Mit einem Rückhandschlag ihres Schwertes zertrümmerte sie das Gesicht eines stämmigen Kerls, der herbeigerannt kam, um sie vom Pferd zu zerren. Bevor noch andere Soldaten nach ihr greifen konnten, gab sie ihrem Pferd erneut die Sporen und stürmte in Richtung eines weiteren Lagerfeuers davon, wo die Männer soeben im Begriff waren, aufzuspringen. Das Pferd rannte mehrere von ihnen nieder, einen weiteren brachte sie mit ihrem Schwert zur Strecke. Mittlerweile schlugen die Frauen mit ihrem Gekreische so wirkungsvoll Alarm, dass Soldaten mit Waffen in den Händen aus Zelten und Karren hervorgestürmt kamen. Das Ganze glich dem Schauplatz eines ausbrechenden Infernos.
Kahlan ließ ihr Pferd kreisen und erstach jeden in Reichweite, von denen viele keine Soldaten waren. Ihr Schwert fällte Lederarbeiter und Kärmer, Huren und auch Soldaten. Auf ihr Kommando trampelte ihr Pferd hochtrabend eine Reihe großer Zelte nieder, in denen Verwundete versorgt wurden. Neben einer Laterne erblickte Kahlan einen Arzt, der sich mit Nadel und Faden am Bein eines Soldaten zu schaffen machte. Sie lenkte ihr Pferd herum, damit es den Arzt sowie den Mann, den er soeben zusammenflickte, niedertrampeln konnte. Der Arzt hielt sich die Arme vors Gesicht, doch das reichte nicht, um das Gewicht eines gewaltigen Schlachtrosses abzuwehren.
Kahlan winkte ihre Männer heran; gemeinsam richteten sie Verwüstungen unter den Zelten der Huren an, schmissen Karren der Feldküche um, streckten Soldaten und Zivilisten gleichermaßen nieder. Erblickten ihre Männer eine Laterne, sprangen sie sofort von ihren Pferden und packten sie, um damit Brände zu legen. Kahlan drosch auf einen aufgebrachten Koch ein, der sich mit einem Metzgermesser auf sie stürzte. Drei schnelle Hiebe reichten, um sich seiner zu entledigen.
Zu ihrer Linken schnitt Caras Pferd einem Mann den Weg ab, der im Begriff war, einen Speer zu schleudern. Cara tötete ihn ebenso eiskalt wie alle anderen in ihrer Reichweite. Für gewöhnlich bewirkte eine Drehung ihres Strafers einen Herzstillstand, und wo nicht, vernahm Kahlan zumindest das Geräusch brechender Knochen. Ihre Todes- und Schmerzensschreie waren schauderhaft und trugen noch zur allgemeinen Panik und Verwirrung bei. In Kahlans Ohren klangen sie jedoch wie wunderbare Musik.
Der Strafer funktionierte ausschließlich über die Bande zu Lord Rahl; da er funktionierte, wussten sowohl Cara als auch sie, dass Richard lebte. Das allein gab Kahlan Mut, fast war es, als sei er hier bei ihr. Sein auf ihren Rücken geschnalltes Schwert war wie die Berührung seiner Hand, mit der er sie ermutigen wollte, sich in den Kampf zu stürzen.
Das wahllose Töten unter den Marketendern stiftete unter den feindlichen Soldaten Verwirrung und versetzte all jene in Angst und Schrecken, die für gewöhnlich glaubten, sie seien gegen die Gewalt gefeit, von der sie sich im Grunde ernährten. Statt in der Rolle der die Gerippe abnagenden Geier fanden sie sich jetzt in der ihrer unseligen Beute wieder. Im Feldlager der Imperialen Ordnung würde das Leben nie wieder sein wie zuvor – dafür würde Kahlan sorgen. Nie wieder würden die feindlichen Soldaten die Annehmlichkeiten genießen können, mit denen diese Leute sie versorgten. Jetzt wussten sie, dass sie ebenso zum Ziel wurden wie die Offiziere, und sie kannten den Preis für ihre Beteiligung; dieser Preis war ein erbarmungsloser Tod. Der Augenblick war gekommen, an dem er zu entrichten war.
Während sie sich, rücksichtslos um sich schlagend, einen Weg durch die davonrennenden Massen schreiender Menschen bahnte, behielt Kahlan eine große Gruppe von Pferden der Imperialen Ordnung im Auge, die man nicht weit entfernt untergestellt hatte, und beobachtete, wie Soldaten Sättel auf ihre Rösser warfen. Ihr Pferd über Zelte und Männer hinweghetzend, kam sie immer näher, bis sie sicher war, dass sie sich in Hörweite der ihre Pferde sattelnden Kavalleristen befand.
Sich in die Steigbügel stellend, schwenkte Kahlan ihr Schwert in hohem Bogen durch die Luft. Überall hielten Männer inne und starrten sie an.
