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»Das sollte sie daran hindern, den Fluss zu überqueren.« Zedd spähte aus zusammengekniffenen Augen nach Süden. »Ich muss nach Adie und den Schwestern sehen. Mögen die Guten Seelen mit Euch sein, General, den Rücken brauchen sie Euch nicht freizuhalten, das übernehmen wir.«

General Reibisch bekam Zedds Arm zu fassen. »Es sind weit mehr, als wir dachten, Zedd, mindestens doppelt so viele, und wenn meine Kundschafter nicht gestottert haben, vielleicht sogar die dreifache Anzahl. Seid Ihr sicher, Ihr könnt eine derartige große Zahl aufhalten und gleichzeitig ihr Interesse wach halten, mir ihre Zähne in den Hintern zu schlagen?«

Der Plan bestand darin, den Feind Richtung Norden zu locken, dabei aber stets knapp außerhalb seiner Reichweite zu bleiben – gerade so weit, um ihm den Mund wässrig zu machen, jedoch nicht so nah, dass er zuschnappen konnte. Ein Überqueren des Flusses zu dieser Jahreszeit war für eine Armee von dieser Größe undurchführbar. Den Fluss auf der einen und die Berge auf der anderen Seite, vermochte eine Streitmacht von den Ausmaßen der Imperialen Ordnung die Truppen des d’Haranischen Reiches, die ihnen zahlenmäßig um das Zehn- bis Zwanzigfache unterlegen waren, nicht ohne weiteres einzukesseln und zu überwältigen.

Des Weiteren war der Plan so angelegt, dass er Richards Warnung berücksichtigte, das Herzstück der Imperialen Ordnung nicht unmittelbar anzugreifen. Zedd war sich über die Stichhaltigkeit von Richards Warnung nicht ganz im Klaren, war aber klug genug, den eigenen Untergang nicht mit aller Gewalt herauszufordern.

Wenn alles gut ging und man den Feind erst in dieses engere, leichter zu verteidigende Gelände gelockt hatte, würde die Imperiale Ordnung einiger ihrer Vorteile beraubt sein, und ihr Vormarsch konnte daraufhin gestoppt werden. Hatte man sich die Imperiale Ordnung erst einmal vom Leibe gehalten, konnten die D’Haraner damit beginnen, den Feind in seine Schranken zu weisen. Zahlenmäßige Unterlegenheit machte den D’Haranern nichts aus; dadurch erhielten sie nur mehr Gelegenheit, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Den Blick in die Ferne gerichtet, malte Zedd sich aus, wie sich die Bergflanken unter den heranströmenden feindlichen Massen verdunkelten. Er sah die tödlichen Kräfte bereits am Werk, die er entfesseln würde.

Auch ihm war bewusst, dass sich in der Schlacht die Dinge selten wie geplant entwickelten.

»Seid völlig unbesorgt, General, mit dem heutigen Tag wird die Imperiale Ordnung beginnen, für ihren Überfall einen entsetzlichen Preis zu zahlen.«

Grinsend versetzte der General Zedd einen Schlag gegen die Schulter. »So ist es recht.«

General Reibisch stapfte, nach seinen Helfern und seinem Pferd rufend und eine immer mehr anwachsende Menschenmenge um sich scharend, entschlossenen Schritts davon.

Die Schlacht hatte begonnen.

30

Die Arme auf die Oberschenkel gestützt, kauerte Richard im Bauch der Bestie.

»Nun?«, erkundigte sich Nicci vom Sattel ihres Pferdes aus.

Richard stand neben einem Rippenknochen, der ihn gut um eine Körperlänge überragte. Seine Augen gegen das goldene Sonnenlicht abschirmend, ließ er den Blick kurz über den leeren Horizont hinter sich wandern, bevor er sich wieder Nicci zuwandte, deren Haar die tief stehende Sonne einen honigfarbenen Hauch verlieh.

»Ich würde sagen, es war einmal ein Drache.«

Als ihre Stute seitwärts tänzelnd versuchte, ein wenig Abstand zwischen sich und die ausgedehnten Gebeine zu bringen, zog Nicci die Zügel strammer an.

»Ein Drachen«, wiederholte sie mit ausdrucksloser Stimme.

Da und dort hingen noch Fetzen vertrockneten Fleisches an dem Gerippe. Richard schlug mit der Hand nach dem Fliegenschwarm, der ihn umsummte, ein vager Gestank von Verwesung hing über der Fundstelle. Als er aus dem Käfig aus gigantischen, in die Luft gestreckten Rippenknochen heraustrat, deutete er auf den in einem Bett aus braunem Gras ruhenden Kopf. Zwischen den Rippen war Platz genug, um hindurchzugehen, ohne sie mit den Schultern zu berühren.

