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Er brachte es nicht über sich, so zu tun, als sei er Niccis Freund, trotzdem versuchte er ihr keinen Grund zu geben, so in Zorn zu geraten, dass sie Kahlan etwas antat. Bislang gab ihm der Erfolg Recht, ohnehin schien Nicci nicht leicht in Wut zu geraten. Wenn etwas ihr Missfallen erregte, fiel sie in einen Zustand der Gleichgültigkeit zurück, der ihre leichte Erbitterung unter sich zu begraben schien.

Schließlich erreichten sie wieder die Straße, von der aus sie den weißen Punkt erspäht hatten, der sich als die Überreste eines Drachens herausgestellt hatte.

»Wie war das, an einem Ort aufzuwachsen, an dem keinerlei Magie existiert?«

Richard zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht. So war es einfach, es war völlig normal.«

»Und warst du glücklich? Ohne Magie aufzuwachsen, meine ich?«

»Ja, sehr sogar.« Der argwöhnische Ausdruck kehrte auf sein Gesicht zurück. »Warum?«

»Und doch kämpfst du für den Fortbestand der Magie in der Welt, damit andere Kinder mit ihr aufwachsen müssen. Das ist doch richtig?«

»Ja.«

»Der Orden möchte die Welt von der Magie befreien, damit die Menschen glücklich und zufrieden aufwachsen können, ohne diesen alles vergiftenden Dunst der Magie vor ihrer Tür.« Sie schaute zu ihm hinüber. »Sie wollen, dass die Kinder ganz ähnlich wie du erwachsen werden. Und doch kämpfst du dagegen an.«

Das war keine Frage, daher beschloss Richard, es nur ihr zuliebe auch nicht zu einer zu machen. Was die Imperiale Ordnung zu tun beliebte, ging ihn nichts an. Er wandte seine Gedanken anderen Dingen zu.

Sie ritten in ost-südöstlicher Richtung auf einer gelegentlich von Händlern bereisten Straße. An diesem Tag hatten sie bereits zwei von ihnen mit einem freundlichen Nicken begrüßt. Da die Straße den einfachsten Weg durch die sanft geschwungene Hügellandschaft wählte, war sie gegen Nachmittag immer mehr nach Süden abgeschwenkt. Als sie eine Anhöhe überquerten, erspähte Richard in weiter Ferne eine Schafherde. Nicht weit vor ihnen, hatte man ihnen erzählt, gab es eine Ortschaft, wo sie ein paar dringend benötigte Dinge kaufen konnten; auch konnten die Pferde etwas Getreidefutter gebrauchen.

Hinter seiner linken Schulter, im Nordosten, ragten schneebedeckte, sich im Licht der späten Sonne rosa verfärbende Berge jenseits des Vorgebirges in die Höhe. Rechts von ihnen erstreckte sich das sanft geschwungene Gelände bis hin zur Wildnis. Hatten sie die Stadt erst hinter sich, würde es nicht mehr allzu lange dauern, bis sie den Fluss Kern querten. Sie waren nicht mehr weit von jenem Gebiet entfernt, das einst die Ödnis bildete, in der die Große Barriere gestanden hatte.

Nicht mehr lange, und sie würden Richtung Süden abschwenken und sich in die Alte Welt hineinbegeben.

Obwohl keine Barriere mehr existierte, die ihn nach ihrem Durchschreiten an der Rückkehr gehindert hätte, versetzte ihn das Verlassen der Neuen Welt in einen Zustand tiefer Niedergeschlagenheit. Es war, als verlasse er Kahlans Welt, als verlasse er sie noch ein klein wenig mehr als zuvor. Bei aller Leidenschaftlichkeit und Liebe, die er für sie empfand – er spürte, wie Kahlan immer weiter in die Ferne rückte.

Niccis blondes Haar flatterte in der Brise, als sie sich zu ihm umwandte. »Angeblich gab es früher auch in der Alten Welt Drachen.«

Richard riss sich aus seinen düsteren Gedanken.

»Und jetzt nicht mehr?«, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Wie lange liegt das zurück?«

»Sehr lange. Kein Lebender hat jemals einen zu Gesicht bekommen – auch nicht die im Palast lebenden Schwestern.«

Während er auf das gleichförmige Klappern der Hufe lauschend weiterritt, dachte er darüber nach. Nicci hatte sich entgegenkommend gezeigt, daher fragte er: »Wisst Ihr, warum nicht?«

»Ich kann dir nur sagen, was man mir erzählt hat, vorausgesetzt, du willst es hören.« Als Richard daraufhin nickte, fuhr sie fort. »Während des Großen Krieges, zu einer Zeit, als die Barriere zwischen der Alten und der Neuen Welt errichtet wurde, arbeiteten die Zauberer der Alten Welt daran, die in der Welt existierende Magie rückgängig zu machen. Drachen konnten ohne Magie nicht existieren, also starben sie aus.«

»Aber hier existierten sie doch immer noch.«

»Auf der anderen Seite der Barriere, ja. Möglicherweise hatte die Unterdrückung der Magie durch die damaligen Zauberer eine auf ihrer Seite nur örtlich begrenzte, vorübergehende Wirkung. Schließlich existiert Magie noch immer, offenbar ist es ihnen also nicht gelungen, ihr Ziel zu erreichen.«

Eine vage Beklommenheit beschlich Richard, als er Niccis Bemerkung mit den eben gesehenen Knochen in Verbindung brachte.

