Zedds Scherz brachte Warren zum Lachen. Zedd deutete mit dem Stück Brot auf den Segeltuchstuhl. Warren drehte sich nach dem Stuhl um, schüttelte jedoch den Kopf. Zedd vermutete, dass es um etwas Wichtiges gehen musste, wenn Warren das Bedürfnis hatte, es im Stehen anzusprechen.
»Was glaubst du, Zedd, wird die Imperiale Ordnung, jetzt da der Winter vor der Tür steht, angreifen oder bis zum Frühling warten?«
»Ja nun, das steht immer zu befürchten, die Ungewissheit schnürt einem den Magen zusammen. Andererseits habt ihr alle hart gearbeitet. Ihr habt alle trainiert und geübt und werdet ausgezeichnet damit fertig werden, Warren. Die Schwestern übrigens auch.«
Zedds Worte schienen Warren überhaupt nicht zu interessieren; sich an der Schläfe kratzend, wartete er ab, bis er mit Sprechen an der Reihe war.
»Ja, sicher. Danke, Zedd. Wir haben wirklich alle hart gearbeitet.«
»Nach Ansicht von General Leiden ist der Winter derzeit unser bester Verbündeter. Er, seine keltonischen Offiziere wie auch einige der D’Haraner glauben, dass Jagang nicht so tollkühn sein wird, einen Feldzug gerade jetzt, bei Wintereinbruch, zu beginnen. Kelton liegt nicht übermäßig weit nördlich von hier, General Leiden ist also mit den Schwierigkeiten eines Winterkrieges in dem Gebiet, in das wir uns zurückziehen würden, bestens vertraut. Er ist überzeugt, die Imperiale Ordnung wird bis zum Frühling warten.«
»General Leiden mag ein fähiger Mann und General Reibischs Stellvertreter sein«, fuhr Zedd in gleichmütigem Tonfall fort, während er Warrens blaue Augen beobachtete, »trotzdem bin ich mit ihm nicht einer Meinung.«
Warren nickte niedergeschlagen. »Oh.«
Auf General Reibischs Bitte hatte der General seine keltonischen Divisionen zur Verstärkung der d’Haranischen Armee einige Monate zuvor nach Süden marschieren lassen. Da sie Kahlan, nachdem Richard sie dazu ernannt hatte, als ihre Königin betrachteten, verspürten die Keltonier noch immer einen Anflug von Unabhängigkeit, auch wenn sie jetzt Teil des D’Haranischen Reiches waren, wie es mittlerweile jeder sich zu nennen angewöhnt hatte.
Zedd unternahm nichts, um dieses Gerede zu unterbinden; für alle in der Neuen Welt war es besser, als eine einzige gewaltige Streitmacht aufzutreten denn als Ansammlung einzelner Völker. Soweit es Zedd betraf, hatte Richard in diesem Punkt genau das richtige Fingerspitzengefühl bewiesen. Ein Krieg dieses Ausmaßes wäre vollkommen unführbar, hätte die Neue Welt sich nicht als Einheit gezeigt. Wenn jeder sich in allererster Linie für einen Teil des d’Haranischen Reiches hielt, konnte dies nur dazu beitragen, dass es auch bald Wirklichkeit wurde.
Zedd räusperte sich. »Aber das ist nur eine Vermutung, Warren, ich könnte mich irren. General Leiden ist ein erfahrener Mann und alles andere als ein Narr. Ich könnte mich irren.«
»Ebenso könnte Leiden sich irren, und damit hättest du etwas mit General Reibisch gemein. Bereits seit zwei Monaten läuft er Nacht für Nacht nervös in seinem Zelt auf und ab.«
Zedd zuckte mit den Achseln. »Hast du etwas Wichtiges auf dem Herzen, Warren, das von dem Vorgehen der Imperialen Ordnung abhängt? Wartest du vielleicht darauf, dass sie dir in einer Angelegenheit die Entscheidung abnehmen?«
Warren hob abwehrend die Hände, als wollte er den bloßen Gedanken von sich weisen. »Nein – nein, natürlich nicht. Es ist nur so … es wäre halt ein ungünstiger Augenblick, um an diese Dinge zu denken, das ist alles … Aber sollten sie sich tatsächlich den Winter über still verhalten…« Warren nestelte an seinem Ärmel. »Mehr meinte ich eigentlich gar nicht … Wenn du glaubst, sie werden bis zum Frühling warten…« Er ließ den Satz unbeendet.
