Выбрать главу

Ann dachte über Alessandras Worte nach. Diese Lossprechung hatte unbestreitbar etwas Verlockendes.

»Aber wir haben nicht die leiseste Ahnung, wohin sie gegangen sind, Alessandra. Nicci ist so gerissen, wie man sich nur denken kann. Wenn sie, wie sie behauptet, in ihrem eigenen Namen handelt, wird sie auch wissen, wie man unentdeckt bleibt. Wo willst du eine solche Suche auch nur beginnen? Nathan ist ein Prophet, der sich völlig ungebunden in der Welt bewegt. Du wirst nicht vergessen haben, wie viel Ärger er bereits in der Vergangenheit gemacht hat. Er ist im Stande, ganz allein eine Katastrophe herbeizuführen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. In Gesellschaft anderer ist Nathan ein Angeber, bestimmt wird er überall Spuren hinterlassen. Ich glaube, in Nathans Fall haben wir zumindest eine gewisse Aussicht auf Erfolg. Aber was die Jagd nach Nicci anbetrifft…«

Alessandra erwiderte Anns Blick mit grimmiger Entschlossenheit. »Wenn Richard stirbt, Prälatin, welche Chancen haben wir Übrigen dann noch?«

Ann wandte den Blick ab. Was, wenn Alessandra Recht hatte? Oder Kahlan? Sie musste Nathan unbedingt ausfindig machen; das war der einzige Weg, es herauszufinden.

»Alessandra…«

»Ihr vertraut mir nicht vollkommen, habe ich Recht, Prälatin?«

Ann erwiderte den Blick der anderen Frau, diesmal mit Nachdruck. »Nein, Alessandra, ich gebe zu, das tue ich nicht. Wie könnte ich? Du hast mich getäuscht, mich angelogen. Du hast dem Schöpfer den Rücken gekehrt und dich dem Hüter der Unterwelt hingegeben.«

»Aber ich bin ins Licht zurückgekehrt, Prälatin.«

»Bist du das wirklich? Würde jemand, der im Auftrag des Hüters handelt, nicht für ihn lügen, wie du selbst noch vor wenigen Momenten angedeutet hast?«

Alessandra traten die Tränen in die Augen. »Aus diesem Grund muss ich Nicci finden, Prälatin. Ich muss beweisen, dass Euer Glaube an mich nicht unberechtigt war, ich muss es tun, um mich Euch gegenüber zu beweisen.«

»Oder um Nicci und dem Hüter zu helfen.«

»Ich weiß, ich verdiene es nicht, dass man mir vertraut, dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Ihr habt gesagt, wir müssen Nathan finden – aber gleichzeitig müssen wir auch Richard helfen.«

»Zwei Aufgaben von allerhöchster Wichtigkeit«, bestätigte Ann, »und kein Reisebuch, um Hilfe herbeizurufen.«

Alessandra wischte sich über die Augen. »Bitte, Prälatin, lasst mich helfen. Ich bin schuld daran, dass Nicci sich dem Hüter zugewandt hat; gebt mir Gelegenheit, es wieder gutzumachen, lasst mich versuchen, sie zurückzuholen. Ich weiß, wie diese Rückkehr vonstatten geht, ich kann ihr sicherlich helfen. Bitte, gebt mir eine Chance, ihre ewige Seele zu retten.«

Ann senkte den Blick. Wer war sie, dass sie den Wert eines anderen Menschen in Frage stellte? Wofür hatte sie gelebt? War sie nicht am Ende selbst die beste Verbündete des Hüters gewesen?

Ann räusperte sich. »Schwester Alessandra, du musst mir jetzt zuhören, und zwar aufmerksam. Ich bin die Prälatin der Schwestern des Lichts, und es ist deine Pflicht, zu tun, was ich dir befehle.« Ann drohte ihr mit erhobenem Finger. »Ich werde keine Widerworte dulden, hast du verstanden? Ich muss den Propheten finden, bevor er etwas mehr als Törichtes tut. Richard ist für unsere Sache von allerhöchster Wichtigkeit – das weißt du. Ich werde allmählich alt und würde die Suche nach ihm und seiner Häscherin nur behindern. Ich möchte, dass du ihm nachspürst. Keine Widerworte jetzt. Du sollst Richard Rahl ausfindig machen und unserer wankelmütigen Schwester Nicci wieder Ehrfurcht vor dem Schöpfer beibringen.«

Alessandra schlang Ann die Arme um den Hals und bedankte sich schluchzend. Ann tätschelte der Schwester den Rücken; ihr war elend zumute, weil sie ihre Begleiterin verlor, außerdem fürchtete sie den Glauben an alles, wofür sie stand, verloren zu haben.

»Könnt Ihr überhaupt allein reisen, Prälatin? Seid Ihr sicher, dass Ihr dem gewachsen seid?«, wollte Alessandra dann wissen.

