Durch Richard war Zedd jetzt ihre Familie, ihr wurde jedoch bewusst, dass er selbst dann keine geringere Bedeutung für sie hätte, wenn es nicht so wäre.
»Wir werden ihn zurückbekommen, Liebes«, sagte er leise und voller Mitgefühl. Behutsam streichelte er ihr mit seiner zweigdürren Hand die Wange. »Wir werden ihn befreien.«
Alles schien zu verschwimmen. Als Kahlan seine schützende Umarmung spürte, konnte sie eine wahre Flut von Tränen nicht länger zurückhalten.
34
Behutsam bog Warren den schneebeladenen Fichtenzweig für sie zur Seite, und Kahlan spähte durch die Lücke.
»Dort unten«, sagte er mit leiser Stimme. »Seht Ihr?«
Nickend spähte Kahlan mit zusammengekniffenen Augen hinunter in das enge, tief unter ihnen liegende Tal. Das Bild einer mit weißem Raureif überzogenen Landschaft bot sich ihr – weiße Bäume, weiße Felsen, weiße Wiesen. Die feindlichen, durch den weit entfernten Talgrund marschierenden Truppen glichen einer dunklen Ameisenkolonne, die sich ihren Weg durch Puderzucker bahnte.
»Ich glaube, es ist nicht nötig, dass du flüsterst, Warren«, meinte Cara hinter Kahlans anderer Schulter. »Sie können dich nicht hören, nicht auf diese Entfernung.«
Warrens blaue Augen wandten sich der Mord-Sith zu. Wäre sie nicht in einen Wolfspelz gehüllt gewesen, der sie mit dem Hintergrund aus pulverschneebestäubtem Dickicht verschmelzen ließ, ihre rote Lederkleidung wäre einem wie ein Leuchtfeuer ins Auge gesprungen. Kahlans Pelzüberwurf fühlte sich warm und geschmeidig an auf ihren Wangen; manchmal erinnerte das Gefühl auf ihrer Haut an Richards zarte, beschützende und wärmende Liebkosungen, schließlich hatte er ihn für sie gemacht.
»Aber wenn wir uns nicht zusammennehmen, können die mit der Gabe uns hören, Cara, selbst auf diese Entfernung.«
Cara rümpfte die Nase. »Was wollt Ihr damit sagen?«
»Wenn wir zu laut sind«, raunte ihr Kahlan in einer Weise zu, die ihr nahe legte, etwas mehr Vorsicht walten zu lassen und still zu sein.
Der Gedanke an Magie ließ Cara angewidert das Gesicht verziehen. Ihr Gewicht auf den anderen Fuß verlagernd, widmete sie sich wieder der Beobachtung der langsam das Tal hinaufmarschierenden Soldatenkolonne und hielt den Mund.
Als sie genug gesehen hatte, gab Kahlan ein Handzeichen, und die drei machten sich auf den Rückweg durch den knöcheltiefen Schnee. In dieser Höhenlage im Gebirge befanden sie sich unmittelbar unterhalb der bedrückend grauen Wolkendecke, wodurch der Eindruck entstand, als blickten sie aus einer anderen Welt hinunter. Was sie dort unten gesehen hatte, gefiel ihr ganz und gar nicht.
Sie stapften über den eng mit Föhren und kahlen Espen bestandenen Hang zum dicht bewaldeten Kamm hinauf, wo der felsige Bergrücken an manchen Stellen – einem nur unvollständig verschütteten Gerippe gleich – die Schneedecke durchbrach. Ihre Pferde warteten ein gutes Stück weiter unten am Hang; noch weiter den Berg hinunter, dort wo Warren und Kahlan sie gegen eine Entdeckung etwa durch die Truppen der Imperialen Ordnung sichernden Personen mit der Gabe gefeit glaubten, wartete eine Eskorte d’Haranischer Gardisten, die General Meiffert zum Schutz von Kahlan und den beiden sie ebenfalls beschützenden Begleitern eigenhändig ausgewählt hatte.
»Versteht Ihr jetzt?«, fragte Warren, nur wenig lauter als im Flüsterton. »Sie sind immer noch dabei – sie schaffen immer mehr Truppen auf diesem Weg in die Berge und versuchen uns unbemerkt zu umgehen.«
Kahlan hielt sich den Wolfspelzüberwurf schützend vors Gesicht, als eine leichte Bö einen Schleier aufgewirbelten Schnees an ihnen vorüberwehte. Glücklicherweise hatte es noch nicht wieder angefangen zu schneien.