»Angenommen, sie tun es, dann …?«
Den Blick starr auf den Boden gerichtet, verzwirbelte Warren sein Gewand über dem Bauch zu einem purpurroten Knäuel. »Falls du glaubst, sie könnten womöglich beschließen, noch diesen Winter loszuschlagen, dann wäre das für mich – für uns – nicht der geeignete Zeitpunkt, über gewisse Dinge nachzudenken.«
Zedd kratzte sich das Kinn und beschloss, es anders herum zu versuchen. »Angenommen, ich bin überzeugt, die Imperiale Ordnung wird sich den Winter über nicht von der Stelle rühren. Was würdest du in diesem Fall tun wollen?«
Warren warf die Hände in die Luft. »Zedd, würdest du Verna und mich trauen?«
Zedd zog erstaunt die Brauen hoch und nahm den Kopf zurück. »Verdammt, Junge, das ist ein ziemlicher Brocken, gleich als Erstes so früh am Morgen.«
Warren ging mit zwei großen Schritten auf ihn zu. »Würdest du das tun, Zedd? Natürlich nur, wenn du wirklich überzeugt bist, dass die Imperiale Ordnung den Winter über unten in Anderith bleibt. Wenn, dann, na ja, dann wäre es, ich meine, dann könnten wir doch ebenso gut…«
»Liebst du Verna, Warren?«
»Selbstverständlich!«
»Und liebt Verna dich?«
»Aber natürlich tut sie das.«
Zedd zuckte mit den Achseln. »Dann werde ich euch beide trauen.«
»Wirklich? Ach, Zedd, das wäre großartig.« Warren machte kehrt, langte mit einer Hand nach der Zeltöffnung und bedeutete Zedd mit der anderen winkend, zu warten. »Nur einen kleinen Augenblick.«
»Nun, ich wollte gerade meine Schwingen ausbreiten und zum Mond entschweben, aber wenn du unbedingt möchtest, dass ich warte…«
Warren hatte das Zelt bereits verlassen. Von draußen vernahm Zedd gedämpfte Stimmen. Warren kam ins Zelt zurück – unmittelbar auf Vernas Fersen.
Verna strahlte über das ganze Gesicht, was Zedd an sich etwas beunruhigend fand, da es so ungewöhnlich war.
»Danke, dass du dich erboten hast, uns zu trauen, Zedd. Ich danke dir! Warren und ich wollten, dass du die Zeremonie abhältst. Ich erklärte ihm, du würdest es ganz bestimmt tun, aber Warren wollte dich trotzdem vorher fragen und dir Gelegenheit geben abzulehnen. Ich kann mir nichts Bedeutungsvolleres vorstellen, als vom Obersten Zauberer getraut zu werden.«
Zedd fand, sie war eine wundervolle Frau. Manchmal ein wenig kleinlich, wenn es um Regeln und dergleichen ging, aber stets in guter Absicht handelnd. Sie arbeitete hart und schreckte vor vielen Dingen nicht zurück, um die Zedd sie bat. Und ganz offenkundig empfand sie eine herzliche Zuneigung für Warren, den sie darüber hinaus auch respektierte.
»Wann?«, wollte Verna wissen. »Wann, glaubst du, wäre der geeignete Augenblick?«
Zedd verzog das Gesicht. »Was meint ihr beide, haltet ihr es noch aus, bis ich ordentlich gefrühstückt habe?«
Die beiden strahlten.
»Wir dachten eigentlich eher an eine Hochzeit am Abend«, sagte Verna. »Vielleicht könnten wir ein Fest mit Musik und Tanz geben.«
Warren gestikulierte lässig. »Wir hatten so etwas im Sinn wie … eine Art angenehme Unterbrechung der Kampfesvorbereitungen.«
»Eine Unterbrechung? Was meint ihr, wie lange werdet ihr euch von euren Verpflichtungen befreien lassen müssen?«
»Aber nein, Zedd!« Warren war so tiefrot geworden wie sein Gewand. »Wir wollten damit keinesfalls andeuten, dass wir … ich meine, würden natürlich nach wie vor … wir würden nur gern…«
»Wir wollen keine Dienstbefreiung, Zedd«, machte Verna Warrens hilflosem Gestammel ein Ende. »Wir dachten einfach, es wäre für alle eine nette Gelegenheit, einen Abend lang ein wohlverdientes Fest zu feiern. Wir werden unsere Posten nicht verlassen.«
Zedd legte Verna seinen knochendürren Arm um die Schultern. »Ihr beide könnt so lange fortbleiben, wie ihr wollt, dafür hätte jeder hier Verständnis. Ich freue mich für euch beide sehr.«
»Großartig, Zedd«, sagte Warren und atmete erleichtert auf. »Wir wüssten es wirklich sehr zu…«
Ein rotgesichtiger Offizier platzte ins Zelt herein, ohne sich auch nur anzumelden. »Zauberer Zorander!«
Unmittelbar hinter ihm stürzten zwei Schwestern ins Zelt.
»Prälatin«, rief Schwester Philippa.
»Sie greifen an!«, rief Phoebe.
Die beiden Frauen waren leichenblass und standen offensichtlich kurz davor, ihr Frühstück wieder von sich zu geben. Schwester Phoebe zitterte wie ein triefnasser Hund im Winter. Dann bemerkte Zedd, dass Schwester Philippas Haar an einer Seite angesengt und eine Schulter ihres Kleides schwarz verkohlt war. Sie hatte zu einem Vorposten gehört, der nach den mit der Gabe gesegneten Feinden Ausschau halten sollte.