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»Wenn ich ihn nicht halten konnte«, meinte Cara, »dann hätte ihn auch sonst nichts halten können.«

Warren seufzte, ihm war hundeelend zumute. Er sank neben dem Jungen auf die Knie und sprach leise ein Gebet, während er dem Jungen mit den Fingern über die Schläfe strich.

»Vermutlich liegt die wahre Schuld bei Jagang.« Warren erhob sich und klopfte sich den Schnee von den Knien. »Letztendlich hat Jagang das zu verantworten.«

In der Ferne konnte Kahlan die Umrisse ihrer Soldaten erkennen, die den Hang herauf gestürmt kamen, um sie zu retten. Sie machte sich auf und ging ihnen entgegen.

»Wenn du es so sehen willst.«

Cara blieb unmittelbar in ihrer Nähe. Warren musste sich mühsam durch den Schnee kämpfen, um sie einzuholen. Er bekam Kahlans Arm zu fassen und riss sie zurück, sodass sie gezwungen war, stehen zu bleiben.

»Damit meint Ihr Ann, nicht wahr?«

Kahlan zügelte ihren Zorn, als sie Warren in seine blauen Augen schaute.

»Warren, auch du warst ein Opfer dieser Frau. Man hat dich, als du klein warst, in den Palast der Propheten verschleppt, nicht wahr?«

»Das mag ja sein, aber…«

»Kein Aber. Sie sind einfach gekommen und haben dich mitgenommen, genauso wie sie gekommen sind und dieses arme, tote Kind da hinten mitgenommen haben.« Kahlans Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen. »Richard haben sie auf die gleiche Weise geholt.«

Warren berührte sachte Kahlans Arm, um sie zu beschwichtigen. »Ich weiß, so muss es erscheinen. Prophezeiungen sind oft…«

»Das da!« Kahlan zeigte wütend auf den toten Jungen. »Das ist es, was es mit Prophezeiungen auf sich hat! Nichts als Tod und Elend – und alles im heiligen Namen der Prophezeiungen!«

Warren wagte nicht, ihr in ihrem Zornesausbruch zu widersprechen.

Kahlan zwang sich, wenn schon nicht die dahinter verborgenen Gefühle, so doch wenigstens ihre Stimme zu zügeln. »Wie viele Menschen müssen noch aus falsch verstandenem Eifer bei der Erfüllung von Prophezeiungen sinnlos sterben? Hätte Ann Verna nicht geschickt, um Richard zu holen, nichts von alldem wäre je passiert.«

»Woher wollt Ihr das wissen? Ich kann ja durchaus nachempfinden, wie Euch zumute ist, aber was macht Euch so sicher?«

»Dreitausend Jahre lang hat die Barriere gehalten. Nur ein mit beiden Seiten der Magie geborener Zauber hätte sie einreißen können, und den gab es erst, als Richard in Erscheinung trat. Ann sandte Verna aus, um ihn zu holen. Hätte sie das nicht getan, stünde die Barriere immer noch an ihrem Platz, und Jagang und die Imperiale Ordnung befänden sich jenseits davon. Die Midlands wären in Sicherheit, und dieser Junge dort würde irgendwo Ball spielen.«

»Es ist nicht so einfach, wie es Euren Worten nach erscheint, Kahlan.« Warren breitete verzweifelt seine Hände aus. »Ich will mit Euch nicht darüber streiten, trotzdem möchte ich Euch begreiflich machen, dass Prophezeiungen auf mannigfaltige Weise in Erfüllung gehen können; oft suchen sie sich ihre Lösung selbst. Gut möglich, dass sich Richard, hätte Ann nicht nach ihm geschickt, aus irgendeinem anderen Grund hierher gewagt und die Barriere zu Fall gebracht hätte. Wer kennt schon die genauen Gründe? Begreift Ihr nicht? Es wäre möglich, dass es so geschehen musste, und Ann lediglich ein Mittel zum Zweck war. Und wenn nicht sie, dann jemand anderes.«

Wutschnaubend sog Kahlan die Luft durch ihre zusammengebissenen Zähne. »Wie viel Blut, wie viele Tote, wie viel Kummer ist noch nötig, bis du endlich begreifst, wie viel Leid die Prophezeiungen über die Welt gebracht haben?«

Warren lächelte traurig. »Ich bin Prophet und habe immer ein Prophet sein wollen, damit ich anderen helfen kann. Wäre ich aufrichtig davon überzeugt, dass sie nichts als Leid und Unrecht verursachen, würde ich niemals an sie glauben.« Dann kam ihm ein Gedanke, und sein Lächeln hellte sich auf. »Vergesst nicht, ohne Prophezeiungen wärt Ihr Richard nie begegnet. Geht es Euch nicht sehr viel besser, seit Richard in Euer Leben trat? Auf mich trifft das zu, das weiß ich.«

Kahlans wütend kalter Blick wischte das freundliche Lächeln aus seinem Gesicht.

