Jetzt wusste Zedd auch, was das Pfeifen gewesen war, das er gehört zu haben glaubte: Es waren sehr weit entfernte Schreie gewesen.
Von weit her schallten die Klänge der Alarmhörner von der nächstgelegenen Zwischenwarnstation herüber. Das schwache Kribbeln von Magie, mit der sie durchwoben waren, verriet Zedd, dass sie echt waren. Draußen vor dem Zelt schwollen die gedämpften Geräusche des Lagerlebens zu einem Getöse hektischer Aktivität an. Waffen wurden aus den Stapeln gerissen, zu denen man sie aufgeschichtet hatte, Lagerfeuer zischten, als sie mit Wasser überschüttet wurden, Schwerter wurden umgeschnallt, andere blank gezogen, Pferde wieherten ob des plötzlichen Radaus.
Warren packte Schwester Philippas Arm und begann, Befehle zu erteilen. »Sorgt dafür, dass die Front sich ausrichtet, und seht zu, dass die Männer nicht gesehen werden – haltet die Kavallerie hinter dem dritten Hügelkamm zurück. Legt die Stolperdrähte dicht vor unseren Reihen – wir müssen den Feind in Sicherheit wiegen. Kavallerie?«
Die Frau nickte.
»Rückt auf zwei Flanken vor«, warf der Offizier ein, »ohne jedoch anzugreifen – sie wollen keinen zu großen Vorsprung vor den Fußsoldaten.«
»Sobald sie am Zündpunkt vorüber sind, zündet Ihr unmittelbar in ihrem Rücken das erste Feuer – genau wie wir es eingeübt haben«, trug Warren Schwester Philippa auf, die seine Anweisungen mit einem aufmerksamen Nicken entgegennahm. Die Absicht war, jedweden Kavallerieanstrum zwischen zwei Wallen aus vernichtender Magie einzuschließen. Diese mussten präzise ausgerichtet sein, wenn man sich eine Chance ausrechnen wollte, die feindlichen Schilde zu durchbrechen.
»Prälatin«, stieß Schwester Phoebe, noch immer keuchend, hervor, »Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viele es sind. Gütiger Schöpfer, es scheint, als verschiebe sich der Erdboden und die Hügel bewegten sich in einem gewaltigen Erdrutsch auf uns zu.«
Verna legte der jungen Schwester tröstend eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß, Phoebe, ich weiß. Aber wir alle wissen, was wir zu tun haben.«
Verna war bereits dabei, die beiden Schwestern hinauszugeleiten und nach ihren anderen Helfern zu rufen, als immer mehr Offiziere und zurückkehrende Kundschafter von ihren Pferden sprangen.
Ein großer, bärtiger Soldat mit schweißüberströmtem Gesicht platzte nach Atem ringend in ihr Zelt.
»Die gesamte gottverdammte Streitmacht. Bis zum allerletzten Mann.«
»Mit Lanzen bewaffnete Kavallerie – mehr als genug, um eine Bresche zu schlagen«, rief ein anderer Soldat auf einem mit schäumendem Schweiß bedeckten Pferd ins Zelt, der gerade lange genug stehen blieb, um Zedd die Nachricht zuzubrüllen, bevor er weitergaloppierte.
»Bogenschützen?«, fragte Zedd die beiden noch immer in seinem Zelt verweilenden Soldaten.
Der bärtige Offizier schüttelte den Kopf. »Noch zu weit entfernt, um sie auszumachen.« Er verschluckte sich. »Aber ich verwette mein Leben darauf, dass sie sich unmittelbar hinter den Schilden der Lanzenträger befinden.«
»Zweifellos«, meinte Zedd. »Wenn sie nahe genug sind, werden sie sich schon zu erkennen geben.«
Warren packte den bärtigen Offizier am Ärmel und zerrte ihn, das Zelt im Laufschritt verlassend, hinter sich her. »Keine Sorge, für den Fall, dass sie sich zeigen, haben wir etwas vorbereitet, um ihnen das Augenlicht zu nehmen.«
Der andere Mann rannte weiter zu seinem Posten. Im Nu war Zedd in seinem vor der frühmorgendlichen Wintersonne beschienenen Zelt allein. Der Morgen war kalt, und der Tag würde blutig werden.
Draußen vor dem Zelt schwoll der Radau explosionsartig an. Jeder wusste, was er zu tun hatte, und war mit seiner Aufgabe bestens vertraut; diese Männer waren in der Mehrzahl schlachterprobte D’Haraner. Zedd hatte sich ganz nah herangeschlichen und gesehen, welchen Furcht erregenden Eindruck die Truppen der Imperialen Ordnung machten, doch was den Mumm anbetraf, waren ihnen die D’Haraner durchaus ebenbürtig. Über Generationen hatten sich die D’Haraner damit gebrüstet, die leidenschaftlichsten Kämpfer unter der Sonne zu sein, und Zedd hatte einen großen Teil seines Lebens gegen D’Haraner gekämpft, die bewiesen hatten, dass ihre Prahlerei auf Wahrheit beruhte.
