Sie waren wieder bei Atem, also brach Kahlan abermals auf und führte sie, ihren auf dem Hinweg erzeugten Fußstapfen folgend, über eine kleine Anhöhe in ebeneres Gelände.
»Erinnerst du dich noch, was die Kundschafter gestern berichteten?«, fragte sie ihn. »Dass sie versucht hätten, die Berge auf der anderen Seite des Tales zu erklimmen, um die örtlichen Begebenheiten sowie die durchmarschierenden Truppen in Augenschein zu nehmen, die Pässe jedoch zu schwer bewacht gewesen seien?«
»Ich erinnere mich.«
»Ich glaube, soeben bin ich hinter den Grund dafür gekommen.« Sie fuhr fort, mit der Hand einen Kreis beschreibend. »Ich denke, was wir hier sehen, ist eine verhältnismäßig kleine Gruppe der immer selben Soldaten, die einfach in einem großen Kreis herummarschiert. Wir bekommen sie immer nur an jener Stelle zu Gesicht, wo sie durch dieses Tal hinaufmarschieren. Tagelang sehen wir Truppen vorüberziehen und schließen daraus, dass eine große Zahl von Soldaten verlegt wird, ich glaube aber, es handelt sich um die immer selben Soldaten, die ein ums andere Mal im Kreis herumwandern.«
Warren blieb stehen und starrte sie an. Sein Gesicht wurde ernst, als ihm dämmerte, was das bedeutete. »Man will uns also glauben machen, sie verlegen eine Armee hier herauf, damit wir als Reaktion darauf unsere Armee aufspalten und einen Teil von ihr hinter dieser Phantomstreitmacht herschicken.«
»Zahlenmäßig sind wir ihnen jetzt schon unterlegen«, sagte Cara, bei sich nickend, »wir haben allerdings den Vorteil, ein für unsere Zwecke günstiges Gelände zu verteidigen. Sollte es ihnen aber gelingen, unsere Zahl einfach dadurch erheblich zu verringern, dass sie uns dazu verleiten, einen großen Teil unserer Truppen vorher noch auf einen Einsatz zu schicken, würde das ihre gesamte Streitmacht endlich in die Lage versetzen, die geschrumpfte Zahl der zurückgebliebenen Verteidiger glatt zu überrennen.«
»Klingt logisch.« Warren strich sich nachdenklich übers Kinn und schaute zurück zum Kamm. »Und wenn Ihr Euch täuscht?«
Kahlan drehte sich ebenfalls um und schaute zurück zum Kamm. »Nun, wenn ich mich täusche, dann…«
Stirnrunzelnd betrachtete Kahlan den keine zehn Fuß entfernten, mächtigen alten Ahornbaum und glaubte zu sehen, wie sich die Rinde bewegte. Die feine Schicht aus Pulverschnee auf der schuppigen, grauen zerfurchten Borke begann sich aufzulösen und auf einer zusehends größer werdenden Fläche abzuschmelzen. Die Rinde bewegte sich wie der Schaum auf einem brodelnden Kessel.
Kahlan japste erschrocken, als Warren sie und Cara am Kragen packte und sie beide rücklings zu Boden riss. Kahlan hatte es den Atem verschlagen; als sie versuchte sich aufzurichten, warf Warren sich zwischen sie auf die Erde und drückte sie wieder nach unten.
Noch bevor Kahlan Gelegenheit fand, wieder zu Atem zu kommen oder zu fragen, was denn los sei, blitzte ein blendend grelles Licht in der Stille des Waldes auf. Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die Luft und erschütterte den Boden unter ihr. Geborstenes Holz, von feinen Splittern bis hin zu zaunpfahldicken Bruchstücken, sirrte heulend wenige Zoll über ihr Gesicht hinweg. Riesige Baumstammteile prallten mit hölzern trockenem Klacken von Felsen ab. Andere kreiselten, von Baumstämmen zurückgeworfen, durch die Luft. Einzelne über den Erdboden polternde Stücke wirbelten mit gefrorenen Erdpartikeln durchsetzten Schnee auf. Die Luft verfärbte sich weiß, als die Druckwelle der Explosion eine Wand aus Schnee in die Höhe schleuderte.
Hätte einer von ihnen aufrecht gestanden, es hätte ihn in Stücke gerissen.
Kaum waren die letzten Holzstücke mit dumpfem Poltern auf dem Boden gelandet, wälzte Warren sich hinüber zu Kahlan. »Das waren die mit der Gabe«, flüsterte er.
Kahlan sah ihn stirnrunzelnd an. »Was?«
»Die mit der Gabe«, wiederholte er ebenso leise. »Sie richten ihre Kraft auf einen gefrorenen Baumstamm und bringen ihn innerlich zum Kochen, bis er explodiert. Deswegen haben wir so hohe Verluste erlitten, als wir uns während der allerersten Schlacht, unmittelbar bevor ihr zu uns gestoßen seid, im Tal gesammelt hatten. Damit haben sie uns überrascht.«
Kahlan nickte. Sie sah sich suchend um, konnte aber niemanden entdecken, schließlich schaute sie zu Cara hinüber, um zu sehen, ob sie wohlauf war.
