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Sie fühlte, wie sie errötete, als sie, kurz bevor sie das Schwert ablegte, das Heft an jener Stelle küsste, wo Richards Hand so oft gelegen hatte. Zedd, wenn er es überhaupt bemerkt hatte, enthielt sich jeglichen Kommentars, und so legte sie die glänzende Scheide neben ihre Bettstatt.

Als Kahlan in der beklemmenden Stille ihr königlich-galeanisches Schwert abnahm, bemerkte sie, dass an der Scheide Blut ablief. Sie löste die Schnallen ihrer leichten Lederrüstung, zog sie aus und legte sie neben ihren Rucksack. Als sie daraufhin das königliche Schwert mitsamt seiner Scheide gegen die Platten ihrer Lederrüstung lehnte, bemerkte sie, dass diese blutbespritzt waren.

Sie bemerkte außerdem, dass ihre ledernen Beinmanschetten an verschiedenen Stellen Handabdrücke aufwiesen und sich im Leder längliche Kratzspuren von den Fingernägeln der Soldaten befanden. Sie erinnerte sich, dass Soldaten sie hatten packen wollen, aber dass deren Hände sie tatsächlich zu fassen bekommen und sie aus dem Sattel zu zerren versucht hatten, wusste sie nicht mehr. Als die Bilder über sie hereinzustürzen begannen, drohte ihr übel zu werden, deshalb versuchte sie ihre Gedanken auf etwas anderes zu konzentrieren.

»Cara und ich haben das Rang’Shada-Gebirge nördlich der Weite Agaden überquert und sind anschließend quer durch Galea nach Süden geritten«, brach sie das bedrückende Schweigen.

»Das dachte ich mir«, erwiderte er.

Mit einer unbestimmten Handbewegung deutete sie auf das umliegende Lager. »Ich hielt es für angebracht, einige Truppen mitzubringen.«

»Die können wir gut gebrauchen.«

Kahlan sah hoch in seine haselnussbraunen Augen. »Ich habe alle mitgebracht, die ich mitbringen konnte, ohne warten zu müssen. Warten wollte ich auf keinen Fall.«

Zedd nickte. »Das war klug.«

»Prinz Herold wollte mich begleiten, ich bat ihn jedoch, eine größere Streitmacht zusammenzustellen und sie hierher zu führen. Wenn wir die Midlands verteidigen wollen, werden wir zusätzliche Truppen benötigen. Er fand, das sei eine gute Idee.«

»Hört sich ganz so an.«

»Sobald er seine Armee aus ihren Verteidigungsstellungen abziehen kann, wird Prinz Herold zu uns stoßen und uns beistehen.«

Zedd nickte bloß.

Sie räusperte sich. »Ich wünschte, wir hätten eher kommen können.«

Zedd zuckte mit den Achseln. »Du bist so schnell gekommen, wie du konntest. Außerdem bist du jetzt hier.«

Kahlan drehte sich zu ihrem Bettzeug herum, ließ sich auf ein Knie sinken und ging daran, die Lederriemen zu lösen, mit denen ihr Bettzeug zusammengehalten wurde. Aus irgendeinem Grund schienen ihr die Riemen vor den Augen zu schwimmen – vermutlich deshalb, weil sie so müde war.

Im trüben Schein der Lampe warf sie einen kurzen Blick über ihre Schulter, dann ging sie abermals daran, den Knoten aufzudröseln. »Vermutlich möchtest du wissen, wie es dieser Schwester der Finsternis gelingen konnte, Richard gefangen zu nehmen.«

Einen Augenblick schwieg er, dann endlich war seine leise und freundliche Stimme zu vernehmen. »Dafür ist später noch genug Zeit, Kahlan. Heute Nacht ist das nicht nötig.«

Beim Herumzupfen an dem widerspenstigen Knoten fiel ihr das Haar über die Schulter, sie musste es aus dem Gesicht streichen, um zu erkennen, was sie tat. Der dämliche Lederriemen hatte sich fest zusammengezogen. Am liebsten hätte sie die Person verflucht, die ihn geknotet hatte, doch da sie es selbst gewesen war, konnte sie keinem anderen die Schuld zuschieben.

»Sie hat einen Mutterbann gegen mich benutzt, der uns miteinander verbindet. Sie behauptete, sie könne – sie könne mich töten, falls Richard ihr nicht gehorcht und sie begleitet.«

Auf diese Nachricht hin stieß Zedd nur einen verzweifelten Seufzer aus.

»Richard kann sie nicht töten, da ich sonst ebenfalls sterbe.«

Sie wartete darauf, dass er hinter ihrem Rücken etwas sagte. Schließlich ließ sich seine Stimme vernehmen.