»Ach was. Ich bin vielleicht alt, aber noch nicht unnütz. Wer, glaubst du wohl, ist in das Zentrum von Jagangs Streitmacht vorgedrungen und hat dich gerettet, Kind?«

Alessandra lächelte trotz ihrer Tränen. »Das wart Ihr, Prälatin, Ihr ganz allein. Niemand außer Euch wäre zu so etwas im Stande. Hoffentlich kann ich Nicci wenigstens halb so hilfreich sein, wenn ich sie finde.«

»Das wirst du, Alessandra. Möge der Schöpfer auf deiner Reise seine schützende Hand über dich halten.«

Ann war sich darüber im Klaren, dass sie sich beide auf schwierige Reisen begaben, die sich über Jahre hinziehen konnten.

»Vor uns liegen schwere Zeiten«, sagte Alessandra. »Aber der Schöpfer hat zwei Hände, nicht wahr? Eine für mich, und die andere für Euch, Prälatin.«

Ann konnte nicht anders, diese Vorstellung brachte sie zum Schmunzeln.

29

»Herein«, antwortete Zedd brummig auf das hartnäckige Räuspern draußen vor seinem Zelt.

Er schüttete gerade Wasser aus der Kanne in den verbeulten, auf einem abgesägten Baumstamm stehenden Metallkopf, der ihm als Waschschüssel diente. Als er sich einen Teil des Wassers ins Gesicht klatschte, entfuhr ihm ein lautes Stöhnen. Er war erstaunt, dass derart kaltes Wasser sich überhaupt noch gießen ließ.

»Guten Morgen, Zedd.«

Immer noch nach Atem ringend, wischte Zedd sich das eiskalte Wasser aus den Augen und blinzelte Warren an. »Guten Morgen, mein Junge.«

Warren errötete. Zedd ermahnte sich, jemanden, der doppelt so alt war wie er, vielleicht besser nicht mit ›Junge‹ anzureden; dabei war Warren selber schuld. Wenn der Junge doch endlich nicht mehr ganz so jung aussehen würde! Zedd bückte sich stöhnend, um in dem Durcheinander aus Landkarten, schmutzigen Tellern, rostigen Zirkeln, leeren Bechern, Decken, Hühnerknochen, Seilresten und einem Ei, das ihm Wochen zuvor mitten in einer Unterrichtsstunde abhanden gekommen war, sowie anderem Krimskrams, der sich mit der Zeit in der Ecke seines kleinen Feldzelts zu sammeln schien, nach einem Handtuch zu suchen.

Derweil verdrehte Warren sein purpurrotes Gewand an seiner Hüfte zu einem kleinen Knäuel. »Ich komme gerade aus Vernas Zelt.«

Zedd unterbrach sein Gewühle und sah über seine Schulter.

»Gibt es Neuigkeiten?«

Warren schüttelte seine blonden Locken. »Tut mir Leid, Zedd.«

»Nun«, meinte Zedd mit einem Anflug von Spott in der Stimme, »das will überhaupt nichts heißen. Die alte Dame hat mehr Leben als die Katze, die ich einst mein Eigen nannte; sie wurde von einem Blitz getroffen und fiel in einen Brunnen, und das alles am selben Tag. Habe ich dir übrigens schon von dieser Katze erzählt, mein Junge?«

»Ja, das hast du allerdings.« Warren musste schmunzeln. »Aber wenn du möchtest, es würde mir nichts ausmachen, es noch einmal zu hören.«

Zedd tat die Geschichte mit einer matten Handbewegung ab und wurde ernster. »Ann geht es gut, da bin ich völlig sicher. Verna kennt Ann besser als ich, aber selbst ich weiß, dass es überaus schwer ist, der alten Dame ein Haar zu krümmen.«

»Verna hat sich ganz ähnlich geäußert.« Warren lächelte bei sich. »Ann könnte ein Gewitter jederzeit mit einem finsteren Blick hinter den Horizont zurückjagen.«

Zedd gab ihm brummend Recht und nahm sein Gewühle in dem Müllhaufen wieder auf. »Zäher als schlechtes Fleisch, die Gute.« Er warf zwei längst veraltete Karten hinter sich.

Warren beugte sich ein Stück vor. »Was suchst du eigentlich, wenn ich fragen darf?«

»Mein Handtuch. Ich weiß, ich hatte es noch…«

»Dort drüben«, sagte Warren.

Zedd sah auf. »Was?«

»Dein Handtuch.« Warren deutete abermals darauf. »Gleich dort drüben auf der Stuhllehne.«

»Oh.« Zedd schnappte sich das verirrte Handtuch und trocknete sich das längst trockene Gesicht ab. Er bedachte Warren mit einem finsteren Blick. »Du hast die Augen eines Einbrechers.« Damit warf er das Handtuch zu all den anderen Dingen auf den Haufen, wo es hingehörte.