»Wo ist Cara?«, fragte sie in dringlichem Flüsterton.
Warren spähte vorsichtig nach vorn und ließ den Blick suchend über den Schauplatz der Explosion wandern. Als Kahlan, auf die Ellbogen gestützt, leicht den Kopf hob, sah sie dort, wo eben noch Cara gelegen hatte, nichts als aufgewühlten Schnee.
»Gütiger Schöpfer«, entfuhr es Warren. »Ihr glaubt doch nicht etwa, sie ist entführt worden, oder?«
Kahlan entdeckte Fußspuren, die vorher noch nicht dagewesen waren und sich zur Seite hin entfernten. »Ich glaube…«
Ein Schrei, der selbst einem unerschrockenen Mann die Farbe aus dem Gesicht getrieben hätte, hallte durch die Bäume.
»Cara?«, rief Warren zögernd.
»Das glaube ich nicht.«
Sich vorsichtig aufrichtend sah Kahlan, dass in das dichte Blätterdach des Waldes ein Loch gerissen worden war, sodass grelles Licht in den schattigen, geschützten Wald darunter fiel. Der Boden ringsum war mit zersplittertem Holz, abgeknickten Ästen, umgestürzten Riesenstämmen und von anderen Bäumen abgerissenen Zweigen übersät. Ausgehend von einer trichterförmigen Mulde, wo eben noch der Baum gestanden hatte, reichten rillenförmige Vertiefungen im Schnee strahlenförmig in den dunklen Wald hinein. Überall lagen Bruchstücke von Stämmen und Wurzeln umher, einige waren sogar in den umstehenden Bäumen hängen geblieben.
Warren legte ihr eine Hand auf die Schulter und drängte sie liegen zu bleiben, während er mit einer Körperdrehung in die Hocke ging. Sie wälzte sich auf den Bauch und stemmte sich vorsichtig mit Händen und Knien hoch.
Plötzlich sprang Kahlan auf und zeigte zum Wald. »Dort!«
Sie sah Cara zwischen den Bäumen hindurch zurückkommen. Die Mord-Sith scheuchte einen offensichtlich unter Schmerzen leidenden winzigen Mann vor sich her. Jedesmal wenn er stolperte und hinfiel, trat sie ihm in die Rippen und trieb ihn weiter. Er schrie, seine Worte waren ein weinerliches Wimmern, das Kahlan wegen der großen Entfernung nicht verstehen konnte. Allerdings war es nicht übermäßig schwer, sich vorzustellen, was er sagte.
Cara hatte einen mit der Gabe Gesegneten gefangen genommen. Die Mord-Sith waren für Aufgaben wie diese erschaffen worden; für einen mit der Gabe Gesegneten war der Versuch, Magie gegen eine Mord-Sith einzusetzen, ein schwerer Fehler, der ihn der Kontrolle über seine eigenen Fähigkeiten beraubte.
Sich den Schnee abklopfend, stand Kahlan auf. Warren, dessen violettes Gewand mit Schnee überkrustet war, erhob sich ebenfalls, von dem Anblick wie gebannt. Das also war einer jener Zauberer, die für den Tod so vieler Soldaten verantwortlich waren, als die D’Haraner sich – nach dem Beginn des Vorrückens der Imperialen Ordnung Richtung Norden – im Tal gesammelt hatten; das also war eine jener bösartigen Bestien, die auf Geheiß Jagangs handelten. Jetzt jedoch, da er flennend und flehend vor seiner unerbittlichen, ihn vor sich herscheuchenden Häscherin lag, wirkte er ganz und gar nicht wie eine bösartige Bestie.
Er war nichts weiter als ein um sich schlagendes Lumpenbündel, als ihn ein letzter mächtiger Fußtritt vor die Füße von Kahlan und Warren beförderte. Dort blieb er wie ein kleines Kind wimmernd mit dem Gesicht nach unten liegen.
Cara bückte sich, griff ihm in das verfilzte, dunkle Haar und riss ihn auf die Beine.
Es war ein Kind.
»Lyle?« Warren starrte ihn ungläubig an. »Lyle? Du warst das?«
Tränen strömten aus seinen freudlos kalten Augen. Sich mit der Rückseite seines zerlumpten Ärmels die Nase abwischend, funkelte der Junge Warren wütend an. Der kleine Lyle schien ein Junge von vielleicht zehn oder zwölf Jahren zu sein, doch da Warren ihn kannte, vermutete Kahlan, dass er ebenfalls aus dem Palast der Propheten stammte. Lyle war ein junger Zauberer.