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Auf die Frage eines älteren Jungen, wo sie denn nach Arbeit zu suchen gedächten, da in Wellig kaum etwas zu finden sei, erklärte Nicci ihnen, sie seien unterwegs in die Alte Welt; daraufhin griffen sich einige der Erwachsenen ihre Kinder und entfernten sich hastig. Die meisten jedoch folgten Richard und Nicci dicht auf den Fersen.

Ein älterer Mann, der Besitzer des Kramladens, scheuchte die Menschen bei Richards Eintreten von seiner Schwelle fort. Kaum war Richard im Laden verschwunden, konnte er beobachten, wie die Leute dreister wurden und Nicci um Geld, Arznei und etwas zu essen anbettelnd, zu betatschen begannen. Nicci blieb draußen bei den Leuten, erkundigte sich nach ihren Sorgen und Nöten, ging durch die Menge und untersuchte die Kinder. Dabei hatte sie wieder diesen leeren Ausdruck im Gesicht, der Richard überhaupt nicht behagte.

»Womit kann ich Euch dienen?«, erkundigte sich der Ladenbesitzer.

»Äh, was sind das für Leute?«, fragte Richard stattdessen.

Er warf einen Blick durch das blitzsaubere Fenster und sah Nicci inmitten der zerlumpten Menschenmenge stehen und ihnen von der Liebe des Schöpfers berichten. Alles lauschte gebannt, als sei sie eine Gute Seele, die gekommen war, ihnen Trost zu spenden.

»Na ja, alle möglichen Leute eben«, antwortete der Ladenbesitzer. »Die meisten sind nach dem Zusammenbruch der Barriere aus der Alten Welt eingewandert. Ein paar von ihnen sind Nichtstuer hier aus dem Ort – Säufer und dergleichen –, denen es völlig schnuppe ist, ob sie betteln, stehlen oder arbeiten. Als die Fremden aus der Alten Welt in die Stadt kamen, haben sich ein paar von den Leuten hier deren Lebensweise angepasst. Ab und zu kommen Händler durch, und diese Männer, deren Waren bewacht werden müssen, sind offenbar der Meinung, dass sie weniger Scherereien bekommen, wenn sie sich diesem Schlag gegenüber von der großzügigen Seite zeigen. Ein paar von denen da draußen sind Leute aus dem Ort, die in Not geraten sind – Witwen mit Kindern, die keinen Mann finden, und Ähnliches mehr. Ein paar arbeiten gelegentlich für mich, wenn ich Arbeit habe, die meisten allerdings nicht.«

Richard wollte dem Mann gerade eine Liste mit Dingen geben, die sie benötigten, als Nicci zur Tür hereingeschwebt kam.

»Ich brauche etwas Geld, Richard.«

Statt ihr zu widersprechen, reichte er ihr die Satteltaschen mit ihrer Barschaft. Sie griff hinein und holte eine Hand voll Gold- und Silbermünzen hervor. Der Ladenbesitzer bekam große Augen, als er sah, welche Summe sie in der Hand hielt; sie schenkte ihm jedoch keinerlei Beachtung. Offenen Mundes musste Richard mit ansehen, wie Nicci, inzwischen wieder draußen bei den Menschen, das ganze Geld unter die Leute verteilte. Arme winkten und versuchten nach ihr zu greifen, das Gezeter wurde immer lauter, während sich einige mit dem, was sie ihnen gegeben hatte, hastig aus dem Staub machten.

Richard riss die Satteltasche auf und spähte hinein, um festzustellen, wie viel sie noch übrig hatten; viel war es nicht. Er konnte es kaum glauben: Was Nicci soeben getan hatte, ergab keinen Sinn.

»Wie wär’s mit ein wenig Gerstenmehl, Hafergrütze, etwas Reis, einem Stück Speck, Linsen, Zwieback und Salz?«, fragte er an den Ladenbesitzer gewandt.

»Hafergrütze ist aus, aber alles Übrige habe ich da. Wie viel wollt ihr?«

Richard stellte ein paar Berechnungen in seinem Kopf an. Ihnen stand eine lange Reise bevor, und Nicci hatte soeben den größten Teil ihrer Barschaft verschenkt. Zudem hatten sie die meisten ihrer mitgebrachten Vorräte bereits aufgebraucht.

Er legte sechs Silberpfennige auf die Ladentheke. »Nur so viel, wie wir hierfür bekommen.« Dann nahm er seinen Rucksack von seinem Rücken und stellte ihn neben das Geld auf die Theke.

Der Mann heimste die Münzen ein, seufzte über den ihm soeben entgangenen Verdienst und ging daran, die einzelnen Gegenstände aus dem Regal zu nehmen und sie in den Rucksack zu packen. Währenddessen bat Richard noch um ein paar andere Kleinigkeiten, die ihm einfielen, während der Mann bereits die Bestellung zusammenstellte. Er trennte sich von einem weiteren Pfennig.

