige not-wendige Anordnungen treffen. Meine Kinder sind bei ihrer Tante; sie sind reich, und mich persönlich brauchen sie nicht. Und was für ein Vater bin ich ihnen denn schon! Ich selbst habe mir nur das genommen, was Marfa Petrowna mir vor einem Jahr geschenkt hat. Für mich reicht das. Entschuldigen Sie, ich komme gleich zur Sache. Vor meiner Reise, die ich vielleicht schon recht bald antrete, möchte ich mit Herrn Luschin Schluß machen. Nicht gerade daß ich ihn nicht aus-

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