Schließlich hielt er es nicht länger aus. »Würde es Euch etwas ausmachen, mir zu erklären, was das eben zu bedeuten hatte?«
Ihre Stirn zuckte. »Diese Menschen waren bedürftig.«
Richard fasste seinen Nasenrücken zwischen Daumen und Zeigefinger und musste sich zusammenreißen, um nicht ausfallend zu werden. »Und deswegen habt Ihr ihnen unser ganzes Geld geschenkt?«
»Bist du so eigensüchtig, dass du deinen Besitz mit niemandem teilen willst? Bist du so eigensüchtig, von den Hungernden zu verlangen, dass sie verhungern, von denen ohne Kleidung, dass sie erfrieren, von den Kranken, dass sie sterben? Bedeutet dir Geld mehr als ein Menschenleben?«
Richard biss sich auf die Wangen, um seinen Zorn im Zaum zu halten. »Und die Pferde? Ihr habt sie praktisch verschenkt.«
»Mehr konnten wir für sie nicht bekommen. Diese Menschen waren in Not. Unter den gegebenen Umständen war das das Beste, was wir tun konnten. Wir haben aus den edelsten Motiven gehandelt. Es war unsere Pflicht, unsere Selbstsucht hinten anzustellen und diesen Menschen mit Freuden das zu geben, was sie dringend benötigen.«
Dort, wo sie in jenes Gebiet hineinmarschierten, das vor noch nicht langer Zeit die Ödnis, ein Ort ohne Wiederkehr, gewesen war, existierte keine in ihre Richtung führende Straße.
»Was wir hatten, brauchten wir dringend«, erwiderte er.
Nicci sah ihm kurz in die Augen. »Du musst noch sehr viel lernen, Richard.«
»Was Ihr nicht sagt.«
»Du warst dein Leben lang vom Glück verfolgt, du hattest Möglichkeiten, die sich gewöhnlichen Menschen niemals bieten. Ich will, dass du erkennst, wie gewöhnliche Menschen gezwungen sind zu leben, wie sie um ihr blankes Überleben kämpfen müssen. Wenn du lebst wie sie, wirst du begreifen, warum die Imperiale Ordnung so wichtig ist, warum dieser Orden für die Menschen der einzige Lichtblick ist.
Wenn wir an unserem Bestimmungsort angelangt sind, werden wir nichts mehr besitzen. Wir werden genauso sein wie all die anderen unglücklichen Menschen in dieser niederträchtigen Welt, die kaum darauf hoffen können, es aus eigener Kraft zu schaffen. Du machst dir keine Vorstellung, wie das ist. Ich möchte, dass du begreifst, wie das Mitgefühl des Ordens den gewöhnlichen Menschen jenes Leben in Würde ermöglicht, auf das sie ein Anrecht haben.«
Richard richtete seinen Blick wieder auf das menschenleere Land, das sich vor ihnen erstreckte. Eine Schwester der Finsternis, die von ihrer Kraft keinen Gebrauch machen konnte, und ein Zauberer, dem es verboten war, seine zu benutzen; gewöhnlicher konnten sie vermutlich nicht mehr werden.
»Ich dachte, Ihr wolltet etwas lernen«, sagte er.
»Ich bin auch deine Lehrerin. Manchmal lernen Lehrerinnen mehr als ihre Schüler.«
31
Als er die fernen Hörnerklänge vernahm, hob Zedd benommen den Kopf, er hatte Mühe, sein Bewusstsein wiederzuerlangen. Den Zustand der Angst hatte er längst überwunden und befand sich in einer Welt, die aus wenig mehr als teilnahmsloser Wahrnehmung bestand. Es war das Hornsignal, das die Ankunft befreundeter Truppen verkünden sollte. Vermutlich einige der Spähtrupps, oder vielleicht auch weitere Verwundete, die herbeigeschafft wurden.
Zedd gewahrte, dass er, die Beine seitlich abgespreizt, auf dem Boden zusammengebrochen war. Dann sah er, dass er mit dem Kopf auf der mächtigen Brust eines erkalteten Leichnams geschlafen hatte. Voller Verzweiflung erinnerte er sich, dass er den entsetzlich verwundeten Mann nach besten Kräften zu heilen versucht hatte. Erfüllt von Trauer und Ekel stieß er sich von der kalten Leiche fort und richtete sich auf.
Er rieb sich die Augen gegen die Dunkelheit in seinem Innern und gegen die der Nacht. Schmerzen spürte er keine mehr. Beißender Rauch hing wie dichter Nebel in der vom schweren, einem die Kehle zusammenschnürenden Blutgestank gesättigten Luft. An verschiedenen Stellen in seiner näheren Umgebung sah er, wie der treibende Nebel im Umfeld glühender, orangefarbener Feuerstellen aufleuchtete. Das Stöhnen der Verwundeten stieg vom blutgetränkten Boden auf und wehte durch die eisig kalte Nachtluft. In der Ferne schrien Männer vor Schmerzen. Als Zedd sich mit der Hand über die Stirn fuhr, stellte er fest, dass seine Hände über und über mit dem Blut derer verkrustet war, die er zu heilen versucht hatte. Ein hoffnungsloses Unterfangen.
