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Kahlan hörte in dieser Feststellung den leisen Anklang einer Frage, die er nicht zu stellen wagte, was ihr verriet, dass mehr dahinter steckte. Sie hätte nur zu gerne gewusst, was.

Sie zuckte abermals mit den Achseln. »Tödlich? Davon ist mir nichts bekannt.«

Er leckte das Blut von seinen Lippen. »Das dachte ich mir.«

»Und zwar deswegen, weil sie ganz und gar nicht so auf mich gewirkt hat. Sie hat keinem einzigen von uns Schaden zufügen können.«

Das Grinsen kehrte zurück. »Ihr lügt, Schätzchen. Wärt Ihr Nicci tatsächlich begegnet, hätte sie, wenn schon nicht alle, so doch wenigstens ein paar von euch getötet. Diese Frau lässt sich nicht unterkriegen, ohne vorher noch jemandem die Augen auszukratzen.«

»Ach wirklich? Sind wir uns da so sicher?«

Der Junge brach in dröhnendes Gelächter aus. »Ich kenne Nicci ganz genau, Schätzchen.«

Kahlan sah dem Jungen verächtlich lächelnd in seine braunen Augen. »Ihr wisst, dass ich die Wahrheit sage.«

»Ach, ja?«, erwiderte er, immer noch amüsiert in sich hineinlachend. »Und woher?«

»Weil sie eine Eurer Sklavinnen ist und es Euch eigentlich möglich sein sollte, in ihren Verstand einzudringen. Aber das könnt Ihr nicht, und ich weiß auch, warum. Ihr seid zwar nicht sonderlich helle, trotzdem werdet Ihr vermutlich nicht allzu lange überlegen müssen, um auf den Grund zu kommen.«

Blinder Zorn blitzte in den Augen des Jungen auf. »Ich glaube Euch kein Wort.«

Kahlan zuckte mit den Achseln. »Ganz, wie Ihr wollt.«

»Wenn Ihr sie gesehen habt, wo ist sie dann jetzt?« Ihm den Rücken zukehrend, sagte sie ihm die brutale, bittere Wahrheit und überließ es ihm, seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. »Als ich sie das letzte Mal sah, war sie auf dem Weg in die Vergessenheit.«

Kahlan vernahm das Brüllen hinter ihrem Rücken. Sie wirbelte herum und sah, wie Cara ihn mit ihrem Strafer zurückzuhalten versuchte, hörte, wie der Knochen seines Armes brach. Der Junge hielt nicht einmal inne, sondern stürzte sich, die Hände zu Krallen gebogen und die Zähne gebleckt, völlig außer sich vor Wut auf Kahlan.

Ihm halb zugewandt, hob Kahlan eine Hand, um den Jungen abzuwehren, der ihr mit seinem ganzen Gewicht an den Hals zu springen versuchte. Seine schmächtige Brust streifte ihre Hand. Es fühlte sich nicht so an, als stürzte er sich auf sie, eher glich es dem Flaum einer Pusteblume, den ihr ein zarter Lufthauch entgegenwehte.

Ihr Augenblick war gekommen.

Kahlan brauchte nicht einmal ihr Geburtsrecht zu Hilfe zu nehmen, sie musste lediglich ihre diesbezügliche Zurückhaltung aufgeben. Auf Gefühle konnte sie sich jetzt nicht verlassen, allein die Wahrheit konnte ihr noch weiterhelfen.

Dies war kein kleiner, verletzter Junge, allein gelassen, voller Angst.

Dies war der Feind.

Die Heftigkeit, mit der die angestaute Kraft aus ihrem Inneren hervorbrach und alle Fesseln abstreifte, war atemberaubend; aus dem tiefen dunklen Kern in ihrem Inneren emporwallend überschwemmte sie gehorsam jede Faser ihres Seins.

Sie konnte jede einzelne schmale Rippe mit ihren Fingern zählen.

Sie kannte weder Hass, noch Zorn oder Entsetzen … und auch keinen Kummer. In diesem unendlich kurzen Augenblick war ihr Geist umgeben von einer Leere, in der es keine Gefühle gab, nur den alles verzehrenden Ansturm der außer Kraft gesetzten Zeit.

Er hatte nicht den Hauch einer Chance. Er gehörte ihr.

Kahlan zögerte keine Sekunde.

Sie entfesselte ihre Kraft.

Jene Kraft, die sich als Teil ihres innersten Wesens aus dem Zustand der Geistigkeit zum allumfassenden Sein entfaltete.

Donner ohne Hall ließ – mit einer ungeheuren Heftigkeit und Wucht, und völlig ungehemmt in diesem einen unverfälschten Augenblick – die Luft erzittern.

Das Gesicht des Jungen verzog sich unter dem Hass des Mannes, der von ihm Besitz ergriffen hatte. Wenn sie in diesem einzigartigen Augenblick die völlige Abwesenheit jeglichen Gefühls darstellte, so war er geradezu dessen Verkörperung. Kahlan schaute in das Gesicht dieses verlorenen Kindes und erkannte, dass sie dort nur ihre eigenen erbarmungslosen Augen sah.