»Das glaube ich nicht, Warren.«
Er sah sie fragend an. »Und was dann?«
»Ich glaube, sie wollen, dass es so aussieht, als ob sie Truppen in unserem Rücken aufmarschieren lassen, damit wir Soldaten abziehen und bis hier herauf schicken, um ihnen nachzusetzen.«
»Ein Ablenkungsmanöver?«
»Ich glaube, ja. Es findet gerade nahe genug statt, sodass wir es aller Wahrscheinlichkeit nach entdecken werden, andererseits aber immer noch weit genug entfernt und in so unwegsamem Gelände, dass wir unsere Truppen aufteilen müssten, wenn wir in irgendeiner Weise darauf reagieren wollten. Außerdem sind unsere Kundschafter bis auf den letzten Mann unversehrt zurückgekommen.«
»Das ist doch gut.«
»Freilich ist es das. Aber was, wenn sie, wie du vermutest, Personen mit der Gabe bei sich haben? Wie kommt es, dass alle unsere Kundschafter diese massiven Truppenbewegungen melden konnten, ohne dass auch nur ein Einziger auf der Strecke geblieben ist?«
Warren ließ sich das einen Augenblick durch den Kopf gehen, während die drei vorsichtig über einen kleinen Felsgrat kletterten und anschließend die andere Seite des glatten, steil abfallenden Felsens auf dem Hinterteil hinunterrutschten.
»Ich glaube, sie wollen uns damit ködern«, sagte Cara, als ihre Stiefel hinter ihnen mit einem dumpfen Aufprall wieder auf festem Boden landeten. »Die kleinen Fische lassen sie durch die Maschen schlüpfen, in der Hoffnung, damit die größeren anzulocken.«
Kahlan klopfte sich den Schnee vom Hinterteil. »Genau wie wir.«
Warren wirkte skeptisch. »Glaubt Ihr, das Ganze ist ein ausgetüftelter Trick, um Offiziere und Personen mit der Gabe in die Falle zu locken?«
»Das nicht gerade«, erwiderte Kahlan. »Das wäre für sie nur ein angenehmer Nebeneffekt. Ich glaube, ihre eigentliche Absicht besteht darin, uns als Reaktion auf diese – wie sie uns glauben machen wollen – bedrohliche Truppenbewegung zum Aufteilen unserer Truppen zu verleiten.«
Warren wühlte mit einer Hand in seinen blonden, lockigen Haaren. Seine blauen Augen wanderten zurück in die Richtung, aus der die drei vom Kamm herabgestiegen waren, so als wollte er versuchen, das, was er längst nicht mehr sehen konnte, noch einmal in Augenschein zu nehmen.
»Aber sollte uns das nicht zu denken geben, wenn sie ein gewaltiges Truppenkontingent nach Norden marschieren lassen – erst recht, wenn es einen Teil unserer Truppen fortlocken soll?«
»Natürlich sollte es das«, antwortete Kahlan. »Wenn es denn stimmt.«
Warren blickte flüchtig zu ihr hinüber, während sie sich durch tieferen Schnee kämpften, der unter die Felsklippen geweht worden war, unter denen sie auf ihrem Weg einen steilen, kleinen Anstieg hinauf hindurchstapften. Die Anstrengung ließ ihre Beine müde werden, deshalb reichte Warren ihr eine Hand, um ihr eine hohe Stufe hinaufzuhelfen. Dann wiederholte er die Geste bei Cara, doch diese gab ihm gebärdenreich zu verstehen, sie sei auf seine Hand nicht angewiesen, verzichtete allerdings darauf, ihn dabei böse anzufunkeln. Kahlan war froh über jedes Anzeichen dafür, dass Cara lernte, ein bescheidenes Hilfsangebot einfach als Höflichkeit und nicht zwangsläufig als einen Vorwurf der Schwäche aufzufassen.
»Jetzt bin ich aber verwirrt«, meinte Warren keuchend.
Kahlan machte Halt und ließ die anderen wieder zu Atem kommen. Mit dem Arm deutete sie hinter sich auf die feindlichen Truppen jenseits des Kamms.
»Nun wenn es stimmt, dass uns Truppen in großer Zahl umgehen, um nach Norden zu marschieren, dann sollte uns das beunruhigen. Aber ich glaube, in Wirklichkeit tun sie das gar nicht.«
Warren wischte sich eine blonde Locke aus der Stirn. »Ihr glaubt nicht, dass all diese Soldaten Richtung Norden marschieren? Aber wohin dann?«
»Nirgendwohin«, erwiderte Kahlan.
»So viele Soldaten? Ihr macht wohl Scherze.«
Sie musste über seinen Gesichtsausdruck lächeln. »Ich halte das Ganze für ein Täuschungsmanöver. Ich glaube, in Wahrheit handelt es sich nur um eine sehr geringe Anzahl von Soldaten.«
»Aber die Kundschafter berichten von gewaltigen Massen von Soldaten, die seit mittlerweile drei Tagen nach Norden marschieren!«
»Leise«, warnte Cara, sich so mit einer Miene gespielten Tadels revanchierend. Als Warren merkte, dass er geradezu geschrien hatte, schlug er sich beide Hände vor den Mund.