Jetzt blieben Richard nur noch ein paar Silberpfennige, zwei Silberkronen und kein einziges Goldstück mehr. Nicci hatte mehr Geld unter die Leute verteilt, als die meisten von ihnen in ihrem ganzen Leben jemals zu Gesicht bekommen hatten. Besorgt, wie sie sich in Zukunft Vorräte beschaffen sollten, hängte sich Richard, als der Ladenbesitzer fertig war, den Rucksack um und eilte nach draußen, um nachzusehen, ob er Nicci noch bremsen konnte.

Sie hielt gerade einen Vortrag über die allumfassende Liebe des Schöpfers zu den Menschen und bat die Anwesenden, während sie einem unrasierten, zahnlosen Mann die letzte Goldmünze in die Hand drückte, um Verzeihung für die grausame Herzlosigkeit und Gleichgültigkeit der Menschen. Der Alte bedankte sich grinsend und leckte seine ausgedörrten Lippen. Richard wusste nur zu gut, wie er sie anfeuchten würde. Immer mehr flehende Hände reckten sich ihr entgegen.

Besorgt fasste Richard Nicci am Arm und zog sie zurück. Sie wandte sich zu ihm herum.

»Wir müssen zurück zu den Ställen«, sagte sie.

»Das meine ich auch«, erwiderte Richard, seinen Ärger im Zaum haltend. »Hoffen wir, dass der Stallbursche inzwischen mit den Pferden fertig ist, damit wir von hier verschwinden können.«

»Nein«, sagte sie mit einem Blick wild entschlossener Endgültigkeit in den Augen. »Wir müssen die Pferde verkaufen.«

»Was?« Richard blinzelte sie in einer Mischung aus Ärger und Erstaunen an. »Dürfte ich vielleicht fragen, warum?«

»Um unsere Habe mit denen zu teilen, die nichts besitzen.«

Richard verschlug es die Sprache, er starrte sie bloß an. Wie sollten sie reisen? Nach kurzer Überlegung kam er zu dem Schluss, dass es ihm wirklich ziemlich egal war, wie schnell sie dort eintrafen, wo immer sie ihn hinbrachte. Aber sie würden alles tragen müssen. Als Waldführer war er es gewohnt, mit einem Rucksack zu marschieren, das Laufen würde ihm vermutlich also nichts ausmachen. Er atmete hörbar aus, machte kehrt und begab sich zu den Ställen.

»Wir müssen die Pferde verkaufen«, erklärte Richard dem Stallbesitzer.

Der Mann legte die Stirn in Falten, betrachtete die in den Boxen stehenden Pferde, dann wanderte sein missbilligender Blick wieder zurück zu Richard. Er schien wie vom Donner gerührt.

»Das sind verdammt prächtige Tiere, Herr. Hier in unserer Gegend gibt es solche Pferde nicht.«

»Jetzt doch«, sagte Nicci.

Er blickte verunsichert zu ihr hinüber. Die meisten Menschen wurden unsicher, wenn sie Nicci ansahen, sei es wegen ihrer geradezu erschreckenden Schönheit oder wegen ihres kühlen, oft bedrohlichen Auftretens.

»Was solche Pferde wert sind, kann ich nicht bezahlen.«

»Das haben wir auch nicht von dir verlangt«, erwiderte Nicci mit gleichgültiger Stimme. »Wir haben lediglich darum gebeten, sie dir zu verkaufen. Da wir sie verkaufen müssen, werden wir nehmen, was du uns geben kannst.«

Die Augen des Mannes wanderten von Richard zu Nicci und wieder zurück. Richard spürte, dass dem Mann nicht wohl in seiner Haut war, sie so zu übervorteilen, andererseits schien er keine Möglichkeit zu sehen, ein solches Angebot abzulehnen.

»Ich bringe höchstens vier Silbertaler für beide zusammen.«

Richard wusste, dass sie das Zehnfache wert waren.

»Und für das Zaumzeug?«, wollte Nicci wissen.

Der Mann kratzte sich an der Wange. »Ich denke, ich kann noch ein Silberstück drauflegen, aber das ist alles, was ich besitze. Tut mir Leid, ich weiß, sie sind mehr wert, aber wenn Ihr absolut darauf besteht, dass ich sie Euch abkaufen soll – ist das alles, was ich habe.«

»Gibt es sonst noch jemanden in der Stadt, der sie uns vielleicht für einen höheren Preis abnimmt?«, fragte Richard.

»Ich glaube nicht, aber um die Wahrheit zu sagen, junger Mann, ich wäre nicht gekränkt, wenn Ihr Euch umhören würdet. Ich betrüge nicht gerne, und mir ist durchaus bewusst, dass man fünf Silbertaler für diese Pferde samt Zaumzeug nur als Betrug bezeichnen kann.«