Sein Geist, alles, was er war und was ihn einst ausgemacht hatte, existierte längst nicht mehr.

Die Wucht der Erschütterung ließ die Bäume ringsum erzittern, Schnee fiel von Ästen und Zweigen. Die ungeheure Druckwelle erzeugte einen Ring aus Schnee, der um die beiden herum immer weitere Kreise zog.

Kahlan hatte gewusst, dass Jagang zwischen den Gedanken, wo Zeit als solche nicht existierte, in den Verstand eines Menschen hinein- und wieder herausschlüpfen konnte. Sie hatte keine andere Wahl als so zu handeln, wie sie dies soeben getan hatte; ein Zaudern konnte sie sich nicht erlauben. Wenn Jagang im Verstand eines Menschen saß, konnte nicht einmal Cara ihn kontrollieren.

Auf seiner Flucht aus diesem jungen Verstand hatte Jagang sämtliche Brücken hinter sich eingerissen.

Der Junge brach vor Kahlans Füßen tot zusammen.

35

Kahlan stand auf wackeligen Beinen über den in sich zusammengesunkenen Körper des Jungen gebeugt und spürte, wie ihre Empfindungen zurückfluteten. Wie stets ließ der Gebrauch ihrer Konfessorkraft sie völlig leer und erschöpft zurück. Im ersten Augenblick danach schien der Wald stumm über sie Gericht zu sitzen, das tiefrote Beweismaterial da und dort rings um den Jungen ausgebreitet im jungfräulichen Schnee.

Mit einem Mal stutzte Kahlan und überlegte, ob sie nicht vielleicht auch Cara getötet hatte.

Eine Mord-Sith würde die Berührung einer Konfessor nicht lange überleben. Sie hatte keine andere Wahl gehabt, außerdem hatte sie alles getan, um Cara zu warnen und ihr zu verstehen zu geben, sie solle sich entfernen. Letztendlich aber durfte sich Kahlan in ihrem Entschluss von nichts anderem beeinflussen lassen als von dem unausweichlichen Gebot der Situation; jedes Zögern hätte in die Katastrophe münden können.

Jetzt jedoch, als es vorbei war, wurde ihr angst und bange.

Kahlan blickte um sich und sah Cara rechts von sich ausgestreckt im Schnee liegen. Wenn sie den Jungen berührt hatte, als Kahlan ihre Kraft entfesselte…

Cara stöhnte. Wankend ging Kahlan zu ihr hin und ließ sich auf ein Knie sinken. Den Pelz an Caras Schultern packend, drehte sie sie in einer gewaltigen Kraftanstrengung um.

»Cara – seid Ihr wohlauf?«

Cara schaute aus halb zusammengekniffenen Augen hoch, mit einem schmerzhaft gequälten Blick, der allmählich in Überdruss und Ärger umschlug. »Selbstverständlich bin ich wohlauf. Ihr habt doch nicht etwa geglaubt, ich sei so töricht, den Jungen festzuhalten, oder?«

Kahlan lächelte froh und erleichtert. »Nein, natürlich nicht. Ich dachte nur, Ihr hättet Euch beim Fortspringen vielleicht das Genick gebrochen.«

Cara spuckte Schnee und Erde. »Beinahe.«

Warren half den beiden auf die Beine. Mit schmerzverzerrter Miene rieb er sich erst die Schultern, dann die Ellbogen. Immer wieder war Kahlan zu Ohren gekommen, dass es ein überaus schmerzhaftes Erlebnis sei, einer Konfessor zu nahe zu kommen, wenn sie ihre Kraft entfesselte, ein Erlebnis, das einem wie ein quälender Schock in sämtliche Glieder fuhr. Zum Glück richtete es keinen bleibenden Schaden an, und die Schmerzen ließen rasch nach.

Als Warren zu dem toten Jungen hinübersah, wurde ihr bewusst, dass es noch einen anderen Schmerz gab, der nicht so rasch abklingen würde.

»Gütiger Schöpfer«, sagte Warren leise bei sich. Er drehte sich zu Kahlan und Cara um. »Er war doch noch ein kleiner Junge. War es wirklich nötig…«

»Ja«, schnitt Kahlan ihm entschieden das Wort ab. »Ich bin mir vollkommen sicher. Cara und ich waren schon einmal in derselben Situation – bei Marlin.«

»Aber Marlin war ein erwachsener Mann. Lyle dagegen noch so zart … so jung. Welchen Schaden hätte er denn…«

»Fang jetzt bitte nicht damit an, was alles hätte sein können, Warren. Jagang hatte von seinem Verstand Besitz ergriffen, genau wie damals bei Marlin. Was das bedeutet, wissen wir. Er war eine tödliche Gefahr.«