»Ich bin die Mutter Konfessor! Für das Verbrechen der Invasion der Midlands verurteile ich euch allesamt zum Tode! Tod der Imperialen Ordnung! Tod dem Orden!«
Die einhundert Mann in ihrer Begleitung brachen in Jubel aus. Ihre Stimmen vereinten sich zu einem Schlachtruf: »Tod dem Orden! Tod dem Orden! Tod dem Orden!«
Kahlan und ihre Soldaten jagten ihre Pferde in einem immer größer werdenden Kreis herum, jeden niederreitend, auf jeden in Reichweite eindreschend, jeden niederstechend, der sich auf sie stürzte, alles Brennbare in Brand setzend. Für das, was sie hier taten, waren die d’Haranischen Soldaten bestens geeignet, und sie erledigten es mit durchschlagender Effektivität. Entdeckten sie einen mit Öl beladenen Karren, so brachen sie die Fässer auf und warfen lichterloh brennende Scheite darauf, die sie mit Lanzen aus den Lagerfeuern zerrten. Zischend wurde die Nacht zum Tag, und so war Kahlan für jeden deutlich sichtbar, wie sie, ihr Todesurteil hinausbrüllend, mitten durch die feindlichen Reihen stürmte.
Kahlan sah die Kavallerie der Imperialen Ordnung aufsitzen, sah, wie sie ihre Lanzen aus den Halterungen rissen, ihre Schwerter blank zogen. Sie riss ihr Pferd mit den Vorderhufen hoch und reckte ihr Schwert in die Höhe.
»Feiglinge seid ihr, alle miteinander! Nie werdet ihr mich fangen oder überwältigen! Feiglinge, die ihr seid, werdet ihr alle durch die Hand der Mutter Konfessor sterben!«
Als ihr Pferd wieder auf dem Boden landete, hämmerte sie mit ihren Stiefeln gegen seine Rippen. Cara unmittelbar neben sich, schoss das Pferd davon, so schnell es konnte, dicht gefolgt von ihren einhundert Soldaten, denen einige Tausend aufgebrachte Kavalleristen der Imperialen Ordnung unmittelbar auf den Fersen folgten, während unablässig immer mehr auf ihre Pferde sprangen.
Sie befanden sich am Rand des Feldlagers der Imperialen Ordnung und hatten bis zum Verlassen des Lagers und dem Erreichen des offenen Landes keine weite Strecke zurückzulegen. Noch im Davonjagen ergriff Kahlan die Gelegenheit, jeden zu töten, der sich zeigte. Es war zu dunkel, um zu erkennen, ob es Männer waren oder Frauen, zumal es ohnehin keine Rolle spielte, sie wünschte allen den Tod. Jeder Kontakt ihres Schwertes, wenn es Muskeln durchtrennte oder Knochen zertrümmerte, erschien ihr wie ein köstliches Gefühl der Befreiung.
In höchstem Tempo dahinfliegend, vorbei an den Lagerfeuern, tauchten sie unvermittelt ein in die schwarze Leere tiefdunkler Nacht. Während sie in westlicher Richtung dahingaloppierten, beugte Kahlan sich in der Hoffnung, dass der Boden keine Löcher aufwies, vorne über den muskulösen Hals ihres Pferdes. Traten sie in eins hinein, wäre dies das Ende, nicht nur für ihr Pferd, sondern höchstwahrscheinlich auch für sie.
Sie war mit diesem Land, mit seinen sanft geschwungenen Hügeln und den weiter vorne liegenden steilen Klippen, bestens vertraut. Selbst im Dunkeln wusste sie, wo sie sich befand; sie wusste, wohin sie ritt, und zählte darauf, dass der Feind dies nicht wusste. In der die Sinne verwirrenden, grenzenlosen Dunkelheit würden sie die Augen nicht von den leuchtenden Handabdrücken auf dem Hinterteil ihres Pferdes lassen und glauben, einem ihrer mit der Gabe Gesegneten sei es gelungen, das Pferd für sie zu markieren. Die freudige Erwartung, sie sei ihren Schwertern hilflos ausgeliefert, hätte sie blind gemacht.
Kahlan klatschte ihrem Pferd die flache Seite ihres Schwertes gegen die Flanke, spornte es an, versetzte es peitschend in einen Zustand wilder Panik. Mittlerweile hatten sie das Schlachtgetümmel hinter sich gelassen und befanden sich draußen in der einsamen Weite des offenen Landes. Pferde hatten entsetzliche Angst davor, von Raubtieren angefallen zu werden, vor allem in der Dunkelheit. Sie bestärkte ihres noch in seinem Glauben.
Ihre Männer befanden sich unmittelbar hinter ihr, ritten jedoch auf ihren Befehl ein wenig seitlich, so dass eine Gasse entstand, die es dem Feind erlaubte, die leuchtenden Male auf ihrem Pferd deutlich zu erkennen. Als Kahlan fürchtete, nicht näher heranreiten zu dürfen, gab sie mit einer Pfeife ein Signal. Ein Blick über ihre Schultern zeigte ihr, wie ihr Geleitschutz, ihre Männer, ausscherten, in das Dunkel der Nacht hinein. Sie würde sie erst bei ihrer Rückkehr in das d’Haranische Feldlager Wiedersehen.