Zedd hörte jemanden rufen: »Bewegt euch, bewegt euch, macht schon.« Es klang nach General Reibisch. Zedd eilte zur Zeltöffnung und hielt am Rand einer Kolonne von Soldaten inne, die in einer gewaltigen, wogenden Menge vorüberströmte.
General Reibisch kam rutschend vor dem Zelt zum Stehen.
»Wir haben uns nicht geirrt, Zedd.«
Zedd nickte, zum Zeichen seiner Enttäuschung darüber, dass sich seine Vermutung über die feindlichen Pläne erfüllt hatte. Dieses eine Mal hätte er sich gerne geirrt.
»Wir brechen das Lager ab«, sagte General Reibisch. »Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Der Vorhut habe ich bereits Befehl gegeben, ihre Stellungen Richtung Norden zu verlegen, damit sie unsere Vorratskarren sichern können.«
»Ist es ein Angriff auf breiter Front – oder nur ein Vorstoß, um uns auf die Probe zu stellen?«
»Sie greifen an mit allem, was sie haben.«
»Gütige Seelen«, entfuhr es Zedd. Wenigstens hatte er sich so gut es eben ging auf diese Möglichkeit vorbereitet. Er hatte den mit der Gabe Gesegneten eingetrichtert, mit dieser Möglichkeit zu rechnen, damit sie nicht aus dem Gleichgewicht gerieten. Es würde genau so kommen, wie Zedd es ihnen vorhergesagt hatte; das würde zu ihrem Selbstvertrauen beitragen und ihnen Mut machen. Der Sieg hing von denen mit der Gabe ab.
Den Blick nach Süden gerichtet, auf einen Feind, der sich seinem Blick noch entzog, wischte sich General Reibisch mit einer fleischigen Hand über Mund und Kinn. Die frühe Sonne ließ sein rostfarbenes Haar rot erscheinen, und die von seiner linken Schläfe bis zum Unterkiefer verlaufende Narbe leuchtete wie ein erstarrter, weiß glühender Blitz.
»Unsere Wachtposten haben sich gemeinsam mit den äußeren Verteidigungslinien zurückgezogen. Hat keinen Sinn, dass sie die Stellung halten, wenn die gesamte Imperiale Ordnung anrückt.«
Zedd beeilte sich, ihm nickend beizupflichten. »Wir werden für Euch die Magie gegen die Magie sein, General.«
In den gräulich grünen Augen des Mannes blitzte ein wollüstiges Funkeln. »Und wir sind für Euch der Stahl gegen den Stahl, Zedd. Von beidem werden diese Bastarde heute eine Menge zu sehen und zu spüren bekommen.«
»Zeigt ihnen nur nicht zu viel und nicht verfrüht«, warnte Zedd.
»Ich werde unsere Pläne jetzt nicht mehr ändern«, rief er über den Lärm des Durcheinanders hinweg.
»Gut.« Zedd bekam einen vorbeilaufenden Soldaten am Arm zu fassen. »Du. Ich brauche deine Hilfe. Sei so gut, Junge, und pack meine Sachen dort drinnen für mich zusammen. Ich muss den Schwestern einen Besuch abstatten.«
General Reibisch bedeutete dem jungen Mann, in Zedds Zelt hineinzugehen, woraufhin sich der junge Mann sofort an die Arbeit machte.
»Die Kundschafter berichten, sie bleiben ausnahmslos auf dieser Seite des Drun, genau wie wir gehofft hatten.«
»Gut. Dann müssen wir nicht befürchten, dass sie uns einkreisen, jedenfalls nicht von Westen her.« Zedd ließ seinen Blick über das in Auflösung begriffene Feldlager schweifen, während die Soldaten überall hektisch an ihre Arbeit gingen. Er wandte sich wieder zum wettergegerbten Gesicht des Generals herum. »Schafft unsere Männer nur rechtzeitig nach Norden in die Täler hinein, General, damit wir nicht eingekesselt werden können. Die mit der Gabe werden Eurer Nachhut Deckung geben.«
»Wir werden die Täler dichtmachen, seid völlig unbesorgt.«
»Der Fluss ist doch noch nicht völlig zugefroren, oder?«
General Reibisch schüttelte den Kopf. »Es reicht vielleicht für eine Ratte, wenn sie Acht gibt, aber nicht für den Wolf, der sie verfolgt.«