»Richtig, doch es geht noch weiter. Diese Welten existieren zwar, aber nur in Abhängigkeit von dieser einen, von der sie sich abgrenzen und über die sie sich bestimmen, hab ich Recht?«
»Ihr meint, so wie das Leben in diese Welt hineingeboren wird und die Seelen nach dem Tod vom Hüter in die Unterwelt verschleppt werden?«
»Ganz recht. Aber siehst du darüber hinaus die Verbindung?«
Allmählich konnte Richard nicht mehr folgen, schließlich war er nicht mit dem Wissen um Magie aufgewachsen. »Wir sind zwischen diesen beiden Reichen gefangen?«
»Nein, das nun nicht gerade.« Ihre blauen Augen funkelten vor Eifer und Entschlossenheit. Sie wartete, bis er ihr ruhig in die Augen sehen konnte, dann hob sie einen Finger, um die Bedeutung ihrer Worte zu unterstreichen.
»Magie ist die Verbindung zwischen den Welten. Mit dem Schwinden der Magie rücken diese Welten für uns nicht nur in größere Ferne, auch die Kraft dieser Welten schwindet in unserer Welt. Begreifst du nicht?«
Richard bekam eine Gänsehaut. »Wollt Ihr damit sagen, die anderen Welten verlieren an Einfluss, vergleichbar etwa einem … einem Kind, dessen Eltern weniger Einfluss auf es haben, sobald es erwachsen wird?«
»Genau.« Im schwindenden Licht wirkten ihre Augen blauer als gewöhnlich. »Das Voneinander-Abrücken der Welten ist vergleichbar mit einem Kind, das erwachsen wird und sein Zuhause verlässt. Doch es geht noch weiter.«
Sie beugte sich ganz leicht im Sattel vor. »Man könnte sagen, dass diese anderen Welten nur durch ihr Verhältnis zum Leben existieren – zu dieser Welt.« In diesem Augenblick erschien sie ihm genau als das, was sie tatsächlich war – eine einhunderteinundachtzigjährige Hexenmeisterin. »Man könnte sogar behaupten«, sagte sie leise, mit einer Stimme, die aus den Schatten zu kommen schien, »dass diese anderen Welten ohne die Magie, die sie mit dieser Welt verknüpfen, zu existieren aufhören würden.«
Richard musste schlucken. »Soll das heißen, sobald das Kind erwachsen wird und sein Zuhause verlässt, werden die Eltern für sein Fortbestehen immer unwichtiger? Wenn sie, obwohl einst voller Lebensenergie und mit einer starken Bindung zu ihm, schließlich alt werden, sterben und zu existieren aufhören, lebt es ohne sie weiter.«
»Ganz genau«, zischelte sie.
»Die Welt verändert sich«, sagte er, fast zu sich selbst. »Die Welt bleibt nicht immer gleich. Genau das will Jagang. Er will, dass die Magie und diese anderen Welten zu existieren aufhören, damit er diese eine ganz für sich allein haben kann.«
»Nein«, widersprach sie leise. »Er will sie nicht für sich selbst, sondern für die Menschheit.« Richard wollte widersprechen, doch sie fiel ihm ins Wort. »Ich kenne Jagang, und ich sage dir, was er glaubt. Mag sein, dass er Gefallen am Beutemachen findet, aber in seinem Herzen ist er fest davon überzeugt, dass er dies für die Menschheit tut und nicht für sich selbst.«
Richard glaubte ihr nicht wirklich, sah aber keinen Sinn darin, mit ihr zu streiten. Wie auch immer, aufgrund der sich vollziehenden Veränderungen war es durchaus möglich, dass Geschöpfe wie die Drachen längst ausgestorben waren, durchaus möglich, dass die weißen Knochen die Überreste des allerletzten roten Drachen waren.
»Möglicherweise hat sich die Welt aufgrund von Ereignissen wie im Falle der Chimären bereits so weit unumkehrbar gewandelt, dass bestimmte Geschöpfe der Magie ausgestorben sind«, sagte sie, den starren Blick in das trostlose Zwielicht gerichtet. »Auch in einer sich entwickelnden Welt, wie ich sie beschrieben habe, würde die Magie beizeiten aussterben. Verstehst du jetzt? Ohne diese Verbindung zu anderen Welten, Welten, die es vielleicht gar nicht mehr gibt, würde gar keine Magie mehr entstehen, wenn die Nachkommen derer mit der Gabe geboren werden.«
Eins war sicher: Wenn die Zeit gekommen war, würde er dafür sorgen, dass Niccis Existenz endete.
Während sie weiterritten, warf Richard einen Blick über seine Schulter hinüber zu den Gebeinen, die allerdings seit einer Weile schon nicht mehr zu sehen waren.
