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Der Mann blickte immer wieder zu Nicci hinüber, er schien zu ahnen, dass diese Transaktion Richards Einflussmöglichkeiten überstieg. Der feste Blick ihrer blauen Augen vermochte jeden Mann nervös zu machen.

»Wir nehmen dein Angebot an«, sagte Nicci ohne jedes Zögern, ohne Unsicherheit. »Ich bin sicher, es ist durchaus angemessen.«

Der Mann seufzte unglücklich über seinen unerwarteten Gewinn. »So viel Geld trage ich nicht bei mir. Wenn Ihr die Freundlichkeit hättet, einen Augenblick zu warten, werde ich ins Haus gehen« – er deutete mit einem Daumen über seine Schulter – »dort hinter der Scheune, und es holen.«

Nicci nickte, und er machte sich hastig auf den Weg, weniger, weil er so darauf versessen war, den Handel unter Dach und Fach zu bringen, überlegte Richard, sondern eher, weil er es kaum erwarten konnte, sich Niccis Blicken zu entziehen.

Richard wandte sich zu ihr herum und spürte, wie sein Gesicht heiß wurde. »Was hat das alles zu bedeuten?« Durch die halb geöffnete Stalltür sah er, dass die Menschenmenge, die ihnen gefolgt war, noch immer draußen stand.

Sie überging seine Frage. »Hol deine Sachen – was immer du tragen kannst. Sobald er zurückkommt, wird es Zeit, dass wir uns auf den Weg machen.«

Richard riss seinen wütenden Blick von ihr los. Er stapfte hinüber zu seinen vor Junges Stall liegenden Sachen und machte sich daran, so viel wie möglich davon in seinen Rucksack zu stopfen. Die Wasserschläuche schnallte er sich um die Taille und die Satteltaschen warf er sich über die Schultern. Er war sicher, der Stallbesitzer würde sich nicht beschweren, wenn er die Satteltaschen nicht zusammen mit dem übrigen Zaumzeug bekam. Vielleicht konnte er wenigstens sie zu einem vernünftigen Preis verkaufen, sobald sie in eine etwas wohlhabendere Stadt gelangten. Während er damit beschäftigt war, verstaute Nicci ihre Habseligkeiten in einem Rucksack, den sie tragen konnte.

Als der Mann mit dem Geld zurückkam, wollte er es Richard geben. Nicci hielt ihre Hand auf.

»Das nehme ich«, sagte sie.

Nach einem flüchtigen Blick in Richards Augen händigte er Nicci das Geld aus. »Ich habe noch die Silberpfennige draufgelegt, mit denen Ihr mich gestern Abend bezahlt habt. Das ist alles, was ich habe, ich schwöre es.«

»Danke«, sagte Nicci. »Es war sehr großzügig von dir, deinen Besitz zu teilen. Das ist die Art des Schöpfers.«

Ohne ein weiteres Wort machte Nicci kehrt und schritt entschlossen durch den schlecht beleuchteten Stall und zur Tür hinaus.

»Das ist meine Art«, murmelte der Mann ihr kaum hörbar hinterher. »Der Schöpfer hat damit nichts zu tun.«

Draußen in der Sonne begann Nicci, das soeben für die Pferde erhaltene Geld zu verteilen. Die Leute wetteiferten um ihre Gunst, während sie zwischen ihnen hindurchschritt, zu ihnen sprach und ihnen Fragen stellte, bis sie hinter der Kante des Scheunentors nicht mehr zu sehen war.

Richard strich Junge noch schnell über die Blesse auf seiner Stirn, wuchtete die Satteltaschen auf seine Schultern und wandte sich dem völlig verblüfft dreinblickenden Stallbesitzer zu. Er und Richard wechselten einen hilflosen Blick.

»Ich hoffe, sie ist Euch eine gute Frau«, meinte der Mann schließlich.

Am liebsten hätte Richard ihm erzählt, sie sei eine Schwester der Finsternis und er ihr Gefangener, zu guter Letzt entschied er aber, dass das vollkommen sinnlos wäre. Nicci hatte ihm in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, dass er Richard Cypher sei, ihr Ehemann, und sie Nicci Cypher, seine Frau. Sie hatte von ihm verlangt, bei dieser Geschichte zu bleiben – Kahlan zuliebe.

»Sie ist einfach nur großzügig«, sagte Richard. »Deswegen habe ich sie geheiratet. Sie ist gut zu den Menschen.«

Richard hörte den Aufschrei einer Frau, gefolgt von Schimpfen. Er schoss zur halb geöffneten Tür und rannte hinaus in die strahlend helle Morgensonne. Es war niemand zu sehen. Dann lief er um die Ecke zur Seite der Scheune, von wo er Füßescharren und die Geräusche eines Handgemenges vernahm.

