Kahlan hatte den Vorteil, dass sie die fernen Feuer im Lager der Imperialen Ordnung in ihrem Rücken sah, daher konnte sie die feindliche Kavallerie dicht hinter ihnen als Umriss ausmachen; sie kam in vollem Tempo herangestürmt, die gierigen Blicke zweifellos auf die leuchtenden Handabdrücke auf den Flanken ihres Pferdes gerichtet, das Einzige, was sie in diesem völlig offenen Gelände in einer mondlosen Nacht erkennen konnten.
»Wie weit noch?«, rief Cara dicht neben ihr.
»Es dürften noch…«
Kahlans Worte wurden abrupt abgeschnitten, als sie für einen kurzen Augenblick gewahrte, was sich unmittelbar vor ihnen befand.
»Jetzt, Cara!«
Kahlan zog ihr Bein gerade noch im rechten Augenblick hoch, als Cara ihr Pferd herüberlenkte und sie rammte; die beiden gewaltigen Tiere drängten gefährlich gegeneinander. Kahlan warf ihren Arm um Caras Schultern, diese bekam Kahlans Hüfte mit dem Arm zu fassen und zog sie mit einem Ruck von ihrem Pferd und zu sich herüber. Kahlan versetzte ihrem Pferd einen letzten Schlag mit der flachen Seite ihres Schwertes. In panischer Angst schnaubend raste das Tier in vollem Galopp weiter in die Dunkelheit.
Kahlan schwang ihr Bein über das Hinterteil von Caras Pferd und schob ihr Schwert in die Scheide, dann hielt sie sich an Caras Hüfte fest, während die Mord-Sith den Kopf ihres Pferdes scharf nach links riss und es im schärfsten Galopp zwang, gerade noch rechtzeitig abzudrehen.
Für einen winzigen Augenblick vermochte Kahlan den matten Glanz des Sternenlichts auf den aufgewühlten, eiskalten Fluten des Drun tief unten zu erkennen.
Der Gedanke an das erschrockene, verwirrte und völlig verängstigte Tier, das in diesem Augenblick über die Felsenklippe in die Tiefe stürzte, versetzte ihr einen Stich der Reue. Vermutlich würde es gar nicht begreifen, wie ihm geschah, ebensowenig wie die Kavallerie der Imperialen Ordnung, die ihren leuchtenden Handabdrücken in die Dunkelheit hinein folgte. Dies waren ihre Midlands; hier kannte Kahlan sich aus – sie dagegen waren Eindringlinge und fremd. Selbst wenn sie es im letzten Augenblick ihres Lebens auf sich zurasen sahen, in vollem Galopp bei völliger Dunkelheit hatten sie nicht die geringste Chance, ihrem Schicksal zu entgehen.
Trotzdem hoffte sie, dass diese Männer merkten, was ihnen widerfuhr – kurz bevor sie im eiskalten Wasser nach Atem rangen, oder ihre Lungen vor Luftmangel barsten, während der Fluss sie in seiner tintenschwarzen Umarmung unerbittlich in die Tiefe zog. Sie hoffte, dass jeder Einzelne dieser Männer in den dunklen Tiefen dieser tückischen Strömungen eines grauenhaften Todes starb.
Kahlan löste sich in Gedanken vom Eifer des Gefechts. Jetzt, nach einem Sieg über ihren Feind und mit dem süßen Gefühl der Rache, konnten die Streitkräfte des D’Haranischen Reiches beruhigt schlafen. Sie musste jedoch feststellen, dass dieser Sieg die Flammen ihres rasenden Zorns nur geringfügig besänftigen konnte.
Kurz darauf bremste Caras Pferd zu einem leichten Galopp und schließlich zum Schrittempo ab. Nach dem Gedränge der Menschen, dem Lärm und dem Chaos im Lager der Imperialen Ordnung hatte die Einsamkeit des menschenleeren Graslands etwas leicht Bedrückendes. Kahlan fühlte sich wie ein Körnchen Nichts inmitten des Nirgendwo.
Frierend und erschöpft zog Kahlan ihren Fellüberwurf um ihre Schultern. Ihre Beine zitterten von der Anstrengung, die nun endlich ein Ende hatte. Sie fühlte sich völlig ausgelaugt, ihr Kopf fiel nach vorn und blieb auf Caras Schultern liegen. Kahlan spürte das Gewicht von Richards Schwert auf ihrem Rücken.
»Nun denn«, meinte Cara über ihre Schulter, nachdem sie eine Weile durch die Stille der weiten Landschaft geritten waren, »das machen wir jetzt ein, zwei Jahre lang jede Nacht, dann dürften wir sie in etwa alle ausgelöscht haben.«
Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit, so schien es ihr, hätte Kahlan beinahe gelacht. Beinahe.