»Lieber wäre ich zu einem Leben ohne Liebe und in Einsamkeit verdammt, als zu wissen, dass ihm nur deshalb Unrecht widerfährt, weil er in mein Leben trat. Lieber hätte ich ihn niemals kennen gelernt, als erst zu spüren, wie wertvoll er mir ist, nur um anschließend zu erfahren, dass alles, was diesen Wert ausmacht, auf dem Altar dieses wahnwitzigen Glaubens an Prophezeiungen geopfert wird.«

Warren schob seine Hände in die Ärmel seines purpurnen Gewandes und senkte den Blick zu Boden. »Ich kann verstehen, dass Ihr so empfindet. Bitte, Kahlan, sprecht mit Verna.«

»Warum? Sie war es doch, die Anns Befehle ausgeführt hat.«

»Sprecht einfach mit ihr. Ich hätte Verna um ein Haar verloren, weil sie ebenso empfand wie Ihr.«

»Verna?«

Warren nickte. »Sie war zu der Überzeugung gelangt, auf üble Weise von Ann benutzt worden zu sein. Zwanzig Jahre lang hat sie ergebnislos nach Richard gesucht, dabei wusste Ann die ganze Zeit genau, wo er sich befand. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie Verna zumute war, als sie dahinter kam? Da waren auch noch andere Dinge. So brachte sie uns durch eine Täuschung dazu zu glauben, sie sei tot. Mit einer List verhalf sie Verna in das Amt der Prälatin.« Warren zog eine Hand aus seinem Ärmel und hielt Daumen und Zeigefinger einen Zoll weit auseinander. »Sie war so dicht davor, ihr Reisebuch ins Feuer zu werfen.«

»Sie hätte es tun sollen.«

Warrens trauriges Lächeln kehrte zurück. »Ich will damit nur sagen, dass Ihr Euch möglicherweise besser fühlen werdet, wenn Ihr mit ihr sprecht. Sie wird verstehen, wie Euch zumute ist.«

»Und was soll das nützen?«

Warren zuckte mit den Achseln. »Selbst wenn Ihr Recht behalten solltet, was macht das schon? Geschehen ist geschehen, wir können nichts mehr daran ändern. Nicci hat Richard in ihrer Gewalt, die Imperiale Ordnung steht hier, in der Neuen Welt. Was immer diese Ereignisse hervorgerufen hat, sie sind jetzt Wirklichkeit für uns, eine Wirklichkeit, mit der wir uns befassen müssen.«

Kahlan taxierte seine funkelnden blauen Augen. »Bist du durch das Studium der Prophezeiungen darauf gekommen?«

Sein Lächeln weitete sich zu einem Grinsen. »Nein, das hat Richard mir beigebracht. Außerdem hat mir soeben eine ziemlich kluge Frau geraten, mich nicht damit zu befassen, was alles hätte sein können.«

Kahlan spürte, wie der Zorn, trotz aller Entschlossenheit, ihn festzuhalten, ihr entglitt. »Ich bin mir nicht sicher, wie klug sie wirklich ist.«

Warren bedeutete den mit blank gezogenen Schwertern den Hang heraufstürmenden Soldaten durch ein Handzeichen, dass alles in Ordnung sei. Die Männer verringerten ihr Tempo zu schnellem Gehen, schoben ihre Waffen aber noch nicht zurück in die Scheide.

»Nun«, meinte Warren, »jedenfalls war sie klug genug, Jagangs Plan zu durchschauen, und hat während des Angriffs eines seiner mit der Gabe gesegneten Günstlinge ihre Gedanken zusammengehalten und ihn durch eine List glauben gemacht, sie sei auf seine Machenschaften hereingefallen.«

Kahlans Gesicht nahm einen Ausdruck gereizten Unmuts an. »Wie alt bist du, Warren?«

Die Frage schien ihn zu überraschen. »Ich bin vor kurzem einhundertachtundfünfzig geworden.«

»Das erklärt alles«, murrte Cara, unverwandt den Hang hinunterstarrend. »Hör auf, so jung und unschuldig zu tun, Warren. Das kann einem gewaltig auf die Nerven gehen.«

Als Kahlan, Cara und Warren mitsamt ihrer Eskorte aus Gardisten mehrere Stunden darauf ins Lager zurückkehrten, hatte dieses sich in einen Ort hektischer Betriebsamkeit verwandelt. Karren wurden beladen, Pferde eingespannt und Waffen einsatzbereit gemacht. Obwohl die Zelte noch nicht abgebrochen wurden, scharten sich Soldaten, die letzten Bissen ihres Abendessens hinunterschlingend, in Lederrüstungen und Kettenpanzern um ihre Offiziere und lauschten den Anweisungen für den Augenblick, da der Befehl zum Aussenden einer Streitmacht gegeben werden würde, die dem Feind auf seinem Weg nach Norden den Weg abschneiden und ihn aufhalten sollte. Andere Offiziere standen über ihre Karten gebeugt in Zelten, an denen Kahlan vorüberkam.