Ein halbes Dutzend Männer hatte Nicci zu Boden geworfen, einige von ihnen prügelten mit den Fäusten auf sie ein, während sie versuchte, sie mit bloßen Händen abzuwehren. Andere begrapschten sie auf der Suche nach einem Geldbeutel. Sie stritten sich um ihren unverdienten Lohn, noch bevor sie ihn überhaupt aus der Hand gegeben hatte. Eine Menschenmenge aus Frauen, Kindern und weiteren Männern hatte einen Ring um das Spektakel gebildet, Geier, die nur darauf warteten, die Knochen abzunagen.

Richard wühlte sich durch den Ring aus Menschen, packte den nächstbesten Kerl hinten am Kragen und schleuderte ihn zurück. Er war knochendürr, segelte durch die Luft und schlug krachend gegen die Seitenwand der Scheune, so dass das ganze Gebäude erzitterte. Dem nächsten versetzte Richard einen Tritt in die Rippen, der ihn von Nicci herunter und in den Staub warf. Ein dritter wirbelte herum und holte zu einem wuchtigen Schlag gegen Richard aus. Richard fing die Faust ab und drehte sie nach unten, bis er ein Knacken spürte und der Mann aufschrie. Daraufhin stoben die Männer in alle Himmelsrichtungen davon.

Richard machte Anstalten, einem von ihnen hinterher zurennen, doch plötzlich warf Nicci sich auf ihn und hielt ihn zurück.

»Nein, Richard!«

In seiner Raserei, sich auf die Männer zu stürzen, hätte Richard ihr fast das Gesicht zertrümmert, doch als er sah, dass sie es war, ließ er die Fäuste sinken und starrte wütend in die Menge.

»Ich bitte Euch, mein Lord, meine Dame«, jammerte eine der Frauen, »habt Erbarmen mit uns. Wir sind doch nichts weiter als beklagenswerte Kinder des Schöpfers. Habt Erbarmen.«

»Ihr seid eine Bande von Dieben!«, brüllte Richard. »Ihr bestehlt einen Menschen, der euch zu helfen versucht!«

Er unternahm einen weiteren Versuch, sich auf die ganze Bande zu stürzen, doch Nicci hielt seine Handgelenke fest. »Nicht, Richard!«

Die Leute sprengten auseinander wie Mäuse beim Anblick einer fauchenden Katze.

Als Nicci seine Fäuste fallen ließ, sah Richard, dass sie am Mund blutete.

»Was ist nur los mit Euch? Ihr verschenkt Geld an Menschen, die Euch lieber ausrauben würden, als abzuwarten, dass Ihr es ihnen freiwillig gebt? Warum verschenkt Ihr Geld an dieses Ungeziefer?«

»Das reicht. Ich werde nicht hier stehen und mir anhören, wie du die Kinder des Schöpfers beleidigst. Wer bist du, dass du andere verurteilst? Wer bist du, mit deinem vollen Bauch, dass du dir anmaßt zu beurteilen, was richtig ist? Du hast keine Ahnung, was diese Menschen durchgemacht haben, und doch bist du mit deinem Urteil schnell zur Hand.«

Richard atmete befreiend durch und ermahnte sich noch einmal, was er mehr als alles andere bedenken musste: in Wirklichkeit war es nicht Nicci, die er beschützte.

Aus seinem Rucksack förderte er einen Hemdsärmel zu Tage, befeuchtete ihn mit Wasser aus einem um seine Taille geschlungenen Schlauch und wischte ihr behutsam den blutverschmierten Mund und das Kinn ab. Sie zuckte zusammen, als er sich an ihr zu schaffen machte, ließ ihn ihre Wunde aber untersuchen, ohne zu protestieren.

»Es ist nicht schlimm«, erklärte er ihr. »Nur eine Platzwunde im Mundwinkel. Haltet jetzt still.«

Ruhig ließ sie über sich ergehen, wie er mit einer Hand ihren Kopf festhielt, während er ihr übriges Gesicht mit der anderen vom Blut säuberte.

»Danke, Richard.« Sie zögerte. »Ich war sicher, einer von ihnen würde mir die Kehle durchschneiden.«

»Warum habt Ihr nicht Euer Han benutzt, um Euch zu schützen?«

»Hast du schon vergessen? Dafür hätte ich der Verbindung, die Kahlan am Leben hält, Kraft entziehen müssen.«

Er sah in ihre blauen Augen. »Ja, wahrscheinlich. In diesem Fall möchte ich Euch danken, dass Ihr Euch zurückgehalten habt.«

Nicci schwieg, als sie zu Fuß und ihre gesamten Habseligkeiten auf dem Rücken tragend die Stadt Wellig verließen. Trotz der Kälte dauerte es nicht lange, bis seine Stirn mit Schweißperlen übersät war.