»Die Zähne erkenne ich wieder. Ich besaß auch mal einen Drachenzahn.«

Nicci schien nicht überzeugt. »Was immer es ist, wenn du genug gesehen hast, sollten wir uns wieder auf den Weg machen.«

Richard wischte sich die Hände ab. Der Hengst wich schnaubend einen Schritt zurück, als er sich ihm näherte; das Tier mochte den Geruch des Todes nicht und misstraute Richard, nachdem er ihm so nahe gekommen war. Richard strich dem Tier über den glänzenden schwarzen Hals.

»Bleib stehen, Junge«, sagte er mit beruhigender Stimme. »Ganz ruhig.«

Als sie Richard endlich aufsitzen sah, ließ Nicci ihre Apfelschimmelstute wenden und setzte sich erneut in Bewegung. Die spätnachmittägliche Sonne warf die langen, krallenartigen Schatten der Rippenknochen in seine Richtung, so als wollten sie nach ihm greifen und ihn an den gespenstischen Schauplatz eines grauenhaften Endes zurücklocken. Er warf noch kurz einen Blick über die Schulter auf die mitten im sanft geschwungenen Gras der Länge nach hingestreckt liegenden Skelettüberreste, dann drängte er sein Pferd, loszutraben und Nicci einzuholen. Der Hengst musste nicht zweimal aufgefordert werden, diese Stätte des Todes zu verlassen, und verfiel geradezu erleichtert in einen leichtfüßigen, weit ausholenden Galopp.

Richard hatte jetzt ungefähr einen Monat mit dem Pferd verbracht, und während dieser Zeit hatten die beiden sich aneinander gewöhnt. Das Tier verhielt sich durchaus willig, war aber nie wirklich zutraulich. Richards Interesse reichte allerdings nicht aus, um sich die Mühe zu machen, mehr zu tun; Freundschaft mit einem Pferd zu schließen, das war so ziemlich seine geringste Sorge. Nicci hatte nicht gewusst, ob die Pferde Namen hatten, auch schien sie nicht daran interessiert, Tieren überhaupt einen zu geben, daher hatte Richard den schwarzen Hengst einfach ›Junge‹, Niccis Apfelschimmelstute ›Mädchen‹ getauft und es dabei belassen. Dass er den Tieren Namen gab, schien Nicci weder zu gefallen noch zu missfallen; sie hielt sich einfach an seine Gepflogenheit.

»Glaubst du wirklich, es handelt sich um die Überreste eines Drachen?«, fragte Nicci, nachdem er sie eingeholt hatte.

Der Hengst wurde langsamer und rieb froh sein Maul an der Flanke der Stute. Mädchen drehte zum Zeichen des Wiedererkennens lediglich das ihm zugewandte Ohr in seine Richtung.

»Die Größe dürfte ungefähr stimmen, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht.«

Nicci warf ihr Haar mit einer ruckartigen Kopfbewegung über die Schultern. »Das ist dein Ernst, nicht wahr?«

Richard runzelte verwirrt die Stirn. »Ihr habt es doch selbst gesehen. Was könnte es sonst sein?«

Sie gab sich seufzend geschlagen. »Ich dachte einfach, es seien die Knochen eines längst ausgestorbenen Tieres.«

»Bei all den Fliegen, die es umschwirren? An den Knochen klebten sogar noch ein paar ausgetrocknete Sehnenreste. Das war kein Wesen aus grauer Vorzeit. Es kann nicht viel länger als sechs Monate dort gelegen haben – wahrscheinlich sehr viel weniger.«

Sie betrachtete ihn abermals aus den Augenwinkeln. »Dann gibt es also tatsächlich Drachen in der Neuen Welt?«

»Jedenfalls in den Midlands; wo ich aufgewachsen bin, gab es keine. Soweit ich weiß, besitzen Drachen Magie, und die existierte in Westland nicht. Als ich hierher kam … habe ich einen roten Drachen gesehen. Nach allem, was ich hörte, sind sie äußerst selten.«

Und jetzt war ihre Zahl um mindestens ein Exemplar geschrumpft.

Die Überreste irgendeines Tieres bereiteten Nicci wenig Kopfzerbrechen, selbst wenn es sich um die eines Drachen handelte. So sehr es ihn danach gelüstete, ihr den Schädel einzuschlagen, war Richard längst zu dem Schluss gekommen, dass seine Aussichten, einen Ausweg aus seiner Lage zu finden, erheblich besser standen, wenn er sie nicht gegen sich aufbrachte. Streit zehrte nur an den eigenen Kräften und erschwerte es einem, durch Nachdenken einen Ausweg zu finden. Deshalb konzentrierte er seine Gedanken auf das, was für ihn am wichtigsten war.