»Ich habe von diesen Bannen nur gelesen, aber nach allem, was ich weiß, hört sich das ganz so an, als habe sie dir die Wahrheit erzählt.«

»Ich habe eine Platzwunde am Mund, die ich nicht selbst verschuldet habe. Passiert ist es vor ein paar Tagen – über diese Verbindung. Was immer ihr zustößt, stößt auch mir zu. Ich hoffe, Richard hat sie geschlagen. Es wäre es wert gewesen.«

»Ich glaube nicht, dass Richard so etwas tun würde.«

Sie wusste auch, dass er es nicht tun würde, es war nichts weiter als ein frommer Wunsch.

Eine der kleinen Lampen begann zu flackern und ließ die Schatten zittern, die andere zischte leise vor sich hin; Kahlan wischte sich die Nase an ihrem Ärmel ab.

»Richard hat seine Freiheit aufgegeben, damit ich weiterleben kann. Ich wünschte, ich könnte sterben, um ihm die Freiheit zurückzugeben, aber ich musste ihm versprechen, es nicht zu tun.«

Kahlan spürte, wie sich eine tröstende Hand auf ihre Schulter legte. Zedd schwieg; ihr Herz nicht unter einer Lawine von Fragen zu begraben war der größte Freundschaftsdienst, den er ihr in diesem Augenblick erweisen konnte.

Dank der beruhigenden Wirkung seiner Hand gelang es Kahlan schließlich, den Knoten zu lösen. Zedd lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, während sie ihr Bettzeug ausrollte, in dem die Schnitzfigur Seele zur sicheren Aufbewahrung eingewickelt war. Sie passte von ihrer Größe her genau quer in ihre Decken. Kahlan nahm sie heraus und drückte sie einen Augenblick lang an ihr Herz, dann drehte sie sich um und stellte Seele auf den kleinen Klapptisch.

Als Zedd sich langsam erhob, glich er unter seinem kastanienbraunen Gewand einer Ansammlung knochiger Ecken und Kanten. Den einen Arm angewinkelt, um auf die stolz auf dem kleinen Tischchen stehende Figur zu zeigen, während er sie offenen Mundes bestaunte, wirkte er mit seiner schlaksigen Gestalt steif wie ein hoch aufgeschossener, dürrer Baum im Winter.

»Wo sonst hast du auf dem Weg hierher noch Halt gemacht?« Er warf einen argwöhnischen Blick in ihre Richtung. »Hast du etwa Schätze aus irgendwelchen Palästen gestohlen?«

Jetzt erst merkte sie, dass der Blick nicht so sehr argwöhnisch als vielmehr hänselnd gemeint war. Kahlan strich mit dem Finger über das fließende Gewand der Holzfigur und folgte den kraftvollen Linien der Körperhaltung der Frau mit ihrem Blick. Irgendetwas an der Art, wie sie, die Fäuste geballt an den Seiten und den Rücken durchgedrückt, den Kopf, jener unsichtbaren Kraft trotzend, die sie zu unterwerfen suchte, in den Nacken warf, wirkte ungeheuer gut getroffen.

»Nein.« Kahlan musste schlucken. »Die Figur hat Richard für mich geschnitzt.«

Zedd senkte seine Stirn noch tiefer. Eine Weile starrte er die Figur unverwandt an, dann streckte er einen seiner zweigdürren Finger vor, um sie zu berühren, als sei sie eine Antiquität von unschätzbarem Wert.

»Bei den Gütigen Seelen…«

Kahlan tat, als lächelte sie. »Beinahe. Er meinte, sie heißt Seele . Richard hat sie für mich geschnitzt, als ich dachte, ich würde nie wieder gesund werden. Sie hat mir sehr geholfen…«

In der ehrfürchtigen Stille löste Zedd seinen Blick schließlich von der Frau mit den geballten Fäusten an den Seiten und dem leicht erhobenen Blick, mit dem sie Kahlan anzusehen schien, und runzelte auf äußerst seltsame Weise die Stirn.

»Das bist du«, sagte er, halb zu sich selbst. »Bei den Gütigen Seelen … der Junge hat eine Statue deiner Seele geschnitzt. Ich erkenne sie wieder. Das ist völlig sonnenklar.«

Zedd war nicht nur Richards Großvater, sondern mittlerweile auch ihrer. Zudem war er nicht nur der Oberste Zauberer, er war es auch, der Richard großgezogen hatte. Neben Richard besaß Zedd keine weiteren Angehörigen.

Außer einer Halbschwester und einem Halbbruder, die, von der Blutsverwandtschaft abgesehen, Fremde für sie waren, hatte auch Kahlan keine Verwandten mehr; sie stand ebenso allein in der Welt wie Zedd.