Es war bereits lange nach Einbruch der Dunkelheit, als sie in die Ortschaft hineinritten. Als Richard sich bei einem Bürger erkundigte, erklärte dieser ihm, die Ortschaft heiße Wellig, so benannt nach den wellenförmig dahinfließenden Vorbergen. Es war ein ruhiges Städtchen, abseits in einem nahezu vergessenen Winkel der Midlands gelegen, mit der Rückseite jenem Gebiet zugewandt, das einst als Ödnis bekannt war, aus der niemand wiederkehrte. Viele der Einwohner bauten Weizen an und betrieben Schafzucht, um sich mit Waren für den Tauschhandel zu versorgen, während sie sich für den Eigenbedarf kleine Tiere hielten und Gärten angelegt hatten.
Es gab eine Straße, die von Südwesten her – aus Renwold kommend – in den Ort hinein, sowie ein paar andere, die in nördlicher Richtung wieder hinausführten. Wellig war ein Knotenpunkt für den Handel zwischen Renwold, den Menschen aus der Wildnis, die in diesem außenpostenähnlichen Städtchen Handel trieben, und den weiter nördlich und östlich gelegenen Dörfern. Natürlich existierte Renwold mittlerweile längst nicht mehr; die Imperiale Ordnung hatte die Stadt geplündert und geschleift. Jetzt, da nur Gespenster die Straßen Renwolds bevölkerten, litten die Menschen aus der Wildnis, die früher dort ihre Waren eingetauscht hatten, bittere Not. Auch wer aus den Ortschaften und Dörfern nach Wellig kam, litt Not; Wellig erlebte schwere Zeiten.
Richard und Nicci riefen eine kleine Sensation hervor. Seit Renwold nicht mehr existierte, waren durchreisende Fremde zu einer Seltenheit geworden. Die beiden waren müde, und es gab tatsächlich auch ein Gasthaus, dort drinnen fand jedoch ein derbes Trinkgelage statt, und mit Schwierigkeiten dieser Art wollte Richard sich nicht herumschlagen müssen. Auf der vom Gasthaus aus gesehen anderen Seite der Ortschaft gab es einen ordentlich geführten Stall, dessen Besitzer ihnen anbot, sie für einen Silberpfennig pro Kopf auf dem Heuboden schlafen zu lassen. Die Nacht war kalt, und dort oben, windgeschützt auf dem Heuboden, würde es wärmer sein, also bezahlte Richard dem Mann den einen Pfennig pro Kopf für sie selbst sowie drei weitere für das Füttern und Versorgen der Pferde. Der wortkarge Stallbesitzer war über den zusätzlichen Pfennig für die Pferde so erfreut, dass er Richard versprach, ihnen die Schuhe zu putzen, solange sie als Gäste bei ihm weilten.
Als Richard sich daraufhin bedankte und ihm erklärte, sie seien müde, lächelte der Mann zum allerersten Mal und sagte: »Dann werde ich mich also um Eure Pferde kümmern. Ich hoffe, Eure Frau und Ihr schlaft gut. Also gute Nacht.«
Richard folgte Nicci die grobe Holzleiter im rückwärtigen Teil der Scheune nach oben. Im Heu sitzend nahmen sie ein kaltes Abendessen zu sich und hörten dabei zu, wie der Stallbesitzer Hafer und Wasser für ihre Pferde holen ging. Richard und Nicci tauschten nur die allernotwendigsten Bemerkungen aus, bevor sie sich in ihre Umhänge wickelten und schlafen legten. Als sie kurz nach Tagesanbruch aufwachten, erblickten sie eine kleine Ansammlung von ausgemergelten Kindern und hohlwangigen Erwachsenen, die gekommen waren, um die ›reichen‹ Durchreisenden in Augenschein zu nehmen. Offenbar hatten ihre Pferde, besser als alle, die seit langer Zeit in dem Stall in Pflege gegeben worden waren, Anlass zu Tratsch und wilden Vermutungen gegeben.
Als Richard die Menschen begrüßte, erntete er nichts als leere Blicke, und als er und Nicci daraufhin den nicht weit entfernt hinter ein paar düsteren, trostlosen Gebäuden gelegenen Kramladen aufsuchten, liefen ihnen die Menschen hinterher, als seien ein König und eine Königin in die Stadt gekommen, und als ob alle sehen wollten, wie so hochwohlgeborene Persönlichkeiten ihren Tag verbrachten. Ziegen und Hühner, die Welligs Hauptstraße bevölkerten, stoben vor der Prozession auseinander. Ein auf einem Stumpf hockender Hahn flatterte genervt mit seinen Flügeln.
Als die unerschrockeneren Kinder fragten, wer sie denn nun seien, erklärte Nicci ihnen, sie seien bloß Reisende, Mann und Frau, auf der Suche nach Arbeit. Diese Neuigkeit stieß auf skeptisches Gekicher. In ihrem eleganten schwarzen Kleid hielten die Leute Nicci für eine Königin auf der Suche nach einem Königreich, und selbst von Richard hatten sie kaum eine geringere Meinung.