33
Als Kahlan und Cara endlich zwischen den verwundeten, erschöpften und schlafenden D’Haranischen Soldaten hindurch ins Lager hineinritten, waren es nur noch wenige Stunden bis Tagesanbruch. Kahlan hatte angenommen, sie hätten sich einen sicheren Schlafplatz draußen im Grasland suchen und bis zum Hellwerden warten müssen, um den Rückweg zu finden, doch sie hatten Glück gehabt; ein Aufreißen der dichten Wolkendecke hatte es ihnen ermöglicht, sich nach den Sternen zu orientieren. Nur unter der funkelnden Weite des Sternenhimmels hatten sie den dunklen Faltenwurf des Gebirges am Horizont erkennen können. Diesen deutlich sichtbaren Führer vor Augen, hatten sie weit draußen im menschenleeren Land ihren Weg finden, die Imperiale Ordnung sicher umgehen und anschließend Richtung Norden Kurs auf ihre eigenen Truppen nehmen können.
Ein Begrüßungskommando erwartete sie, Soldaten kamen herbeigelaufen und bildeten ein jubelndes Spalier, als das Lager sie aufnahm. Kahlan empfand ein wenig Stolz darüber, diesen Männern gegeben zu haben, was sie in diesem Augenblick am dringendsten benötigten: Vergeltung. Hinten auf Caras Pferd sitzend, winkte Kahlan den Männern zu, an denen sie vorüberritt. Ihr Lächeln galt allein ihnen.
General Meiffert, der den Jubel mitbekommen hatte, wartete ungeduldig in der Nähe des Bereiches, wo die Pferde angepflockt wurden. Er kam ihnen entgegen, um sie zu begrüßen. Als Kahlan und Cara neben dem Gatter der behelfsmäßigen Pferdekoppel absaßen, übernahm einer der Soldaten die Zügel des Pferdes. Die Schmerzen in ihren Muskeln vom scharfen Ritt während der letzten Tage und der einen durchkämpften Nacht ließen Kahlan zusammenzucken.
Die Hiebe, die sie ausgeteilt hatte, machten sich in ihrem rechten Schultergelenk als Pochen bemerkbar. Nach ihren spielerischen Duellen mit Richard, dachte sie bei sich, hatte ihr Schwertarm niemals so wehgetan. Den anwesenden Soldaten zuliebe zwang sie sich beim Gehen zu einer lockeren Körperhaltung, als hätte sie soeben drei Tage Ruhe und Erholung hinter sich.
General Meiffert hatte die Schlacht der vergangenen Nacht offenbar nicht weiter zugesetzt, er schlug sich die Faust aufs Herz und sagte: »Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, Euch zu sehen, Mutter Konfessor.«
»Und ich auch, General.«
Er beugte sich vor. »Bitte, Mutter Konfessor, ich hoffe doch, Ihr werdet nicht noch einmal etwas so Tollkühnes tun, oder?«
»Es war alles andere als tollkühn«, mischte sich Cara ein. »Ich war bei ihr und habe auf sie aufgepasst.«
Er warf ihr einen finsteren Blick zu, widersprach ihr aber nicht. Kahlan fragte sich, wie man ohne gelegentlich etwas Tollkühnes zu tun Krieg führen konnte. Der ganze Feldzug war tollkühn.
»Wie viele Männer haben wir verloren?«, erkundigte sich Kahlan stattdessen.
Ein Grinsen teilte General Meifferts Gesicht. »Keinen einzigen, Mutter Konfessor, könnt Ihr Euch das vorstellen? Dank der Hilfe des Schöpfers sind alle geschlossen zurückgekehrt.«
»Ich kann mich nicht erinnern, dass der Schöpfer auf unserer Seite sein Schwert geschwungen hätte«, erwiderte Cara.
Kahlan verschlug es die Sprache. »Eine bessere Nachricht hättet Ihr mir nicht überbringen können, General.«
»Ich kann Euch gar nicht sagen, wie das die Männer aufgerichtet hat, Mutter Konfessor. Trotzdem möchte ich Euch bitten, so etwas nicht noch einmal zu tun.«
»Ich bin nicht hier, um den Männern zuzulächeln, ihnen zu winken oder hübsch für sie auszusehen, General, ich bin hier, um diese mörderischen Bastarde für immer in die Gewalt des Hüters zu verbannen.«
Seufzend gab er sich geschlagen. »Wir haben Euch ein Zelt zurechtgemacht. Ihr seid ohne Zweifel müde.«