Als Warren sich anschickte, das blutverschmierte Kinn des Jungen in die Hand zu nehmen, hielt Kahlan Warren am Handgelenk zurück. Der Junge warf sich nach vorn, um Warren in die Hand zu beißen, doch Cara war schneller; ihn an den Haaren zurückreißend, rammte sie ihm ihren Strafer in den Rücken.
Vor Schmerzen kreischend, sackte er in sich zusammen. Sie trat dem schwer verletzten Knaben in die Rippen.
Warren breitete flehentlich die Hände aus. »Cara, nicht…«
Sie sah ihn aus ihren eiskalten blauen Augen herausfordernd an. »Er hat versucht, uns umzubringen. Er hat versucht, die Mutter Konfessor zu töten.«
Die Zähne zusammengebissen und Warrens Augen noch immer fest im Blick, versetzte sie dem wimmernden Jungen einen weiteren Tritt.
Warren benetzte sich die Lippen. »Ich weiß … aber…«
»Was aber?«
»Er ist doch noch so klein. Das ist nicht richtig.«
»Und deswegen wäre es besser, wir ließen einfach zu, dass er uns umbringt? Würde es in deinen Augen dadurch vielleicht richtiger werden?«
Kahlan wusste, dass Cara Recht hatte. So schwer es war, es mitansehen zu müssen, Cara hatte Recht. Wenn sie starben, wie viele Männer, Frauen und Kinder würde die Imperiale Ordnung noch dahinmetzeln? Obwohl noch ein Kind, war er bereits ein Handlanger der Imperialen Ordnung.
Nichtsdestoweniger gab Kahlan Cara zu verstehen, dass es reichte. Auf Kahlans Zeichen hin krallte Cara ihre Faust in Lyles verfilzten Schopf aus schmutzigen Haaren und hievte ihn auf die Beine. Caras Schenkel im Rücken, stand er zitternd da, während ihm das Blut über das Gesicht strömte und sein Atem in kurzen, ungleichmäßigen Stößen ging.
Kahlan blickte hinunter in die verängstigten, tränengefüllten Augen und setzte ihr Mutter-Konfessorgesicht auf, jenes Gesicht, das ihre Mutter ihr beigebracht hatte, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, jenes Gesicht, hinter dem sich ihre ganze innere Erregung verbarg.
»Ich weiß, dass Ihr da seid, Jagang«, sagte sie mit leiser Stimme, die jede innere Anteilnahme vermissen ließ.
Der blutverschmierte Mund des Jungen verzog sich zu einem Feixen, das nicht ihm gehörte.
»Euch ist ein Fehler unterlaufen, Jagang. Wir werden in Kürze eine Armee ausgesandt haben, die Eure Truppen aufhalten wird.«
Der Junge lächelte ein ausdrucksloses Lächeln, erwiderte aber nichts.
»Lyle«, versuchte es Warren mit schmerzgequälter, spröder Stimme, »du kannst dich vom Traumwandler befreien. Du brauchst nur Richard die Treue zu schwören, und schon bist du frei. Glaube mir, Lyle. Versuche es. Ich weiß, wie du dich fühlst. Versuche es, Lyle, und ich schwöre, ich werde dir helfen.«
Kahlan dachte, dass er sich in Anwesenheit Warrens, eines Mannes, den er kannte, vielleicht auf das unerwartet durch die offene Tür seines Verlieses fallende Licht stürzen würde. Der Junge hinter dem Lächeln, das nicht sein eigenes war, sah Warren mit einer Sehnsucht an, die langsam zu Abscheu gerann. Dieses Kind hatte mitansehen müssen, dass der Kampf um die Freiheit den Menschen nichts als Grauen und Tod brachte, und hatte gelernt, dass knechtischer Gehorsam Lohn und Überleben bedeutete. Er war noch zu jung, um zu begreifen, dass es um weit mehr ging.
Mit sanftem Druck ihrer Finger drängte Kahlan Warren zurück. Er gehorchte, wenn auch widerstrebend.
»Dies ist nicht der erste Zauberer Jagangs, den wir gefangen genommen haben«, sagte sie ganz beiläufig zu Warren. Ihre Worte galten jedoch nicht ihm.
Kahlan hob den Blick, sah Cara in ihre ernsten, blauen Augen und dann kurz zur Seite, in der Hoffnung, die Mord-Sith würde den Wink verstehen.
»Marlin Pickard«, sagte Kahlan, so als wollte sie Warren den Namen ins Gedächtnis rufen, obwohl ihre Worte noch immer an Cara gerichtet waren. »Er war erwachsen, und obwohl er auf Geheiß seines aufgeblasenen Kaisers handelte, war er nicht im Stande, uns größere Schwierigkeiten zu bereiten.«
In Wirklichkeit hatte Marlin ihnen eine Menge Schwierigkeiten beschert; um ein Haar hätte er sowohl Cara als auch Kahlan getötet. Kahlan hoffte, Cara würde sich erinnern, wie dürftig ihre Kontrolle über einen vom Traumwandler besessenen Menschen war.
