Zedds Finger fanden Kahlans Arm und drängten sie behutsam zurück.
»Wir sind alle müde«, sagte er. »Die Imperiale Ordnung macht uns schon genug Ärger.« Er feuerte einen bösen Blick in Kahlans Richtung. »Aber ganz gleich, wie müde und verwirrt wir sind, wir sollten nie vergessen, dass wir alle hier auf derselben Seite stehen.«
Kahlans Augen verrieten ihm, dass sie ihre Zweifel an dieser Feststellung hatte, doch sie sagte nichts.
Verna wechselte das Thema. »Ich werde einige mit der Gabe zusammenrufen, die Euch bei dem Überfall begleiten werden.«
»Danke, aber wir nehmen niemanden mit, der die Gabe besitzt.«
»Braucht Ihr sie denn nicht zumindest, um Euch in der Dunkelheit zurechtzufinden?«
»Die feindlichen Lagerfeuer werden uns den Weg weisen.«
»Kahlan«, wandte Zedd ein, in der Hoffnung, dem Gespräch eine vernünftige Wendung zu geben, »die Imperiale Ordnung wird Personen mit der Gabe in ihren Reihen haben, darunter auch Schwestern der Finsternis. Du wirst dich gegen sie schützen müssen.«
»Nein. Ich möchte nicht, dass uns jemand mit der Gabe begleitet. Sie erwarten, dass jeder Angriff unsererseits von diesen Personen begleitet wird. Die ihren werden nach magischen Schilden Ausschau halten; sie werden alle Reiter, die sie sehen, ohne Magie bei ihnen zu entdecken, eher vernachlässigen. Ohne die mit der Gabe werden wir tiefer eindringen und mehr Blut vergießen können.«
Verna seufzte über diese Torheit, widersprach aber nicht. General Meiffert gefiel ihr Plan. Zedd wusste, dass sie Recht hatte, was das tiefere Eindringen anbetraf, er wusste aber auch, dass der Rückweg schwieriger werden würde, war der Feind erst einmal auf sie aufmerksam geworden.
»Aber eine kleine Portion Magie hätte ich doch gerne, Zedd.«
Er kratzte sich resigniert die Stirn. »Was soll ich für dich tun?«
Kahlan zeigte auf den Boden. »Mach, dass dieser Staub leuchtet, man soll ihn im Dunkeln sehen können; außerdem muss er gut haften.«
»Wie lange?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Bis zum Morgengrauen dürfte reichen.«
Nachdem Zedd ein Netz über der staubigen Stelle auf dem Boden gesponnen hatte, das ihr einen grünen Schimmer verlieh, beugte Kahlan sich vor und rieb ihre Hände damit ein. Anschließend ging sie um ihr Pferd herum und versetzte ihm einen Klaps auf jede Seite, so dass ihr Händeabdruck auf beiden Hälften seines Hinterteils zurückblieb.
»Was tust du da?«, fragte Zedd.
»Es herrscht völlige Dunkelheit; ich will, dass sie mich sehen. Schließlich können sie mir nicht hinterher reiten, wenn sie mich im Dunkeln nicht finden.«
Zedd seufzte ob dieses Wahnsinns.
General Meiffert ging in die Hocke und rieb seine Hände im leuchtenden Staub. »Ich sähe es ebenfalls äußerst ungern, wenn sie mich im Dunkeln nicht fänden.«
»Vergesst nicht, Euch gründlich die Hände zu waschen, bevor wir aufbrechen«, sagte sie.
Nachdem sie dem frisch gebackenen General ihren Plan erläutert hatte, machten sich Kahlan, Cara und General Meiffert an ihre Aufgaben.
Sie waren noch nicht weit gekommen, als Zedds leise vorgebrachte Frage Kahlan stehen bleiben ließ.
»Hast du eigentlich eine Idee, wie wir Richard zurückbekommen können, Kahlan?«
Sie sah ihm offen in die Augen. »Ja, ich habe auch bereits einen Plan.«
»Würde es dir etwas ausmachen, mich einzuweihen?«
»Er ist ganz einfach. Ich habe die Absicht, jeden Mann, jede Frau und jedes Kind der Imperialen Ordnung zu töten, bis ich an den letzten Überlebenden gerate, und wenn sich dieser weigert, ihn mir zurückzugeben, werde ich auch ihn noch töten.«
32
Über den Widerrist ihres galoppierenden Pferdes gebeugt, richtete Kahlan den Blick durch die schwarze Leere hindurch angestrengt auf die glühenden Lichtpunkte der Feuer, während sie ihr Ross zu immer schnellerem Tempo antrieb. Die Oberschenkelmuskeln angespannt, stemmte sie ihr Gewicht in die Steigbügel und presste ihre Beine, sie wie von Sinnen anziehend und wieder streckend, in unablässigem Rhythmus gegen die fiebrige Hitze des mächtigen Leibes, jeden einzelnen stampfenden Schlag auf dem Boden spürend. Ihre Ohren waren erfüllt vom Schlagen ihres eigenen Herzens und dem Donnern der anderen Hufe hinter ihr. Vage spürte sie das Gewicht des in seiner Scheide steckenden Schwertes der Wahrheit auf ihrem Rücken, eine allgegenwärtige Erinnerung an Richard.