Nicht weit entfernt war der Boden mit zersplitterten Baumstämmen übersät, in Stücke gesprengt von den Feinden, die die Gabe besaßen. Männer lagen, zerrissen oder gepfählt von gewaltigen abgesplitterten Teilen dieser Stämme, niedergestreckt umher. Zwei von Jagangs Schwestern hatten dies noch unmittelbar vor dem Dunkelwerden angerichtet, als die d’Haranischen Streitkräfte sich im Glauben, die Schlacht sei vorbei, im Tal gesammelt hatten. Zedd und Warren hatten sie dann tatsächlich beendet, indem sie die beiden Schwestern mit Zaubererfeuern niederstreckten.
Aus dem dumpfen Schmerz in seinem Kopf schloss Zedd, dass er nicht mehr als eine, höchstens aber zwei oder drei Stunden geschlafen haben konnte. Es musste mitten in der Nacht sein. Die Vorüberkommenden hatten ihn offenbar schlafen lassen oder aber für einen der Gefallenen gehalten.
Der erste Tag war so gut verlaufen, wie man dies erwarten konnte. Die gesamte erste Nacht hindurch hatte sich die Schlacht mit vergleichsweise kleinen Scharmützeln dahingezogen, um dann bei Anbruch des zweiten Tages in voller Heftigkeit auszubrechen. Mit Hereinbrechen der Nacht des zweiten Tages waren die Kämpfe dann endgültig abgeflaut. Als er sich umschaute, schien es Zedd, als seien sie vorbei – zumindest vorläufig.
Es war ihnen gelungen, das Tal zu erreichen, und sie hatten die Imperiale Ordnung hinter sich her und von den anderen Zugängen in die Midlands fortlocken können, allerdings um einen fürchterlichen Preis. Sie hatten praktisch keine andere Wahl gehabt, wenn sie den Feind mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg binden wollten, statt ihm ungehinderten Zugang in die Midlands zu gewähren. Zumindest vorläufig hatten sie sich die Imperiale Ordnung vom Leibe gehalten. Wie lange dieser Zustand anhalten würde, wusste Zedd nicht.
Leider hatte sich die Imperiale Ordnung im Verlauf der Schlacht als bei weitem überlegen erwiesen.
Zedd sah sich um. Dies war weniger ein Feldlager als vielmehr irgendein beliebiger Flecken, wo sich jeder hatte erschöpft zu Boden fallen lassen. Da und dort ragten Speere und Pfeile aus der Erde. Wie Regen waren sie niedergegangen, während Zedd die ganze letzte Nacht sowie die Nacht davor versucht hatte, die verwundeten Soldaten zu heilen. Tagsüber – während der Kämpfe Mann gegen Mann – hatte er all seine Kräfte entfesselt. Was als geübter, berechnender und zielgerichteter Einsatz seiner Fähigkeiten begonnen hatte, war am Ende in das magische Gegenstück einer wüsten Schlägerei ausgeartet.
Besorgt über das ferne Donnern von Pferdehufen, rappelte Zedd sich wankend auf. Näher am Lagerplatz postierte Hörner wiederholten das Warnsignal, Pfeile und Speere zurückzuhalten, da es sich um befreundete Truppen handele. Dem Geräusch nach waren die Pferde zu zahlreich für eine der von ihnen ausgesandten Patrouillen. In einem entlegenen Winkel seines Verstandes versuchte Zedd sich zu erinnern, ob er das magische Stechen verspürt hatte, das ihm verriet, ob die Hörner echt waren. In der Verwirrung seiner völligen Erschöpfung hatte er völlig vergessen, darauf zu achten. So kam man zu Tode, das wusste er – wenn man auf solche Kleinigkeiten nicht achtete.
Soldaten liefen hastig umher, schleppten Vorräte, Wasser und Leinen für Verbände heran oder überbrachten Nachrichten und Berichte. Da und dort erblickte Zedd eine mit Heilen beschäftigte Schwester. Andere Soldaten mühten sich ab mit Reparaturen an Karren und Gerät, für den Fall, dass man in aller Eile aufbrechen musste. Einige Soldaten hockten einfach da und starrten ins Nichts; ein paar stolperten wie benommen umher.
Es war nicht leicht, bei diesen schlechten Lichtverhältnissen etwas zu erkennen, trotzdem sah Zedd gut genug, um zu wissen, dass der Boden mit Toten, Verwundeten oder nur von Erschöpften übersät war. Feuer, sowohl die gewöhnlichen gelben oder orangefarbenen Flammen brennender Karren als auch das unnatürlich grüne Lodern, das auf die Überreste von Magie hindeutete, wurden sich selbst überlassen, bis sie herunterbrannten. Überall lagen sowohl Pferde als auch Soldaten still und leblos auf der kahlen Erde, zerrissen von grausigen Verletzungen. Die Schlachtfelder änderten sich, nicht aber die Schlachten selbst, es war ein Anblick hilflosen Schreckens. Aus seiner Jugend erinnerte er sich noch an den Gestank von Blut und Tod, vermengt mit öligem Rauch; das Gefühl war immer noch das Gleiche.