Im lautlosen Wald herrschte eine Stimmung angespannter Stille, als der Junge Kahlan wütend anfunkelte.
»Wir haben Eure Machenschaften rechtzeitig durchschaut, Jagang. Es war ein Fehler, zu glauben, Ihr könntet unsere Späher unbemerkt passieren; ich hoffe nur, Ihr befindet Euch bei diesen Männern, damit wir Euch die Kehle durchschneiden können, wenn wir sie vernichten.«
Das Feixen wurde breiter. »Auf Seiten der Schwachen steht eine Frau wie Ihr am falschen Platz«, erwiderte der Junge im drohenden Tonfall eines erwachsenen Mannes. »In den Diensten der Starken und der Imperialen Ordnung hättet Ihr viel mehr Spaß.«
»Ich fürchte, meinem Gemahl gefällt es, wo ich jetzt stehe.«
»Und wo befindet sich Euer Gemahl derzeit, Schätzchen? Ich hatte gehofft, ihn begrüßen zu können.«
»Er ist hier«, antwortete Kahlan im selben leidenschaftslosen Tonfall.
Sie sah Warren auf ihre Bemerkung hin eine Bewegung machen, die seine Überraschung allzu deutlich verriet.
»Ist er das?« Die Augen des Jungen wanderten von Warren zurück zu Kahlan. »Wie kommt es, dass ich Euch nicht glaube?«
Als sie sein grausames Grinsen sah, hätte sie dem Jungen am liebsten die Zähne eingetreten. Kahlans Gedanken überschlugen sich, während sie sich auszurechnen versuchte, was Jagang womöglich bereits wusste, und was er in Erfahrung zu bringen versuchte.
»Ihr werdet Ihn noch früh genug zu sehen bekommen, wenn wir diesen armen Jungen zurück ins Lager bringen. Ich bin sicher, Richard Rahl wird Euch in Eure feige Visage lachen wollen, wenn ich ihm erzähle, wie wir den Plan des großen Kaisers durchschaut haben, heimlich Truppen nach Norden zu verlegen. Ich nehme an, er wird Euch ins Gesicht sagen wollen, was für ein Narr Ihr seid.«
Der Junge versuchte, einen Schritt auf sie zuzumachen, doch Caras Hand in seinem Haar hielt ihn zurück. Er benahm sich wie ein angeleinter Puma, der noch immer an seinen Ketten zerrte. Das blutverschmierte Grinsen verharrte auf seinem Gesicht, war aber nicht mehr ganz so selbstgefällig wie zuvor. Kahlan glaubte in seinen braunen Augen ein leichtes Zögern zu erkennen.
»Ach was, ich glaube Euch kein Wort«, sagte er, als verlöre er bereits das Interesse. »Wir wissen beide, dass er keineswegs dort ist. Nicht wahr, Schätzchen?«
Kahlan beschloss, ein Wagnis einzugehen. »Ihr werdet ihn schon bald mit eigenen Augen sehen.« Sie tat, als wollte sie sich abwenden, drehte sich stattdessen aber noch einmal zu ihm um.
Kahlan ließ ein sarkastisches Lächeln um ihre Lippen spielen. »Ach – Ihr denkt dabei an Nicci?«
Das Lächeln im Gesicht des Jungen erlosch. Seine Brauen zogen sich zusammen, trotzdem gelang es ihm, sich die Verärgerung in seiner Stimme nicht anmerken zu lassen.
»Nicci? Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon Ihr sprecht, Schätzchen.«
»Eine Schwester der Finsternis? Gute Figur, blonde Haare, blaue Augen, schwarzes Kleid? An eine so betörend schöne Frau würdet Ihr Euch doch gewiss erinnern? Oder seid Ihr, neben all Euren anderen Unzulänglichkeiten, auch noch Eunuch?«
Die Augen starrten sie an, und in ihnen konnte Kahlan deutlich sehen, wie jedes ihrer Worte sorgsam abgewogen wurde. Es waren jedoch Niccis Bemerkungen über Jagang, an die sie sich erinnerte.
»Ich weiß sehr wohl, wer Nicci ist. Ich kenne jeden Zoll ihres Körpers, bis hin zu den intimsten Stellen. Eines schönen Tages werde ich Euch ebenso gut kennen wie sie.«
Irgendwie klang eine solch obszöne Drohung aus dem Mund eines kleinen Jungen noch erschreckender. Ihr wurde speiübel, als sie hörte, wie ein Kind Jagangs abstoßende Gedanken aussprach.
Der Arm des Jungen gestikulierte anstelle seines Herrn und Meisters. »Sie ist eine meiner Schönheiten, und eine überaus tödliche noch dazu.« Kahlan glaubte aus Jagangs kehligem Geknurre einen Hauch der aufgesetzten Prahlerei eines Mannes herauszuhören, der blufft. Fast so, als wäre es ihm erst nachträglich eingefallen, setzte er noch hinzu: »In Wirklichkeit habt Ihr sie gar nicht gesehen.«