Die Zügel mit einer Hand fassend, reckte sie das königlich-galeanische Schwert mit der anderen in die Höhe. Die Lichter kamen näher. Völlig unerwartet erschien das erste wie aus dem Nichts explosionsartig in ihrem Gesichtsfeld.
Sie flog an einem Licht vorüber, das, so schien es, von einer einzelnen Kerze stammte, und war endlich am Ziel. Ihre Gefühle in einem plötzlichen Ausbruch herausschreiend, der sich nicht länger unterdrücken ließ, drosch sie mit ihrem Schwert auf die dunklen Umrisse eines Mannes ein. Der Aufprall ihrer Klinge auf den Knochen ließ ihr Handgelenk erzittern. Das Heft brannte ihr in der Hand.
Die Männer hinter ihr ließen im Vorüberreiten ihre Wut an den verbliebenen Wachen des Vorpostens ab. Kahlan, im Bewusstsein, dass die mächtigere Entladung ihres Verlangens noch bevorstand, hielt sie zurück. Jetzt würde ihr nichts mehr versagt bleiben.
Die Lagerfeuer am äußeren Rand des Feldlagers flogen auf sie zu. Ihre Muskeln waren starr vor angespannter Erwartung, jeden Augenblick glaubte sie, die Beherrschung zu verlieren. Dann war sie mitten unter ihnen, endlich am Ziel! Sie trat ihnen mit ihrer ganzen Kraft entgegen, immer wieder senkte sich ihre Klinge und streckte jeden in Reichweite nieder. Die äußeren Lagerfeuer rasten mit Schwindel erregender Geschwindigkeit an den Flanken ihres Schlachtrosses vorbei; ihr Atem ging schwer.
Die Zügel auf die andere Seite legend, riss sie ihr großes Schlachtross in einem engen Kreis herum. Es war nicht ganz so behende, wie ihr dies lieb gewesen wäre, aber es war gut ausgebildet, und für diese Aufgabe würde es genügen. Es brüllte vor Aufregung über den Beginn der Schlacht.
Überall standen Zelte und Karren ohne jede ersichtliche Ordnung verstreut herum. Kahlan konnte das fröhliche Lachen derer hören, die noch nicht bemerkt hatten, dass der Feind sich mitten unter ihnen befand. Sie hatte einen kleinen Stoßtrupp mitgebracht, den sie auf ihrem Weg ins Lager dicht um sich scharte und eng beieinander hielt, um nicht dasselbe Höllenspektakel zu entfachen wie bei einem groß angelegten Angriff. Das hatte funktioniert. An den Feuern erblickte sie Flaschen ansetzende oder Fleisch von Spießen verspeisende Soldaten, sie sah schlafende Soldaten, deren Füße zum Zelt herausschauten, sie sah einen Mann spazieren gehen, den Arm um die Hüfte einer Frau gelegt. Im schlechten Licht konnte sie auch Männer zwischen den Beinen anderer Frauen liegen sehen.
Das – zweifellos gegen Bezahlung – ineinander verschlungene, dahinschlendernde Paar war nicht mehr weit entfernt. Der Mann befand sich auf der anderen Seite der Frau, als Kahlan von hinten heranstürmte, daher schlug sie mit mächtigem Schwung stattdessen den Kopf der Frau herunter. Der völlig verdutzte Mann fing den kopflosen Körper auf, als dieser zu Boden zu sinken begann. Ein unmittelbar hinter Kahlan reitender Kavallerist streckte den verdutzten Soldaten nieder.
Kahlan gab ihrem mächtigen Schlachtross die Sporen und jagte es über eine beliebige Zeltreihe mit Männern und Frauen darin hinweg. Sie spürte das Zermalmen von Knochen unter den mächtigen Hufen. Schreie erhoben sich rings um sie und ihr Pferd.
Ein Soldat mit einem Langspieß stand plötzlich vor ihr, die Beine in der Pose unerwarteter Bestürzung leicht gespreizt. Kahlan entriss ihm den Langspieß, bohrte ihn in ein kleines Zelt, drehte ihn, bis die Zeltplane sich an seinen Widerhaken verfing, und ließ ihr Pferd, das Zelt von einem Mann und einer Frau fortreißend, zurückgehen. Die hinter ihr folgenden Soldaten erstachen das entblößte Paar, während Kahlan die Überreste des Zeltes durch ein Lagerfeuer schleifte. Kaum hatte es sich entzündet, schleppte sie die Flammen schlagende Zeltleinwand zu einem Karren und setzte dessen Plane in Brand, um die lichterloh brennenden Überreste gleich darauf über einen anderen mit Vorräten beladenen Karren zu schleudern.