»Darf ich Euch eine Frage über Magie stellen, Nicci, eine ernst gemeinte Frage?«

Sie schaute zu ihm hinüber, ließ ihr Pferd langsamer und schließlich in leichtem Schritt weitergehen. »Was möchtest du wissen?«

»Wie lange kann ein Drache Eurer Meinung nach ohne Magie überleben?«

Nicci dachte einen Augenblick über seine Frage nach, schließlich seufzte sie. »Ich kenne die Geschichte der Drachen in der Alten Welt nur so, wie man sie uns beigebracht hat. Wie du weißt, sind vor langer Zeit niedergeschriebene Texte nicht immer verlässlich, daher kann ich nur eine intelligente Vermutung äußern. Ich würde sagen, vielleicht gerade mal wenige Augenblicke, möglicherweise auch Tage – vielleicht auch länger, aber nicht sehr viel. Im Grunde ist es eine stark vereinfachte Version der Frage, wie lange ein Fisch auf dem Trockenen überleben kann. Warum fragst du?«

Richard fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Als die Chimären hier in dieser Welt weilten, haben sie die Magie abgezogen. Der Welt des Lebens wurde die gesamte Magie, oder jedenfalls fast die gesamte, für eine gewisse Zeit entzogen.«

Sie schaute wieder auf die Straße. »Meiner Einschätzung nach war der Entzug vollkommen, zumindest zeitweise.«

Genau das hatte er befürchtet. Richard betrachtete ihre Bemerkung im Licht dessen, was er wusste. »Nicht alle Geschöpfe der Magie sind unbedingt auf sie angewiesen. Nehmt zum Beispiel uns; in gewisser Hinsicht sind wir Geschöpfe der Magie, aber wir können auch ohne sie existieren. Ich frage mich, ob Geschöpfe, die für ihre nackte Existenz auf Magie angewiesen sind, nicht vielleicht doch überlebt haben könnten, bis die Chimären vertrieben waren und die Magie in der Welt des Lebens wiederhergestellt war.«

»Die Magie ist nicht wiederhergestellt worden.«

Richard hielt jäh sein Pferd an. »Was?«

»Jedenfalls nicht so, wie du denkst.« Nicci drehte sich herum und sah ihm ins Gesicht, »Ich habe zwar keine unmittelbare Kenntnis davon, was genau geschehen ist, aber ein solches Ereignis hätte unmöglich folgenlos bleiben können.«

»Erzählt mir, was Ihr wisst.«

Sie legte neugierig die Stirn in Falten. »Warum machst du ein so besorgtes Gesicht?«

»Nicci, ich bitte Euch, erzählt mir einfach, was Ihr wisst.«

Sie legte ihre Handgelenke auf dem Sattelknauf übereinander.

»Magie ist eine überaus vielschichtige Angelegenheit, Richard, daher kann es so etwas wie Gewissheit niemals geben.« Sie hob abwehrend eine Hand, um seiner Fragenflut zuvorzukommen. »So viel aber ist sicher: Die Welt bleibt nicht immer gleich, sie unterliegt einem steten Wandel. Magie ist nicht nur ein Teil dieser Welt, sie ist die Verbindung zwischen den Welten. Verstehst du das?«

Zumindest glaubte er es zu verstehen. »Ich habe die Seele meines Vaters versehentlich mit Hilfe von Magie aus der Unterwelt herbeigerufen und ihn mit Hilfe von Magie wieder dorthin zurückverbannt. Die Schlammenschen, zum Beispiel, benutzen Magie, um mit den Seelen ihrer Ahnen jenseits des Schleiers in der Unterwelt in Kontakt zu treten. Ich musste den in einer anderen Welt gelegenen Tempel der Vier Winde aufsuchen, nachdem Jagang eine Schwester dorthin geschickt hatte, um eine Seuche auszulösen, die sie aus jener anderen Welt mitgebracht hatte.«

»Und was haben alle diese Dinge gemeinsam?«

»In allen Fällen wurde die Kluft zwischen den Welten mit Hilfe von Magie überbrückt.«